Die Kolumnisten

persönlich. parteiisch. provokant.

Pimmel-Kolumne

Der Grat zwischen einem strikten Beschneidungsverbot und Antisemitismus ist ein schmaler, meint Henning Hirsch und erzählt auch noch die Geschichte, wie er seine eigene Vorhaut los wurde

Bild von RoyBuri auf Pixabay

Gehören sie zusammen: das Kopftuch und die Knabenbeschneidung? Die einen sagen ja, die anderen nein, und die Dritten haben gar keine Meinung dazu. Da die beiden Themen jedoch oft miteinander vermengt werden, und ich gestern was zum Kopftuch schrieb, will ich mich heute an der männlichen Vorhaut versuchen. Mal schau’n, was am Ende der Kolumne von ihr übrig bleibt.

Bevor ich gleich schlaue Gedanken zur anatomischen Notwendigkeit des Präputiums (so heißt das Teil im Medizinerlatein) anstelle, will ich mich outen: auch meins ist weg. Passiert im Spätherbst 1981. Ich hatte das Geschehnis vor einigen Jahren in einer Kurzgeschichte zusammengefasst:

Story von der geplatzten Vorhaut

Ehrenfeld (Kölner Bezirk) im Oktober 1981. Auf der silberfarbigen Couch im Wohnzimmer meiner Eltern. Weit nach Mitternacht.
»Ahhh!«
»Was ist los? Bist du schon wieder zu früh gekommen?«
»Nein … das ist es nicht.«
»Was denn?«
»Weiß nicht … komisches Gefühl gerade .. wie ein Messerstich in die Eichel.«
»In meiner Möse? … was hast du eingeworfen?«
»Nix … bloß ein paar Bier und Whiskey-Cola getrunken.«
»Vermutlich die komplette Pulle Jim Bean … du wirst noch plemplem werden von dem vielen Alkohol.«
»Geh runter von mir!« Ich drücke Karoline nach hinten. Sie springt gelenkig auf und schaut mich spöttisch von oben an. »Das war echt eine Scheißnummer. Hätte ich mir vorher denken können.«
»Sei leise und mach das Licht an.«
Das Sofa ist mit Blut besudelt. Mist, denke ich. Die Vorhaut sieht aus, als hätte ich sie in einen Häcksler gesteckt.
»Wow … wie eine explodierte Wurstpelle«, flüstert Karoline und will die Wunde betasten.
»Finger weg!«, zische ich.
»Gib jetzt nur nicht mir die Schuld.«
»Wem sonst?«
»Und jetzt?«
»Bring mich ins Krankenhaus.«
»Nimm ein Handtuch mit. Sonst saust du das Auto auch noch ein.« Einen kurzen Augenblick lang glaube ich, in ihrer Stimme einen Hauch Empathie zu hören.
»Tut’s dir leid, dass du meinen Schwanz geschreddert hast?«
»Nein.«

Im Auto:

»Wohin?«
»In die Uniklinik.«
»Für das Muttersöhnchen natürlich nur die beste Adresse«, ätzt sie. »Die geplatzte Salami kannst du dir von jedem Metzger nähen lassen.«

Wir stoppen auf dem riesigen Parkplatz, der neben einem Hochhaus liegt, das um diese späte Uhrzeit hell erleuchtet ist. Die Uniklinik schläft nie.

»Wohin wollen Sie?«, erkundigt sich die Dame am Empfang.
»Notaufnahme«, antworte ich.
»Du meine Güte … hast doch keinen Herzinfarkt erlitten«, kichert Karoline. Ich bereue so langsam, sie mitgenommen zu haben.
»Den langen Korridor entlang und dann auf den Stühlen vor der Glastür Platz nehmen. Kann eine Weile dauern, bis Sie aufgerufen werden. Um vier Uhr morgens sind nicht so viele von unserem Personal im Einsatz.«

Nach zwanzig Minuten, die mir wie eine Ewigkeit erscheinen, kreuzt endlich ein verpennt wirkender Arzt auf und winkt uns schlecht gelaunt in den mit Neon beschienenen Raum hinein. Überall chromblitzende Maschinen und Folterapparate. Ich fühle mich krank.
»Wie kann ich Ihnen helfen?«
Ich räuspere mich, huste verlegen: »Mein bestes Teil scheint ramponiert zu sein.«
»Mein bestes Teil befindet sich unter der Kopfschale, und bei dir ist es der Schwanz.« Karoline prustet los, kann sich kaum halten vor Lachen. Der Mediziner grinst. Ich hasse die beiden.
»Was genau ist passiert?«
»Seine Vorhaut sieht aus wie eine Einkaufstüte, die versehentlich in der Waschmaschine geschleudert wurde.«
»Haben Sie irgendwelche speziellen Sexpraktiken ausprobiert?«
»Nein! Sie saß einfach auf mir und dann spürte ich plötzlich einen stechenden Schmerz.«
»Die Dame verfügt wahrscheinlich über ein schmales Becken und war noch nicht genügend stimuliert.«
»Daran wird es liegen; denn allzu groß ist sein Ding nicht.« Die zwei schauen sich feixend an.
Leck mich, denke ich.

