Vier-Tage-Woche: Moralpredigt statt Realitätssinn
Herr Merz meckert seit längerem, Deutschland müsse mehr arbeiten – Teilzeit und Vier-Tage-Woche seien Gift für Wettbewerbsfähigkeit. Vorwurfsvoll beklagt er die „Work-Life-Balance“ und meint, damit lasse sich der Wohlstand nicht halten. In der gleichen Tonlage bemängelt er unsere geringe Arbeitsleistung und Arbeitsmoral. Er hält uns nach meinem Empfinden für faul, verlogen und ineffizient und scheint den Alltag eines durchschnittlichen Arbeitnehmers gar nicht zu verstehen. Daher sorgt die Fragestellung, wie lange Menschen theoretisch arbeiten könnten, bei mir für Unmut. Wichtiger ist: wie lange sie es unter realen Bedingungen tatsächlich schaffen, ohne daran zu zerbrechen.
Zwei Perspektiven auf dieselbe Arbeitswelt
Die Sicht auf diese Diskussion hängt stark davon ab, aus welcher Lebensrealität man schaut. Aus Sicht des Bundeskanzlers müssen wir, Arbeitnehmer, länger in Büros sitzen, in allerlei Verkehrsmittel fahren bzw. diese führen, länger auf Baustellen und an der Kasse arbeiten, länger die anderen versorgen und verarzten und so weiter. Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung ist dabei nur das i-Tüpfelchen auf dem Berg seiner Ignoranz und seines Misstrauens.
Die nüchterne Rechnung der Demografie
Ökonomisch betrachtet hat Merz genau mit einem Punkt recht: Eine alternde Gesellschaft kann ein umlagefinanziertes Rentensystem nicht unverändert lassen, wenn immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentner finanzieren müssen. Länger zu arbeiten (am besten nach dem Eintritt der Rente flugs abkratzen) entlastet die Rentenkasse schon, so viel Arithmetik kann ich noch. Doch diese Rechnung geht im wirklichen Leben nicht auf. Außerdem betrachtet sie Arbeitsstunden als Zahlen – nicht als Lebenszeit eines Menschen. Sprechen wir erstmal über Zahlen.
Wenn Zahlen auf Lebensrealität treffen
Zum ersten scheiden viele schon vorzeitig aus dem Arbeitsleben aus, sodass höhere Renteneintrittsalter oft nur Kosten zwischen Renten-, Kranken- und Sozialkassen verschieben. Zum zweiten entsteht Wohlstand langfristig eher durch Produktivitätssteigerung als durch mehr Arbeitsstunden. Wenn Produktivität stagniert, hilft auch Arbeitszeit als Stellschraube nicht, vor allem ersetzt sie keinesfalls strukturelle Veränderungen. Gleichzeitig trifft längeres Arbeiten unterschiedliche Berufsgruppen äußerst ungleich. Dazu komme ich gleich.
Misstrauen statt Vertrauen: Die Krankschreibung als Symbol
Zum dritten: Wer krank ist, ist krank – unabhängig davon, ob er persönlich im Wartezimmer sitzt oder nicht. Die Rücknahme der Krankschreibung per Telefon zwingt uns dazu, trotz Krankheit in überfüllten Praxen zu warten und erhöht den Druck, doch arbeiten zu gehen. Besonders betroffen sind Menschen mit wenig Flexibilität, langen Wegen oder prekären Arbeitsverhältnissen. Statt Vertrauen in ärztliche Einschätzung und Eigenverantwortung zu stärken, winkt die Politik erneut mit dem Pfahl vor der Nase des Arbeitnehmers.
Ein flexibles Rentensystem statt starrer Altersgrenzen
Ich will gar nicht über ein höheres Rentenalter diskutieren. Ein flexibles Modell soll her: 67 Jahre sind schon mehr als genug, danach sollte arbeiten, wer will, aber nicht, wer muss. Wer länger arbeitet, soll deutlich belohnt werden; wer körperlich belastet arbeitet, kann früher ohne große Abschläge gehen. Parallel müsste stärker investiert werden – in Weiterbildung und viel höhere Erwerbsbeteiligung von Teilzeitkräften und Älteren durch bessere Arbeitsbedingungen. Ich weiß, dass im Raum immer die Frage steht: Wer soll das bezahlen?
Der Alltag eines „Otto-Arbeitnehmers“
Nun, ist der technische Fortschritt so schnell an Herrn Merz vorbeigegangen? Viele Tätigkeiten können problemlos vom Homeoffice erledigt werden – das wurde spätestens seit Corona deutlich. Manche Firmen haben ernsthaft überlegt, ob sie Büromieten einsparen können. Spoiler – ja, sie können. Außerdem – ich lüfte noch ein Geheimnis – Arbeitsstunden absitzen und ergebnisorientiert arbeiten ist weder dasselbe noch das Gleiche. Das kann er natürlich nicht wissen, seine berufliche Laufbahn unterscheidet sich sehr von einem durch- oder unterdurchschnittlichen, aber ins Leben eines Otto-Arbeitnehmers könnte er mal reinhorchen – nicht aus menschlichem Interesse, aber eventuell aus beruflichem Nutzen. Dann würde er erfahren, dass der Arbeitstag viel früher beginnt, als man „sticht“, dass die „Stechregelung“ aus einem grauen Zeitalter stammt und trotzdem korinthenkackerisch penibel ausgeführt und trotzdem korinthenkackerisch penibel ausgeführt wird, dass die Wege zur Arbeit sehr lang sein können, dass man davor und danach Angehörige versorgt, pflegt, zum Kindergarten oder zur Schule bringt, einkaufen geht, kocht und putzt, wäscht und bügelt, ehrenamtliche Aufgaben übernimmt, private Angelegenheiten regelt u.v.a. Und es gibt auch Alleinerziehende, die ihre Aufgaben eben alleine erledigen, meistens ohne Haushaltshilfe und Chauffeur. Vom Wochenende bleibt im besten Fall nur Sonntag, weil Samstag alles erledigt werden muss, was an Abenden davon nicht erledigt werden konnte. So sieht es aus.
