Quo vadis, Venezuela?

Wie man aus dem ölreichsten Land der Welt ein Armenhaus macht

Venezuela ist eine Tragödie – und zwar keine unvermeidliche. Es ist die Geschichte eines Landes, das alle Voraussetzungen für Wohlstand besaß und sie systematisch verspielt hat: durch Ideologie, durch Misswirtschaft, durch Selbstbereicherung und durch die absurde Entscheidung, die eigene Souveränität im Austausch für die Absicherung des Regimes an Kuba zu verschachern, einen karibischen Inselstaat, der selbst seit Jahrzehnten im wirtschaftlichen Stillstand verharrt. Die Hoffnung auf einen Neuanfang ist berechtigt. Aber sie sollte nüchtern sein.

Stellen Sie sich vor, Sie werden am Morgen des 3. Januars in Santiago de Chile morgens vom Hupen eines Autokorsos geweckt, was denken Sie da? Haben Sie vielleicht wie die Sagengestalt Rip van Winkle 20 Jahre lange geschlafen, und die (aktuell sehr schlechte) chilenische Fußballnationalmannschaft ist 2046 plötzlich Fußballweltmeister geworden? Oder hat Chile irgendeinen Krieg gegen den Nachbarn Bolivien gewonnen, der Chile immer wieder mit Revanche droht, seit die Bolivianer 1884 (!) im Salpeterkrieg ihren Zugang zum Meer verloren hatten? Ein Check meiner Whatsapp-Nachrichten aus Deutschland belehrte mich, dass ich mich immer noch im Jahr 2026 befand und US-amerikanische Spezialkräfte gerade den Machthaber von Venezuela, Nicolas Maduro, in ihr Gewahrsam gebracht hatten. Und für die schätzungsweise 670.000 Venezolaner in Chile, von denen das Gros vor dem Maduro-Regime geflohen ist, war Festsetzung des Diktators offenbar eine so erfreuliche Nachricht, dass sich die Menschen mit venezolanischen Fahnen in ihre Autos setzten, um am Samstagmorgen lärmend durch die noch leeren Straßen der chilenischen Hauptstadt zu fahren. Bei den Verfassern deutscher WhatsApp-Nachrichten war die Stimmung anders. Da ging es weniger um die Lage in Venezuela als ums Völkerrecht. Und dabei habe ich eine bekannte deutsche Politikerin, die sowohl vom Völkerrecht als auch von der London School of Economics kommt, nicht einmal auf meiner Buddy-Liste.

Um die emotionalen Ausbrüche der Menschen zu verstehen, die in den letzten dreißig Jahren von Venezuela nach Chile geflohen sind, muss man verstehen, wie katastrophal die Entwicklung Venezuelas unter Maduro und seinem Vorgänger Hugo Chávez war. Das Land verwandelte sich von einem reichen Ölstaat in ein Armenhaus und von einer leidlich funktionierenden Demokratie in eine Autokratie, die de facto unter der Kuratel Kubas stand. Als Chávez im Jahr 1999 die Macht übernahm, war Venezuela ein Land mit Problemen – Korruption, Ungleichheit, eine von Ölpreisen abhängige Wirtschaft. Was der Volkstribun daraus machte, war freilich kein Rezept zur Heilung, sondern eine Kur, die den Patienten erst recht krank werden ließ. Unternehmen wurden verstaatlicht, zunächst die großen Ölkonzerne, dann Supermärkte, Farmen, Zementwerke, Stahlhütten. Jedes Mal gab es Applaus von der Menge, jedes Mal folgte danach der wirtschaftliche Niedergang der betreffenden Branche.

Der staatliche Ölkonzern PDVSA, einst eine der effizientesten Fördergesellschaften der Welt, wurde zur Beschäftigungsmaßnahme umgebaut. Qualifizierte Ingenieure, die 2002 streikten, wurden massenweise entlassen und durch linientreue Parteigänger ersetzt. Die Fördermengen sanken dramatisch – von rund 3,3 Millionen Barrel pro Tag in den späten 1990ern auf zuletzt unter 700.000. Man könnte sagen: Das ist eine bemerkenswerte Leistung. Einen Ölbrunnen zum Versiegen zu bringen, ohne dass das Öl ausgeht, verlangt echtes Talent.

