Von Affen, Moderner Kunst & Spektrikern

Auf reverent.org soll man Kunstwerke von Müll unterscheiden. Ein lustiges Spiel. Wenn man sich nicht einredet, damit sei schon irgendein Urteil über moderne Kunst gesprochen.

Kandinsky, Komposition VII Gemeinfrei

Ein Bekannter hat mir einen Link zu einer Seite mit unterhaltsamen Ratespielen zum Thema Kunst geschickt. Gezeigt werden sollte damit, dem Vernehmen nach, dass es im Ästhetischen nicht nur schwieriger sei zu urteilen als in den positiven Wissenschaften, sondern per se unmöglich. Die Seite untermauert das aber nicht: Spiele wie „Affe oder Künstler“, „Vogelkot oder Pollock“ und ähnliches sind zwar unterhaltsame Spitzen gegen manchen Auswuchs moderner Kunst, verfehlen aber zum Großteil dann doch den Gegenstand, wenn man die Sache zu ernst nimmt. Außerdem sind sie leicht zu lösen, mit ein wenig Sinn für Bildkomposition – Verhältnisse von Farben zueinander, Verhältnisse der Form – lassen sich die „Künstler“ leicht aus den Affen Filtern. Damit ist über die Qualität der Werke natürlich noch gar nichts gesagt…

Kunst im Zusammenhang

Besonders erhellend für das Kunstverständnis der Seitenersteller (natürlich nur, wenn man die Sache überhaupt ernst nimmt), sind aber die Gegenüberstellungen von „hoher Literatur“ und „meaningless dribble“. Wahllos werden da Ausschnitte von ein bis drei Sätzen herausgegriffen, und komplett ignoriert, dass sich die „Größe“ eines Textes oftmals erst im Zusammenhang erschließen lässt. Insbesondere bei Faulkner vs. Automatische Übersetzung fehlen die für eine Beurteilung von Faulkners grammatikalisch oft „falschem“ Stil so bedeutenden Erzählperspektiven (bzw. die Person durch deren Augen die frei-indirekte Perspektive gefiltert wird), sowie alle weiteren bedeutsamen, die sprachliche Darstellung beeinflussenden, Faktoren.

Von Hassobjekten lernen und daran wachsen

Besonders instruktiv finde ich aber die Gegenüberstellung der Imagisten rund um Ezra Pound mit der Bewegung der „Spektriker“, einer Satire auf die Imagisten, die ähnlich wie der Sokal-Hoax funktionieren sollte. Hier fiel mir das Unterscheiden wirklich schwer, einerseits sicherlich weil es den Imitatoren Witter Bynner und Arthur Davison Ficke tatsächlich gelungen ist die Mischung aus mythologischer Grandezza und umgangssprachlicher Leichtigkeit, die insbesondere Pound ausmacht, treffend zu kopieren, andererseits auch weil die Autoren sich formal real an den Imagisten geschult haben, so weit, dass Ficke laut Wikipedia zugibt durch seine Satire sehr viel über Kompositionsverfahren gelernt zu haben, und in seiner späteren Arbeit stark vom eigenen Hoax beeinflusst worden zu sein.

So, nun aber genug. Auf http://reverent.org/ lassen sich sicherlich ein zwei lustige Stunden verbringen, als zitierfähiges Beispiel für die Sinnlosigkeit moderner Kunst sollte man die Seite aber vielleicht nicht anführen.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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