Weltfrauentag

Der 8. März als Internationaler Tag der Frauen

Wer wie unsere Autorin Chris Kaiser im real existierenden Sozialismus geboren wurde, ist mit dem Internationalen Frauentag am 8. März sozialisiert. Aber was bedeutet der Tag heute und hier noch?

Weltfrauentag mit roter Nelke. Bild: Goran Horvat - Pixabay

Ich wohne in Bayern und heute ist in Bayern Kommunalwahl. Als ich zum ersten Mal von der Festlegung des Wahltages auf den 8. März erfuhr, hat es in mir gleich gezuckt und eine innere Stimme verkündete würdevoll und bestimmt: Internationaler Frauentag. Ich versuchte, darüber hinwegzuhören, weil: Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Aber es passiert jedes Mal, wenn ich von dem Termin höre. Und das ist meiner Sozialisation in einem – haha – sozialistischen Land geschuldet.

Im Westen etwas Neues

Denn: Als ich gestern jemandem sagte, ich würde eine Kolumne zu diesem speziellen Tag schreiben, kam Schweigen vom anderen Ende der Leitung und ein dann verunsichertes: „Wieso speziell?“ Ich sagte nochmal: „Achter März?“ – und wieder kam betretenes Schweigen. Also gibt es diese Verkündungsstimme nicht in jedem drin, die bei „Achter März“ sofort ansagt: „Internationaler Frauentag“. Bei mir waren es 16 Jahre bis 1989, davon fast alle in irgendwelchen Einrichtungen wie Schule oder Kindergarten, in denen man etwas für Mama bastelte, der Lehrerin Blumen schenkte und rote Nelken besonders häufig vergeben wurden. Da unser Haushalt nur aus weiblichen Mitgliedern (Mama, Oma und ich) bestand, kann ich nicht berichten, ob dieser Tag auch im Privaten zwischen Mann und Frau gefeiert wurde. Aber da draußen, öffentlich? Da ausgiebigst.

Bayern und die CSU

Ich bin jetzt nicht sicher, ob Markus Söder, unser bayerischer, super-maskuliner CSU-Wurstesser, bewusst diesen Tag aussuchte, um seine Parteigenossen – wie er hofft – wählen oder wiederwählen zu lassen. Aber ein bisschen diskrepant ist es schon, dass ausgerechnet die tiefkonservative Partei ihre „Herdprämie“ so nach und nach fallen und jetzt ganz streichen ließ, sich am Frauentag wählen lassen will. Allerdings: Es ist nicht alles schwarz-weiß  – immerhin soll es einen kräftigen Schub für die bayerischen Kommunen aus München geben, damit diese das Kinderbetreuungsangebot ausbauen können. Löblich, dass ausgerechnet etwas so Wichtiges, so weit vor dem Wahltermin entschieden wurde, an dem man es hätte für sich nutzen können Aber da hätte man vielleicht zugeben müssen, dass der Alleingang gegen die große Koalition in Berlin, was das Bild der arbeitenden Mutter anbelangt, irgendwo doch falsch war?
Somit gehe ich davon aus, dass viele Bayern Bahnhof verstehen, wenn man ihnen in die Augen sieht und sagt: „Achter März“. Auch politisch ausgefuchste Macher. Männliche sowieso.

Rote Nelke und sonst?

Meinen westdeutschen und nachsozialistisch sozialisierten Lesern sei vergewissert: Ein besonders progressives Frauenbild war auch damals im Osten nicht vorherrschend. Und feministisch sowieso nicht. Bei Proletariern haben seit Beginn der Industrialisierung Frauen in den Fabriken gearbeitet, auch im real existierenden Kapitalismus. Gerade dort. Immerhin würden wenige DDR-Ideologen gewagt haben, zu verlangen, dass Frauen NUR sich und das Abendessen für den Mann feinmachen. Nein, eher wurde verlangt, dass sie außerdem DAZU noch ihren Beruf fein machen sollen. Am Weltfrauentag gabs halt die rote betriebsseits gekaufte Nelke und der Vorarbeiter der Brigade kochte den Kaffee (wenn es welchen gab). Aber es war eine Ehrung, immerhin. Und einige Damen schwärmen heute noch davon.