»Ziehen Sie die Hose runter und lassen Sie mich mal nachsehen.«
Stumm gehorche ich seinem Befehl.
Er setzt eine Brille auf und leuchtet mit einer kleinen Taschenlampe auf meine Lendengegend.
»Ein sauberer Riss … allerdings recht lang … leiden Sie an Phimose?«
»Nein«, erwidere ich. »Vielleicht als Kind. Ist lange her. Kann mich nicht so richtig daran erinnern.«

»Ich werde die Vorhaut nun entfernen. Bei der Länge der Wunde bringt Nähen nichts. Würde beim nächsten Gebrauch sofort wieder einreißen.«
»Was? Die komplette Vorhaut weg?«
»Ja, muss sein. Ist ein kleiner Eingriff. Wird jeden Tag einige tausend Mal auf der Welt durchgeführt.«
»Eine andere Möglichkeit gibt es nicht?«
»In Ihrem Fall: nein.«
»Scheiße!«
»Nun hab dich nicht so«, sagt Karoline. »Ist eh hygienischer ohne.«
In Gedanken verfluche ich ihr schmales Becken und meine Geilheit.

»Ich verabreiche Ihnen jetzt eine lokale Betäubung.«
»Okay«, willige ich erschöpft ein.
Der Pferdemetzger öffnet eine Schublade, nestelt eine Spritze und eine Schere heraus. Dann rollt er mit dem Hocker an mich heran und beugt sich über meine Leisten. Mir graust es bei der Vorstellung, dass er binnen einer Zehntelsekunde erst in meine Vorhaut hineinstechen und die dann für immer abtrennen wird. Die Angelegenheit dauert einige Minuten. Ich beiße auf die Zähne, presse die Lippen zusammen.

»So fertig. Sauber geschlossen.« Der Arzt klopft sich selbst auf die Schulter.
»Und nun?«, frage ich.
»Ich gebe Ihnen eine schmerzstillende Salbe mit. Die streichen Sie morgens und abends auf die entzündete Stelle. In fünf Tagen dürfte das Gröbste überstanden sein. Morgen gehen Sie zu Ihrem Hausarzt, damit der den Verband wechselt. In zwei Wochen dürfen Sie sich nochmal bei mir präsentieren.«
»Das war’s dann?«
»Und natürlich kein Geschlechtsverkehr für einen Monat. Die Gefahr, dass die Naht ansonsten aufreißt, ist zu groß.«
»In Ordnung.« Ich will nur noch raus hier.
»Schafft der eh nicht.« Karoline muss mir noch einen Spruch reindrücken. Sie sollte sich besser Gedanken über ihr zu schmales Becken machen.

Schweigend fahren wir zurück nach Ehrenfeld. Und ich muss noch das Blut vom Sofa wegbekommen, bevor meine Eltern gleich aufstehen.

Zirkumzision: ein uralter Brauch

»Das ist ein medizinisch notwendiger Eingriff gewesen. Kann man Null mit der Beschneidung von Säuglingen vergleichen«, sagen Sie? Stimmt –  allerdings bloß zu 50%. Vergleichen kann man das schon. Aber darauf komme ich später zurück. Jetzt starte ich erstmal mit dem seriösen Teil des Textes und schreibe was zur Herkunft des Brauchs:

Die Zirkumzision (von lat. circumcisio) ist die teilweise oder vollständige Entfernung der männlichen Vorhaut und wird zumeist aus religiösen und kulturellen Beweggründen durchgeführt. Die Beschneidung war mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits in der Steinzeit bekannt. Die alten Ägypter praktizierten sie. Das Judentum lernte die Methode vermutlich am Beginn des ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung kennen; das wäre in etwa die Zeit, als sich Salomo mit der Königin von Saba vergnügte. Eventuell aus der Überlegung heraus, weil die Vorhaut die einzige Stelle des männlichen Körpers ist, deren Opferung an Gott keinerlei bleibenden Schaden nach sich zieht. Also die Lightversion der abrahamitischen Altarszene. Das Christentum übernahm den Ritus nicht. Paulus sprach sich explizit dagegen aus:

