Denkbar – oder nur Kaffeesatz?
Richard David Precht hält es in einem Interview mit der NZZ für denkbar, dass Alice Weidel in drei Jahren Kanzlerin ist. Denkbar. Kaum ein Wort hat es im politischen Diskurs zu solcher Macht gebracht wie dieses. Es klingt vorsichtig und mutig zugleich, öffnet Fantasie(t)räume und schließt gleichzeitig jede Verantwortung aus. Wer „denkbar“ sagt, behauptet nichts – und sagt doch alles.
Ist Alice Weidel wirklich Kanzlerin in spe?
Precht begründet seine Überlegung mit der Reformunfähigkeit Deutschlands, dem Erstarken der politischen Ränder und möglichen Verschiebungen innerhalb der CDU. Das klingt nach Analyse. Doch Analyse beginnt dort, wo Zusammenhänge erklärt werden, nicht dort, wo sie in der Schwebe bleiben. Precht beschreibt Stimmungen, aber keine Mechanismen. Er benennt Entwicklungen, ohne ihren inneren Zwang offenzulegen. Am Ende steht kein Argument, sondern ein Szenario.
Dieses Verfahren ist vertraut. Reale Akteure ersetzen reale Kausalität. AfD, CDU, Alice Weidel – bekannte Namen erzeugen Plausibilität, ohne sie begründen zu müssen. Doch zwischen gesellschaftlicher Unzufriedenheit und einer Kanzlerschaft der AfD liegen politische Hürden, die nicht beiläufig übersprungen werden können. Parteitage, Koalitionsverhandlungen, strategische Verluste, internationale Isolation, innerparteiliche Machtkämpfe – all das verschwindet hinter dem eleganten Schleier des „Denkbaren“.
Analyse oder nur Andeutung?
So wird aus politischer Analyse eine intellektuelle Projektion. Kaffeesatzlesen mit akademischem Tonfall.
Wer Precht länger verfolgt, erkennt das Muster sofort. Auch frühere Prognosen folgten demselben Prinzip. Mal war es der baldige Bedeutungsverlust der Demokratie zugunsten technokratischer Steuerung. Mal das absehbare Scheitern der Energiewende in ihrer damaligen Form. Mal der unausweichliche gesellschaftliche Bruch nach der Pandemie. Immer wurde ein düsteres Szenario entworfen, stets eingerahmt von Vorsichtssignalen, nie jedoch mit überprüfbaren Kriterien versehen. Die Zukunft erschien als Abfolge großer Umbrüche – denkbar, dramatisch, offen.
Gemeinsam ist diesen Prognosen weniger ihre inhaltliche Richtung als ihre Struktur. Sie sind groß genug, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, und vage genug, um nicht falsifizierbar zu sein. Was eintritt, bestätigt die These. Was nicht eintritt, war eben noch nicht so weit. Der Prognostiker bleibt unversehrt.
Welterklärer auf Sendung – wer hört noch zu?
Bemerkenswert ist dabei weniger die Spekulation selbst als die Rolle ihres Urhebers. Precht tritt seit Jahren als selbsternannter Welterklärer auf, als Allround-Philosoph für jede Lage. Pandemie, Krieg, Bildung, Klima, Kapitalismus, nun auch Koalitionsarithmetik – es gibt kaum ein Feld, zu dem er nichts zu sagen hätte. Seine Autorität speist sich weniger aus fachlicher Tiefe als aus medialer Präsenz. Wer zu allem spricht, muss zu nichts wirklich ins Detail gehen. Der Universalanspruch ersetzt die Präzision.
Gerade diese Rolle macht Precht für Medien so attraktiv. Er liefert große Linien, einfache Erzählungen und zugespitzte Möglichkeiten. Er spricht ruhig, wägt scheinbar ab und formuliert so, dass jede These als Nachdenklichkeit erscheint. Das verleiht auch unbelegten Annahmen den Anschein von Vernunft. Der Welterklärer darf andeuten, wo andere erklären müssten.
Medienliebling ohne Substanz?
Problematisch ist das nicht, weil Precht irren könnte. Prognosen dürfen irren. Problematisch ist, dass seine Prognosen strukturell so gebaut sind, dass sie sich jeder Überprüfung entziehen. Tritt das Szenario ein, gilt es als Weitsicht. Tritt es nicht ein, war es ja nur eine Möglichkeit. Unangreifbar durch Unverbindlichkeit.
Bemerkenswert ist zudem, wie bereitwillig Medien dieses Verfahren akzeptieren. Precht erhält zuverlässig ein Forum, weil seine Thesen zugleich drastisch und folgenlos sind. Sie erzeugen Aufmerksamkeit, ohne überprüfbar zu sein. Genau das macht sie sendefähig. Er liefert keine belastbaren Analysen, sondern Gesprächsanlässe – und Gesprächsanlässe sind eine stabile Währung in einem medialen Betrieb, der permanent nach Relevanz sucht.
Wie viel Zukunft ist noch denkbar?
Dabei wäre Skepsis angebracht. Wer regelmäßig Möglichkeiten in den Raum stellt, ohne Wahrscheinlichkeiten zu benennen, ohne Alternativen zu gewichten, ohne empirische Anker zu setzen, trägt nicht zur Aufklärung bei. Er produziert Stimmung. Doch statt diese Leerstelle offenzulegen, wird die Spekulation zur Schlagzeile verdichtet. Aus einem Gedankenspiel wird ein politisches Menetekel.
Das Ergebnis ist ein Diskurs, in dem alles möglich scheint und nichts erklärt wird. Analyse wird mit Zuspitzung verwechselt, Autorität mit Argument. Intellektueller Habitus ist kein Ersatz für analytische Substanz.
Folgt man dieser Logik konsequent, wird der Möglichkeitsraum grenzenlos. Denkbar ist, dass politische Tabus über Nacht verdampfen. Denkbar ist, dass Parteien Dinge tun, für die sie jahrelang gewählt wurden, um sie gerade nicht zu tun. Denkbar ist alles, was nicht physikalisch unmöglich ist.
Wer sagt’s uns wirklich?
Und damit öffnet sich das Tor zur Absurdität.
Denkbar ist dann auch, dass der 1. FC Köln im Jahr 2029 deutscher Meister wird – sofern nur genug investiert wird. Denkbar ist eine Rückkehr Walter Whites aus dem Totenreich, sollte Netflix dramaturgischen Bedarf anmelden. Denkbar ist ebenso eine Kanzlerschaft Ricarda Langs nach der Abschaffung des Klimaschutzes durch die Grünen. All das ist nicht ausgeschlossen. All das ist denkbar.
Der Unterschied zu Prechts Prognose ist kein methodischer, sondern ein ästhetischer. Hier Rollkragen und Feuilleton, dort Ironie. Die Logik jedoch ist identisch: beliebige Voraussetzungen, beliebige Zukunft. Wer die Latte der Begründung niedrig genug legt, kommt immer darüber.
Alles möglich – aber was ist wahrscheinlich?
Denkbar ist vieles.
Aber wer alles für denkbar erklärt, sagt am Ende nichts darüber, was wahrscheinlich ist.
Und ohne diese Unterscheidung bleibt politische Analyse nichts weiter als gut verpackter Nebel.
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