Willkommen Enkelin – Ein Versprechen

Gestern wurde ich zum ersten Mal Opa. Da war es mir nicht möglich, eine normale Samstagskolumne zu schreiben, weil meine Gedanken nicht von diesem wunderbaren kleinen Mädchen wegkamen. Tut mir leid.

Willkommen Neugeborenes

Nun bist Du endlich da, kleiner Mensch. Liegst selig auf dem Bauch Deiner Mutter, geborgen und zufrieden. Und alle sind glücklich. Deine Eltern, Deine Großeltern und mit ihnen alle Onkel, Tanten, Freundinnen und Freunde. Du bist gesund, wir müssen uns nicht sorgen, alles ist gut. Der Tag gehört Dir und keine schlechte Nachricht kann diese Freude trüben, die mein Herz und meine Sinne erfüllt. Nun liegt die Zukunft vor Dir. Aber sie liegt Dir nicht zu Füßen.

Die Zeit, in die Du geboren bist, ist eine seltsame Zeit. Statt Love and Peace sieht es im Moment eher nach Hass und Unfrieden aus. Wichtige Grundsätze, die längst als sichere Standards galten, werden zunehmend nicht mehr als allgemeinverbindlich angesehen. Menschenrechte werden offen zur Disposition gestellt, selbst ein grüner OB sprach von Menschenrechtsfundamentalismus – ekelhaft. Es gibt Not und Verfolgung in der Welt und viele Kinder, die am selben Tag wie Du geboren sind, werden kaum eine Chance haben, lange zu überleben. Und selbst wenn, haben sie keine Zukunft, weil es in ihren Ländern Krieg und Zerstörung gibt. Und auch in unserem Land gibt es mittlerweile wieder Menschen, denen egal ist, wenn diese anderen Babys und ihre Eltern und Großeltern verhungern, ertrinken  oder in Kriegen getötet werden. Hauptsache die kommen nicht zu uns nach Deutschland, sagen die.

Ja, meine liebe Enkelin, solche Menschen, die anderen das Ertrinken wünschen, gibt es. Ich wünschte mir, dass das anders wäre und dass ich Dir versprechen könnte, dass alles gut wird. Aber das kann ich leider nicht.

Keine Garantie

Ich kann Dir nicht versprechen, dass die Demokratie, die unser Land seit jetzt rund 70 Jahren prägt, erhalten bleibt. Es gibt immer mehr Menschen, die meinen, das sei keine Demokratie mehr, die stolz auf die Zeit vor dieser Demokratie sind und sich diese Zeit zurückwünschen. Da gab es einen sehr bösen Menschen, der die Deutschen über alle anderen Völker stellte und Millionen Menschen ermorden ließ. Der fing Krieg mit fast allen an, weil er glaubte, die deutsche „Rasse“ sei allen anderen überlegen und sie sei berechtigt „minderwertiges“ Leben zu vernichten und sich deren Land und Güter unter den Nagel zu reißen. Den gibt es Gottseidank nicht mehr und ich dachte auch, das Unheil, das dieser Mensch angerichtet hat, hätte die Deutschen für alle Zeit davor bewahrt, sich noch einmal für etwas Besseres zu halten oder sonst unmenschlich zu sein. Leider hat Dein Opa sich da geirrt und diejenigen, die mit den Gedanken und Worten dieser schrecklichen Zeit spielen, sind wieder da und manche haben es sogar schon in die Parlamente geschafft. Sie schreiben ekelhafte Bücher und halten widerwärtige Reden. Ob wir die jemals wieder loswerden, weiß ich nicht.

Grundgesetz

Nach dem großen Krieg hat Dein Heimatland eine wunderbare Verfassung bekommen, die heißt Grundgesetz. Die wird im Mai 70 Jahre alt, gibt es also noch nicht allzulange. Aber noch nie ging es dem Land so gut wie mit dieser Verfassung. Das ist eine ganz tolle Verfassung, weil sie die Würde der Menschen in den Vordergrund stellt. Diese Menschenwürde hast Du seit gestern auch. Seit Du geboren bist, hast Du automatisch diese Menschenwürde. Ganz einfach so, weil Du da bist. Du musst da gar nichts für tun. Die hast Du jetzt gemiensam mit allen anderen Menschen und die ist für den Staat unantastbar, d.h. die behältst Du Dein Leben lang und niemand, auch der Staat selber, darf sie Dir wegnehmen oder Dich menschenunwürdig behandeln. Und falls er es doch tut, kannst Du dagegen klagen. Das ist so in einem Rechtsstaat.