Kommunalwahlen in Bayern

Aber kommen wir zurück zum heute und hier (Bayern). Wie sieht es aus in den bayerischen Kommunen, 35 Jahre nach der Wiedervereinigung, 108 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts? Ein paar Statistiken:
Der Frauenanteil auf den Wahllisten der Kommunalwahlen ist gegenüber der letzten Wahl 2020 sogar noch gesunken, von ca. 22% auf 20%. Ins Mandat geschafft haben es vor sechs Jahren auch nur soviele, dass sie etwa ein Zehntel der Positionen erhielten. Erwartbar und traurig sieht es bei der CSU aus, da reden wir von ca. 10% auf den Listen. Andere Parteien variieren ebenso erwartbar, mit fast 40% bei den Grünen und ca. 4% bei der AfD.

Wie wählt man ostdeutsch?

Gibt es einen Unterschied zwischen Ost- und West-Deutschland für die Frauen bei Mandaten? Also geschuldet der sozialistischen Förder- und Gleichberechtigungsdoktrin, vielleicht auch des Selbstverständnisses und der besonders guten Betreuungssituation der Kinder? Oder gerade umgekehrt, wegen des Vorherrschens der „konservativen“ AfD? Vielleicht gleicht sich das auch aus – noch – aber der Einfluss der AfD nimmt zu, der Gleichberechtigtenbonus der Vorwendezeit nimmt gerade rapide ab. In den Landesparlamenten jedenfalls ist das Gefälle inzwischen von Nord nach Süd und im Moment nicht von Ost nach West.

Die Kommunalwahlen sind noch weit mehr betroffen von diesem Gendergap als die Bundes- und Landesparlamente. Was man im größeren Personalpool der Landes- und Bundesverbände noch kompensieren kann, wird auf kommunaler Ebene zum blamablen Desaster. Faktoren, wie Verbindungen, Vernetzungen, die weniger ideologisch, dafür aber klüngelhafter wirken, setzen sich deutlicher durch. Feminismus verliert im Dorf an Bedeutung, es geht um die Verkehrsplanung, das Bauvorhaben, Hammer und Schaufel, und den (meist männlichen) Fußballverein. Die Frauenquote und die Augenhöhe zwischen den Geschlechtern ist eben Theorie, die Anstrengung und genau dieses Ziel braucht, um das Ideal zu erfüllen.

Feminismus im Dilemma

Feminismus hat wie jede Identitätspolitik das Dilemma, zwei sich widersprechende Ziele erreichen zu wollen. Sichtbarkeit UND Unsichtbarkeit zugleich. Jede Minderheit (und paradoxerweise muss man die Hälfte der Menschheit, also die Frauen, dazu zählen) möchte eigentlich die Integration und nicht die Reduktion auf ihre besonderen Merkmale, die sie als diese Minderheit, mit dieser einen Identität bezeichnet. Ich möchte nicht ALS FRAU gewählt werden, ich möchte nicht ALS FRAU arbeiten, ich möchte nicht ALS FRAU von anderen in der U-Bahn angesehen werden usw. Denn wenn ich ALS FRAU marginalisiert werde, oder zB in der Bundesrepublik der 60er und 70er auf dem Arbeitsmarkt anders gesehen wurde als ein Mann, meist zu meinem Nachteil, dann möchte ich diese, mir als „Makel“ angeheftete Identität nicht haben.