Denn in Christus Jesus kommt es gerade nicht darauf an, beschnitten oder unbeschnitten zu sein, sondern darauf, den Glauben zu haben, der in der Liebe wirksam ist.
(Gal 5,6 EU)

Der Islam wiederum leitet die Notwendigkeit der Zirkumzision aus den Hadhiten ab:

Der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: Zur Fitra (natürlichen Veranlagung) gehören fünf Dinge: Die Beschneidung (der Männer/Jungen), das Abrasieren der Schamhaare, das Schneiden der (Finger- und Fuß-) Nägel, das Auszupfen (bzw. Rasieren) der Achselhaare und das Kurzschneiden des Schnurrbarts.
Sahih Muslim: Buch 2, Nummer 495, 496

Die WHO schätzt, dass weltweit 25 bis 33% der männlichen Bevölkerung beschnitten sind.

Bei den Juden entfernt man dem Knaben die Vorhaut am achten Tag nach seiner Geburt im Rahmen einer Brit Mila genannten Zeremonie. Die Prozedur wird als essenzieller Bestandteil jüdischer Identität angesehen. Als Eintritt in den Bund mit Gott. Die Muslime beschneiden zumeist später; jedoch ebenfalls im Kindesalter. Die Kulthandlungen heißen: Chitan (arab.), Chätnesorän (Farsi) und Sünnet (türk.). Das Alter der Knaben variiert zwischen „rasch nach der Geburt“, über sieben bis hin zu zehn Jahren. Bei den Jesiden geschieht es im 14. Lebensjahr.

Das war ein Parforceritt durch die globalen Zirkumzisionsgebräuche. Die Kolumne ist bereits an dieser Stelle viel zu lang, und wir sind gerade mal bei der Hälfte des Textes angekommen. Holen Sie sich eine Pulle Bier aus dem Kühlschrank, ich setze mir derweil einen Kaffee auf, bevor wir gleich weitermachen.

Pro- & Contra-Argumente

Anstatt nun Juden und Muslime in Ruhe ihre jahrtausendealten Bräuche praktizieren zu lassen, fordert ein nicht gerade kleiner Teil der deutschen Mehrheitsbevölkerung ein generelles Beschneidungsverbot und weiß sich dabei im Einklang mit einigen Ärzteorganisationen.

Die wichtigsten Contra-Zirkumsisions-Argumente lauten:
(1) medizinisch unnötig
(2) mit Schmerzen verbunden
(3) riskant
(4) irreversibel
(5) Kind kann nicht „Nein“ sagen

Die Befürworter der alten Praxis führen dagegen ins Feld:
(6) schützt vor Geschlechtskrankheiten und einigen anderen Infektionen
(7) lässt sich besser reinigen
(8) uralter Ritus

Die Pro-Argumente (6) und (7) sind mMn wenig stichhaltig und verblassen gegenüber dem Einwand, dass es sich um einen nicht notwendigen, mit Schmerzen verbundenen und ohne Einwilligung des Patienten durchgeführten Eingriff handelt.

Mit unpassenden Analogien à la „dann darf auch kein Kind geimpft werden“ oder „ist auch nicht schlimmer als Ohrlochstechen und Piercings“ lassen sich die Argumente der Gegner nicht entkräften. Die Beschneidung im Knabenalter ist weder medizinisch noch hygienisch geboten.

Rechtfertigen lässt sich die Praxis einzig aus der Religion heraus. Und hier gelangen wir an einen, speziell für uns Deutsche aufgrund unserer unrühmlichen jüngeren Vergangenheit, heiklen Punkt: Wie tolerant verhalten wir uns gegenüber fremd anmutenden Ritualen? Juden und Moslems riskieren durch die Beschneidung die Gesundheit ihrer Söhne sagen Sie? Das sei grob fahrlässig bis hin zu menschenverachtend, kommt noch hinterher? Au weia!

Kennen Sie die Romane Die Jüdin von Toledo und Die hässliche Herzogin. von Lion Feuchtwanger? Nein? Dann unbedingt lesen. Hochinteressant, wie sich die antijüdischen Ressentiments des tiefen Mittelalters in leicht abgewandelter Form in der Moderne wiederholen.

