Rein lassen. Verteilen. Das Lügen sein lassen

Die „Flüchtlingsfrage“ ist scheinkomplex. Sie kennt viele Antworten auf der Metaebene, inhaltlich aber im Rahmen des Bestehenden genau zwei. Die humane und die isolationistische.

Kein Ort mehr, an dem man bleiben kann. Das Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien State Department/gemeinfrei

Einfache Fragen

Manche Fragen sind leicht beantwortet. Etwa die vergangene Woche in sozialen Netzwerken gestellte, warum sich „die Antifa“ nicht vom Anschlag auf Beatrix von Storchs BMW distanziere. Darum: „Die Antifa“ gibt es nicht. Also nicht als hierarchische Organisation, wie sie das Bürgertum sich wohl vorstellt. Klar gibt’s regional Gruppen, und gerade in manchen ostdeutschen Gemeinden verlässt sich auch heute noch, wer gern die Haare länger trägt oder die falsche Musik hört lieber auf die als auf die Polizei. Ansonsten gibt’s ein paar affektierte Diskussionszirkel, die mit spätestens 25 auf dem Weg in Richtung Professur, Vorstandspöstchen in Papas Firma oder Kulturprekariat verlassen werden. „Die Antifa“ kann sich also nicht distanzieren. Distanzieren könnten sich die Täter. Aber wäre das dann nicht doch ein wenig schizophren?

Ist Sorge ein lautes Gefühl?

Andere Fragen sind komplizierter. Die „Flüchtlingsfrage“, nach der Deutschen- der Gretchen- und der Frauenfrage die dritte große, die den aufgewühlten Landsmann in den letzten Jahrhunderten wirklich beschäftigt hat, beispielsweise verlangt pro Tag hunderte Meinungsartikeln zum Thema. Verlangt? Sicher? Wurde hier nicht tatsächlich nun endlich einmal alles gesagt, und dazu auch noch von jedem? Ja, ja – es gibt berechtigte Sorgen besorgter Bürger, sie wollen sorgsam bedacht werden. Ernst genommen. Aber was heißt das? Nimmt ernst wer zustimmt? Wer widerspricht? Wer in den Arm nimmt? Auf den Arm? Das wohl eher nicht.
Und wieso äußert Sorge, doch eigentlich eine vorsichtige, fast grüblerische Emotion, sich spätestens wo sie politisch wird als Wut, wenn nicht Hass, wenn nicht Akif?

Scheinkomplexe Fragen

Nein. Die Flüchtlingsfrage ist scheinkomplex. Sie kennt viele Antworten auf der Metaebene (etwa die, dass sie nur auf der Metaebene zu beantworten sei), inhaltlich aber im Rahmen des bestehenden Gefüges der Welt genau zwei. Die möglichst humane und die isolationistische. Die Konsequenzen der zweiten, sich so ernsthaft und rational abwägend gebenden, hat Heinrich Schmitz zuletzt hier treffend zusammengefasst:

„Grenzen sind ja gut und schön, aber was macht man denn dann mit den Menschen, die sich vor den neuen Grenzzäunen sammeln? Kommen werden die auch dann. Nicht hingucken? Einfach ignorieren? Wer die Hilfesuchenden an Grenzzäunen verhungern oder vielleicht auch erschießen lassen will, der soll das sagen“.

Die erste setzt sich aus drei einfachen Teilschritten zusammen, von denen die Regierung Merkel immerhin anderthalb beherzigt: Rein lassen. Verteilen. Das Lügen sein lassen. Reimt sich sogar.

Rein lassen

Ja was denn – s.o. – sonst? Menschen werden fliehen, solange ihre Heimat im Schutt und Asche gelegt wird. Sie werden nach Europa kommen wegen genau der Werte und Annehmlichkeiten, die nun vor ihnen geschützt werden sollen. Und wenn in Syrien etwa, wie Friedenspreisträger Kermani in Ungläubiges Staunen beschreibt, deutsche Exportschlager (Waffen also) u.a. via Saudi Arabien mitmorden, kann man seine Hände noch nicht mal in Unschuld waschen. Das gleiche gilt, wenn andererseits gebotene Interventionen hintertrieben oder gar nicht erst auf die Beine gestellt werden, bis man am Ende Russlands Kampf für Assad als notwendige Friedensmaßnahme inszeniert. Oder wenn „Geberländer“ Flüchtlingshilfe vor Ort, etwa in Jordanien, immer weiter zusammenstreichen.