Leider erkennen nicht alle Menschen, was das für eine tolle Sache ist. Die wollen bestimmten Menschen die Menschenwürde lieber wieder wegnehmen und bestimmte Verbrecher umbringen. Die hätten die Menschenwürde und damit ihr Leben verwirkt, sagen die, und das soll soviel bedeuten wie, die hätten es nicht verdient wie ein Mensch behandelt zu werden. Klar gibt es fiese Menschen, die schlimme Dinge tun, aber auch die können ihre Menschenwürde nicht verlieren, auch die müssen menschenwürdig behandelt werden. Und töten darf ein Staat als Strafe schon gar nicht.

Dieses Grundgesetz, von dem ich Dir später noch ganz viel erzählen werde, wenn ich lange genug lebe, gibt den Menschen hier ganz viele Freiheiten. Alles was nicht ausdrücklich durch ein Gesetz verboten ist, ist erlaubt. Du darfst Deine Meinung sagen, wenn Du dann sprechen kannst, Du darfst eine Religion haben und auch ausüben, wenn Du magst, Du darfst mit anderen zusammen auf die Straße gehen und auch dort Deine Meinung sagen, Du darfst mit anderen zusammen Vereine oder eine Familie gründen und viele Sachen mehr.

Trinken, Kacken, Schlafen

Was Dein vor Glück völlig  bekloppter Opa Dir da jetzt erzählt, verstehst Du eh noch nicht und das ist auch gut so. Du musst jetzt nur trinken und kacken und schlafen – das macht der Opa auch am liebsten -, Deinen Eltern die Nächte verkürzen und bald ganz viel lachen, wachsen und von Tag zu Tag ein bisschen mehr von der Welt kennenlernen.

Du hast ganz tolle Eltern, da hast Du schon mal Glück gehabt. Und Du hast Opas und Omas, die Dich, solange sie leben, niemals im Stich lassen werden. Soviel kann ich Dir schon mal versprechen.

Meine beiden Opas waren tolle Opas. Opa Franz war bei der Eisenbahn und leitete da das Stellwerk, das bedeutet, der stellte die Weichen um, und er spielte Trompete und Geige. Er starb leider schon, als ich sechs Jahre alt war. Mein Opa Hein (s. Titelbild) , von dem ich den Namen Heinrich bekommen habe, war Gartenmeister. Der starb als ich fünfzehn war. Er hatte für die Zeit recht lange weiße Haare, las und sang gut und gerne. Und er zeigte mir die Natur. Er ging mit mir in den Wald und erklärte mir die Pflanzen und Tiere. Er schnitt eine Angel mit seinem stets in der Tasche befindlichen Taschenmesser und angelte mit mir. Später nahm er mich in seinem alten Mercedes 180 mit, wenn er Pflanzen in der Eifel auslieferte.

Und Opa sang ein Lied

Und immer kehrten wir in einem Weinhaus ein, er trank seinen Schoppen, ich einen Apfelsaft und manchmal reichte es der Wirtin, wenn er statt einer Bezahlung ein Lied sang, oft das Lied „Rosemarie“ (so heißen auch seine Tochter und meine Tante).

Es war immer schön mit meinem Opa und wenn er abends im Sessel seine Pfeife rauchte und mir dabei vorlas, dann war ich in einer anderen Welt. Ja, so ein Opa möchte ich Dir auch gerne werden. Okay, Rauchen darf ich nicht mehr und schon gar nicht in Deinem Beisein, aber früher hat man das halt so gemacht.

Aber einer, bei dem Du Dich wohlfühlst und einer der Dir die Dinge zeigt, die wirklich wichtig sind im Leben.

