Größe findet sich nicht in Statistiken. Zum Tode Maradonas und dem blinden Fleck aller „GOAT“-Debatten

Die Debatten um die größten Sportler aller Zeiten ignorieren, wie sehr die Wahrnehmung von Größe mit Faktoren verknüpft ist, die sich nicht von Datenblättern ablesen lassen. Maradona etwa dürfte statistisch nicht einmal zu den zehn besten Fußballern der vergangenen Jahrzehnte gehören, aber erinnern wird man sich an ihn noch, wenn die heutigen Superstars längst vergessen sind. Kolumne von Sören Heim


Eigentlich sollten mit Maradonas Tod all diese lächerlichen GOAT*-Debatten, die man zunehmend versuchtvor allem statistisch zu untermauern, beendet sein. LeBron James vierter Titel etwa hat einige Basketball-Kommentatoren, die zuvor noch klar für Jordan votiert hatten, umschwenken lassen, um plötzlich zu deklarieren, James sei jetzt oder könnte zumindest bald „größer“ als Jordan sein. Als ob ein weiterer Titel dem, was wir über beide wissen, noch irgendetwas hinzugefügt hätte. Der „GOAT“ ist kein Kristalisationspunkt von Statistiken. Messi etwa ist Maradona in den meisten Statistiken hoffnungslos überlegen, und Ronaldo sticht statistisch sogar noch Messi aus (aber über den redet kaum einer), und trotzdem werden in hundert Jahren am Feuer, wenn die letzten Menschen sich um den geheimnisvollen Konservenschatz von Paris bekriegen, sie noch von Maradona reden, nicht von Messi.

Der „GOAT“ ist ein Kristalisationspunkt einer Zeit, genauer: eines Epochenwandels. Er tritt stets rund um den Moment auf, in dem das „heroische“ Zeitalter des Sports, seine quasi liberal-kapitalistische Phase der Experimente, in das „Planbare“ kippt. Die meisten GOATS erfüllen dabei einen Doppelcharakter: sie sind als Persönlichkeit Teil des alten Zeitalters, nehmen jedoch in einigen Bereichen das Neue vorweg.

Maradona scheint da auf den ersten Blick sogar eine Ausnahme. Er ist einer von vielen sogenannten „Entfant Terribles“ seiner Zeit (Gascoigne, Cantona, noch hundert andere bessere, dann irgendwann Basler) und scheint mit dem neueren Fußball nichts zu tun zu haben. Aber: schaut euch einmal die alten Videos genauer an. Wie viel stämmiger die Beine, wie viel schneller der Antritt, wie viel größer die Sprungkraft des winzigen Maradona gegenüber den meisten seiner Zeitgenossen. Und auch: Wie viel größer oft die Übersicht, das taktische Verständnis. Athletik, ein Sinn für das große taktische Ganze. Das verbindet man nicht mehr mit Maradona, aber es dürfte ein zentraler Aspekt seiner erfolgreichsten Jahre gewesen sein. Und das ist, was der neuere, systematischere Fußball, mittlerweile von jedem Spieler verlangt.

Andere „GOATs“ sind eindeutiger: Mit Jordans Bulls beginnt die Zeit der modernen Systematisierung des Basketballs, die Konzentration auf Statistiken, wertvollere Wurfpositionen, usw. Kaum eine Teamleistung bis dahin dürfte so durchorganisiert gewesen sein wie die „Triangle Offense“ von Phil Jacksons Bulls, der dann mit den Lakers nochmal ähnlich erfolgreich war. Mit Miguel Indurain wurde der Radsport endgültig planbar. Seitdem werden große Duelle zwar noch herbeigeschrieben, finden aber nur noch in Übergangsjahren wirklich statt. Der Standard ist der Seriensieger im Verbund eines überlegenen Teams. Seinen Platz hätte ihm dann Armstrong streitig gemacht, und womöglich erinnert man sich an den tatsächlich irgendwann wieder als den Größten, etwa, falls sich die Haltung, es dopten doch sowieso alle, doch noch durchsetzt. Mit Joe Montana wird die West-Coast Offense, eine Offensivstrategie, die rund um einen agilen Quarterback sichere Pässe, kurze Raumgewinne und Kontrolle über die Uhr anstrebt, zum andauernden Erfolgsmodell (warum ich hier Montana nenne, und nicht Brady? s.u.). Seit Michael Schumacher weiß man im Voraus, wie Formel 1 Rennen ausgehen. Usw.