Der karibische Solidaritätstourismus

Chávez war ein großzügiger Mann. Besonders wenn es um das Geld anderer Leute ging. Im Rahmen des Programms Petrocaribe lieferte Venezuela Öl an karibische und mittelamerikanische Länder zu Vorzugskonditionen – Zahlungsaufschübe von bis zu 25 Jahren inklusive. Kuba erhielt zeitweise täglich bis zu 100.000 Barrel, was umgerechnet einem jährlichen Subventionsvolumen von mehreren Milliarden Dollar entsprach. Im Gegenzug schickte Havanna Ärzte, Lehrer und – weniger gerne erwähnt – Militärberater, Personenschützer für Venezuelas Machtelite sowie Geheimdienstberater nach Caracas. Ein nicht gerade fairer Tausch, möchte man meinen: Venezuela gab Öl, Kuba gab Spitzel. Aber Chávez wie auch Maduro misstrauten ihren eigenen Landsleuten. Ihr Motto lautete: Vertrauen in die Venezolaner ist gut, aber Kontrolle durch ideologisch gefestigte Kubaner ist besser. Dass das Regime der Gebrüder Castro in Havanna das bessere Ende des Deals für sich hatte, ist rückblickend keine Frage mehr. Auch die damals ebenfalls von Linksaußen regierten Staaten Bolivien und Argentinien profitierten von der venezolanischen Freigiebigkeit, sei es durch vergünstigte Energielieferungen oder durch direkte finanzielle Transfers, die in ihrer Höhe und Intransparenz selbst wohlwollende Beobachter in Erstaunen versetzten. Während venezolanische Krankenhäuser an Medikamentenmangel litten, floss das Geld des Volkes in die ideologische Vernetzung eines Kontinents.

Kubas langer Arm in Caracas

Es ist eine der ungewöhnlichsten Beziehungen der jüngeren Weltgeschichte: eine bankrotte Karibikinsel, die de facto die Sicherheitsarchitektur eines ölreichen Kontinentalstaates kontrolliert. Kubanische Berater durchdrangen unter Chávez und noch stärker unter Nicolás Maduro Militär, Geheimdienst und Regierungsapparat Venezuelas. Der venezolanische Geheimdienst SEBIN soll nach kubanischem Vorbild aufgebaut und zumindest teilweise von Havanna aus mitgesteuert worden sein. Man muss sich das einmal vorstellen: Ein Land mit 30 Millionen Einwohnern und gigantischen Ressourcen ließ zu, dass ein Regime mit einer schrumpfenden Wirtschaft und einer Flotte veralteter Sowjetbusse seine inneren Angelegenheiten mitbestimmt. Fidel Castro war in seinen letzten Jahren so etwas wie Chávez‘ geistiger Ziehvater – und die entsprechende Einmischung Havannas in venezolanische Institutionen war der Preis, den Caracas dafür zahlte. Ein Preis, der bis zum 3. Januar beglichen wurde.

Sieben Millionen auf der Flucht

Zahlen sprechen manchmal eine deutlichere Sprache als alle Rhetorik. Seit dem Beginn der chavistischen Herrschaft haben mehr als sieben Millionen Venezolaner ihr Land verlassen – das entspricht etwa einem Viertel der Gesamtbevölkerung. Diese Massenmigration gehört zu den größten humanitären Krisen der westlichen Hemisphäre überhaupt, vergleichbar in ihrer Dimension nur mit Flüchtlingsbewegungen aus aktiven Kriegsgebieten.

