Es gibt Momente, da frage ich mich, ob wir als Gesellschaft kollektiv an einem massiven Realitätsverlust leiden. Der jüngste Anlass: Australiens Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige. Seit heute Morgen haftet das Thema wie getrocknete Hundescheiße an der Krepp-Schuhsohle, wo ich das Zeug nicht rausgekratzt bekomme, und je länger der Geruch in meiner Nase hochsteigt, desto zwiespältiger wird mir zumute. Ein Teil von mir möchte applaudieren; der andere Teil will sich aus Solidarität mit allen 15-Jährigen im Arbeitszimmer verbarrikadieren und dort trotzig 72 Stunden ohne Unterbrechung TikTok-Videos schauen. Ich schwanke zwischen „endlich kümmert sich mal jemand“ und „wow, das ist jetzt aber wirklich der pädagogische Presslufthammer des Jahres“.
Und das ist das eigentlich Erstaunliche: Ich kann mich nicht entscheiden, weil die Debatte in ihrer ganzen Absurdität zeigt, dass wir aufs vollkommen falsche Ziel fixiert sind. Wir reden über Kinder, während die wahre Gefahr längst auf dem Platz steht – erwachsene Menschen, die Social Media benutzen, als hätten sie erst gestern WLAN entdeckt. Und plötzlich muss ich mich zusammenreißen, nicht laut ins Internet zu rufen:
WESHALB KEIN SOCIAL-MEDIA-FÜHRERSCHEIN FÜR ERWACHSENE?
Oder besser: Weshalb eigentlich nicht zuerst für Erwachsene?
Die Illusion, dass ein Verbot hilft
Es liest sich auf den ersten Blick rührend: Wir wollen die Kids schützen. Ihr Gehirn! Ihre mental health! Ihre Konzentrationsfähigkeit! Alles richtig. Und ja, Social Media ist kein Ort für zart besaitete neuronale Netze. Es ist ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, gepaart mit einem Industriegerüst aus Datenhunger und Aufmerksamkeitsökonomie. Ich verstehe das Anliegen. Ich verstehe das Verbot. Ich verstehe sogar den politischen Druck.
Und trotzdem: Während wir gebannt auf die 13- bis 15-Jährigen starren, die jetzt ihre Accounts verlieren sollen, stolpern da draußen Heerscharen erwachsener Menschen ungebremst durch dieselben Netzwerke – allerdings wie gedopte Staubsaugerroboter in einem Lego-Landminenfeld. Wobei die meisten Roboter mehr Medienkompetenz aufweisen als viele Facebook-Junkies, die irrtümlich glauben, ein Hashtag sei ein Argument.
Jugendliche: Die wissen immerhin, dass sie noch Lernbedarf haben.
Erwachsene dagegen gebärden sich oft in Social Media, als hätten sie das Internet höchstpersönlich erfunden – und beweisen dabei täglich das Gegenteil.
Social Media als Hochrisikogerät – vor allem ü18
Wenn wir ehrlich sind, gehört Social Media längst in dieselbe Kategorie wie Motorsägen, Feuerwerkskörper und Großkatzen: Benutzen darf das nur, wer versteht, wo vorne und hinten ist. Bei Motorsägen gibt es Warnhinweise. Bei Feuerwerkskörpern Altersbeschränkungen. Und von Großkatzen soll man sich eh möglichst fernhalten.
Bei Social Media?
Keine Warnhinweise.
Keine Beschränkungen.
Und die Gitter fehlen komplett, weil wir gerade beschlossen haben, die Käfigtüren für die unter 16-Jährigen wenigstens provisorisch zu schließen – während Erwachsene draußen ungehemmt auf Safari gehen.
Und da frage ich mich:
Wer richtet eigentlich mehr Schaden an?
Teenager?
Oder Erwachsene, die „Was darf man denn heute überhaupt noch sagen??“ brüllen, während sie ohne jede Scham dasselbe in 17 Varianten in die Telegram-Maske tippen?
Warum ich das Verbot trotzdem nicht komplett bescheuert finde
Wie gesagt: Ich bin zerrissen. Da ist der vernünftige Teil in mir, der weiß: Ja, Jugendliche scrollen zu viel. Ja, sie werden manipuliert. Ja, sie sollten lernen, ein Buch länger als zehn Minuten zu halten, ohne dass der Daumen automatisch nach rechts wischt.