Ein GOAT steht immer an der Schwelle der Zeitalter. Der, an dem sich zum ersten Mal die Planbarkeit von Erfolgen voll verwirklicht, hat große Chancen, dies als seine eigene Leistung angerechnet zu bekommen (und zu einem Gutteil ist das auch richtig). Das ist allerdings ein zweischneidiges Schwert. Sehen die Erfolge zu planbar aus, ist die Chance groß, dass nicht der erfolgreichste Sportler einer Sportart, sondern sein zweiterfolgreichster Vorgänger zum Größten aller Zeiten erklärt wird. Oder die Sache bleibt unentschieden. Viele werden wahrscheinlich unterschreiben, dass Michael Schumacher der größte Formel 1 Rennfahrer sei. Viele andere werden das ebenso vehement bestreiten, da der mit sieben Titeln beinahe in Serie schon allzu sehr dem Zeitalter der maschinellen Planbarkeit zugehörig scheint. Ayrton Senna und Alain Prost dürften langfristig durchaus Chancen haben, als „größer“ als Schuhmacher erinnert zu werden. Unwahrscheinlich hingegen, dass Lewis Hamilton ihm den Titel streitig machen wird, egal wie viele Weltmeisterschaften, Siege und Pole Positions er noch holen wird. Was Hamilton zeigt, wirkt zu sehr wie die Wiederholung der Schumacher-Jahre. Irgendwann wird man die Erfolge vor allem der geölten Mercedes-Maschinerie zuschreiben. In einer ähnlich schlechten Position, was die Geschichtsbücher betrifft, ist Tom Brady. Ja, im Moment sind viele geneigt, ihn den Größten zu nennen. Ich mag mich irren, doch ich gehe davon aus, dass auch die Patriots-Erfolge zu maschinell, zu brav, langfristig zu sauber runtergespielt in Erinnerung bleiben werden und mit der Zeit eher Trainer und System zugeschrieben werden als diesem Quarterback, der zwar sehr lang sehr erfolgreich spielte, aber auch sehr unspektakulär (Ich weiß, hier werden mir viele widersprechen, aber lasst uns einmal ein paar Jahrzehnte abwarten. Wie gesagt: Über Größe entscheidet die Geschichte).

(Ich bringe keine Beispiele aus dem Damensport, weil hier, egal wen man fragt, kein Weg an Serena Williams vorbeizuführen scheint und dieser Name ähnliche Debatten wie im Herrensport, nahezu im Keim erstickt. Dumm für Athletinnen anderer Sportarten: Nach einigen Sätzen landet das Gespräch bei Williams. Das dürfte auch ein gutes Anzeichen dafür sein, dass sie dieser Epochencharakter sein wird, den selbst spätere Erfolgreichere nicht mehr vom Thron verdrängen werden) .

Der Größte, das ist am Ende der, der auch nach vielen Jahren und Jahrzehnten noch große Emotionen bewegt. Um den Bogen zum Beginn zu schlagen: Wenn Messi stirbt, wird man ihn nicht wie einen Heiligen anbeten, es wird keine Ausschreitungen in den Straßen geben. Und auch Brady wird wahrscheinlich langfristig eher als wichtiges Rädchen im System Patriots und in der Geldmaschine Profi-Football erinnert werden. An die letzten Namen des „heroischen“ Zeitalters wird man sich dagegen noch lange erinnern. An den erfolglosen Marino, an Montana, an John Elway. Niemand wird die Größten der letzten Zeitwende überflügeln, bis es nicht eine neue Zeitwende gibt. Denn die Erfolge, die dazu nötig wären, würden, und das ist der Fluch eines jeden Nachgeborenen, so groß sein müssen, dass ihnen gerade deshalb der unerträgliche Ruch der absoluten Planbarkeit anhaftet. Vielleicht gibt es irgendwann dennoch neue „Größte“ („alte“ Sportarten haben ja bereits mehrere Zeitalter erlebt und auch mehrere, kaum vergleichbare GOATS: Babe Ruth und Hank Aaron. Bill Russel, Wilt Chamberlain, Jordan. Pele und Maradona. Copi und Bartali, Merckx, Indurain).

Etwa, wenn der Sport sich der Technisierung nicht mehr weiter verschließen kann und Prothesen im großen Stil Teil des Spiels werden. Dann mag der letzte erfolgreiche Sportler, den man noch deutlich mehr als Mensch denn als Cyborg, wahrnimmt, als der Größte gehandelt werden, an den all diese Maschinenwesen, denen jener doch den Weg bereitet hat, niemals heranreichen werden. Und warum? Weil sie eben schon ganz der neuen Zeit angehören. Oder vielleicht, wenn der Sport nicht mehr nach Geschlechtern getrennt wird und eine GOAT auf den Plan tritt?

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*(Greatest of all Time, wie man mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum die Größten einer Sportart zu nennen beginnt).

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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