Der Klempner und der Ingenieur

Auf der anderen Seite: ALS FRAU marginalisiert werden, heißt eben auch, dass der prototypische Arzt, Ingenieur, Milliardär, Klempner etc in der Vorstellung als ein Mann gesehen wird. Also will man die Sichtbarkeit ALS FRAU und ALS INGENIEUR haben, damit sich in den Köpfen der Menschen, vor allem des Nachwuchses nicht festsetzt, dass es eine notwendige Bedingung ist, ein Mann zu sein, um Ingenieur zu werden. Und erst mit längerem Nachdenken erkennt, dass ein Mann definiert wird über das Tragen eines Penises (vereinfacht gesagt, aber ist auf die komplexere biologische Realität übertragbar), aber dieser beim Ingenieurs-Handeln nicht gebraucht wird. Also könnte es genausogut auch ein Nicht-Penisträger machen, also wahrscheinlich auch eine Frau. Doch diesen langen Gedankengang geht unser Gehirn beim schnellen Identifizieren eben nicht. Und somit kämpft ein Identitätsideologe, mit den sowieso ausgestatteten Merkmalen (also eben eine Frau zu sein, kein Mann, also kein Penis zu haben) in die Sichtbarkeit des Prototypen als Bürgermeister, als Ingenieur, als Klempner, als Milliardär einzudringen. Um dann im zweiten Schritt diese Merkmale (männlich/weiblich) in der neuen Identität als Bürgermeister, Ingenieur, Klempner, Milliardär als überflüssige Kennzeichnung letztlich unsichtbar machen zu lassen.

Ein Spektrum an Feminismen

Spielarten des Feminismus gibt es viele, vor allem kann man ein lineares Spektrum entlang der Identität des Weiblichen ausmachen. Ich sehe mich in diesem Spektrum auf der Seite, die das Merkmal der Weiblichkeit als trivial und zufällig bestimmt, erkennt, dabei weder als horrender Nachteil oder Unglück beklagt, noch im Triumph als Monstranz vor sich trägt. Ich bin überzeugt davon, dass es weder Glück noch Unglück sein sollte, als Mann oder als Frau (oder auch als Zwitter) geboren zu sein. Sondern es als eine Beigabe betrachtet, die essenziell für die Menschheit selbst ist, aber nicht für mich. Damit wurde nur zufällig eine der beiden Aufgaben mitgegeben, die ich wahrnehmen kann oder darauf verzichten. Und es genausogut eben die andere Aufgabe hätte sein können (die ein Mann hat).

Feminismus kann aber am anderen Ende des linearen Spektrums auch heißen, dass man die genetische Überlegenheit an sich realisiert sieht, die Privilegien mit sich bringen. Die Herrschaft über das genetische Material beider Geschlechter für neun Monate zum Beispiel. Das ist ein bisschen selektive Wahrnehmung, denn die erhöhte Vulnerabilität des weiblichen Körpers währenddessen hat uns Frauen mehrere Jahrtausende Unterwerfung unter den Mann eingebracht. Das Fass will ich jetzt nicht wirklich aufmachen, aber you get the picture. Es gibt immer ein Einerseits – andererseits.

Frauen in die Sichtbarkeit

Die Geschichte des 8. März begann mit dem Generalstreik der ärmsten Frauen von Petrograd 1917, Monate vor der Oktoberrevolution. Sie waren in ihrem Zusammenschluss und in ihrer Identität als Frauen nicht mehr völlig machtlos und der Unterwerfung als Klasse und als Geschlecht gefangen. Sie traten in die Sichtbarkeit durch ihre Zahl und ihre Selbstorganisation. Die Geschichte des Frauentags, als die Forderung, dass Frauen nicht nur „das andere Geschlecht“ (Simone de Beauvoir) sind, sondern Bürger mit allen Rechten und Pflichten zu sein haben, fängt schon früher an, bei den Suffragetten und Clara Zetkin.

Und an diesem Wahltag, 8. März 2026 – brauchen wir Frauen die Sichtbarkeit durch Zahlen in den Kommunen Bayerns und im Landtag von Baden-Württemberg. Um die Selbstverständlichkeit des „ein Mann ODER eine Frau“ in einem Amt in die Selbstverständlichkeit des „jemand, den man gewählt hat“ überzuführen. Erst wenn die Statistik der Wahllisten der Parteien über die Geschlechterverteiligung sich trivial bei ca. 50:50 einpendelt, wird es auch überflüssig sein, sich einen besonderen Tag der Frauen auszusuchen.

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