Aber dann ist da die Realität: Jugendliche werden das Verbot umgehen wie Wasser den Weg durch einen Spalt in der Wand findet. Spätestens nächste Woche kennt jeder 14-Jährige 12 Möglichkeiten, wie man eine Altersprüfung austrickst, während irgendein Minister in Canberra noch stolz verkündet, dass man die „modernste KI zur Altersverifikation“ einsetzt.
Ha!
Jugendliche lachen über eure KI.
Die haben ihre eigene.
Aber gut: in Down Under machen sie jetzt den Feldversuch. Und ehrlich gesagt: Prima. Wenigstens passiert etwas. Wenigstens reden wir. Wenigstens fällt auf, dass die große Social-Media-Müllhalde, in die wir alle seit Jahren unsere verbalen Fäkalien einspeisen, vielleicht ein paar Regeln bräuchte.
Erwachsene sind das Problem
Damit kein Missverständnis entsteht (was im virtuellen Raum eh in 9 von 10 Fällen passiert -> Rubrik: vergebliche Liebesmühe): Das Internet wäre ein friedlicherer Ort, wenn man Erwachsenen eine kurze Schulung angedeihen lassen würde, bevor sie auch nur ein GIF teilen dürfen.
Wirkliche Gefahren entstehen nicht durch tanzende 15-Jährige, sondern durch Menschen ü30, die via X lernen, dass die Regierung ihnen „das Gehirn wegimpfen will“, durch Ü40er, die auf Facebook in CAPSLOCK diskutieren, warum der Rundfunkbeitrag „ENDLICH ABGESCHAFFT WERDEN MUSS!!!“. Durch Politiker, die Social Media strategisch nutzen wollen, aber nicht mal wissen, wie man einen Link kopiert.
Manche Erwachsene betreiben Social Media, als würden sie betrunken Auto fahren:
Gefährlich, unberechenbar und mit einer beängstigenden Portion Selbstüberschätzung.
Führerscheinpflicht. Und zwar sofort
Und bevor jemand fragt: Nein, ich meine das nicht symbolisch. Ich meine das wortwörtlich. Ein Social-Media-Führerschein. Für jeden über 18, der/die sich in sozialen Netzwerken bemerkbar machen will. Kinder dürfen nicht rein – Erwachsene nur mit Lizenz.
Was darin enthalten wäre? Ein paar Beispiele:
• Wie erkennt man Fake News?
(Spoiler: Nicht, indem man „mein Bauchgefühl“ sagt.)
• Was ist der Unterschied zwischen Meinung und Tatsache?
(Spoiler: „Die Wahrheit wird man ja wohl noch sagen dürfen“ ist keine Tatsache.)
• Wie interagiere ich online mit Menschen, ohne sie zu beleidigen, zu bedrohen oder ihnen eine Verschwörung anzudichten?
(Schwerer als gedacht.)
• Wie verstehe ich einen Algorithmus, ohne meine Machtfantasien darauf zu projizieren?
• Wie setze ich Privatsphäre-Einstellungen?
(Und zwar so, dass nicht das halbe Internet mein Sparkasse-Password erfährt).
Es wäre wie der Erste-Hilfe-Kurs beim Führerschein, nur diesmal geht es darum, digitalen Schaden zu verhindern. Und glauben Sie mir: Er wäre dringend nötig.
Australien denkt zu kurz – aber immerhin denkt es
Das Verbot ist naiv? -> Ja.
Wird es umgangen werden? -> Selbstverständlich.
Ist es trotzdem besser als das permanente Nichtstun, das wir hierzulande perfektioniert haben? -> Auf jeden Fall!
Aber während wir Kindern Türen zuschlagen, lassen wir Erwachsene ohne Helm, ohne Gurt und ohne Bremsen durch dieselbe digitale Arena rasen. Und wundern uns dann, dass es kracht.
Mein Fazit und mein Zwiespalt
Ich bin hin- und hergerissen.
Zwischen Schutz und Bevormundung.
Zwischen sinnvoll und lächerlich.
Zwischen „endlich macht mal jemand was“ und „ja gut, aber so doch bitte nicht“.
Aber eines weiß ich sicher: Wenn jemand einen Führerschein bräuchte, dann nicht die 14-Jährigen. Sondern die, die unter jedem Post „HERR LASS HIRN REGNEN!!1!“ kommentieren.
Und solange es keinen gibt, werde ich weiter zwiegespalten bleiben.
Und allen Erwachsenen denselben Rat geben wie den Kindern:
FINGER WEG VON SOCIAL MEDIA!! — zumindest bis ihr wisst, wie man es bedient.
+++
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