„Ach Bonasera, Bonasera…“

Ein Jahr Madcap Donny & The Maga Mobsters? Dazu Ulf Kubanke in seiner Hörmal-Kolumne mit einem Leseangebot, das niemand ausschlagen kann.

The Godfather
Foto: The Godfather, Original Soundtrack Album rtwork © Paramount/MCA/Interscope

Ein Jahr Madcap Donny und seine Maga Mobster? Fühlt sich zumindest für mich an, als seien schon Äonen vergangen.

Denn jeder einzelne von uns hat sein ureigenes Gefühl dazu. Wohl jedes einzelnen Biografie auf dieser Welt wurde von diesem Jahr beeinflusst. Mindestens unmittelbar.

Wer mich kennt, weiß: Selbstverständlich habe ich eine ganz und gar klare Haltung zu diesem Menschen und seiner Bewegung.

Und ja, schon auf der rein maskulinen Ebene habe ich große Probleme, solch klein-eierige Schulhofbullies überhaupt als Geschlechtsgenossen zu empfinden. Würde mich sogar dazu hinreißen lassen zu sagen: Ich missbillige deren Existenz auf diesem Planeten grundsätzlich.

Gleichwohl:

Ich bin mir fast ebenso sicher, dass am heutigen Jahrestage die Welt von zu vielen verkrampften Polit-Wichtigtuern überschwemmt wird, so professoral wie eitel, „ladidah und tralala“ nunmehr zu verkünden, was sie als gefühlte Rockstars des Grauens Hochwichtiges zu berichten haben.

Dabei sind es meist nur dieselben öden Langweiler und Egoshooter of Welterkläring, denen schon gestern und vorgestern nichts neues, geschweige denn interessantes oder Sinnliches zur Weltlage einfiel.

Wichtig ist ihnen lediglich, immer gern der allererste zu sein und angehimmelt zu werden.

Letzteres ist ein Spiel der Ödnis für den Leser.

Teil solch masturbativen Rotzes möchte ich nicht sein. Keine Sekunde.

Ob ich es besser kann, weiß ich gleichwohl nicht.
Tut mir leid.
Wir versuchen es.

Einfach mal eine auf Metaebene passende Gegenüberstellung, ohne die verhurte Maga-Bande in den direkten, provinziellen Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit zu stellen.

Ok?

Die These: So anders ist die Entwicklung nicht im Weißen Haus als in der Mafia. Nur als retardiertere Variante für strategisch ganz Arme.

Okay, das kennen wir selbstverständlich schon von Bloodymirs Kreml. Aber hier ist das dann ja doch zumindest im Ausmaß recht neu. Vor allem wenn es in dieser wurstig-forensischen Gotham Arkham Asylum Show daherkommt.

Tja…und?

Und da wir uns hier in meiner Hörmal-Kolumne befinden, muss die Antwort selbstverständlich popkulturell ausfallen.

Ok, c’mon.

Vorhang auf für den blutigen Mahlstrom der Corleones.

Gimme more Brando. Gimme more Keaton.
Gimme more Pacino.
…and Gimme more Death.

Nino Rota – The Godfather (1972)

Link:

New York 1945: „Ach Bonasera, Bonasera… Du hast nie Wert gelegt auf meine Freundschaft. Dein Geschäft geht gut. Die Polizei ist da, um dich zu beschützen. Außerdem gibt es Gerichte. Wozu noch einen Freund wie mich? Aber jetzt kommst du zu mir und sagst: Don Corleone, verschaff mir Gerechtigkeit. Aber du zeigst mir keinen Respekt.“

Ein jeder kennt Don Vito Corleone mit dem Gesichtsausdruck einer Bulldogge und im bedauernden Tonfall des geduldigen Vaters, der den Bittsteller zurecht weist, wie ein Kind.

Die Corleones? Sie sind die Buddenbrooks der Unterwelt. Gefangen in einem Netz aus shakespearschem Drama, griechischer Tragödie und hardboiled Thriller erklimmen sie Gipfel aus Geld und Macht. Dabei tanzen sie unaufhörlich an jenem von Gier und echter Familienliebe gespeisten Abgrund, der sie schlussendlich nahezu komplett verschlingen wird.

Sämtliche Rechnungen des Aufstiegs werden mit Blut beglichen; der Taktgeber ihres Walzers besteht aus Bleikugeln. Nino Rota bringt diesen Sud in einem einzigen Lied auf den Punkt: „The Godfather’s Waltz“.

Das Stück kommt einem Geniestreich gleich. Trotz seines leisen, zurückgenommenen, fast klagenden Charakters transportiert es – je nach Handlungsstrang – einander so widersprechende Gefühle wie Stolz oder Gebrochenheit. Daneben fungiert es als Wegweiser gen Untergang, dessen audiophile Hängeschulter sogar im Moment des Triumphs signalisiert, all dies werde nimmer gut enden.

Warum bzw. wie klappt das so gut?

Rota verfügt über ein starkes audiovisuelles, nahezu synästhetisches Vorstellungsvermögen. Er verwebt Bilder samt Ensemble zu einer mitreißenden Klanglandschaft, unterstreicht so das Charisma jedes einzelnen Charakters, jedes einzelnen, verdorrten sizilianischen Strauchs, jeder Patrone.