Kein Mann benötigt seine Vorhaut

Um an dieser Stelle mal wieder zur Vorhaut zurückzukommen: Die braucht kein Mensch bzw. Mann. Genauso überflüssig wie Polypen, Mandeln, Blinddarm und Zahnstein; weshalb die Gleichsetzung mit einer Amputation eher bösartig ist. Ob die freigelegte Eichel im Nachgang Hornhaut ansetzt (klar tut sie das), man sexuell schwieriger zu erregen ist (halte ich für ein Gerücht), für den Orgasmus länger benötigt (was ja nicht immer verkehrt ist): das sind irreführende Randaspekte.

Interessant sind in diesem Zusammenhang einzig diese beiden Fragen:
(a) Wie schmerzhaft ist der Eingriff?
(b) Welche Komplikationen sind zu befürchten, und wie häufig kommen die vor?

Aufgrund eigener Erfahrung behaupte ich: die Angelegenheit schmerzt nach dem Abflauen der Betäubung schon. Und zwar einige Tage lang. Jetzt nicht dramatisch; lässt sich aushalten. Aber die Wunde zwickt und brennt.

An Komplikationen sind bekannt:
– Wundinfektionen
– Nachblutungen
– Anschwellen von Körperbereichen und Auftreten von Blutergüssen
– Nahtriss
– mögliche Allergien auf das Anästhesiemittel
– Verletzungen der Eichel oder der Harnröhre während des Eingriffs

Urologen bezeichnen den Eingriff trotzdem als risikoarm und meinen zu den selten auftretenden Schwierigkeiten:

Der Großteil der möglichen Komplikationen ist nicht schwerwiegend und kann gut behandelt werden.

Alle anderen in diesem Zusammenhang vorgebrachten Sorgen sind Mumpitz. Niemand erleidet ein Trauma, weil er mit 14 plötzlich seine Vorhaut vermisst.

2012: der Gesetzgeber wird aktiv

Nachdem im Frühjahr 2012 das Landgericht Köln  in völliger Unkenntnis der Historie die Zirkumzision als Körperverletzung einstufte , brachte der Deutsche Bundestag noch im Dezember desselben Jahres das Gesetz über den Umfang der Personensorge bei einer Beschneidung des männlichen Kindes auf den Weg, in dem u.a. folgendes drinsteht:
▪ die Personensorge der Eltern umfasst grundsätzlich auch das Recht, bei Einhaltung bestimmter Anforderungen in eine nicht medizinisch indizierte Beschneidung ihres nicht einsichts- und urteilsfähigen Sohnes einzuwilligen
▪  In den ersten sechs Monaten nach der Geburt des Sohnes dürfen auch von einer Religionsgesellschaft dazu vorgesehene Personen die Beschneidung vornehmen, wenn sie dafür besonders ausgebildet und für die Durchführung der Beschneidung einer Ärztin oder einem Arzt vergleichbar befähigt sind.
▪ Dies soll nur dann nicht gelten, wenn im  Einzelfall durch die Beschneidung auch unter Berücksichtigung ihres Zwecks  das Kindeswohl gefährdet wird.

Zentraler Punkt ist die Formulierung, dass die Beschneidung „nach den Regeln der ärztlichen Kunst“ vorgenommen werden muss. Das ist das Maß aller Dinge. Deshalb bringe „der Regierungsentwurf die Rechte der Kinder, der Eltern und der Religionsgemeinschaften in den bestmöglichen Ausgleich.
Stephan Thomae (FDP) in der vorangegangenen Debatte des Bundestags

Das ist ein weiser Beschluss. Hätte sich der Gesetzgeber nämlich dem Diktum der strikten Gegner/ Intaktivisten gebeugt, wären dies die Konsequenzen gewesen:
(1) Beschneidungstourismus ins benachbarte Ausland
(2) Deutschland würde in den Augen Israels und der islamischen Welt dramatisch an Attraktivität verlieren

Von daher war es klug, bei der religiös motivierten Zirkumzision die Kirche im Dorf bzw. die Vorhaut weiterhin purzeln zu lassen, solange gewährleistet ist, dass medizinisch geschultes Personal den Eingriff durchführt. Und Beschneidungen, die wir den Juden zugestehen, wollen wir den Muslimen doch nicht vorenthalten? Oder doch? Weil’s sich bei den einen um Folklore und den anderen um ein politisches Statement handelt? Der freigelegte türkisch-arabische Phallus als männliches Pendant zum Kopftuch? Zu weit hergeholt, meinen Sie? Was glauben Sie, was ich an Sachen schon so alles in den sozialen Netzwerken gelesen habe.

