(SEO: Jeffrey Epstein Antisemitismus Debatte)
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Kaum ein Thema dominiert die Medienlandschaft gerade so sehr wie die Epstein-Akten. Wenig verwunderlich: Die Abgründe, die sich dort offenbaren, und die Verwicklungen einer globalen Elite von Medienmogulen, Königshäusern und Regierungsoberhäuptern in dieses perverse Netzwerk sind ungeheuerlich.
Die seriösen Medien widmen sich der Aufdeckung und Analyse dieser Verstrickungen. Aber dann gibt es da auch noch Social Media. Und dort wird es ganz, ganz finster. Denn die eigentlichen Inhalte der Akten sind da oft nur eine Randnotiz. Es ist eklig, es ist pervers, es betraf Kinder und Jugendliche – aber das ist für viele nicht das wichtigste Faktum. Das Wichtigste in einer Welt, die seit zweieinhalb Jahren auf allen Kanälen mit schlimmsten, antisemitischen Ressentiments und Verschwörungstheorien bombardiert wird, ist für die meisten dort der schlichte Umstand: Jeffrey Epstein war Jude.
Die klassische Ritualmordlegende
Dass Juden gern Kinder ermorden, ist neben dem Brunnenvergiften und der heimlichen Weltherrschaft eines der klassischen antisemitischen Ressentiments. Den „Kindermörder Israel“ beschwört man schon regelmäßig bei allen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Land Israel und seinen Angreifern herauf, aber nun geht alles noch einen Schritt weiter.
Denn: Je ungeheuerlicher ein Vorwurf ist, desto eher sind die Leute bereit, ihn zu glauben. Was Epstein getan hat, geht offenbar vielen noch nicht weit genug. Kindesmissbrauch? Ritualmord muss es sein, mit anschließendem Verzehr der Opfer! Der Jude hat Kinder ermordet. Und gegessen. Zusammen mit seinen anderen, allesamt jüdischen Freunden. Und überhaupt. Das machen die Juden ja schon immer. Mit denen stimmt doch was nicht.
Ein Fest für die antisemitische Querfront
Man merkt den Judenhassern – von rechts, links und aus der Ummah – ihre geradezu orgiastische Freude darüber an, dass der Kopf eines der schlimmsten Verbrechernetzwerke unserer Gegenwart ausgerechnet jüdischer Herkunft war. Da werden sich Pegida-Peter, Marxisten-Marie und Ditib-Demir plötzlich einig, obwohl sie sich sonst spinnefeind sind.
Niemand käme auf die Idee, etwas von einer evangelischen Weltverschwörung zu faseln, wäre Epstein Protestant gewesen. Eine amerikanische Weltverschwörung fantasiert man auch nicht, obwohl er US-Bürger war.
Aber an Juden wird schon immer ein anderer Maßstab angelegt. Moralisch stets einwandfrei soll jeder einzelne Angehörige dieser Gemeinschaft sein, still, bescheiden, bedürfnislos. Sonst, so sagen dieser Tage viele, hat der österreichische Maler vielleicht doch recht gehabt. Überhaupt – vom Maler wird in letzter Zeit viel geredet. Hat man ihm vielleicht unrecht getan?, fragt man sich in den Social Media ganz unverblümt, jetzt, wo die Epstein-Akten ans Licht gekommen sind.
Dass allein dieser Gedanke – Juden müssen sich immer perfekt verhalten und ein schwarzes Schaf stellt die Existenzberechtigung aller anderen in Frage – , schon zutiefst rassistisch und antisemitisch ist, scheint vielen gar nicht klar zu sein. Da wird dann fix etwas von der „Antisemitismuskeule“ gefaselt, weil das Benennen sie mehr stört als der Antisemitismus selbst.
Guilt by association
Ein Jude hat Böses getan. Vielleicht auch mehr als einer. Für viele genug, um ein ganzes Volk (und Land, weil jüdischer Staat) zu entmenschlichen. Oft sogar die gleichen Leute, die sich sonst lauthals über beispielsweise „Islamophobie“ beschweren, wenn mal wieder ein islamistischer Terroranschlag das allgemeine Vertrauen in Muslime erschüttert.
Sippenhaft ist böse – na, außer, man nimmt Juden in Sippenhaft und entmenschlicht sie, dann geht das klar. Dabei ist es doch gerade das Menschsein, das auch unter Juden Verbrecher entstehen lässt. Menschen an sich sind zu den schlimmsten Dingen fähig, völlig egal ob sie jüdisch, muslimisch, katholisch oder atheistisch sind.
Epstein hatte Verbindungen zu israelischen Politikern, ja. Aber er hatte auch Verbindungen zu Politikern, Königshäusern und anderen einflussreichen Personen, die nichts mit Israel zu tun haben. Behauptet deswegen jemand, Epstein habe im Auftrag der Queen gehandelt? Nein, natürlich nicht. Das passt ja nicht ins Narrativ der jüdischen Weltverschwörung. Aber wenn das Wort „Israel“ fällt, horchen auf einmal alle auf. Dabei war Epstein vor allem mit solchen Politikern verbandelt, die die Netanjahu-Regierung zu unterminieren versuchten. Definitiv keine Arbeit für den israelischen Staatsapparat, sondern dagegen. Epstein mochte Israel laut seinen eigenen Aussagen nicht einmal. Aber wen interessiert das schon, wenn so eine fetzige Verschwörung viel mehr Spaß macht?