Himpelchen und Pimpelchen

Und dazu gehört auch Vorlesen und ich freu mich jetzt schon, wenn Du über Himpelchen und Pimpelchen oder später über den Quasselkaspar aus Wasserburg und den Dichter Götheschiller kichern wirst. Ich verspreche auch zu versuchen, Deine Fragen zu beantworten, wenn ich die Antworten weiß, und wenn nicht, danach zu suchen. Klar werden Deine Eltern das auch machen. Aber Eltern sind so was spezielles. Die müssen arbeiten und haben so viele Sachen zu erledigen, dass er gar nicht so schlecht ist, wenn man noch zwei Omas und zwei Opas in Reserve hat. Deine Eltern müssen Dich erziehen, das ist nicht leicht. Aber Opas und Omas dürfen mit Dir Blödsinn machen. Und Dein Opa hat jede Menge Blödsinn im Kopf. Pass auf, jetzt werden die Trolle, das sind so Menschen, die den Opa im Internet verfolgen, wieder schreiben, der Opa hätte nur Blödsinn um Kopf. Aber das macht nichts. Wir wissen ja, dass das Quitschquatsch ist. Und wenn sie es zu weit treiben, dann kommen Freunde vom Opa, wie der Wolfgang, der Clemens, der Freddy und viele andere und helfen dem Opa mit den Deppen fertig zu werden. Und wenn es ganz schlimm kommt ruf ich den harten Hund oder die Kirchplatz-Gang. Auf die ist Verlass. Freunde sind auch ganz wichtig, das wirst Du noch sehen. Echte Freunde sind ganz ganz wichtig. Fast noch wichtiger als Opas.

Mund aufmachen

Und auch wenn Du ja nicht immer bei mir sein kannst, wird Dein Opa auf Dich achten. Er wird weiterhin die Lage im Land genau im Auge haben und seinen Mund aufmachen, wenn da etwas in die falsche Richtung läuft. Er wird weiter versuchen, den Leuten zu erklären, was für eine gute Verfassung das Grundgesetz ist und dass es keine Grund gibt, das abzuschaffen. Wenn komische Gesetze gemacht werden sollen, die Deine Freiheit einmal einschränken oder wenn seltsame Parteien versuchen, das schöne Grundgesetz oder einzelne Grund- und Menschenrechte abzuschaffen, da wird der Opa dann auch seine Komfortzone verlassen und mit vielen anderen grauhaarigen Menschen auf die Straße gehen und auch sonst anpacken, wo es etwas anzupacken gibt. Opa und Apo ist ja kein großer Unterschied. Und das Schöne ist, wir Opas haben ja nicht mehr so viel Lebenszeit zu verlieren und brauchen deshalb weniger Angst um uns selbst zu haben.

Kein Spinner, ein Träumer

Ich möchte, dass Du in einem Land und in einer Welt lebst, in dem der Hass und der Egoismus wieder zurückgedrängt werden. Dass er ganz verschwindet, werden wir beide nicht erleben. Aber wir können versuchen, ihn klein zu halten und kleiner werden zu lassen.

Du sollst nicht in einer Welt leben, in der egoistische Selbstdarsteller und nationalistische Arschlöcher regieren. Ja, der Opa hat Arschlöcher gesagt und die Mama wird das rügen müssen – auch wenn sie das genauso sehen dürfte. Manche Worte sollte man nicht sagen und wenn Dir einer sagt, man müsse alles sagen dürfen, dann glaub ihm nicht. Die das behaupten wollen fast immer Sachen sagen, mit denen sie andere verletzen.

Spinner

Du wirst später von Menschen hören, die sagen, Dein Opa sei ein Spinner, weil er sich für notleidende Menschen aus aller Welt einsetzt, ganz egal welche Hautfarbe oder Religion die haben. Sag ihnen dann einfach, mein Opa ist kein Spinner, er ist ein Träumer, aber er sagte immer „but I‘m not the only one“, das ist Englisch und bedeutet, aber ich bin nicht er Einzige. Und das stimmt auch. Was wäre das für eine Welt, in der wir nicht mehr träumen dürften, dass die Welt zu einer einzigen Weltgemeinschaft wird, in der wirklich jeder Mensch die Menschenrechte genießt, genug zu essen und eine Arbeit hat, die ihn glücklich macht. Alleine beim Träumen darf es nicht bleiben. Jetzt wo Du da bist, weiß der Opa wieder ganz genau, wofür er das alles tut und er ist sicher, dass viele andere Opas und Omas das genauso sehen und alles in ihren Möglichkeiten stehende tun werden, diesen Traum ein bisschen mehr wahr werden zu lassen.

Willkommen in dieser Welt, Menschenkind.

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21 comments
Rainer Probst

Gut gemacht, Hein.

Michael de Clerque

Hallo Herr Schmitz,

herzlichen Glückwunsch!
Ihnen, Ihrer Familie und vor Allem der kleinen alles Gute!

Mighty Quinn

Kinder sind ein Segen Gottes.

Kirsten Reichartz-Schramm

❤ sehr schön…

Maria Papenheim

Danke Heinrich, auch von Liska und Emil.