Lange Rede, kurzer Sinn: nicht alles, was auf den ersten Blick fahrlässig  erscheint, ist es auch bei genauerer Betrachtung. Und geben wir uns keinen Illusionen hin: Hätte Paulus die Zirkumzision ebenfalls für das neue Christentum gefordert, würden wir diese Praxis heute noch anwenden.

Die strikten Gegner sollten im Hinterkopf behalten, dass der Grat zwischen Beschneidungsverbot und Antisemitismus ein schmaler ist. Nicht wenige rutschen ab in den darunterliegenden braunen Morast. Auch an dieser Stelle empfehle ich nochmal die Lektüre der beiden o.g. Romane Feuchtwangers.

Verlust der Vorhaut schnell verschmerzt

Sie wollen noch wissen, wie die Geschichte damals bei mir weiterging? Die ist schnell erzählt: Nachdem die Betäubung nachließ, kippte ich mir eine halbe Flasche Cognac hinter die Binde und legte mich zwei Stunden ins Bett. Im Anschluss wechselte ich von kneifenden Herrenslips zu Boxershorts, trug drei Tage lang eine Jogginghose und lief o-beinig wie Pierre Littbarski durch Köln. Morgens, mittags und abends ließ ich meinen Schwanz jeweils für fünf Minuten in eine mit Kamillentee gefüllte Tasse hineinbaumeln. Nach einer Woche demonstrierte ich das Ergebnis meinen Kumpels und ein paar Freundinnen (die Zweitgenannten durften berühren, die ersten nicht). Ob ich die Vorhaut seitdem vermisst habe? Nein! Weg ist weg. An deren Einbuße hatte ich mich genauso schnell gewöhnt wie an den Verlust von Polypen, Mandeln und Blinddarm.

PS. Heinrich Schmitz hatte sich im Herbst 2012 mit der juristischen Einordnung des novellierten Beschneidungsgesetzes beschäftigt: Beschneidung – Schnipp-schnapp die Vierte oder: Wie man ein schlechtes Gesetz macht

Die Auswirkungen des Kölner Urteils kommentierten damals auch Nina Scholz und Heiko Heinisch: Das Kölner Beschneidungsurteil

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12 comments
Tina Kastner

Herrlich die Geschichte, informativ der Rest!! Dankeschön!!

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Rerun

„Kein Mann benötigt seine Vorhaut“ ist allenfalls in dem Sinn wahr, dass auch kein Mann seinen linken kleinen Finger benötigt. Es ist schlicht und ergreifend ein Menschenrecht, selber darüber zu befinden, ob und welche Körperteile man für entbehrlich hält. Übrigens weiß man zwischenzeitlich, dass auch der Blinddarm nicht funktionslos und überflüssig ist und man käme nicht im Ansatz auf die Idee, diesen prophylaktisch chirurgisch zu entfernen.

Ansonsten wartet der Artikel nur noch mit zwei Argumenten auf:

Mir ist die Vorhaut egal, kann ich eh nichts mehr dran ändern, dann muss das anderen Männern auch so gehen.

Das schöne Hinterhof-/Ausland-Argument, welches bei weiblichen Genitalien aber mitnichten ein Grund dafür ist, diese Praxis in Deutschland zu verbieten. Arztvorbehalt und explizite Erlaubnis zur Genitalverstümmelung schützen Jungen allerdings leider auch nicht, sie z. B. http://www.nordbayern.de/region/nuernberg/baby-auf-kuchentisch-beschnitten-ermittlungen-gegen-arzt-1.6399360

Da der Autor offenbar merkt, dass all seine Argumente nicht wirklich ziehen, bleibt natürlich nur noch als Ultima Ratio der Antisemitismusvorwurf. Und weil der natürlich auch nicht wirklich zutrifft und man ja im einzelnen begründen müsste, auf wen das warum zutrifft, bleibt es im Vagen, rückt Beschneidungsgegner nur so ein wenig in die Nähe davon, so kann man herrlich Dreck werfen, muss sich aber nicht dafür interessieren, diesen mit Argumenten zu untermauern. Ein schmutziger Beitrag.

