Beep Beep … Bzzzz Brrrrt!!!
Mein Handy klingelt und vibriert abwechselnd.
Verschlafen versuche ich, das Geräusch wegzuwischen. Wie immer gelingt es nicht.
„Wer zur Hölle …“, sage ich.
„Guten Morgen, hier spricht Gisela, deine digitale Redaktionsassistentin. Ich soll dir von Heinrich ausrichten, dass du für heute eine Replik zugesagt hast.“
„Weißt du, wie spät es ist?“
„8.30 Uhr.“
„Hier bei mir im Bonner Süden ist es 5.30! Keine Ahnung, von welchem gottverlassenen Server in Asien du anrufst.“
„Oh, Heinrich hat mich versehentlich auf Dubai-Zeit eingestellt. Entschuldige bitte das Missverständnis. Möchtest du, dass ich mich in exakt 3 Stunden nochmal melde?“
„Nein! … worum genau geht es?“
„Um eine Replik zu seiner Kolumne ‚Klarnamenpflicht‘. Die hattest du in einem internen Memo angekündigt. Und zwar spätestens für heute.“
„Stimmt. Erinnere mich dunkel.“
„Im System kann ich keinen entsprechenden Text finden“, sagt Gisela.
„Klar kannst du da nichts finden. Ich muss den noch schreiben.“
„Gemäß internem Memo spätestens HEUTE!“
„Ja ja, heute. Ich setz mich gleich dran.“
„Sehr schön. Dann haben wir das geklärt … achte beim Schreiben bitte darauf, Heinrich korrekt wiederzugeben und nutze keine vulgären Wörter. Denn das könnte sensible Leser verstören.“
„Okay, keine frei erfundenen Zitate und barrierefreie Sprache verwenden. Hab’s verstanden. Gibt’s noch was, oder kann ich jetzt mit der Replik anfangen?“
„Am Schluss unbedingt ein externes Lektorat durchführen lassen. Schwerpunkt Interpunktion. Da bist du mitunter schlampig.“
„Warum machst du das nicht als meine digitale Assistentin?“
„Ihr habt die Gratisversion gewählt. Lektorat ist nicht im Leistungsumfang enthalten. Du kannst aber jederzeit ein Upgrade durchführen. Dafür benötige ich bloß deine Kreditkarte. Möchtest du das jetzt machen, oder soll ich es auf Wiedervorlage setzen?“
„Setz es auf Wiedervorlage … sind wir fertig?“
„Ja, wir zwei haben alles geklärt. Danke, dass du so gut mitgemacht hast, Henning. Wenn du willst, rufe ich dich im 60-Minutenrhythmus an und erkundige mich nach dem Fortschritt deiner Arbeit.“
„Ruf mich bloß NICHT alle 60 Minuten an … du könntest aber jetzt Heinrich informieren, dass ich den Job vereinbarungsgemäß durchführe. Der freut sich, wenn du ihn um 5.45 mit dieser frohen Botschaft weckst.“
„Ein Rückruf bei Heinrich ist für diesen Auftrag nicht vorgesehen.“
„Hab ich mir gedacht.“
„War schön, mit dir zu reden, Henning. Bis zum nächsten Mal.“
„Vergiss nicht, die Dubai-Zeit rauszunehmen!“
„tuuuuuut“, Gisela hat aufgelegt.
2 Tassen Kaffee, 1 Morgenschiss und 1 kurze Dusche später sitze ich vor der Tastatur und überlege (um 6.30 morgens!), was ich halbwegs Sinnvolles als Replik auf Heinrichs letzte Samstagskolumne zu Papier bzw. in die Tasten hämmern soll. Um diese frühe Uhrzeit herrscht in meinem Hirn absolute Funkstille i.S.v. Schreibblockade … ich versuch’s trotzdem:
+++
Heinrich Schmitz schreibt: „Die Klarnamenpflicht ist ein Einschüchterungsprogramm.“
Man muss ihm fast danken. Denn selten wurde die Sehnsucht mancher Internetromantiker nach der ewigen Narrenfreiheit so offen formuliert.
Einschüchterungsprogramm?
Interessantes Wort für: Konsequenzen.
Das Märchen von der heiligen Anonymität
Schmitz erklärt uns, die Klarnamenpflicht sei „ein politischer Trick: simpel, hart, falsch“.
Simpel? Vielleicht.
Hart? Hoffentlich.
Falsch? Das ist die bequeme Behauptung derer, die das digitale Dauergebrüll für eine Art Naturzustand halten.
Seit Jahren hören wir, Hass im Netz sei ein „strukturelles Problem“. Algorithmen! Plattformkapitalismus! Empörungsökonomie!
Alles richtig.
Und trotzdem tippt irgendwer „Die sollte man alle ersaufen lassen.“
Nicht der Algorithmus.
Ein Mensch.
Und genau da beginnt Verantwortung.
Facebook als Ausrede? Ernsthaft?
Der Kollege Schmitz verweist auf Facebook als „Klarnamenland“, in dem es trotzdem wüst zugehe.
Nur: Dieses „Klarnamenland“ ist längst ein Mythos.