Renate Becker

Lieber Heinrich Schmitz, deine Enkelin kann stolz sein so einen Opa zu haben , der ihr zur Geburt so einen tollen „Willkommen im Leben“ Brief verfasst.

Margret Hofmann-Jürgens

Lieber Herr Schmitz, ich habe zum ersten Mal eine Kolumne von Ihnen gelesen, und das auch nur weil jemand sie in Facebook geteilt hat. Das was Sie schreiben, ist so wunderbar das kann man gar nicht oft genug teilen✨✨✨ ich bin ehrlich gerührt und berührt. Und denke an meine eigenen großartigen Enkelkinder. Wir sollten wirklich alles in unserer Macht stehende tun, damit unsere Werte erhalten bleiben. Und überall auf der Welt die Menschenrechte geachtet werden.
Danke für diese Worte, dir mir aus den Herzen sprechen. Margret.

Stefan Räbiger

Sie sprechen mir aus dem Herzen. Alles Gute für das Enkelchen.

Cornelia Cordes

Lieber Heinrich,

ganz ganz wunderbar geschrieben…ich bin begeisterte Oma, und Du schreibst mir geradewegs aus der Seele…oder auch direkt hinein. „Quietschquatsch“ merke ich mir!

Lieben Gruß
Cornelia

Monika V

Ein wunderbar formulierter Beitrag, die Enkeltochter wird, wenn sie eines Tages wird ihn selbst lesen können, sehr stolz auf ihren Opa sein. Diese Zeilen sprechen mir aus dem Herzen.

Rainer Seifert

Auch von mir herzlichen Glückwunsch, Herr Schmitz. dann wollen wir mal das Allerbeste für die Zukunft hoffen. Wobei ich gestehen muss, Hoffen und Glauben liegen bei mir inzwischen weit auseinander. Leider.

Und es wäre echt toll, wenn Sie diese Kolumne auch den Jusos schicken würden, damit diese auch mal wenigstens eine klitzekleine Chance haben zu erkennen, was sie da letztens für einen unglaublich widerwärtigen Vorschlag machten. Viel Erfolg.

Theo

Hier noch ein Opa und ich bin völlig bei Heinrich Schmitz und wenn ich kann werde ich im auch ein Apo 😉

Toll geschrieben Heinrich

Marianne Klinkhammer

Heinrich das bist DU …ein toller Mensch und jetzt ein wunderbarer Opa … Deine Enkelin kann stolz auf ihren Opa sein… Enkelkinder sind kleine Wunder… sie zaubern einem selbst in trüben Tagen ein Lächeln auf die Lippen… einfach.nur wenn man an sie denkt…

Marianne Klinkhammer

Lieber Heinrich Deine Enkelin wird einmal sehr stolz sein Dich als Opa zu haben… es hat mich sehr berührt… Enkelkinder sind etwas wunderbares…sie zaubern einem selbst in trüben Tagen ein Lächeln ins Gesicht …nur wenn man an sie denkt…

Karin Kahlbrandt

Herzlichen Glückwunsch zum neuen wundervollen Lebensabschnitt!
Ich bin vor kurzem zum 2. Mal Oma geworden und habe mich wieder sehr gefreut! Der grosse Enkel ist schon 4 Jahre alt und Blödsinn machen ist unsere gemeinsame Lieblingsbeschäftigung. Neben dem Beschützen ist das die Hauptaufgabe für alle Opas und Omas!