Kolumbien, Peru, Ecuador, Chile, Brasilien – alle Nachbarstaaten haben Hunderttausende venezolanischer Migranten aufgenommen, oft unter schwierigsten Bedingungen. Es sind Ärzte, Ingenieure, Lehrer, Handwerker – genau jene Menschen also, die Venezuela für einen Wiederaufbau dringend brauchen würde. Stattdessen gingen sie. Denn wer konnte, verließ das Land, in dem Grundnahrungsmittel rationiert wurden, die Inflation zeitweise im sechsstelligen Prozentbereich lag, Stromausfälle zur Normalität gehörten und Menschen, die sich dem Regime gegenüber kritisch äußerten, oft von Maduros Schlägertrupps, den Colectivos, verprügelt wurden. Hinzu kommt, dass die Vorwürfe der US-Regierung, Venezuela sei zu einem Umschlagplatz des internationalen Drogenhandels geworden, wohl nicht völlig aus der Luft gegriffen sind. Und da in dem Karibik-Staat kaum etwas ohne das Wissen beziehungsweise das Einverständnis des Regimes oder seiner Geheimdienste geschehen konnte, dürften auch die Anschuldigungen, Personen aus Regierungskreisen hätten von den Drogenaktivitäten profitiert, ebenfalls nicht erfunden sein.

Nach Maduro: Zwischen Hoffnung und Chaos

Mit der spektakulären Einvernahme von Nicolás Maduro durch Vereinigten Staaten, wo er sich wegen Drogenhandels und Terrorismusvorwürfen vor Gericht verantworten muss, ist ein neues Kapitel aufgeschlagen worden. Doch wer hofft, dass damit automatisch Demokratie und Wohlstand nach Venezuela zurückkehren, sollte sich die Geschichte des Landes nochmals vergegenwärtigen. Institutionen, die jahrzehntelang systematisch zerstört wurden, bauen sich nicht über Nacht wieder auf.

Obwohl die USA sich lange Zeit – zumindest rhetorisch – an die Seite der im Untergrund lebenden venezolanischen Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin Maria Corina Machado gestellt hatten, liegt die Macht liegt nun formell bei Maduros Vizepräsidentin Delcy Rodríguez. Sie ist eine chavistische Schlüsselfigur, die seit Jahren zum inneren Zirkel des Regimes gehörte und die in der Europäischen Union bis vor kurzem noch mit Einreiseverboten belegt war. Es verwundert schon, dass Washington offenbar bereit ist, Rodríguez als Gesprächspartnerin zu akzeptieren. Man kann dies nur damit erklären, dass die Trump-Regierung Angst vor einem Regime Change hat, der in Venezuela ein ähnliches Chaos auslösen könnte, wie dies nach dem Sturz von Saddam Hussein im Irak 2003 geschehen ist.

Die Furcht ist nicht unbegründet. So sind die von Kubanern durchsetzten Sicherheitskräfte ideologisch nach wie vor voll auf Chavismus gepolt, außerdem kontrolliert der Regime-Hardliner Diosdado Cabello als Innenminister noch immer die Geheimdienste und die Straßenschläger der Colectivos. Andererseits war Venezuela anders als der Irak schon mal eine funktionierende Demokratie – und es gibt im Untergrund Oppositionsparteien mit zum Teil langer Tradition. Der Pragmatismus der US-Außenpolitik ist daher bemerkenswert: Wer gestern noch als Handlanger einer Diktatur galt, kann morgen schon Partnerin für einen geordneten Übergang sein – vorausgesetzt, der Ölhahn wird wieder geöffnet – und die Bindungen zum bisherigen Vormund Venezuelas, Kuba, werden gelockert. Mir indes fällt es immer schwerer, denjenigen zu widersprechen, die davor waren, dass die USA mit so viel Flexibilität bei der Wahl ihrer Verbündeten ihre traditionelle Softpower verspielen könnten. Und das, obwohl ich das transatlantische Glaubensbekenntnis selbst bei einem spontanen Weckruf morgens um vier, ohne zu überlegen aufsagen kann.

Die realistische Prognose für Venezuela ist weder düster noch euphorisch, sondern: offen. Eine Übergangsregierung unter Rodríguez oder unter wem auch immer wird vor gigantischen Herausforderungen stehen: eine Infrastruktur, die in Trümmer liegt; eine Ölbranche, die Jahrzehnte an Investitionen braucht; eine Diaspora von Millionen, die nur unter bestimmten Bedingungen zurückkehren wird; und ein Sicherheitsapparat, der tief in kriminelle Netzwerke verstrickt ist. Maduro ist weg. Das Maduro-Netzwerk besteht noch.

 

 

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