Vor zwei Wochen veröffentlichte ich die Kolumne Wenn die Flasche das Drehbuch schreibt. Unter den Kommentaren fand sich dieser Hinweis eines Lesers:
Die Verfilmung von Joseph Roths Die Legende vom heiligen Trinker mit Rutger Hauer ist ebenfalls sehr gelungen – leider viel zu unbekannt.
Da fiel es mir wieder ein: Vor vielen Jahren hielt ich die Novelle schon mal in den Händen. Ich hatte sie damals aus dem Bücherregal einer Suchtklinik gezogen und im Raucherzimmer bei flackerndem Neonlicht mit zittrigen Fingern überflogen. An die Handlung erinnerte ich mich nur noch schemenhaft. Das mag einerseits an den fast zwanzig Jahren liegen, die seither vergangen sind. Andererseits verschwimmt vieles, was ich in jener Zeit unter Alkohol oder im Entzug erlebt, gelesen oder gedacht habe, hinter einer Nebelwand, die ich gar nicht immer lichten möchte.
Also bestellte ich das schmale Büchlein kurzerhand bei Amazon. (Ich weiß: Eigentlich sollte man stattdessen den örtlichen Buchhandel unterstützen. Bei knapp 40 Grad siegte allerdings die Bequemlichkeit.). Diesmal war ich an 1 Abend mit der Geschichte durch. Ohne Alkohol oder Benzodiazepine im Blut geht das eben deutlich schneller – und außerdem erzählt Roth mit einer sprachlichen Eleganz und Leichtigkeit, die einen förmlich durch die Seiten trägt.
Hier meine Rezension:
Leben zwischen Monarchie und Exil
Joseph Roth (1894–1939) wurde im galizischen Brody geboren, das damals zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte und heute in der Ukraine liegt. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete er als Journalist und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller seiner Zeit. Werke wie Hiob und Radetzkymarsch machten ihn weit über die Grenzen Österreichs und Deutschlands hinaus bekannt.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ging Roth ins Exil. Die Heimatlosigkeit, die er dabei erlebte, prägte sein späteres Werk ebenso wie seine zunehmende Alkoholabhängigkeit. Er starb 1939 in Paris, wenige Monate vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die Legende vom heiligen Trinker (posthum veröffentlicht) gilt als sein literarisches Vermächtnis.
Ein Obdachloser mit einer ungewöhnlichen Schuld
Er war ein Trinker, geradezu ein Säufer. Er hieß Andreas. Und er lebte von Zufällen.
Die Handlung ist schnell erzählt. Der obdachlose Andreas Kartak lebt unter den Brücken von Paris und erhält eines Tages von einem Fremden zweihundert Francs. Das Geld soll er zurückzahlen – nicht dem Wohltäter selbst, sondern der heiligen Therese von Lisieux.
Andreas nimmt sich fest vor, diese Verpflichtung zu erfüllen. Doch immer wieder kommt ihm das Leben dazwischen. Unerwartete Begegnungen, glückliche Zufälle, alte Bekanntschaften und nicht zuletzt der Alkohol sorgen dafür, dass das Geld nie dort ankommt, wo es eigentlich hingehört.
Aus dieser scheinbar einfachen Prämisse entwickelt Roth eine Erzählung von erstaunlicher Tiefe.
Die Kunst der leisen Töne
Wer moderne Spannungsbögen, spektakuläre Wendungen oder psychologische Sezierungen erwartet, wird möglicherweise überrascht sein. Roth erzählt ruhig, beinahe beiläufig. Darin liegt die Stärke der Novelle.
Seine Sprache ist klar, elegant und von einer bemerkenswerten Leichtigkeit. Kein Satz wirkt überladen, kein Wort zu viel. Die Geschichte liest sich wie eine Legende oder ein Märchen, bleibt dabei aber stets fest in der Realität verankert.
Besonders beeindruckend ist die Wärme, mit der Roth die Hauptfigur betrachtet. Andreas ist kein Held. Er ist schwach, unzuverlässig und häufig sein eigener schlimmster Gegner. Dennoch begegnet ihm der Erzähler mit Respekt und Mitgefühl.
Ein Buch über das Scheitern – und die Gnade
Im Kern erzählt die Novelle von einer Erfahrung, die vermutlich jeder Mensch kennt: das Scheitern an den eigenen guten Vorsätzen.
Andreas möchte das Richtige tun. Immer wieder. Und immer wieder gelingt es ihm nicht. Doch anstatt ihn dafür zu verurteilen, interessiert sich Roth für etwas anderes: Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn er seinen Ansprüchen nicht gerecht wird?
Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!
Die Antwort ist bemerkenswert versöhnlich. Die Würde des Menschen hängt nicht davon ab, ob er perfekt handelt. Sie zeigt sich vielmehr im fortwährenden Bemühen, trotz aller Schwächen das Richtige zu wollen.
Zwischen Realität und Wunder
Die Novelle bewegt sich ständig auf der Grenze zwischen Wirklichkeit und Märchen. Andreas begegnet einer Reihe von Zufällen, die fast zu schön erscheinen, um wahr zu sein. Immer wieder erhält er neue Chancen, neues Geld und neue Möglichkeiten.
Ob man darin göttliche Fügung, Schicksal oder einfach literarische Poesie erkennen möchte, bleibt dem Leser überlassen. Roth verzichtet bewusst auf eindeutige Antworten. Das verleiht dem Text seinen schwebenden Charakter.
Ein stilles Meisterwerk
Die Legende vom heiligen Trinker umfasst kaum mehr als hundert Seiten und entfaltet dennoch eine Wirkung, an der viele umfangreiche Romane scheitern. Das Buch ist melancholisch, humorvoll, traurig und tröstlich zugleich.
Wer Joseph Roth kennenlernen möchte, findet hier einen idealen Einstieg. Wer ihn bereits schätzt, begegnet noch einmal all den Qualitäten, die ihn zu einem der großen Erzähler des 20. Jahrhunderts gemacht haben: sprachliche Eleganz, Menschenkenntnis und eine tiefe, niemals sentimentale Humanität.
Mehr als eine Trinkergeschichte
Mit Die Legende vom heiligen Trinker gelang Joseph Roth kurz vor seinem Tod ein literarischer Abschiedsgruß von großer Schönheit. Die Novelle erinnert daran, dass Menschen fehlbar sind, dass sie scheitern dürfen – und dass gerade darin etwas zutiefst Menschliches und Würdevolles liegt.
Das Wesentliche ist die Menschlichkeit.
(c) Joseph Roth in einem Begleitbrief zur Erzählung
PS. Den vom Kommentator empfohlenen Film mit Rutger Hauer werde ich mir selbstverständlich ansehen.
STECKBRIEF
Titel: Die Legende vom heiligen Trinker
Autor: Joseph Roth
Erscheinungsjahr: 1939 (posthum)
Genre: Novelle
Umfang: je nach Ausgabe ca. 80-100 Seiten
Schauplatz: Paris
Hauptfigur: Andreas Kartak, ein obdachloser polnischer Wanderarbeiter
Bekanntester Satz:
„Gott gebe uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!“
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Don Quixote ist, wie viele Genreromane heute, Literatur, die zugleich Literaturkritik sein will. Dabei macht der Roman so vieles besser als seine geistigen Nachfolger, dass es nicht nur beeindruckt: Die meisten Nachfolger wirken zudem wie Texte, die in völliger Unkenntnis des Quixote verfasst wurden. (Sören Heim, 20. Dez. 2020).
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