Iran: Sturz des Regimes ändert alles

Der Sturz des iranischen Regimes wäre ein Gamechanger für den gesamten Nahen Osten – mit Auswirkungen weit über die Region hinaus.

Felsrelief in Taq-e Bostan (Kermanschah), Krönungszeremonie Ardaschirs II. (gest. 383) ©Heiko Heinisch

Seit mehr als vier Jahrzehnten stützt Teheran seine Sicherheitspolitik auf ein Netzwerk von Stellvertreterorganisationen: von der Hisbollah im Libanon über Hamas und den Palästinensischen Dschihad bis hin zu schiitischen Milizen im Irak und in Jemen. Diese Terrororganisationen dienten einerseits dem ideologischen Pfeiler der iranischen Außenpolitik – der Bekämpfung und Zerstörung Israels – und andererseits als asymmetrische Abschreckung gegenüber Staaten, die einen Angriff auf Iran erwägen könnten. Über sie war Teheran in der Lage, Konflikte großräumig zu eskalieren und regionale Instabilität gezielt zu erzeugen. Damit war Iran über Jahrzehnte hinweg der größte Destabilisierungsfaktor im gesamten Nahen Osten.

Dieses System aus Proxys wurde von Israel nach dem Terrorüberfall der Hamas vom 7. Oktober 2023 scheibchenweise zerschlagen. Hamas und Palästinensischer Dschihad sind – zumindest auf absehbare Zeit – militärisch kaum noch handlungsfähig. Die Hisbollah wurde durch die Pager-Attacke und die anschließenden massiven israelischen Schläge im Herbst 2024, inklusive der gezielten Tötung des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah am 27. September 2024 so schwer getroffen, dass sie nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Diese Schwächung war eine der Hauptursachen für den Regimewechsel in Syrien gut einen Monat später, der den zentralen Landkorridor kappte, über den Iran die Hisbollah jahrzehntelang versorgt hatte. Trotz dieser Rückschläge und trotz der eigenen Belastungen durch den 12‑Tage‑Krieg im Juni 2025 versuchte Teheran weiterhin, die Hisbollah zu reorganisieren und Hamas wie Palästinensischen Dschihad zu unterstützen.

Der am Samstag in den Morgenstunden gestartete Angriff Israels und der USA auf Iran richtet sich neben militärischen Zielen unmittelbar gegen die Führung des Regimes und zielt auf einen Regimechange. Der Oberste Führer Ali Khamenei, mehrere Minister sowie führende Vertreter der Streitkräfte und der Revolutionsgarden sind den Luftschlägen bereits zum Opfer gefallen.

Ein Zusammenbruch des Mullah-Regimes würde das gesamte, über Jahrzehnte aufgebaute Gefüge aus Terror-Proxys endgültig zum Erliegen bringen. Für Israel bedeutete dies eine strategische und politische Entlastung und würde den Weg zu weiteren Friedensabkommen mit arabischen Staaten sowie zu einer breiteren Normalisierung der Beziehungen im Nahen Osten öffnen. Für den Libanon ergäbe sich die Chance, die von Iran finanzierte und bewaffnete Hisbollah – den faktischen Staat im Staat – vollständig zu entwaffnen. Für Jordanien entfiele ein wachsendes Sicherheitsrisiko, da die von Iran unterstützten Hamas-Schmuggelnetzwerke, über die Waffen in die Westbank gelangen, erheblich zur Destabilisierung beigetragen haben. Und für die Region insgesamt würde der Wegfall des zentralen Störfaktors zwischen Persischem Golf, Kaspischem Meer und Mittelmeer eine neue strategische Ausgangslage schaffen.

Auch für Europa wäre der Sturz des Regimes in Teheran eine Entlastung. Seit 1979 verzeichnet man auf dem Kontinent eine niedrige dreistellige Zahl von versuchten und gelungenen Anschlägen auf Dissidenten, Exilpolitiker sowie auf jüdische und israelische Einrichtungen, die dem iranischen Staat oder seinen Proxys zugerechnet werden. Zu den bekanntesten Fällen zählen das Attentat auf iranisch‑kurdische Oppositionsführer im Berliner Restaurant Mykonos im Jahr 1992 oder den Mord an drei kurischen Politikern durch ein iranisches Killerkommando 1989 in Wien. Seit 2021 hat die Zahl der ausgeführten oder vereitelten iranischen Anschläge in Europa deutlich zugenommen. Ein Bericht des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 nennt allein seit Januar 2022 zwanzig vom Iran unterstützte Anschlagsversuche auf britischem Boden.

Ein Ende des Mullah-Regimes würde diesen staatlich gesteuerten Terrorismus in Europa und anderen Teilen der Welt zum Erliegen bringen. Die jahrzehntelange Praxis, politische Gegner im Ausland zu verfolgen, jüdische Einrichtungen auszuspähen oder Anschläge über eigene Agenten und verbündete Netzwerke vorzubereiten, wäre damit strukturell nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Vor allem aber – und das lässt sich nicht genug betonen – wäre ein Regimewechsel eine Perspektive der Befreiung für große Teile der iranischen Bevölkerung. Seit Jahren protestieren Menschen im ganzen Land unter hohem persönlichem Risiko gegen Repression, Korruption, religiöse Bevormundung und politische Entmündigung. Bei den jüngsten Protesten Anfang dieses Jahres sind nach konservativen Schätzungen mehr als 30.000 Menschen getötet worden, tausende sitzen in den Foltergefängnissen des Regimes. Ein Zusammenbruch der Mullah-Herrschaft würde ihnen die Aussicht auf politische und gesellschaftliche Selbstbestimmung eröffnen.

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