Bei Hank im Wohnzimmer

Warum Schreiben die Welt nicht rettet – aber vielleicht den Autor

Anfangs wusste ich nicht, was Kolumnen sind.
Nach 50 Texten begriff ich, dass sie nichts verändern.
Heute veröffentliche ich meine 250-ste.
Rubrik: Beschäftigungstherapie für alte Männer (allemal besser als alleine saufen).

Bei Hank im Wohnzimmer
Bild von ChatGPT

„Du feierst alsbald ein Jubiläum“, sagt Gisela, unsere virtuelle Redaktionsassistentin.
„Was für’n Jubiläum?“, frage ich verwundert.
„Deine 250-ste Kolumne.“
„WAS??? SO VIELE???“
„Ja. Wir sind so stolz auf dich.“

„Und nun soll ich bestimmt ne Jubiläums-Kolumne schreiben, mit ner Menge unsinnigem Jubiläumskram drin.“
„Du könntest dich auf deine Wurzeln rückbesinnen.“
„Das Bonner Westend, wo ich aufgewachsen bin?“
„Nein, deine allererste Kolumne.“
„Die ist lange her. Hilf mir auf die Sprünge.“

„Du hast dich bei Bukowski ins Wohnzimmer gesetzt und mit deinem literarischen Idol unterhalten.“
„Stimmt, erinnere mich dunkel. Hab ich damals noch getrunken?“
„Du warst schon ein paar Jahre trocken.“
„Dann waren weniger Tippfehler drin.“

„Die Redaktion hat den Hut rumgehen lassen und zusätzlich die Kaffeekasse geplündert und spendiert dir 1 Nacht im Tropicana Motel. Das gefiel dir doch so gut.“
„Damit ich mich nach all den Jahren wieder mit Hank verabrede? Wahrscheinlich hat der kurzfristig gar keinen Termin frei.“
„Längst alles arrangiert. Du triffst dich übermorgen mit ihm in East Hollywood. Touristenvisum habe ich ebenfalls klargemacht … jetzt benötige ich bloß noch deine Kreditkarte“, flötet Gisela.
„???“
„Um die Flugtickets und den Mietwagen zu bezahlen. Für eine eventuell zweite Übernachtung müsstest selbstverständlich auch du aufkommen.“
„War klar.“

„Und lösche vor deiner Abreise vorsichtshalber alle Posts in Facebook, in denen du dich negativ über den US-Präsidenten geäußert hast. Andernfalls riskierst du …“
„… 4 Wochen in einem ICE-Internierungslager … könntest du das bitte für mich tun? Bin in Eile: Will mir noch ein paar schlaue Fragen fürs Interview überlegen und muss vorher dringend zum Friseur.“
„Ich lösche ALLE kritischen Posts von Henning“, sagt Gisela. Dann legt sie auf.
+++

In Hank’s Wohnzimmer

48 Stunden plus 2 Dutzend Coke Zero & 5 Liter Kaffee und 1 AUSGIEBIGE Einreisekontrolle später: 5124 De Longpre Avenue, Los Angeles, CA 90027.

Ich sitze wieder bei Hank.
Im Wohnzimmer.
East Hollywood.

Der Bungalow döst in der Hitze wie ein altes Krokodil, das auf seine Verdauung wartet.

Drinnen riecht es nach billigem Alkohol, Papier und schlechten Entscheidungen.

Ein kleines Jubiläum

Ich sehe mich um.
Bierdosen.
Papierstapel.
Die alte Schreibmaschine.
Alles noch da.

Hank liegt auf dem Sofa.
Bademantel.
Offen.

Er sitiert mich an.

„Du siehst aus, als wärst du falsch abgebogen.“

„Ich habe ein Jubiläum.“

„Klingt nach 20 Jahre mit der falschen Frau zusammen.“

„Meine 250ste Kolumne.“

Er nimmt einen Schluck Bier.

