Akrobat – schööön!

Er boxt, macht Yoga auf dem Schreibtisch und nebenbei noch ein bisschen Politik. Die Rede ist nicht von Stefan Raab, sondern von Kanadas Premierminister Justin Trudeau. Laut ,Daily Mirror‘ der ,sexieste Politiker der Welt‘.

Nicht nur bei ,Schlag den Raab' wird geboxt, Justin Trudeau (links) brachte der Sieg gegen den konservativen Politiker Pat Fiacco den medialen Durchbruch. Foto: Wikimedia Commons, Flickr; Autor: Justin Trudeau, c/o: Brian Cobbledick

Wenn westliche Staats- und Regierungschefs zum G7-Gipfel zusammenkamen, dann standen die kanadischen Premierminister bislang eher nicht im Fokus. Das Land ist flächenmäßig zwar das zweitgrößte der Welt. Um Einwohnerzahl und Einfluss ist es indes anders bestellt. So wird Kanada meist nur als der kleine, nette Nachbar der USA wahrgenommen. Und bestimmten 2015 beim Gipfeltreffen im bayerischen Ellmau noch Barack Obama sowie die hiesige Bundeskanzlerin die Schlagzeilen, so hieß der Star in diesem Jahr Justin Trudeau, und der amtiert seit Herbst 2015 als Premierminister in Ottawa.

In seinem Land hat der 44-Jährige einen Hype ausgelöst. Kein kanadischer Regierungschef hatte so hohe Zustimmungsraten. Lediglich sein Vater Pierre Elliott, der zwischen 1968 und 1984 mit Unterbrechungen das Land führte, erreichte ähnliche Höhen. Auch von jenseits des Ahornlandes erklingen die Huldigungen. So nannte US-Präsident Obama Kollegen Trudeau „den beliebtesten Justin aus Kanada“ – also vor Teenie-Popper Bieber. Und der britische „Daily Mirror“ kürte ihn zum „sexiesten Politiker der Welt“.

Beliebter als Justin Bieber

Will man sich dem Phänomen Trudeau nähern, dann gibt es einen rationalen und einen irrationalen Zugang. Der rationale besagt, dass Kanadier ganz anders sein wollen, als der manchmal recht präpotente Nachbar im Süden: nämlich freundlich, entspannt und beliebt. Und daran haperte es zuletzt – fast im wörtlichen Sinne. Denn zwischen 2006 und 2015 führte mit Stephen Harper das absolute Gegenbild zu Trudeau die Regierungsgeschäfte. Der Konservative betrieb eine Wirtschaftspolitik, die auch Maggie Thatcher gefallen hätte. Bei den Anti-Terrorkriegen gab er den treuen Verbündeten der US-Präsidenten Bush und Obama, und als es in Ottawas Regierungsviertel zu einem Terroranschlag kam, zog seine Regierung alle Register, um die Sicherheitsgesetze zu verschärfen.

Als man in Harpers Regierung darüber nachdachte, Attentätern mit Migrationshintergrund die Staatsbürgerschaft zu entziehen, war das vielen Kanadiern zu viel. „A Canadian is a Canadian is a Canadian“, bekannte Trudeau und traf damit offenbar einen Nerv. Obwohl Harper bei Wirtschaftswachstum und Beschäftigung eine blitzsaubere Bilanz hatte, fegte ihn der jungenhafte Beau aus dem Amt.

Mix aus Guttenberg und ,Schlag den Raab‘

Doch allein mit liberalen Positionen bei Migrations- und Sicherheitspolitik wäre es kaum zum Regierungswechsel gekommen. Entscheidend war der Feel-Good-Faktor. Trudeau hatte niemals ein Spitzenamt inne. Er führte weder die Regierung eines Bundesstaates, noch war er Minister eines Bundeskabinetts. Er war lediglich Abgeordneter – und das gar nicht mal so lange. Das politischste an Trudeau dürfte seine Herkunft gewesen sein. Auf deutsche Verhältnisse bezogen kann man ihn sich am ehesten als eine Mischung aus Karl-Theodor zu Guttenberg (ohne Doktorarbeit) und Stefan Raab vorstellen, denn seine Stärken entfaltete der Aufsteiger vor allem darin, was man hierzulande Showbusiness nennt.

So galt Trudeau auch innerhalb seiner liberalen Partei als smartes Leichtgewicht mit großem Namen, das bei Traditionsliberalen, die sich gerne an die Zeiten seines populären Vaters erinnern, Stimmen zieht, das man aber mangels Führungsqualitäten eigentlich nie an die Parteispitze stellen wollte. Nachdem die Liberalen bei der vorherigen Wahl aber eine ganz herbe Klatsche einfuhren – und hinter den Konservativen und einer linken Neugründung nur auf Platz drei landeten, bekam Trudeau seine Chance.

