Klarnamenpflicht?

Merz‘ feuchter Traum vom braven Internet

Klarnamenpflicht im Internet. Warum Friedrich Merz‘ Idee nicht sinnvoll ist. Eine Kolumne von Heinrich Schmitz.

Bild von Gerd Altmann pixabay

Friedrich Merz will eine Klarnamenpflicht im Internet. Und man merkt sofort: Da spricht ein Mann, der Kommentarspalten vermutlich für eine Art digitalen Stammtisch hält, wo man nur mal eben das Licht anmachen muss – und zack, benehmen sich alle.

So wie früher, als es noch Anstand gab, Helmut Kohl Kanzler war und man sich online höchstens darüber stritt, ob man „LAN“ mit oder ohne Bindestrich schreibt.

Die Idee klingt auf den ersten Blick herrlich:
Wenn jeder mit echtem Namen posten muss, dann hören Hass, Hetze und Trollerei auf.

Ja. Und wenn wir alle im Restaurant ein Namensschild tragen, bestellt keiner mehr Schnitzel.

Ein politischer Trick

Die Klarnamenpflicht ist ein politischer Trick: simpel, hart, falsch

Man muss es so deutlich sagen:
Die Klarnamenpflicht ist so eine typische Politik-Idee, die sich gut anhört, weil sie nach Ordnung klingt – aber in Wahrheit nur ein großes, bequemes „Wir tun was!“-Schild ist.

Sie ist der Versuch, ein kompliziertes Problem (Hass, Desinformation, Radikalisierung, Plattformkapitalismus) mit einem einzigen Wort zu erschlagen: „Name.“

Und das ist ungefähr so, als würde man gegen organisierte Kriminalität kämpfen, indem man „Bitte nicht sprengen!“ auf die Bankautomaten klebt.

Anonymität macht eklig

Ja, Anonymität macht Leute eklig – aber Klarnamen machen sie nicht automatisch zivilisiert

Natürlich: Anonymität senkt Hemmungen. Sie macht aus unzufriedenen Menschen manchmal über Nacht moralische Amokläufer.

Aber die Vorstellung, dass Klarnamen das Problem lösen, ist nicht nur naiv – sie ist bereits widerlegt.

Klarnamenland

Denn wir haben doch das perfekte Experiment längst:

Facebook ist (weitgehend) Klarnamenland.
Und trotzdem ist Facebook ein Ort, an dem Menschen unter echtem Namen Dinge schreiben, für die man früher aus der Dorfkneipe geflogen wäre.

Da steht dann nicht „xXHateLordXx“, sondern:

„Uwe Schmidt“
und darunter:
„Die sollte man alle ersaufen lassen.“

Klarnamen verhindern keine Verrohung. Sie machen sie nur bürokratisch sauberer.

Trolle stoppen, iwo

Das eigentliche Ziel: Nicht Trolle stoppen – sondern Menschen einschüchtern

Und jetzt kommt der unangenehme Teil, den man in solchen Debatten gern verdrängt:

Eine Klarnamenpflicht trifft nicht zuerst die Lautesten.
Die finden immer Wege.

Sie trifft zuerst:

Menschen, die ihren Chef nicht als stillen Mitleser brauchen

Frauen, die von Ex-Partnern gestalkt werden

Aktivisten, die nicht auf rechten oder linken Feindeslisten landen wollen

Jugendliche, die nicht wollen, dass ihr Coming-out im Google-Cache hängt

Whistleblower, die nicht ins Gefängnis wollen

ganz normale Leute, die einfach nicht Bock haben, dass jede Meinung zur digitalen Akte wird

Einschüchterungsprogramm

Das ist der Kern:
Eine Klarnamenpflicht ist kein Anstandsprogramm. Sie ist ein Einschüchterungsprogramm.

Sie sagt:
„Wenn du etwas sagst, dann bitte so, dass es dir auch noch in zehn Jahren schaden kann.“

Und was kommt als nächstes? Perso-Scan für Kommentare?