Jeder spinnt sich seine eigene judenfeindliche Theorie
Das Lieblingsnarrativ der Linken: Epstein war ein Mossad-Agent (lässt Israel gleich wieder schön scheiße aussehen), weil … ja, der Vater seiner Freundin Ghislaine Maxwell war vermutlich dort. Wenn das so ist: der Vater meiner besten Freundin ist Grünen-Politiker, also macht mich das demnach automatisch zu einer Grünen-Abgeordneten.
Das Lieblingsnarrativ der Rechten: Die jüdische Weltverschwörung existiert doch, die wollen die frommen Christen knechten und beherrschen, deshalb hat Epstein alle in sein Netzwerk gelockt. Gern werden auch kontextlose (Fake)-Zitate über Goyim angeführt, die die angeblich abwertende, jüdische Sicht auf Nichtjuden beweisen sollen. Dabei gibt es viele Religionen, die „Ungläubige“ als minderwertig betrachten, und das Judentum gehört explizit nicht dazu.
Es wird viel von „the great noticing“ gesprochen, einem großen Erwachen, in dem die Welt erkennt, dass „der Jude“ eben doch böse ist und die Welt aus dem Verborgenen beherrscht.
Das Lieblingsnarrativ der muslimischen Welt: Der österreichische Maler hatte doch recht. Darum hat ihn der Großmufti damals unterstützt, der wusste schon Bescheid. „The great noticing“ ist auch hier sehr willkommen, genau wie die absichtliche Fehldeutung des „auserwählten Volks“ als ein Überlegenheitsgedanke. Auch hier wieder Gemeinsamkeiten mit den Rechten. Und sowieso ist der ganze Fall ja ein Beweis für die moralische Verkommenheit des Westens.
Es wird sogar für die Integrität fanatischer Terroristen und Mörder wie Ali Khamenei argumentiert, indem gesagt wird: „Seht, der war nicht in den Epstein-Files!“ Als ob ihn das zu einem moralischen Saubermann macht. Netanjahu und Epstein konnten sich auch nicht ausstehen. Und nun?
Zuletzt natürlich das Lieblingsnarrativ der Verschwörungstheoretiker (auch hier eine gewisse Schnittmenge mit rechten Evangelikalen): Böse, satanische Rituale! Uuuuh! Satan und die Juden, die waren ja schon immer best buddies! Xavier ist erschüttert.
Das Schlimme ist, dass das nicht nur irgendwelche Spinner auf Facebook, Threads oder X sind, deren Beiträge von einer Handvoll Leuten gesehen wird. Auch politische Kommentatoren wie Tucker Carlson und Candace Owens, die eine riesige Reichweite haben, verbreiten unreflektiert judenfeindliche Verschwörungstheorien in der Welt. Die meisten Menschen, insbesondere die Zuhörer dieser Kommentatoren, sind kognitiv nicht in der Lage, diese Aussagen zu reflektieren und zu hinterfragen. Sie glauben sie einfach – mit fatalen Folgen.
Der jüdische Prototyp
Nun haben haben die Antisemiten jeglicher Couleur also, was sie immer wollten: Jeffrey Epstein.
Den Prototypen des „kriminellen, kindesmissbrauchenden Juden, der überall seine Machtnetzwerke hat“.
Der Name Epstein wird jetzt als Scheinargument gegen Israel und die schiere Existenz der jüdischen Gemeinschaft an sich durch Social Media gejagt. Es ist für sie ein „Seht, wir haben die Juden enttarnt“-Moment.
Aber auch der Moment, in dem erschreckend viele Menschen zeigen, worum es ihnen wirklich geht. Nicht um die derzeitige Politik Israels, sondern um Ressentiments und Verschwörungstheorien, die sich gegen ein ganzes Volk richten. Um einen neuen Grund, dieses Volk vernichten zu wollen. Um die Schuld der eigenen Vorfahren abstreifen zu können. Um das Gefühl zu haben, etwas gegen all die Grässlichkeiten auf dieser Welt ausrichten zu können, indem man einen Sündenbock ausmerzt.
Das scheint auf eine tragische Weise schon wieder sehr biblisch: Im frühen Judentum wurden an Jom Kippur die Sünden des Volkes Israel symbolisch auf einen Ziegenbock gelegt, der anschließend in die Wüste gejagt wurde.
Nur wussten die Juden, dass dies eben nur das war: eine Symbolhandlung. Sünden sind im jüdischen Glauben nicht übertragbar. Jeder ist für seine eigenen Taten verantwortlich.
Ich wünschte, diese Erkenntnis würde auch alle treffen, die jetzt so sehr hetzen: Egal, wie sehr ihr die Juden verurteilt und vernichten wollt, es macht euch selbst kein Stück zu einem besseren Menschen. Ganz im Gegenteil.
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