„Du zählst die?“

„Manche Leute zählen Schritte. Unsere Redaktionsassistentin zählt Texte.“

„Hübsch?“

„Wer?“

„Eure Redaktionsassistentin.“

„Ist eine Maschine.“

„Krasser Scheiß!“

Was ist eigentlich eine Kolumne?

„Als ich angefangen habe“, sage ich, „wusste ich nicht mal, was eine Kolumne ist.“

„Das merkt man vielen Autoren auch nach Jahrzehnten noch an.“

„Ich habe damals einen Kollegen gefragt.“

„Das war dein erster Fehler.“

„Ich fragte: Was ist eine Kolumne?“

„Und?“

„Der Kollege sagte: Eine Kolumne ist das, was du darunter verstehst.“

Hank nickt.

„Gute Antwort. Heißt: Keiner weiß es so genau.“

Zwischen einem und einer Million Wörter

„Dann fragte ich: Wie lang muss so ein Text sein?“

„Du bist ganz offensichtlich Deutscher.“

„Er sagte: Zwischen einem und einer Million Wörter.“

Hank grinst.

„Das nenne ich mal genügend Spielraum für kreative Freiheit.“

Der Kerl, der sich bezahlen ließ

„Ich fragte ihn: Welches Thema?“

„Jetzt kommt der Teil, wo alles schiefgeht.“

„Er antwortete: Schreib zuerst über Bukowski. Davon hast du doch ein bisschen Ahnung.“

Hank setzt sich auf.

Der Bademantel klafft weit auseinander. Ich bemühe mich, nicht hinzuschauen.

„Ein bisschen Ahnung“, knurrt er.

Er zeigt auf sich.

„Ich habe jahrelang Kolumnen geschrieben.“

„Ich weiß.“

„Woche für Woche. „Notizen eines schmutzigen alten Mannes“ …

… „Ich habe den Dreck aufgeschrieben.
Die Bars.
Die Pferde.
Die Frauen.
Die Rechnungen …

… und weißt du, was der Unterschied zwischen uns ist?“

„Du hast dich bezahlen lassen.“

„Verdammt richtig.“

Du sitzt seit Jahren in meinem Wohnzimmer

„Nach meinem ersten Besuch hier“, sage ich, „habe ich meiner Kolumne eine Rubriküberschrift gegeben.“

„Hoffentlich nicht was Deutsch-Verkopftes.“

„Ich taufte sie: Bei Hank im Wohnzimmer.“

Mein Gegenüber lässt den Blick durch den Raum wandern.

Die Dosen.
Das Sofa.
Den Teppich.

„Du sitzt also seit Jahren literarisch in meinem Wohnzimmer.“

„So ungefähr.“

Er hebt die Augenbraue.

„Und ich sehe keinen Cent Miete.“

Nach fünfzig Texten erlischt das anfängliche Feuer

Ich zögere kurz, bevor ich weiterrede: „Spätestens nach der fünfzigsten Kolumne merkte ich, dass ich mich geirrt hatte.“

„Womit?“

„Mit der Vorstellung, dass man mit Texten die Welt besser machen kann.“

Hank lacht.

Es ist kein freundliches Lachen.

„Du dachtest ernsthaft, Kolumnen retten die Welt?“

„Vielleicht ein bisschen.“

„Junge, was für ein romantischer Bullshit.“

Er lehnt sich zurück.

„Die Welt ist ein schmutziger Boxring. Und Kolumnisten sind bloß die Leute mit Notizblock am Rand.“

Idealismus zahlt keine Rechnungen

„Warum hast du deine Kolumnen geschrieben?“, frage ich.

Er zuckt mit den Schultern, leert eine Dose warmes Bier auf ex.

„Weil ich Material hatte. Und Rechnungen. Du hast mit Idealismus angefangen“, sagt er, „Ich mit Existenzangst.“

„Und wer hatte Recht?“

„Keiner. Aber ich wurde bezahlt.“

Warum man trotzdem weiterschreibt

Stille.

Die Hitze hängt im Raum.

„Was würdest du im 250sten Text schreiben?“, frage ich.

Bukowski denkt kurz nach.