Und es ist doch Platz. Duisburg ist entvölkert und die Jugend flieht noch immer den Osten. Und wenn man den Geflüchteten das dann doch nicht zumuten möchte gäbe es immer noch zahlreiche Städte und Gemeinden am Rhein und in Hunsrück und Taunus, die wie ich aus eigenem Anschauen weiß sich über ein wenig jugendlichen Schwung kaum beklagen werden. Also: rein lassen.

Verteilen

Weil das Leben auf engen Räumen das Schlimmste im Menschen hervorkehrt. Weil schon kaum eine Klassenfahrt mit 30 Personen ohne Keilerei abgeht. Weil natürlich tausende Neuzugänge Bewohnern von Städten, die kaum mehr Einwohner zählen, Unwohlsein bereiten. Man plane nur mal ein Rockfestival in der Pampa und setzte sich mit den besorgten Bürgern auseinander. Weil man nur so Minderheiten, die tatsächlich auch unter Flüchtlingen drangsaliert werden (welch Überraschung!) wirksam schützen kann. Und vor allem: Weil es unerträglich ist monatelang in Massenunterkünften zu vegetieren.

Wie bitte? Das wird aber kosten? Dann kostet es halt! Dauerhaft niedrige Zinsen sind ein Zeichen dafür, dass Kapital händeringend nach Anlagemöglichkeiten sucht. Ehe man also solch wilde Ideen wie Negativ-Zinsen, Bedingungsloses Grundeinkommen oder Milton Friedmans Helikoptergeld durchprobiert, warum nicht etwas solides, altbackenes wie Bildungsausgaben und den sozialen Wohnungsbau ankurbeln? Zudem könnte man ja Flüchtlingen auch erlauben zu arbeiten. Muss ja nicht gleich, wie Thilo Spahl es will, darauf hinauslaufen, den Sozialstaat zu demontieren und Millionen Menschen zur Immigration geradezu zu ermutigen.

Alles in allem: Glaubt man wirklich Integrationsmaßnahmen würden teurer als die bis heute aufrechterhaltene Lüge, Deutschland sei kein Einwanderungsland?

Das Lügen sein lassen

Womit wir beim letzten Punkt wären. Es hilft nichts, erfundene Horrorgeschichten über Flüchtlinge mit Gegenpropaganda zu kontern. Entlarven reicht. Es werde mittlerweile sogar in Naziforen sehr nachdrücklich nach Quellen gefragt, hört man munkeln, „damit wir uns nicht wieder lächerlich machen“. Wenn das kein Sieg der Aufklärung ist. Auch immer die Ärzte, Pflegefachkräfte, Ingenieure und Mathematiker in den Mittelpunkt zu stellen ist Bullshit. Wenn Unternehmen Arbeitskräfte suchen, sollen sie sich nicht so anstellen und auch Dreißigjährige entsprechend ausbilden und fördern. Bildung ist keine einseitige Bringschuld! Gleichzeitig immer wieder panisch den Fachkräftemangel auszurufen und wegen des demographischen Wandels zu hyperventilieren, und dann weiterhin nur zwanzigjährige Doktoranden mit fünf Jahren Berufserfahrung einzustellen, sendet zumindest sehr gemischte Signale. Kein Wunder, dass die Bevölkerung beginnt an Schrödingers Immigranten zu glauben.

Und vielleicht schafft man es dann gleich auch noch die Lüge zu vermeiden, in Fragen eines „Einwanderungsgesetzes“ jenseits des seltenen Kirchenasyl und des unter dem heute fröhlich verdrängten Eindrucks des Nationalsozialismus zu Stande gekommenen Asylrechts des ursprünglichen Grundgesetzes gehe es in der „Flüchtlingsfrage“ um Humanitäres. Es geht um Kosten-Nutzen-Rechnungen. Der Mensch wird zu einem Mittel zum Zwecke des Wachstums. Das ist die Welt in der wir leben, und wem das nicht gefällt der kann ja …

… tja … was kann der eigentlich?

Ich habe fertig.

 

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Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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