Anti-grüne Beißreflexe

Die Grünen sind auch nicht ideologischer als ihre politischen Mitbewerber, findet Kolumnist Henning Hirsch. Halt anders ideologisch – nämlich grün und nicht schwarz, rot oder gelb


»Die Grünen sind eine verfassungsfeindliche Partei«, sagt der Mann links neben mir beim Samstagabendgrill im Garten von gemeinsamen Freunden.
»Warum das?«, frage ich, während ich darauf achte, dass mir das Curryketchup nicht aufs Hemd läuft. Denn ne Bratwurst mit Kartoffelsalat im Stehen zu essen, sich dabei über Politik zu unterhalten und nicht zu bekleckern, ist eine Kunst für sich.
»Weil die bei der aktuellen Negativverzinsung auch noch eine Vermögenssteuer fordern. Das geht glasklar gegen Artikel 14 Grundgesetz, der unser aller Eigentum schützen soll.«
»Aha«, antworte ich. Habe ehrlich gesagt nur Bahnhof verstanden, weil ich mich zu sehr auf die Currywurst konzentriere und Negativzinsen mich eh nicht sonderlich interessieren.
»Und diese ganze Demonstrierei der Jugend jeden Freitag. Von den Grünen im Hintergrund gelenkt. Die sollen lieber in der Schule aufpassen und was lernen. Wenn sie dann mal ein paar Jahre lang ihr eigenes Geld verdient haben, reden wir erneut darüber, ob die noch all die Klimaflausen im Kopf haben«, meint der Mann zu meiner Rechten.
»Ich find’s okay, dass sie demonstrieren«, sage ich, bringe den leeren Teller in die Küche, kontrolliere mein Hemd, ob ich mich trotz aller Vorsicht eventuell doch eingesaut habe, mache mir nen Kaffee und geselle mich im Anschluss zu einer anderen Kleingruppe, die sich gerade über den Kodeinkonsum deutscher Rapper und was der für Bilder im Kopf produziert austauscht, was ich echt spannender finde als Negativzinsen.

„Grüne sind alle Terroristen“

Das, was meine beiden Kurzzeit-Zufallsbekannten mir bei Bratwurst und Kartoffelsalat erzählten, war allerdings Kinderkacke im Vergleich zu den täglichen, auf die Ökos zielenden Schimpftiraden in den sozialen Medien. Als ich mich vor einigen Tagen in einem Thread, in dem der mir bis dato völlig unbekannte SPD-MdB Helge Lindh abgefeiert wurde, als Wechsel- und in der logischen Konsequenz Hin-und-wieder-Grünen-Wähler outete, wurde mir fünf Minuten später diese Replik vor den Latz geknallt:

Hm… da stellt sich mir eine Frage hinsichtlich Ihrem Sitz auf hohem moralischen Roß. Weshalb stellen Sie hier eine solch bemerkswerte geistige Schlichtheit öffentlich zur Schau? Etwa deshalb, weil schlichte gestige Struktur und infantile Selbstdarstellung zum Wesen grüner Weltanschauung gehört?

BÄMM!

Mein Versuch, die Situation zu entschärfen, indem ich mich sowohl zu meiner (bemerkenswerten) geistigen Schlichtheit als auch zu meinem infantilen Selbstdarstellungstrieb bekannte – trotzdem würde ich halt ab und an mein Kreuz bei den Grünen setzen – fruchtete nicht. Ich bzw. die Grünen bekamen von den jetzt im Rudel jagenden Diskussionsteilnehmern Nettigkeiten wie Ökofaschisten, Ökostalinisten, Ökoterroristen, Ökoglaubenskrieger, Ökosalafisten, Ökototalitaristen und so weiter und so öko zu hören. Nun sind ja sowohl Faschisten als auch Stalinisten nicht dafür bekannt, dass sie Macht, wenn sie die einmal in den Händen halten, freiwillig wieder hergeben, während mir noch nicht zu Ohren gekommen ist, dass die Grünen, sobald sie ne Wahl verlieren, bewaffneten Widerstand leisten oder sich weigern, von der Regierungs- auf die harte Oppositionsbank zu wechseln. Dass in grün regierten Ländern anderslautende Meinungen unterdrückt werden, wäre mir ebenfalls neu. Man muss wirklich nicht alles gut finden, was die Grünen fordern oder tun oder sie gar wählen – trotzdem fällt auf, mit welcher Häme, die sich bei einigen Kommentatoren bis hin zu Hass steigern kann, speziell diese Partei von ihren politischen Gegnern verfolgt wird. Circa ein Fünftel der Facebook-User verfällt in Schnappatmung, sobald die Begriffe Habeck, CO2 oder gar Hofreiter, Roth und Veggieday auf dem Monitor erscheinen. Schnappatmung bei gleichzeitigem Verlust der Impulskontrolle, die, sich ständig wiederholende, Beißreflexe auslösen. Eigentlich stinklangweilig, aber doch störend, weil mit dieser Piranha-Taktik die Debatte über die Klimafrage oft ins Polemische abdriftet, anstatt sie seriös zu führen. Wissenschaftliche Studien, die belegen, dass es beim Klima mittlerweile eher drei als fünf vor Zwölf ist, werden von der digitalen Piranha-Fraktion abwechselnd als Fake News oder von den Grünen verdeckt finanzierte Auftragsarbeiten abgetan.