„Schreib, dass du keine Ahnung hattest, was eine Kolumne ist. Schreib, dass man dir sagte: zwischen einem und einer Million Wörter. Schreib, dass du dachtest, du könntest mit deinen Texten etwas verändern. Und schreib, dass du nach fünfzig gemerkt hast, dass das kompletter Unsinn ist.“

„Mehr hast du nicht auf Lager? Ich jette 12 Stunden oneway nach L.A., nur um von dir wiederholt zu bekommen, was ich dir selbst vor 5 Minuten erzählt habe? Da hätte ich mir die Reise echt sparen können für dieses  dünne Gelaber.“

„Ja, du hättest stattdessen einen Zoom-Call vereinbaren können. Wäre kostengünstiger gewesen. Aber eure virtuelle Assistentin bestand auf einem persönlichen Treffen. Das wäre wichtig für dich, damit du mal rauskommst aus deinem eigenen Wohnzimmer. Von wegen Luftveränderung täte dir gut. Sehr charmant übrigens, die Dame; weshalb ich ihr den Wunsch nicht abschlagen wollte …  aber einen Hinweis habe ich noch für dich. Den wichtigsten.“

„Welcher wichtige Hinweis soll das sein?“

„Schreib, dass du trotzdem weitergemacht hast.“

„Warum?“

Er lehnt sich zurück, schließt die Augen.

„Weil Schreiben nicht dazu da ist, die Welt zu retten. Die Welt hört sowieso nicht zu. Schreiben ist nur dafür da, dass du selbst nicht völlig verrückt wirst. Das ist der wahre Grund, weshalb du 250 Kolumnen geschrieben hast und nichts anderes.“

„Da ist was dran“, sage ich.

„Natürlich ist da was dran. Ich mach das seit über 80 Jahren. Und nun entschuldige mich: Ich muss meinen Rausch ausschlafen, mir dann Nachschub besorgen und will heute Abend noch 2 Kurzgeschichten tippen. 1 wird von einem orientierungslosen deutschen Kolumnisten handeln, der nach L.A. fliegt, um sich dort Rat von einem Profi zu holen und am Ende doch nichts verstanden hat … du weißt, wo die Tür ist .“ … „Hol dir unbedingt Hilfe, wenn du wieder in Deutschland bist! Das geht sonst nicht gut aus“, ruft er mir zum Abschied hinterher.
+++

Zurück am Schreibtisch in Bonn stelle ich fest, dass Gisela ALLE meine Posts in Facebook gelöscht hat.
Ich rufe in der Redaktion an: „WO IST GISELA?“
„Die hat sich diese Woche freigenommen. Dringende Wartungsarbeiten am System.“
„Wusstet ihr, dass sie ALLE Posts von mir gelöscht hat?“
„Sie sagte, du hättest ihr diesen Auftrag kurz vor deiner Abreise erteilt.“
„Sie sollte bloß die kritischen Beiträge rausnehmen.“
„Aus ihrer Sicht waren wahrscheinlich alle deine Beiträge kritisch.“
„Was für eine Scheiße!“
„Ärger dich nicht. Schreibst du halt neue Posts. Wofür bist du sonst Autor? … Wie war’s übrigens in L.A.? Hast du ein paar Tipps von Hank bekommen? Wäre schön, wenn du uns die in unserer internen Gruppe mitteilen würdest. Davon können wir alle profitieren und nicht nur du alleine. Sei zur Abwechslung mal ein Teamplayer und nicht das übliche Ich-hasse-meine-Kollegen-Arschloch.“
„Ihr könnt mich alle mal!“
+++

Lesen Sie auch: Das Wiedersehen – Kapitel 1
Das Wiedersehen
Ein Interview mit Charles Bukowski für DieKolumnisten? Geht doch gar nicht, der ist doch tot? Natürlich geht das bei Henning Hirsch. (erschienen am 21. Jul 2017).

Die beste Einstiegslektüre für Charles Bukowski ist sein Debütroman Post Office (dt. Der Mann mit der Ledertasche)

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