Gabriele

Herzlichen Dank, Heinrich Schmitz.
Liebe Enkelin von Heinrich Schmitz
Ich gratuliere Dir zu Deinem Glück, in so eine vollständige Familie mit Opas gefallen zu sein.
Viele haben, wie ich, ich bin etwas jünger als Dein Opa, ich bin 53, keine Opas gehabt, d. h. ich hätte eigentlich zwei Opas haben können, und ja, wenn ich Omas zweiten Mann hin zu rechne, hatte ich doch diesen, der starb aber und lebte bis zu seinem Tod mit einem Ding im Kopf, das kam vom Krieg und konnte nicht raus gemacht werden. Er war manchmal nett und manchmal sehr nervös.
Meine Oma hatte ihn geheiratet, er stand mit vielen Kindern alleine da, sie machte den Haushalt und so kam das.
Vorher stand meine Oma auch alleine da, denn ihr erster Mann war schon 1946 tot, Oma war 27 und ging mit 4 Kindern auf eine lange komplizierte Zugfahrt von Niederlangenau nach Lette, wo ein Lager war, wo die Flüchtlinge hin kamen. Oma konnte Bäuerin und so fand sie Arbeit auf einem Bauernhof, meine Mama, ihre Schwester und ihr Bruder waren auch dort.
Das vierte Kind war von der langen Fahrt, es war so schwer die Windeln sauber zu kriegen und gab nichts zu essen, so müde, dass es bald starb, da war schon Frieden, aber der kam zu spät für das kleine Mädchen.
Du hast Glück und ich wünsche Dir sehr, dass Du nie in so einen Krieg kommst, der die halbe Familie weg nimmt.
Mein Uropa, also der Papa meiner Oma, der war ganz traurig, denn er hatte vor dem Zweiten Weltkrieg sein Sägewerk verloren, er hatte es dummerweise gegen einen Bauernhof eingetauscht, das Reisen war so schwierig geworden und ihm war der Hof auf- und das Sägewerk abgedrängt worden. Uropa konnte Bauer gar nicht und schnitzte verzweifelt Holzsachen – dann kamen auch die Kriegsgewinner, das ist dann so, dann muss man von Zuhause weg, zwei Fremde standen vor Opa, alle waren schon am Leiterwagen zur langen Fahrt, nur Opa nicht. „Ich gehe nicht“ sagte er. Seine Verwandten draußen am Leiterwagen hörten einen Schuss – dann schleppten die Sieger den Opa aus dem Haus und warfen ihn auf den Leiterwagen – meine Mama und ihre Geschwister haben das auch gesehen, sie standen ja dabei. Zum Glück hatten die Sieger dem Uropa nur in den Nacken gehauen, den Schuss haben sie durch die Hausdecke gemacht, damit der Uropa endlich gehen soll.
Uropa war schon Rentner und traurig, keiner wollte ihn mehr haben in seinem Haus auf Bauernhöfen oder in Fabriken.

Da blieb er mit anderen, die keiner haben wollte, in dem Lager – dass dann später Altenheim hieß. Manchmal besuchte Uropa meine Oma und seine Enkel auf dem Bauernhof, mit einem Enkel ging er dann gerne in die nächste Kneipe und genehmigte sich was.
Von dem Altenheim war es ganz schön weit zu den Geschäften im Ort, der Bauernhof hatte wenigstens die Kneipe in der Nähe.
Uropa mochte gerne Zigarren, er schrieb so Art Geschäftsbriefe an meine Oma, seine Schwiegertochter und sagte sogar „Sie“ zu Ihr. Uropa starb aber auch schon 1948.
Den Papa meines Papas kenne ich vom Bild, es hing immer in Papas Zuhause in der Küche.
Mein Opa hat auf dem Bild so eine Brille auf wie Heinrich Himmer – den lernst Du noch kennen, mit Deinem Opa hat der nichts zu tun, auch wenn der auch Heinrich heißt.
Mein Opa war Mitglied in der Partei, die den ganzen Krieg machen wollte, aber das nutzte ihm nichts, er war Herzkrank und als er sein Medikament brauchte, interessierte das Keinen mehr und mein Opa starb 1943.
Deshalb, liebe Enkelin von Heinrich Schmitz, habe ich keine Opas, die mit mir Blödsinn machen konnten – Deshalb darf auch keiner Krieg machen, denn wer hat denn wohl das Recht, Dir Deinen Opa weg zu nehmen?
Mein Papa haute manchmal, sehr fest, er meinte, dass wäre Erziehung und das müsse so.
Mein Papa hat mir manchmal einen ganz schönen Schreck eingejagt, er konnte sehr wütend werden. Wenn er aber nicht wütend war, gingen wir mit Mama Sonntagsausflüge machen, Papa fuhr das Auto, er war immer etwas nervös, aber er war der Einzige mit Führerschein.
Papa liebte Essen und ich liebte es mit Papa was Schönes zu essen. Ein paar Große haben manchmal gesagt, dass mein Papa dumm wäre, das hat ihm weh getan, außerdem stimmte es gar nicht. Ururopa Uropa Opa und Papas Bruder waren immer Schneider gewesen und nie reichte es für die Familie, so arbeiteten sie dann auch bei der Bahn, genau wie der Opa deines Opas.
Mein Papa wurde Gärtner – Für einen Menschen, der kaum 3 Tage auf der Welt ist, ist das jetzt alles ganz schön kompliziert – aber weißt Du: Ohne Krieg ist auch alles einfacher.