Produktivität schlägt Arbeitszeit
Durch Digitalisierung würden Menschen nicht länger arbeiten, sondern jede Arbeitsstunde wäre effizienter. Wenn ein Ingenieur, eine Verwaltungskraft oder ein Vertriebler durch Automatisierung, KI-Assistenz oder digitale Prozesse mehr Output erzeugt als früher, brauchen sie dafür weniger zusätzliche Arbeitsstunden. Fast alle Arbeitszeitverkürzungen wurden in unserer Geschichte genauso möglich: durch Produktivitätsgewinne, nicht durch Moralisieren und Zwingen zu Mehrarbeit.
Digitalisierung als eigentliche Stellschraube
Am wirksamsten wäre, diese Maßnahmen zu kombinieren: Digitalisierung einzusetzen, Remote-fähige Arbeit systematisch auszubauen, ältere Arbeitnehmer digital weiter zu qualifizieren, Bürokratie massiv zu automatisieren und Produktivitätsgewinne gezielt in die Sozialversicherung zu leiten. Dann müsste nicht jeder Einzelne länger arbeiten – sondern die gleiche Gesellschaft könnte mit weniger Arbeitsstunden pro Kopf trotzdem mehr finanzieren.
Vier Tage Arbeit – mehr Leistung?
Bei einer verkürzten Woche haben Beschäftigte bessere mentale Gesundheit und sind insgesamt viel zufriedener. In einer internationalen Studie mit rund 2.900 Teilnehmern berichteten viele über deutlich reduzierten Burn-out, besseren Schlaf und mehr Wohlbefinden nach sechs Monaten 4-Tage-Woche bei vollem Gehalt. Viele Pilotprojekte berichten, dass Produktivität eben nicht sinkt oder sogar steigt, weil sich Teams auf Kernaufgaben konzentrieren und weniger Zeit verschwenden. In einem britischen Pilotprojekt gaben 95 % der Unternehmen an, dass Produktivität gleichblieb oder zunahm. Eine deutsche Pilotstudie mit über 40 Firmen bestätigt diese Ergebnisse. Microsoft Japan fand in einem Experiment eine Produktivitätssteigerung von fast 40 % bei 4-Tage-Wochen. Teilnehmer in 4-Tage-Wochen nahmen weniger Krankentage und blieben ihrem Arbeitgeber länger treu.
Die unterschätzte Kraft der Distanzarbeit
Distanzarbeit wird zu Unrecht sehr unterschätzt. Sie erhöht nachweislich (QUELLE) die Beteiligung von Eltern, Pendlern, Älteren, Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Weniger Pendelverkehr senkt CO₂-Emissionen. Auch Einsparungen durch weniger Autofahrten, geringere Kosten bei Energie und Räumen sind ein Argument „dafür“. QUELLEN. Gut, nicht in jeder Branche ist es machbar und bessere Leistungen sind nicht garantiert. Pflege, Handwerk, Logistik oder Produktion lassen sich nur begrenzt virtualisieren und mit der Arbeitszeitverkürzung muss getüftelt werden. Aber wenn die durch Digitalisierung entstandenen Gewinne gerecht verteilt werden, haben wir die Rentenfinanzierung wirklich aufgebessert.
Wohlstand ist mehr als Arbeitsstunden
Lebenszeit und Lebensqualität müssen längst ökonomisch betrachtet werden. Sie entstehen nicht im Bruttoinlandsprodukt, sondern in freier Zeit, Gesundheit und sozialen Verbindungen und Aktivitäten. Wenn ein in die Jahre gekommene Arbeitsnehmer am Ende eines normalen Arbeitstags kaum Raum für sich selbst findet, empfindet er/sie die Forderung nach noch mehr Arbeit nicht als wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern als Rückschritt und Schikane. Während andere Länder darüber nachdenken, wie Arbeit neu organisiert werden kann – mit Experimenten zur Vier-Tage-Woche, bedingungslosem Grundeinkommen oder staatlicher Absicherung kreativer oder unregelmäßiger Erwerbsformen – wirkt der Ruf nach längerer Arbeitszeit wie ein Schritt zurück in ein industrielles Verständnis von Leistung und wie ein Zeichen eines mangelhaften oder kaum existierenden Dialogs zwischen Politik und Wählern. Das wird früher oder später auch bei Wahlen sichtbar.
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