Da ist etwa Marlon Brando als Don Vito. Daneben die aufstrebenden Diane Keaton und Al Pacino, deren beider Stern durch den Film ebenso schnell aufsteigen wird wie jener des Michael Corleone.

Schlussendlich im Hintergrund der bis dato unbekannte Regisseur Francis Ford Coppola, der sich über den gesamten Dreh hinweg des Misstrauens vom Studio ausgesetzt sah. Hinzu kommt: Obwohl allesamt auf Weltniveau agieren, wäre das Ergebnis ohne Rotas Score nur die Hälfte wert. Vielleicht nicht einmal das.

Die musikalische Stärke Rotas kommt selbst-redend nicht von ungefähr. Hauptsächlich empfindet er sich als Klassik-Komponist, der u.a. zwei Dutzend Opern und mehrere Sinfonien schrieb. Parallel lehrt der Professor Komposition und Harmonielehre.

Fast nebenher macht sein zusätzliches Talent, große Melodien zu ersinnen, ihn zu einer der wichtigsten Filmmusik-Ikonen aller Zeiten. Er vertonte alle Fellini-Filme, darunter auch „La Strada“, veredelte Visconti-Streifen wie „Der Leopard“, „Der Tod auf dem Nil“ mit Ustinov und Birkin oder ganz besonders stark: Denys de La Patellières werkgetreue Mammutverfilmung des „Grafen Von Monte Christo“ Ende der 70er.

Link zu Monte Christo:

Doch obgleich jedes einzelne Werk des Italieners berührt, überstrahlt ein Lied alle anderen. Kein Song steht als Markenzeichen so sehr im Vordergrund wie sein auf allen Kontinenten verehrtes „Love Theme From The Godfather“. Tatsächlich spiegelt es echte Liebe, nämlich jene des Michael Corleone.

Bezeichnenderweise illustriert Rota im Film damit nicht dessen eher pragmatische Beziehung zu Kay Adams. Note für Note gibt das Thema stattdessen jene unverfälschte Leidenschaft und Innigkeit wieder, die der jüngste Sprössling des Padrino für seine sizilianische Frau – Apollonia – empfindet. Dementsprechend taucht die Melodie zusätzlich unter ihrem Namen als folkloristisch angehauchte Sicilia-Variation auf.

Auch skizzenhaftere Momente gelingen Rota vorzüglich. „The Baptism“ untermalt simultan Michaels Rolle als Taufpaten beim Gottesdienst wie auch als rachedurstiger Todesengel. Rotas schroffe Blutorgel reißt die Fassade christlicher Reinheit nieder. Sie gratscht so unheilvoll und schneidend ins Hirn wie eine dämonische Variante Johann Sebastian Bachs.

New York 1972: „Verschwinde und verrecke, Du….!“ Als Frank Sinatra – abseits der Bühne kein fanatischer Anhänger zartfühlender Artikulation – auf einer Party den Autor der Romanvorlage,Mario Puzo, trifft, lässt er seinem Zorn freien Lauf. Ein jeder in Hollywood weiß: Sinatra ist Johnny Fontaine, gespielt vom Crooner Al Martino. Der hier vertretene Song „I Have But One Heart“ erinnert deutlich an Ol‘ Blue Eyes‘ frühe Schmachtfetzen. Obgleich die Schnulze musikalisch kaum der Rede wert scheint, verkörpert sie das mit Abstand brisanteste Stück des Soundtracks.

Denn:

Einen Auftritt wie vor Don Corleones Hausgästen legte Sinatra 1947 bei einem Bankett Lucky Lucianos hin. Drumherum drapiert Coppola eine Story über Fontaine, die in Sinatras Werdegang komplett der Wahrheit entspricht. Don Corleone verhalf seinen Ziehsohn zum Ausstieg aus einem Vertrag und damit zur Solokarriere. „Mein Vater versicherte ihm, entweder käme seine Unterschrift oder sein Gehirn auf den Vertrag.“ Im echten Leben war es Sinatras Zechkumpan Guarino Moretti, der Pate von North Jersey, der Bandleader Tommy Dorsey bedrohte. „I have but one heart. This heart I bring you …“ Ha.

Problem:

Trotz aller Superlative versagte die Oscarjury 1972 Rota die verdiente Trophäe. Man könne ihm den Preis nicht verleihen, da er einige Tonfolgen bereits in einem früheren Film nutzte. Rota: „Ich suchte mir ein Thema aus, das ich bereits vor 15 Jahren verwendete. Es war nur ein lustiger, kleiner, ironischer Marsch. Ich legte ihn langsamer, romantischer an und bemerkte, wie perfekt es passte. So entstand das Motiv des Paten.“ Obgleich diese Musik quasi nichts mit dem Ausgangsmaterial gemein hat, werteten die Preisrichter den Score nicht als Originalkomposition. Erbärmlich, nicht wahr?

Und dennoch:

Drei Jahre später machte man den Fauxpas gut. Rota gewann einen Oscar für die Musik zu „The Godfather II“, obgleich auch hier Auszüge der monierten Passagen hörbar sind. Womöglich machte er dem Komitee ein Angebot, das es nicht… abschlagen konnte.
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