So viele Sterne – Vorschlag zur Verbesserung des Feuilletons

Sören Heim hat vom Meckern genug und macht einen pragmatischen Vorschlag um die notorische Urteilsmüdigkeit der professionellen Kunstkritik zu beheben:

Van Gogh - Sternennacht gemeinfrei

Ich habe meine Schwierigkeiten mit dem Rezensieren auf Amazon, Goodreads und ähnlichen Portalen. Dabei bin ich bekanntlich überhaupt nicht dagegen, durch zahlengestütztes Abwägen den Zwang zur guten inhaltlichen Begründung von Literaturkritik zu verschärfen. Mit dem herkömmlichen Fünf-Sterne-System kommt man allerdings selbst bei der groben Einordnung von Büchern (Filmen und anderen Kulturprodukten ebenso) nicht weit.

Das Potter-Ulysses-Problem

Beispiel: ich bewerte einen recht typischen Genretext, vielleicht den ersten Harry Potter, mit drei Sternen. Also Mittelmaß: Das Lesen kann schon Spaß machen, zu viel darüber nachdenken sollte man aber vielleicht nicht, sonst stechen die Schwächen deutlich ins Auge. Wirklich schlecht ist das Ganze aber auch nicht. Nun gibt es unbestritten deutlich bessere Fantasy als Harry Potter. Zum Beispiel Der Magier der Erdsee von Ursula Le Guin. Eigentlich sollte „deutlich besser“ doch heißen, man könnte locker zwei Sterne mehr vergeben. Aber o.k., fünf wäre die Höchstnote… dann eben nur einen. Denn allein eine gute Hand voll der von mir für Die Kolumnisten besprochenen Fantasyromane ist noch besser.

Damit gehen die Probleme aber erst los. Fünf Sterne also für Lud-in-the-Mist oder die New-Sun-Tetralogie? Gemacht. Vom Referenzrahmen Harry Potter ausgehend ist das absolut in Ordnung. Und schon stehe ich vor dem Problem, dass ich entgegen meiner Überzeugung The Book of the New Sun besser bewertet habe als Hundert Jahre Einsamkeit. Warum? Ganz einfach: Llosas Gespräch in der „Kathedrale“ ist einer der größten Romane aller Zeiten. Fünf Sterne. Etwas schwächer ist Das Grüne Haus, ich gebe dennoch gerade so noch fünf Sterne. Hundert Jahre Einsamkeit kommt da nicht ran. Zu wenig wird der eigene erzählerische Anspruch durchgehalten, zu oft verfällt der Text dann doch ins reine Was-passiert-als-nächstes des habituellen Chronisten. Also vier Sterne. Sich von hier aus nun durch einige Meisterwerke der Weltliteratur herabarbeitend, wird es schnell absurd. Klar, Ulysses enthält wundervolle Passagen, bleibt aber doch auch selbst bei freundlichster Betrachtung ein wildes Konvolut aus notwendigen Passagen und solchen die dem reinem Spieltrieb des Autors gehorchen. Das müsste man also ein wenig unterhalb des klug durchkomponierten Marquez ansiedeln. Also auf gleicher Ebene wie Harry Potter? Doch sicher nicht!

Die Zwei-Skalen-Lösung

Es braucht ein besseres System. Mit zehn Sternen hätte man etwas mehr Spielraum, stünde aber schnell vor den gleichen Problemen. Mein Vorschlag: Getrennte Vergabe von Punkten für Anspruch und für Ausführung. Musils Mann ohne Eigenschaften etwa: Anspruch 5, Ausführung 1. Harry Potter I: Anspruch 2, Ausführung 4. Dann könnte sich jeder selbst überlegen, ob die nach allen Regeln des Genres erzählte einfache Krimigeschichte (1/5) oder der komplexe weltumspannende Roman, dessen innere Zusammenhänge nach 1500 Seiten noch immer nicht wirklich klar werden (5/2) den eigenen Interessen eher entspricht. Gekoppelt mit einer guten Begründung wäre sowas dem heutigen Gefühlsfeuilleton definitiv weit überlegen.

Ich werde in Zukunft hier häufiger aktuelle Titel besprechen und dafür dieses System erproben. Vielleicht folgen ja weitere Kolumnisten diesem Beispiel.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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