Wenn Angst nach Härte verlangt

Phantombesitz: Warum wir uns erbittert an das klammern, was uns nie wirklich gehört hat

Der Ton wird rauer, die Grenzen abgeschotteter, die Ansprüche kompromissloser. In ihrem vor ein paar Tagen erschienenen Buch „Dieser Drang nach Härte“ beschreibt Eva von Redecker eine Gegenwart, in der Besitz zum Phantom wird – und den wir gerade deshalb mit umso größerer Vehemenz verteidigen. Ein Essay über Angst, Kontrolle und die stille Radikalisierung des Alltags.

Diese neue Härte
Bild von ChatGPT

Aus der Serie: Die besten Bücher sind die, die man sich selbst zum Geburtstag schenkt.

Wenn ich sage, Trumps Verbot von kritischer Literatur, das ist ja wie die Bücherverbrennung, unterstelle ich dann womöglich, dass da demnächst so etwas wie die Endlösung passiert? Natürlich nicht. Und deshalb scheint mir, dass wir auf einer übergeordneten, abstrakteren Ebene nach Definitionen des neuen Faschismus suchen müssen, die sowohl für vergangene aber auch gegenwärtige Mobilisierungen greifen.
© Eva v. Redecker (im Interview mit ttt, 15.03.2026)

Die Härte, die wir meinen, wenn wir „Realität“ sagen

Es ist ein vertrautes Gefühl dieser Gegenwart:
Dass irgendetwas verteidigt werden muss.

Die eigene Wohnung.
Der eigene Lebensstandard.
Das „Eigene“ überhaupt.

Und je diffuser die Bedrohung, desto entschlossener der Ton. Genau hier setzt Eva von Redecker an. Ihr neues Buch ist kein Beitrag zur historischen Einordnung des Faschismus. Es ist ein Versuch, die Stimmung zu fassen, die ihn heute wieder denkbar macht.

Der Titel ist dabei fast zu harmlos. Dieser Drang nach Härte klingt wie eine Charaktereigenschaft. Was Redecker beschreibt, ist jedoch ein hochproblematischer gesellschaftlicher Aggregatzustand.

Besitz ohne Boden

Der schärfste und originellste Begriff des Buches ist der des Phantombesitzes.

Gemeint ist damit nicht einfach Eigentum. Sondern etwas viel Instabileres:
ein Anspruch, der sich absolut setzt, obwohl seine Grundlage längst brüchig ist.

Redecker beschreibt – sinngemäß – eine Welt, in der Menschen so tun, als sei ihr Besitz unantastbar, obwohl alles darauf hinweist, dass er es nicht ist: ökologisch, ökonomisch, politisch. Der Lebensstil der Gegenwart basiert auf Voraussetzungen, die er gleichzeitig zerstört.

Und genau daraus entsteht diese eigentümliche Härte.

Denn was keinen festen Boden mehr hat, muss umso aggressiver verteidigt werden.
Phantombesitz ist Besitz im Alarmzustand.

Das zeigt sich konkret:

  • im Beharren darauf, dass Ressourcen „uns zustehen“, obwohl sie global längst umkämpft sind
  • im Widerstand gegen Klimapolitik, die als Enteignung empfunden wird
  • in der Vorstellung, Grenzen könnten den eigenen Wohlstand einfach konservieren.

Der Clou besteht darin: Dieser Besitz ist nicht weniger verteidigungswert, weil er illusionär ist. Im Gegenteil. Gerade weil er nicht gesichert ist, wird er mit umso größerer Vehemenz behauptet.

Härte als Antwort auf Kontrollverlust

Redeckers Diagnose ist unangenehm präzise:
Die neue Härte entsteht nicht trotz, sondern wegen der offensichtlichen Krisen.

Die Welt zeigt ihre Grenzen – ökologisch, politisch, sozial. Und die Reaktion darauf ist nicht Anpassung, sondern Verhärtung.

Sinngemäß formuliert sie:
Die Realität wird nicht anerkannt, sondern als Zumutung zurückgewiesen.

Das lässt sich derzeit überall beobachten:

  • Wenn Klimamaßnahmen als „Bevormundung“ gelten
  • wenn Migration primär als Störung gedacht wird
  • wenn politische Kompromisse als Schwäche erscheinen.

Härte wird so zur Ersatzhandlung.
Sie stellt eine scheinbare Kontrolle her, die real längst verloren gegangen ist.

Oder anders gesagt:
Der Homo autoritarius besteht auf Unnachgiebigkeit, weil er spürt, dass er nichts mehr sicher in der eigenen Hand hält.

Der neue Faschismus kommt ohne Pathos aus

Wer den heutigen Faschismus nur am Maßstab der NS-Zeit misst, verpasst seine neue Gestalt – und damit die Chance, ihn rechtzeitig zu erkennen.
(c) Henriette Hufgard : Wer staunt, begeht den ersten Fehler. Rezension zu „Dieser Drang nach Härte“. In: taz vom 14.03.2026

Redecker verwendet den Begriff des Faschismus bewusst – und riskiert damit Widerspruch. Zu Recht. Aber sie nutzt ihn nicht historisierend, sondern strukturell.