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    Henning Hirsch

    Wie Sie Ihren kleinen Antijudaismus für sich selbst bezeichnen, hat mich nicht zu interessieren. Als Externer wollen Sie dieser Religionsgemeinschaft einen von deren wichtigsten Bräuchen untersagen. Der Bundestag war klüger und hat die Zirkumzision unter der Bedingung, dass sie einzig von medizinisch geschultem Personal vorgenommen werden darf, weiterhin genehmigt. Damit können alle Beteiligte gut leben. Ausnahme: Sie. Das ist okay für mich … aber Sie gestehen mir schon das Recht zu, dass ich die Angelegenheit anders beurteile als Sie, ohne dass Sie mich gleich eines „schmutzigen Beitrags“ bezichtigen

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      Rerun

      Auch mit dem von Antisemitismus zu Antijudaismus abgeschwächten Vorwurf, liegen Sie mehr als daneben. Zum einen reduzieren Sie eine ganze Religion und Kultur auf die Beschneidung und zum anderen geht es mir und ging es den meisten anderen, die gegen §1631d BGB waren und sind, nie um Judaismus. Sie stellen da etwas in das Zentrum ihrer Überlegungen, was sich dort nie befunden hat. Völlig frei von Islamophobie oder Antijudaismus alleine mit dem Blick auf Kinder- und Menschenrechte kann man sehr leicht zu dem Schluss kommen, dass die chirurgische Veränderung von Kindergenitalien ohne Indikation ethisch nicht zu rechtfertigen ist. Mich interessiert das Judentum da im Grunde überhaupt nicht, bzw. allenfalls deswegen, weil das der Grund dafür ist, dass wir Jungen hier elementare Grundrechte entzogen haben. Es betrifft ja auch noch nicht mal das Judentum alleine, Muslime sind genauso betroffen und von dem Grundrechtsentzug sind sogar alle Jungen betroffen. Sogar mein eigener Sohn. Denn wir erinnern uns, aus guten Gründen wurde das als Elternrecht bestimmt, denn die Religionsfreiheit trägt einen solchen Eingriff niemals, was auch den Juristen klar war, die §1631d BGB verbrochen haben (hier durchaus wörtlich gemeint) und es erfordert nicht einmal die kleinste religiöse Begründung. Eltern dürfen das. Einfach so. Kraft ihres Willens. Judentum in oder Judentum her, dass ist schlicht inakzeptabel und unethisch.

      Und weil Sie das wissen, denn das bringt Ihr Artikel hier ja selber zum Ausdruck und es ist auch völlig offensichtlich, bleibt Ihnen als Rechtfertigung für Ihre unethische Position halt nur das edle Motiv „Minderheitenschutz“ und da greifen Sie dann natürlich wie viele andere auch zu der großen Keule „Antisemitismus“ oder hier jetzt abgeschwächt, dafür aber konkret auf meine Person gemünzt, „Antijudaismus“. Und ja, das nenne ich schmutzig. An Ihren Fingern klebt Blut.

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Tom

»Kein Mann benötigt seine Vorhaut« — boah, macht mich das sauer!

»Kein Mann benötigt seine Vorhaut« — na, dann wart’ mal paar Jahre ab, bis Deine Eichel ausgetrocknet und verhornt ist wie meine … dann macht der Sex auch keinen Spaß mehr und Du bist permanent unbefriedigt.

»Kein Mann benötigt seine Vorhaut« — ja, nee, is’ klar: Du bist ja eh schon ein alter Knacker wie ich (ich bin 60), und … kein alter Knacker benötigt Sex und Befriedigung, ne? Die ersten Monate und vielleicht auch zwei, drei Jahre geht’s ja noch, aber danach …

Nur dass das bei mir schon als Kind gemacht wurde und ich in meinem ganzen Erwachsenenleben keinen befriedigenden Sext hatte, weil der Penis durch diese Prozedur nach eine Weile desensibilisiert ist.

Also, bevor Du hier so einen Scheiß wie »Kein Mann benötigt seine Vorhaut« erzählst, solltest Du Dich vielleicht mal bei Experten erkundigen. http://www.circumstitions.com wäre ein guter Anfang.

Ach, und weil Du Religion erwähnst, hier ist eine islamische Seite, die sehr gut erklärt, warum Männer (und Frauen, die Männer lieben) ihre Vorhaut sehr wohl brauchen: http://www.quranicpath.com/misconceptions/intact_sex.html

Herzlichen Gruß,Tom

(und verzeih mir bitte den Ton, ich bin echt sauer und habe mich sehr beherrscht, nicht noch heftiger zu antworten. Stehe für Fragen zur Verfügung, falls Du ernsthaft fragen willst, meine Mailadresse hast Du jetzt ja)

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IntactiWiki

Schon lange nicht mehr einen so oberflächlichen, selbstbeweihräuchernden, bagatellisierenden „Beitrag“ wie diesen zum Thema Vorhaut gelesen. Ich gehe davon aus, dass der Autor 1981 längst erwachsen war und mit seinen Genitalien machen konnte, was er wollte. Das hat nichts damit zu tun, wofür die Intaktivisten stehen, die sich für die Rechte von Kindern jeglichen Geschlechts auf intakte Genitalien einsetzen.

