Ein lila Blatt
Im Lenbachhaus an der Wand ist das berühmte Gedicht von Semra Ertan projiziert, eindringlich vorgelesen mit abwechselnden Fotos illustriert. Am Ausgang hängen auf einem Nagel die Ausdrucke des Gedichts: ein Stapel A4‑Blätter, in dunklem Lila, zum Mitnehmen. Ich nehme eins mit. Natürlich. Ich fühle mich angesprochen, auch wenn mein Weg hierher unvergleichlich leichter war.
Das Blatt trage ich vorsichtig, ohne es zu knicken oder rollen. Wo hänge ich es auf: im Büro oder zu Hause? Ich möchte, dass jeder, der liest, versteht: In dem Gedicht steht dieser Satz, der dir den Namen gibt, der ab nun für immer gelten wird, den du immer tragen wirst.
Nomen est Omen
Ich weiß, dass ich es hier gut habe. Einerseits ist es erleichternd, andererseits tut es mir leid – vor allem für die anderen, deren Ankommen ganz anders verlaufen ist. Ich kann fast immer Durch- und Unterschätzungen, pauschale Erwartungen und Zuweisungen ziemlich schmerzfrei abhaben. Der Satz „Du sprichst aber gut Deutsch“ empört mich nicht; ich bedanke mich beiläufig oder sage: Es hätte inzwischen besser sein können. Aber ich verstehe sehr wohl, warum andere diesen Satz nicht als Kompliment hören.
Im Gedicht steht dieser Moment, in dem dir ein Name gegeben wird, der bleiben soll. Nicht unbedingt als Mangel, eher als Zustand. Noch bevor du deinen eigenen nennst, bist du bereits in eine Schublade gesteckt. Was soll´s – Menschen ordnen, um zu verstehen. Nur hält diese Ordnung viel länger als es rational zu begründen wäre. Es ist weder ein Drama, noch ein Vorwurf – ich möchte bloß so nüchtern wie möglich um ein wenig Einfühlung zwecks Klarheit werben. Mehr wirklich nicht.
Ordnung muss sein
Denn: Wir „Ausländer“ brauchen kein Mitleid, keines. Wir haben es – besonders am Anfang – schwer, aber wer hat es überhaupt leicht? Die „Schweren“ von Einheimischen und Zugezogenen sind unterschiedlich, ich möchte sie nicht vergleichen oder gegeneinander abwiegen. Uns, Menschen, mangelt vor allem am gegenseitigen Verständnis.
Womit hat man so als „Ausländer“ (der juristisch vielleicht gar keiner (mehr) ist) regelmäßig zu tun? Mit dem wiederholten Beweisen von längst erbrachten Leistungen, mit schleichendem Misstrauen und dem Unterstellen von Schwindel – mal als Witz, mal unterschwellig, mal direkt. Mit Verwunderung darüber, dass Kompetenz vorhanden ist, wo man sie nicht erwartet.
Der Klang der Herkunft
Der Akzent, dieses Echo‑Footprint, sorgt bei jedem Gespräch zunächst unbewusst für eine Abstufung; der Klang deines Wortes wird vor dem Inhalt vernommen. Am Rande bemerkt: In der Abstufung sind viele Stufen vorhanden, ein englischer oder französischer Akzent ist natürlich „besser“, als ein slavischer oder indischer. Am anderen Rande bemerkt: Auch wohlwollend empfundener Akzent tut nichts zur Sache, „süß“ heißt nicht „seriös“. Und am dritten Rande, ehrlicherweise ertappe ich mich selbst dabei, ähnlich zu sortieren.
Stille Post
Hinzukommt die permanente, oft nicht mal wahrgenommene Übersetzung im Kopf, die reibungslos funktioniert, je weiter, desto automatischer, doch die Bedeutungen sind und bleiben auf Weiteres interpretierbar. Sprache ist kein Wörterbuch, sondern Erfahrung und Geschichte jeweiliger Sozialisation.
Gut genug, ihr Stiefkinder?
Ein weiterer, kaum greifbarer Punkt ist der latente Minderwertigkeitskomplex. Er ist nicht unbedingt begründet, aber hartnäckig. Spreche ich hier nur über mich und einige, die ich kenne, oder darf ich extrapolieren? Ursachen sind die noch nicht vollständig beherrschte Sprache, die sich später erschließenden Bedeutungsnuancen sowie die unausgesprochenen Regeln und internen Abläufe, die für andere, die darin aufgewachsen sind, selbstverständlich wirken. Man spürt, dass man sich in einer Welt bewegt, mit der man erst nach und nach vertraut wird – und dass dieses spätere Ankommen eine nie wegzukriegende Unsicherheit hinterlässt.
Qualifikationen müssen nach Vorschriften durch penible Prüfverfahren gesiebt werden. Ob sie anerkannt werden oder nicht, bleibt ungewiss. Biografien werden übersetzt, zerlegt, zusammengeklaubt – sprachlich, kulturell und institutionell. Im Grunde ist das Leben eines Ausländers ein ständiges Neu‑Aushandeln seiner Existenz.
Ja und?
Ist das schlimm? Eigentlich nicht. Allerdings ich kenne es nicht anders. Man lebt weiter. Man erklärt mal mehr, mal weniger. Egal, wie man sich ausdrückt, kann es auf andere anders wirken; recht hatte Etel Adnan, als sie schrieb: „Wortsprachen sind eine Falle … sie schufen Chaos und ließen uns in Inkohärenz versinken.“
Irgendwann fragt man sich, warum keiner mehr fragt, wo du herkommst.
Und das Blatt? Ich hänge es auf, sobald ich weiß, welcher Rahmen zu Dunkellila passt.
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