Denn eine Klarnamenpflicht ist nicht einfach „Namen hinschreiben“.
Sie muss kontrolliert werden. Sonst ist sie wertlos.

Und kontrollieren heißt:

Plattformen brauchen Identitätsnachweise

Datenbanken müssen gespeichert werden

irgendwer muss Zugriff haben

und irgendwann wird irgendwer diesen Zugriff missbrauchen

Das ist kein „vielleicht“. Das ist ein Naturgesetz.

Wenn du eine zentrale Liste baust, wer im Internet was gesagt hat, dann ist das nicht nur eine Liste.

Das ist ein Werkzeug.

Und Werkzeuge werden benutzt.
Auch von Leuten, die du nicht eingeladen hast.

Die große Ironie: Die echten Täter bleiben sowieso anonym

Das nächste Problem ist fast schon komisch:

Die Leute, die wirklich gefährlich sind – also organisierte Hassnetzwerke, Neonazi-Gruppen, Scam-Farmen, ausländische Einflussoperationen – die lachen über eine Klarnamenpflicht.

Die haben:

VPNs

Fake-IDs

Bot-Armeen

geklaute Accounts

Telegram-Strukturen

technische Kompetenz

Die werden nicht erwischt, weil „Kevin aus Bielefeld“ jetzt „Kevin aus Bielefeld“ heißen muss.

Die werden erwischt, wenn man:

Plattformen zwingt zu moderieren

Strafverfolgung ernst nimmt

Netzwerke aufklärt

Algorithmen entschärft

Einfach einfach

Aber das ist anstrengend.
Klarnamenpflicht ist einfacher.
Und klingt besser in einer Talkshow.

Klarnamenpflicht ist wie eine Kamera im Wohnzimmer

Befürworter tun gern so, als wäre das eine harmlose Maßnahme.
Ein bisschen Ordnung. Ein bisschen Respekt.

Aber in Wahrheit ist es ein gigantischer kultureller Shift:

Es macht das Internet von einem Ort, an dem man sich ausprobieren kann, zu einem Ort, an dem man sich ständig selbst zensiert.

Denn wer glaubt, Menschen würden unter Klarnamen „ehrlicher“?

Nein. Sie werden vorsichtiger.

Und Vorsicht ist nicht Wahrheit. Vorsicht ist Angst.

Und die zentrale Frage: Warum sollen ausgerechnet Nutzer zahlen, was Plattformen verbockt haben?

Mit Wut und Hass Kohle machen

Denn die Wahrheit ist:

Die Verrohung im Netz kommt nicht daher, dass Menschen keine Namen haben.

Sie kommt daher, dass Plattformen mit Wut Geld verdienen.

Algorithmen pushen Empörung, weil Empörung klickt.
Empörung hält dich online.
Online heißt Werbung.
Werbung heißt Profit.

Und dann kommt Politik und sagt:
„Wir lösen das Problem, indem wir den Nutzern den Namen abnehmen.“

Das ist, als würde man bei einem brennenden Haus sagen:

„Wir verbieten jetzt Streichhölzer für alle. Das wird’s richten.“

Während der Brandbeschleuniger weiter im Keller steht.

 Klarnamenpflicht ist der falsche Preis für das falsche Versprechen

Ja, Hass im Netz ist real.
Ja, Drohungen sind real.
Ja, Menschen werden kaputtgemacht.

Aber die Klarnamenpflicht ist keine Lösung.
Sie ist ein Sicherheitsgefühl im Anzug.

Sie trifft die Falschen, schützt die Richtigen nicht – und schafft eine Infrastruktur, die man später sehr, sehr bereuen könnte.

Und wenn wir mal ehrlich sind:
Wer eine Klarnamenpflicht fordert, hat nicht verstanden, was das Internet ist.

Oder schlimmer:

Er hat es verstanden – und findet genau das praktisch.

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