Was stimmt nur mit all diesen Menschen nicht, die meinen, gesunden Kindern gesunde Körperteile irreversibel abschneiden zu müssen, um sich selbst besser zu fühlen? Was ist es nur, das eure Empathie und den Verstand an diesem Punkt stolpern lässt?

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    Henning Hirsch

    eigentlich diskutiere ich nicht gerne mit Menschen, die sich hinter einem Pseudonym verstecken. Da ich vorgestern jedoch auf der Seite „IntactiWiki“ war u die dort publizierten Texte gelesen habe, will ich hier eine Ausnahme machen.

    Zum einen wird Kolumne (die ist als Meinungsbeitrag definiert) oft mit wissenschaftlicher Analyse verwechselt. Kann man tun; zeigt dann aber nur, dass man das Wesen einer Kolumne nicht versteht. Denn hier liegt die Würze halt in der Kürze (mein gestriger Text ist eh schon zu lang). Und die Kürze hat dann wieder zur Folge, dass man nicht jede Verästelung des Themas ausleuchtet. Die Haupt-Pro-&-Contra-Argumente wurden ja benannt.

    Zum anderen behaupte ich an keiner Stelle meines Textes, dass ich die Beschneidung jenseits medizinischer Indikation für notwendig erachte. Ich gestehe jedoch Juden u Muslimen zu, dass sie es weiterhin auf deutschem Boden – unter der Voraussetzung, dass medizinisch geschultes Personal den Eingriff durchführt – tun dürfen. Hat was mit Toleranz gegenüber fremden Bräuchen zu tun.

    Und die Vorhaut braucht man(n) wirklich nicht. Ich komme seit 37 Jahren ganz prima ohne zurecht

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      IntactiWiki

      Lieber Henning Hirsch,
      es wäre schön, wenn Sie einmal versuchten, sich in die Lage von Kindern und Säuglingen zu versetzen, um zu verstehen, wie durch Ihre Bagatellisierung und Verallgemeinerung Ihres eigenen Befindens sowie durch die Ausklammerung der Kinder in Ihrer Betrachtungsweise Sie deren Rechte völlig ausklammern und mit Füßen treten.

      Auch Neugeborene, Säuglinge, Kleinkinder, Kinder, Jugendliche haben Rechte, und zwar die gleichen wie wir Erwachsenen.

      Lackmustest für Ihre Argumentation gefällig? „Ich gestehe jedoch zu, dass sie die Beschneidung bei Mädchen auf deutsche Boden […] tun dürfen. Hat was mit Toleranz gegenüber fremden Bräuchen zu tun.“

      Es gibt jede Menge fremder und befremdlicher Bräuche auf der ganzen Welt. Bräuche und Tradition, und wenn sie auch Jahrhunderte oder gar Jahrtausende lang Bestand hatten, bedingen kein Recht. Oder hätten wir das Schlagen von Kindern, das Vergewaltigen und andere seit Jahrtausenden geübte „Bräuche“ etwa auch nicht verbieten dürfen?

      Religion darf Erwachsenen kein Recht geben, anderen Personen gesunde Körperteile vom Körper zu schneiden. Das hat mit Toleranz nichts zu tun. Wie sagte es eine Kampagne 2012 so schön und richtig: „Man tut Kindern nicht weh!“