Anti-grüne Polemik auch bei den Bürgerlichen

Die Hetze geht allerdings nicht nur von den üblichen Verdächtigen aus den Reihen der AfD aus, sondern es beteiligen sich ebenfalls ne Menge, sich nach außen hin gemäßigt gebende Politiker am Öko-Bashing. Da ist zum einen die FDP, die die Grünen als für die Ewigkeit fixierten Antipoden genauso zwanghaft benötigt wie Batman den Joker oder Dagobert Duck die Panzerknacker. Kein Parteitag, keine Pressemitteilung, die ohne das Lamento „sie wollen uns den Diesel und das Schnitzel wegnehmen“ auskommen. Die 24/7 Verbote ausbrütenden Ökos als teuflische Widersacher des freiheitsliebenden Helden Lindner, der die grünen Monster täglich aufs Neue bekämpfen muss, um sie an der Weltherrschaft zu hindern. Zum anderen die CDU, die, weil sie die Ökos für eine etwaige zukünftige Koalition in Berlin benötigt, etwas gedämpfter polemisiert, sich allerdings apokalyptische Warnungen à la „Wer mit den Grünen ins Bett geht, wacht mit der Linken auf“ auch nicht ganz verkneifen kann. Und schlussendlich die SPD, die sich nicht zu schade ist, mit folgendem Vergleich aufzuwarten:

Die Grünen versuchen im Moment, alles Elend dieser Welt zu reduzieren auf die Frage des Klimawandels. Das ist genauso falsch wie die Politik der AfD, die die Migrationsfrage zum Übel der Welt erklärt hat. Beides verkürzt Politik in grotesker Weise.
© Thorsten Schäfer-Gümbel, z.Zt. kommissarischer SPD-Vorsitzender

Es gilt nach wie vor der Satz: Mitleid gibt’s gratis, Neid muss man sich verdienen.

Ideologen gibt’s in jeder Partei

Nicht totzukriegen die Fama, bei der grünen Programmatik handele es sich um pure Ideologie. Das ist in etwa so richtig wie die Behauptung, alle Liebhaber von Dirty-Harry-Filmen neigen im realen Leben zu Gewalt. Es gibt solche und solche. Also sowohl pazifistische Callahan-Fans als auch pragmatische Grüne. Zumal den drei klassischen bürgerlichen Parteien Ideologie ja selbst nicht ganz fremd ist. Sprechen Sie mal einen aus der FDP auf das Dogma Unsichtbare Hand des Marktes an oder jemanden aus der Union auf den Bereich Innere Sicherheit. Diskutieren Sie mit einem Linken über die Sinnhaftigkeit flächendeckender Enteignungen. Je nachdem, wen Sie da gerade vor sich haben, wird das, womit er Sie als überzeugter Anhänger seiner Heilslehre zutextet, nichts anderes als Ideologie sein. Verengter Tunnelblick aufgrund zu langer Parteizugehörigkeit oder frühzeitiger Verblendung. Ideologen gibt’s in allen Organisationen. Bloß, dass Union, SPD und FDP ihre jeweilige Doktrin als Sachpolitik verkaufen, während es sogar den grünen Oberrealos schwerfällt, das Odium der Weltferne gänzlich aus den Juteklamotten zu schütteln. Alternativloser Pragmatismus als Marketingtrick der bürgerlichen Troika. Dass die Grünen mehr verbieten wollen als die anderen, stammt aus derselben Gerüchtekiste. Als ob nicht auch Union und SPD täglich neue Verbote aushecken. Die Groko erinnert mitunter an ein Verbotsküchenversuchslabor.

Um so langsam ans Ende der Kolumne zu gelangen, sei hier die grundlegende Frage gestellt: Können wir es uns leisten, die Klimafrage weiterhin auf die leichte Schulter zu nehmen oder die Sorge vor der irreversiblen Zerstörung der Umwelt als Ideologie zu geißeln? Ohne Klima kein Wirtschaften, keine Arbeitsplätze, kein Konsum, kein Fußball und keine Heidi Klum mehr im TV. Man muss bei der Beschäftigung mit dem Problem nicht in Hysterie verfallen und an die Offenbarung des Johannes erinnernde Weltuntergangsszenarien an die Wand malen, aber etwas mehr Respekt vor dem politischen Mitbewerber, der das Thema als Erster besetzt hat, tut dringend Not. Wer das grüne Auge dauerhaft geschlossen hält, wird auch auf dem schwarz-rot-gelben irgendwann erblinden.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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