Tanzverbot an Halloween?

Tanz- und Einkaufsverzicht sind dem modernen Menschen ein Gräuel. Ein kurzes Psychogramm des Homo consumens & saltans zeichnet Kolumnist Henning Hirsch


»Wusstest du, dass an Halloween neuerdings Tanzverbot herrscht?«, fragt mein ältester Sohn.
»Bitte?« Ich bin gerade mit dem Samstagmorgenhausputz beschäftigt, und der alte Staubsauger macht einen Höllenlärm.
»AN HALLOWEEN DÜRFEN WIR NICHT MEHR TANZEN!«
»Brauchst nicht so zu schreien. Bin ja nicht taub«, antworte ich und stelle den Staubsauer beiseite. »Liegt vermutlich daran, dass wir am Tag darauf Allerheiligen feiern.«
»Kommt das immer direkt nach Halloween?«
»Klar. Halloween bedeutet ja nichts anderes als Abend vor Allerheiligen.«
»Und an Allerheiligen darf nicht getanzt werden?« Mein Ältester schaut mich ungläubig an.
»Anscheinend nicht.«
»Dann macht die Party gar keinen Spaß.«
»Dafür bekommst du einen Feiertag geschenkt und kannst ausschlafen. Auch nicht so schlecht«, sage ich.
»Warum können wir das nicht selbst bestimmen, ob wir feiern? Was mischt sich der Staat da ein?«

Das alljährliche Tanzverbotsmimimi

Nun ist mein Sohn mit seinem Wunsch nach 52×24/7 selbstbestimmtem Tanzen und (LAUT) Musikhören nicht alleine. Erregte Diskussionen über diese Frage kann man vor allem in der Woche vor Ostern verfolgen – das alljährliche Karfreitagstanzverbotmimimi. Und jetzt muss also aufgrund von Allerheiligen ebenfalls in der Nacht vom 31sten Oktober auf den 1sten November irgendwann die Musik runtergedreht werden. Dann ist das eben so. Mich juckt das nicht. Zum einen lege ich mich gewohnheitsmäßig gegen 24 Uhr ins Bett. Zum anderen mache ich mir aus Halloween Nullkommanichts, vom wirklich sehenswerten Carpenterfilm mit Jamie Lee Curtis mal abgesehen. Dieses aus den USA importierte [ich weiß, dass das Original aus Irland stammt. Brauchen Sie mir also nicht langatmig zu erklären] Konsumankurbelungsspektakel rangiert in meiner persönlichen Wertschätzungsskala auf demselben Level wie Cherry Coke und per App fernsteuerbare Jalousien. Braucht alles kein Mensch.

An dieser Stelle lässt sich gut der Bogen schlagen zum Homo consumens & saltans 2.0. Diese postmoderne Spezies will alles überall verfügbar, zu jeder Tages- und Nachtzeit, schnell zu entsorgen, preiswert und vor allem selbstbestimmt. Als Highlights gelten Wochenendausflüge in Outletcenter, Kindergeburtstage bei McDonalds, All-inclusive-Urlaube an der türkischen Riviera und Flatsaufen in Diskotheken. Versuchen Sie mal, mit diesen Menschen über die Schönheit der Sonntagsruhe zu diskutieren. Die Entschleunigung, die an diesem Tag eintritt. Zeit, um spazieren zu gehen, oder auf einer Parkbank ein Buch zu lesen. »Das können Sie alter Langweiler gerne tun. Aber ich will auch am Wochenende shoppen und nachts sowieso. Damit kurbele ich die Wirtschaft an, wovon Sie keine Ahnung haben«, wird der Homo consumens erwidern. Und ich frage mich wiederum, was um Himmelswillen benötigt man an Feiertagen und nachts so dringend, dass dafür die Supermärkte 24/7 geöffnet haben müssen? Spontan fallen mir nur Präservative und (für Alkoholiker) Wodka ein. Alles andere lässt sich doch prima werktags zwischen 7 und 21 Uhr einkaufen.

Religion ist Privatsache und tanzen tue ich, wann es mir passt

Tanzen wiederum dürfen Sie an 360 Tagen/ Jahr. Reicht das nicht? Müssen es tatsächlich 365 sein? Weil Religion Privatsache ist, antworten Sie? Stimmt; aber trotzdem kann man ja aus Rücksicht anderen gegenüber auch mal für kurze Zeit mit Spaß und Lärm innehalten. Warum gönnen Sie sich und uns nicht mal eine kurze Verschnaufpause? Oder geht’s bloß ums Prinzip? Das Ich-bestimme-selbst-was-gut-für-mich-ist-Mantra und lasse mir dabei von niemandem reinreden. Von der Kirche schon gar nicht. Es ist übrigens dieselbe Kirche, die Sie mitunter für Taufe, Kommunion/ Konfirmation, Hochzeiten und die Trauerfeier von Oma Gertrud nutzen. Natürlich selbstbestimmt, sobald es IHNEN in den Kram passt. Das ist was völlig anderes, meinen Sie? Na ja, konsequent wäre es m.E., wenn Sie als aufgeklärter Atheist, der Sie auf die Religion pfeifen, dann auch auf die damit verbundenen Feiertage verzichteten und sich an Ihren Büroschreibtisch setzten, anstatt Allerheiligen bis mittags im Bett rumzulümmeln und im Anschluss in Roermond nach günstigen Weihnachtsgeschenken zu suchen.

Der Hirsch als übellauniger Misanthrop und Minimalist hat gut reden, sagen Sie? Der braucht ja nichts außer Schreibtisch, Laptop, mittags eine Dose Ravioli, und zum Lachen geht der am liebsten auf den Friedhof. Was versteht der schon vom berauschenden Freiheitsgefühl des 24/7-Shoppens und 365-Tage-Partymarathons? Da haben Sie natürlich Recht. Mir reichen tatsächlich oft Laptop und Ravioli (mit Tabasco verfeinert, schmecken die gar nicht schlecht) Aber ich bin halt auch kein Homo consumens 2.0, und nehme am Sonntag lieber einen guten Roman in die Hand, als im Rewe Zahnpasta und Toastbrot zu besorgen. Das tue ich nämlich bereits am Freitagabend, weil mir Wochenendsupermarktbesuche ein Gräuel sind.

Um nun zum Schluss der Kolumne Entwarnung zu geben: Das Allerheiligen-Tanzverbot tritt in Rheinland-Pfalz um 4h morgens und in Nordrhein-Westfalen sogar erst um 5h in Kraft. Bis dahin darf also fröhlich gefeiert, Halloween-gelärmt und dem Nachbarn vor die Haustür gekotzt werden.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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