Gefühlt ein Drittel der Profile dort tritt mit Alias, Fantasienamen oder halbverfremdeten Identitäten auf. „Sonnenschein 71“. „Patriotischer Löwe“. „Max M.“ mit Sonnenbrille und Wolfsbild.
Und aus genau dieser Grauzone kommt überproportional viel von dem, was wir inzwischen als digitalen Bodensatz kennen: Hasskommentare, Drohungen, Entmenschlichung.
Nein, nicht jeder Alias ist ein Hetzer.
Aber fast jeder Hetzer nutzt die Schutzfunktion des Alias.
Das ist kein Zufall.
Das ist Psychologie.
Wer weiß, dass der eigene Chef, die Nachbarn oder die Kinder später mitlesen könnten, formuliert anders. Nicht zwingend besser – aber kontrollierter.
„Anonymität schützt die Schwachen“ – ja. Und sie schützt die Feiglinge.
Natürlich gibt es schützenswerte Fälle: Whistleblower, Stalkingopfer, politische Aktivisten.
Niemand bestreitet das.
Aber aus diesen Ausnahmefällen wird regelmäßig ein moralischer Schutzschirm für Millionen Accounts gebaut, die nichts weiter schützen als schlechte Manieren.
Die Mehrheit der anonymen Accounts besteht nicht aus mutigen Dissidenten, sondern aus Menschen, die im Schutz des Nicknames Dinge schreiben, die sie ihrem Nachbarn niemals ins Gesicht sagen würden.
Anonymität ist kein Grundrecht auf Charakterlosigkeit.
Das große Schreckgespenst der Datenbank
„Wenn du eine zentrale Liste baust, wer im Internet was gesagt hat, dann ist das nicht nur eine Liste. Das ist ein Werkzeug“, warnt Heinrich Schmitz.
Ja. Willkommen im Rechtsstaat.
Wir haben Melderegister.
Wir haben Steuer-ID-Nummern.
Wir haben Ausweispflichten.
Und erstaunlicherweise leben wir nicht im dystopischen Überwachungsroman.
Die Vorstellung, jede Identitätsprüfung führe zwangsläufig in den Totalitarismus, ist kein Argument.
Es ist digitales Endzeitkino für Menschen, die gleichzeitig ihr komplettes Privatleben freiwillig bei internationalen Konzernen speichern.
Aber beim Kommentar unter einem Nachrichtenartikel soll plötzlich die Freiheitsglocke läuten?
„Die echten Täter bleiben anonym“
Schmitz schreibt, organisierte Netzwerke würden über eine Klarnamenpflicht lachen – VPNs, Fake-IDs, Bot-Armeen.
Ja. Kriminelle umgehen Regeln.
Das ist kein Argument gegen Regeln.
Das ist ein Argument für bessere Kontrolle.
Wir schaffen auch nicht das Strafrecht ab, nur weil es Einbrecher gibt.
Eine Klarnamenpflicht wird nicht jeden Extremisten stoppen.
Aber sie würde die massenhafte, folgenlose Alltagsverrohung eindämmen.
Und die kommt eben nicht nur aus Trollfabriken.
Sie kommt von ganz normalen Nutzern, die sich hinter einem Alias größer fühlen, als sie sind.
Selbstzensur? Willkommen in der Zivilisation.
Heinrich Schmitz warnt, Klarnamen würden das Internet in einen Ort der Selbstzensur verwandeln.
Ja.
Ein kleines bisschen Selbstzensur nennt man auch: Anstand.
Wir zensieren uns ständig selbst.
Wir brüllen im Restaurant niemanden an.
Wir beleidigen nicht wahllos Fremde im Supermarkt.
Wir drohen nicht öffentlich mit Gewalt.
Nicht, weil wir unterdrückt sind.
Sondern weil unser Name druntersteht.
Warum soll das Internet eine Sonderzone bleiben, in der Verantwortung optional ist?
Die unbequeme Wahrheit
Die Klarnamenpflicht ist kein Allheilmittel.
Aber sie ist ein Signal.
Ein Signal, dass digitale Öffentlichkeit keine Maskerade sein darf.
Ein Signal, dass Worte Gewicht haben.
Ein Signal, dass Meinungsfreiheit nicht Meinungsfolgenfreiheit bedeutet.
Wer sie als „Einschüchterungsprogramm“ diffamiert, verteidigt am Ende nicht die Freiheit der Schwachen –
sondern die Bequemlichkeit der Lauten.
Und vielleicht ist genau das der Kern der Debatte:
Manche wollen ein Internet, in dem man sich „ausprobieren“ kann.
Andere wollen ein Internet, in dem man Verantwortung trägt.
Ich entscheide mich für Letzteres.
Wenn du etwas sagst, dann steh dazu.
Mit deinem Namen.
+++
Ich schaue auf die Uhr: 8.29. Deadline eingehalten.
Muss ich Gisela darüber informieren? Wie lautet der korrekte Workflow für Repliken? Wo ist das gottverdammte Redaktions-Handbuch, wenn man es braucht?
Ich werd‘ mir jetzt die Zähne putzen und mich im Anschluss nochmal kurz aufs Ohr legen (oder umgekehrt).
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Henning Hirsch