Boxkampf brachte Durchbruch

Sein wahrer Durchbruch war aber ein Boxkampf gegen einen konservativen Politkollegen, dem vom Phänotyp her wohl jeder den Sieg zugetraut hätte. Die Sensation war groß, als Trudeau gewann und mit blankem Oberkörper einen Siegestanz hinlegte, das Oberarm-Tattoo immer im Blick der Kameras. Fortan setzte Trudeau auf die SchlagdenRaabisierung seiner Politik: Sporteinlagen, Selfies, coole Sprüche. Beim Wok-Rodeln, Stockcar-Rennen oder Auto-Fußball wurde er zwar noch nicht gesichtet. Dafür formuliert in Nordamerika niemand so Twitter kompatibel wie der fesche Justin, nicht einmal Obama oder Trump. Ganz Kanada staunte, als der frühere Skilehrer ein Foto von sich beim Yoga in den sozialen Netzwerken postete: die Hände auf dem Schreitisch, Beine und Körper in der Luft. Akrobat, schööön!

Einmal im Amt angekommen hat Trudeau die Feel-Good-Elemente noch ausgebaut. Zwar findet das ernte Fach durchaus statt. Der Premier kündigte Steuererhöhungen für Besserverdienende und mehr Ausgaben für die Infrastruktur an. Außerdem erließ er ein Öltankerverbot für Teile der kanadischen Pazifikküste und bekannte sich zu dem von seinem Vorgänger verachteten Klimaschutzvertrag von Paris.

Erfolg mit weichen Themen

Punkten kann Trudeau aber gerade mit Themen, die ein früherer Bundeskanzler wohl unter „Gedöns“ subsumiert hätte: Etwa mit der geplanten Legalisierung von Marihuana, Genderthemen und dem Einsatz für Sterbehilfe. In Kanada kann so ein Kurs eine ganze Weile funktionieren. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass weiche Themen – zumindest in den liberalen Großstädten – durchaus in die Landschaft passen, ähnlich wie der vierschrötige Stil eines Gerhard Schröder zu niedersächsischen Schützenfesten oder westfälischen Gewerkschaftsabenden.

1994 und 1995 verbrachte ich mehrere Wochen zum Französisch lernen in Montreal (irgendwie fand ich das ferne Kanada damals viel cooler als unser nahes Nachbarland, zudem machte ein historisch niedriger Kurs des kanadischen Dollars die Studienaufenthalte zu recht erschwinglichen Vergnügen). Der Lehrkörper der Sprachschule entsprach in etwa dem Bild, das die Werbung von „United Colours of Benetton“ ihren Kunden vermitteln wollte. An hessischen Gesamtschulen sah das, zumindest damals, anders aus. Selbst in unmittelbarer Nähe des Instituts gab es Restaurants mit italienischer, asiatischer, südamerikanischer, afrikanischer oder arabischer Küche. Und im historischen Hafenviertel saßen die United Colours of Montreal beim Molson-Bier zusammen und genossen die auch in Kanada sehr warme Sommersonne.

Ein Land ohne Sorgen

Vor allem die Abendnachrichten vermittelten den Eindruck von einem Land, das eigentlich keine Sorgen kennt. Es war die Zeit, als hierzulande nach der Vollendung der staatlichen Einheit angefangen wurde, über die innere Einheit zu sprechen. Kosten und steigende Arbeitslosenzahlen dominierten die Berichterstattung. Zudem tobte nur eine Flugstunde von Frankfurt, im ehemaligen Jugoslawien, ein schmutziger Sezessionskrieg. Und über was berichteten die kanadischen News? Verkehrsunfälle auf dem Highway, Schuleinweihungen in der Provinz sowie die obligatorischen Eishockey- oder Baseball-Ergebnisse.

Heute steht Kanada im Vergleich zu Europa noch besser da. Es verfügt über eigene Rohstoffreserven sowie eine relativ junge Bevölkerung. Es hat ein bemerkenswertes Einwanderungsgesetz, in dem Nützlichkeitsüberlegungen eine durchaus gewichtige Rolle spielen. Seine einzige Landgrenze hat Kanada mit den USA; aktuelle Weltkrisen und Bedrohungen spielen sich weit weg von Toronto, Montreal und Vancouver ab. In einem solchen Vorhof zum Paradies könnte auch Justin Trudeau die Chance haben, sich länger an der Spitze zu halten.

Flitterwochen dauern nicht ewig

Allerdings gelten die Gesetze der Schwerkraft auch in begünstigten Weltregionen. Und keine politischen Flitterwochen dauern ewig. Irgendwann schleift sich der Regierungsalltag ein und die ersten Skandale stehen ins Haus. Zudem ist Kanadas Wirtschaft zum Teil von Rohstoffpreisen abhängig – und die sind gerade im Keller. Deshalb kann Trudeau trotz Steuererhöhungen nicht alle seine Investitionsvorhaben ohne neue Schulden finanzieren. Bleibt das so, drohen entweder weitere Steuererhöhungen oder höhere Zinszahlungen fressen Teile des Budgets auf. Schrumpft irgendwann die Wirtschaft und steigt die Arbeitslosigkeit, könnten Trudeaus Anhänger in den urbanen Milieus Ausschau nach einer politischen Alternative halten. Bei allem Feel Good, der Strahlemann täte gut daran, sich an den Satz eines anderen liberalen nordamerikanischen Politikers, Bill Clinton, zu erinnern: It`s the economy, stupid!

 

 

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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