Es geht ihr nicht um eine 1-zu-1 Wiederkehr von Hitlers Nationalsozialismus oder Mussolinis Faschismus. Sondern um etwas Unauffälligeres.

Der neue Faschismus, den sie beschreibt, trägt keine Uniform.
Er organisiert sich nicht notwendig in Massenparteien.
Er braucht nicht einmal ein geschlossenes Weltbild.

Was er braucht, ist bloß diese Haltung:
dass das Eigene absolut gilt und alles andere relativ ist.

Ein Beispiel, das Redecker indirekt aufruft, ist der Umgang mit Grenzen.
Nicht mehr Expansion steht im Vordergrund, sondern radikale Abschottung. Die Gewalt verlagert sich:

  • in Verfahren,
  • in Zuständigkeiten
  • in das  bewusste Wegsehen.

Menschen sterben dann nicht, weil jemand sie aktiv verfolgt, sondern weil man entschieden hat, dass ihr Leben nicht mehr in den Ordnungsrahmen der Mehrheitsbevölkerung passt.

Das ist eine kühlere, leisere Form von Härte. Aber keineswegs eine harmlosere.

Affekte: Die Moral der Gekränkten

Was das Buch besonders stark macht, ist sein Gespür für die affektive Dimension.

Redecker beschreibt keine Ideologie im engeren Sinne, sondern eine Gefühlslage:

  • das Gefühl, zu kurz zu kommen
  • die Überzeugung, dass andere bevorzugt werden
  • die stille Wut darüber, dass die Welt sich verändert.

Daraus entsteht eine Logik, die sich ungefähr so zusammenfassen lässt:
Wenn ich schon verliere, dann soll wenigstens die Ordnung hart bleiben.

Oder schärfer:
Dann sollen wenigstens die anderen es auch schwer haben.

Das ist kein Zynismus von außen, sondern eine präzise Beschreibung einer Haltung, die politisch enorm wirksam ist. Sie erklärt, warum Härte oft gerade dort gefordert wird, wo sie den Fordernden objektiv schadet.

Die Verwechslung von Freiheit und Verfügung

Ein wiederkehrendes Motiv bei Redecker ist die Kritik an einem bestimmten Freiheitsbegriff.

Freiheit erscheint in der von ihr beschriebenen Gegenwart oft als:
die Möglichkeit, über etwas zu verfügen, ohne Rücksicht auf andere.

Genau das aber wird im Zustand des Phantombesitzes zur Falle. Denn diese Form von Freiheit lässt sich nur aufrechterhalten, wenn man ständig Grenzen zieht und verteidigt.

Die Alternative, die Redecker andeutet, bleibt bewusst leiser.
Sie spricht von Verbundenheit, von Abhängigkeit, von einem Leben, das nicht auf Kontrolle basiert.

Man kann das pathetisch finden. Oder notwendig.

Ein Buch gegen die Selbstverständlichkeit der Verhärtung

Was dieses Buch so lesenswert macht, ist nicht, dass es alles erklärt.
Sondern dass es etwas verschiebt.

Nach der Lektüre wirken viele Debatten plötzlich anders:

  • die Schärfe in Migrationsfragen
  • die Aggression in Klimadebatten
  • die merkwürdige Lust an Strenge und Ordnung.

All das erscheint nicht mehr als Sammlung einzelner Konflikte, sondern als Ausdruck eines gemeinsamen Musters.

Und dieses Muster hat einen Kern:
den Versuch, etwas festzuhalten, das sich nicht mehr festhalten lässt.

Was nach der Lektüre bleibt

„Dieser Drang nach Härte“ ist ein unbequemes Buch.
Nicht, weil es marktschreierisch daherkommt, sondern weil es kühl analysiert:

Dass die Härte, die wir so gern bei anderen verorten,
möglicherweise auch uns selbst bereits mehr, als uns lieb ist, ergriffen hat.

Der Begriff des Phantombesitzes bringt das auf den Punkt.
Er beschreibt eine Gesellschaft, die verteidigt, was sie nicht mehr begründen kann –
und gerade deshalb nicht damit aufhört.

Man kann Redecker vorwerfen, dass sie vieles nur anreißt.
Dass ihre Begriffe und Zustandsbeschreibungen offen bleiben, sie häufig bloß an der Oberfläche kratzt, statt wissenschaftlich erxakt zu erklären.
Dass ihre Gegenentwürfe vage sind.

Aber vielleicht liegt genau darin die Stärke dieses Buches.

Es liefert keine fertige Theorie.
Es konfrontiert uns stattdessen mit einer Irritation.
+++

Eva von Redecker
Dieser Drang nach Härte: Über den neuen Faschismus
S. Fischer Verlage
272 Seiten (Print)
Erschienen: März 2026
ISBN: 978-3103977240
+++

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