Mach´ was draus, Enkelin von Heinrich Schmitz. Meine Solidarität hast Du schon mal.

Manchmal kam Opa zu Besu

    Gabriele Flüchter

    Ich muss noch etwas berichten, Enkelin von Heinrich Schmitz.
    Ich hatte auch Großonkel und Großtanten und erst als ich meine Lehre bei der Bank machte, erfuhr ich, dass ein Großonkel in der DDR war, d. h. er war auch vertrieben, wie die anderen, und kam in den Teil, um den später eine Mauer gezogen wurde, weil man auf der Seite, wo mein Uropa hin kam, glaubte, die andere Seite würde sonst alles an sich reißen. Dann liefen aber viele Menschen auf die Seite wo mein Uropa in Lette lebte, so viele, das schließlich eine Mauer gebaut wurde und jeder, der da drüber wollte, durfte entweder gar nicht, es ganz umständlich beantragen oder wurde erschossen, wenn er oder sie weg wollte. Wenn Eltern nicht machen wollten, was die DDR, so hieß die andere Seite, wollte, wurden sie zur Strafe eingesperrt, sie wurden die ganze Zeit überwacht, und wegen komischer Sachen einfach mitgenommen, sie mussten ihre Sachen ausziehen und wurden dann angeschrien, sie wussten gar nicht genau warum. Dann kamen sie in Haftzellen, viele wollten nicht mehr leben. Viele Kinder wissen bis heute gar nicht, wer ihre Eltern waren. Zum Glück ist dann die Mauer gefallen. Von den Verwandten, einer soll „ein höheres Tier“ gewesen sein, wie eine entferntere Verwandte erzählte, als sie nach der Wende zu Besuch kam, sich umgebracht haben, weil er sich ein Leben ohne die DDR nicht habe vorstellen können. Bis heute geht die Zeitzeugenmauer noch immer durch Berlin hindurch, irgendwie – auch diese Mauer muss weg – denn schon sind wieder Machtversessene dabei, Mauern bauen zu wollen und kriegen kaum noch was anderes in den Kopf.

      Gabriele Flüchter

      Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es, glücklicherweise, Menschen, die keine Mauern im Kopf hatten, sondern Lebenslust, meine junge Oma, Maria Franke, geborene Moschner, wäre gerne in die USA ausgewandert, hatte aber weder Geld, noch Begleitung.

      Mein Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Richard Hugh Tilly hatte in seinem Büro eine Karte stehen mit der Überschrift „Pommern“, seine Familie war in die USA ausgewandert, Prof. Tilly erzählte mal davon, wie er als Kind mit seinem Vater in Chicago spazieren ging, Sonntags. Manchmal hätte sie aus der Ferne Rufe gehört
      „Tor“ „Faul“ – dann hätten sie gewusst: Das sind Deutsche.

      Sein Vater, so erinnere ich die Erzählung meines Professors, hat es nicht mehr über sich gebracht, die deutsche Sprache zu benutzen nach dem Leid, dass der Krieg gebracht hatte.

      Ein Glück, dass Richard H. Tilly sich das doch noch einmal anders überlegt hatte.

      Die Sprache kann die dickste Mauer überhaupt sein und je einfacher es ist, sich zu verständigen, um so dünner wird die Mauer sein.

      Aber auch die dünne Mauer oder das Fehlen der Mauer muss man wollen – mehr ist nicht nötig in einer Demokratie.

      Demokratie ist ganz einfach und jeder kann mitmachen.

Anja Boltin

Lieber Herr Schmitz!
Ich hätte nie gedacht, dass eine Kolumne von Ihnen mir mal Tränchen entlockt – normalerweise „bedienen“ Ihre Texte eher eine andere Seite in mir. Und nun bin ich ganz zufällig über diesen Text gestolpert und bin sehr dankbar dafür! Weil … eigentlich hab ich den Kolumnisten schon vor einer Weile den Rücken gekehrt, weil die teilweise lausigen Kommentare für mich immer schwerer zu ertragen waren …

Ich gratuliere Ihnen herzlich zu Ihrem Enkelkind … und gebe gern eine Mini-Anekdote zum besten:
Als mein Vater erfuhr, dass er Opa wird, hat er sich als erstes eine 2-Jahres-Karte im Fitnesstudio besorgt. Das ist jetzt 14 Jahre her …