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Michael de Clerque

Hallo Herr Hirsch,

gerne lese ich seit einiger Zeit Ihre Kolumnen. Oft mit Ihnen einer Meinung, möchte ich Sie hier jedoch anregen, Ihre Sichtweise zu überdenken.
Es ist für Sie ein großes Glück, das Sie mit Ihrer „Unfallbedingten“ Beschneidung sehr gut leben können. Sie kennen beides: ein Sexualleben mit und ohne Vorhaut, konnten und können offensichtlich das eine wie das andere geniessen.
Ich halte es aber für sehr überheblich, daraus Rückschlüsse für alle beschnittenen zu ziehen.
Es ist eben nicht so, das Sie aus Ihrer folgenlosen Beschneidung das Fazit ziehen können: macht doch nix, ist nur ein Stück Haut. Ein paar Minuten Recherche im Internet, und Sie werden auf einige Selbsthilfegruppen und Foren stoßen, in denen sich Männer austauschen, denen es mit Ihrer (Zwangs-)Beschneidung eben nicht gut geht. Männer, die als Säuglinge oder Kinder beschnitten wurden und teilweise seit Jahrzehnten unter für Sie belastenden physischen und psychischen Folgen leiden. Das sind u.a. Probleme wie Erektionstörungen, Taubheitsgefühle, extreme, teilweise schmerzhafte keratinisierung der Eichel und Infektionsanfälligkeit des Penis.
Diese und noch andere sind die Risiken einer Beschneidung die eintreten können und über die ein gewissenhafter Mediziner jeden Beschneidungswilligen aufklären würde.
Es gibt übrigens sowohl unter Juden als auch Moslems immer mehr Stimmen, die sich gegen eine Beschneidung von Kindern wenden. Insofern greift hier auch nicht Ihr Verdacht auf unterschweligen Antisemitismus.
Ich finde es gelinde gesagt skandalös, das man mit dem Verweis auf Religion und Brauchtum das Recht auf freie Entfaltung und körperliche Unversehrtheit einfach beiseite wischt. Das ganze wird dann, wie oben erwähnt, nach dem Motto verharmlost, das es doch bloß um ein Stück Haut gehe.
Aber es geht um mehr, neben den gerade genannten Rechten geht es auch um das Erleben des eigenen, unversehrten Körpers, um das sammeln von sexuellen Erfahrungen, und zwar mit Vorhaut. Und darum, selbst die Entscheidung treffen zu können, ob man sich beschneiden lässt oder nicht.
Für mich ist es schlicht und ergreifend das Selbstbestimmungsrecht jedes Menschen über den eigenen Körper.

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Michael Butscher

Reduzierte sexuelle Erregbarkeit (für den Rest des Lebens!) als „Randaspekt“ zu bezeichnen, ist schon reichlich ignorant.

Neben der direkten Störung des sexuellen Erlebens kann dies auch zur Folge haben, daß der Mann kein Kondom mehr benutzen kann, weil die Erregung durch Beschneidung+Kondom so weit reduziert wird, daß ein Orgasmus unmöglich wird. Das wiederum erhöht die Gefahr der Übertragung von Krankheitenserreger, u.a. HIV.

Viele weitere Argumente, warum eine Beschneidung bei Kindern ohne medizinische Notwendigkeit nicht durchgeführt werden sollte, wurden ja schon in anderen Kommentaren genannt.

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Rainer Reusch

Das schöne an Hirschs Text ist der hier mitschwingende rheinische Humor, besonders bei der Schilderung der Penis-Carambolage. Das Thema an sich ist artifiziell. Hier soll etwas korrigiert werden, was die Natur anders vorgesehen hat. Das geschieht meistens aus kulturell ideologischen Hintergründen und ist, so gesehen, schlicht Quatsch. Weil die menschlichen Eingriffe in die Natur sich meist als Quatsch erweisen. Aber in unseren Leben existiert so viel Quatsch, dass es darauf auch nicht mehr ankommt!
Vielleicht sollte man das mal in Bezug zu weiblichen Beschneidung sehen. Alles Machowahn? Dass die Religionen aber auch immer so sexualisiert sind.

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Astrid Farbenfroh

Mumpitz ?
Glaub ich nicht. Denn es gibt viele Traumatisierte, die eben nicht gefragt wurden und leiden. Unter dem Trauma des Eingriffs und dem Leben ohne Vorhaut. Klar
gibt es Männer, die ( Verdrängung
funktioniert meistens prima) kein Problem haben. Aber ich habe auch schon Männer gehört, die sich ganz und gar nicht
wohlfühlen, ohne.
Für mich ist und bleibt es Verstümmelung.
So nun lese ich weiter.
…..
Das man in medizinische Notfällen eine Circumzision durchführen muss, ist mir klar. Bin ja vom Fach.
Wenn ein Mensch sich selbst verstümmelt
oder diese Entscheidung selbst trifft, Bitteschön.
Dem Menschen Wille ist sein Himmelreich.
Einem Säugling ein Körperteil
abzuschneiden, fällt für mich unter
Körperverletzung.
Zu glauben er würde es nicht benötigen und er würde kein Trauma davontragen, zeigt
eine sehr einseitige Blickweise auf diesen
Vorgang.
Das es ein religiöser Brauchtum ist, macht für mich keinen Unterschied.
Ich finde da sollte ,wie bei der Beschneidung von Frauen, endlich ein Umdenkungsprozess angestoßen werden.
Ich weiß wird versucht, hier und da lese ich über kritische Stimmen