Holt Euch die Archive!

Die Studie über den sexuellen Missbrauch in der Katholischen Kirche brachte schon einiges ans Licht. Das darf aber nicht das Ende, sondern es muss der Anfang staatlicher Ermittlungen sein.


Im Zeitraum von 1946 bis 2014 ermittelte die Studie 3677 überwiegend männliche Minderjährige als Opfer sexueller Vergehen durch Kleriker. 1670 von diesen werden der Taten beschuldigt.

Dabei konnten die Wissenschaftler nicht einmal wirklich wissenschaftlich arbeiten, weil ihnen der direkte Zugang zu den Archiven verwehrt war. Ihre Informationen bekamen sie lediglich indirekt über die Beantwortung von Fragebögen. Gut möglich, dass in den Archiven der Gemeinden und Bistümer noch weitere Sauereien zu finden wären.

Keine Immunität

Ganz erstaunlich und auch nicht nachvollziehbar ist die Tatsache, dass es bisher noch keine Großrazzia der Staatsanwaltschaften gegeben hat. Manch einer vermutet, die Kirche sei aufgrund von Kirchenrecht berechtigt, diese Straftaten selbst – sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit – aufzuklären. Aber das stimmt nicht. Das staatliche Strafrecht gilt ohne Wenn und Aber auch für die Kirche und deren „Würdenträger“. Kirchen genießen keine Immunität.

Anhaltspunkte für einen Anfangsverdacht des sexuellen Missbrauchs sowie der organisierten Strafvereitelung gibt es bereits durch die Studie. Bei einem Anfangsverdacht hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufzunehmen. So steht das in § 152 Abs. 2 StPO.

2) Sie ist, soweit nicht gesetzlich ein anderes bestimmt ist, verpflichtet, wegen aller verfolgbaren Straftaten einzuschreiten, sofern zureichende tatsächliche Anhaltspunkte vorliegen.

Ein auf konkreten Tatsachen beruhender Anfangsverdacht als Voraussetzung für die strafprozessualen Maßnahmen liegt nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG, 08.03.2004 – 2 BvR 27/04) dann vor, wenn nach kriminalistischer Erfahrung die Möglichkeit einer verfolgbaren Straftat gegeben ist.

Nun mag man den Begriff der »kriminalistischen Erfahrungssätze« kritisch sehen, es dürfte allerdings schon Erfahrung entsprechen, dass dann, wenn den Wissenschaftlern aus den Archiven Angaben zu diesen Straftaten gemacht wurden, in diesen Archiven auch deutliche Hinweise auf entsprechende, schwerste Straftaten zu finden sind.

Im Falle des Autoherstellers VW kam es zu mehreren Durchsuchungen im Zusammenhang mit der Manipulation von Abgaswerten, warum kam es nicht zu massenhaften Durchsuchungen der Kirchenarchive?

Der Einwand der Justizministerin Kristina Barley in einem Interview mit der Zeit

Man braucht etwas Greifbares. Wenn die Ermittler einen Anhaltspunkt haben, dann müssen sie sogar die Öffnung von Archiven, die Herausgabe von Unterlagen verlangen, dann können sie auch Durchsuchungsbeschlüsse erwirken. Und die Kirche kann sich nicht verweigern. Es gibt keine Geheimarchive im Rechtsstaat.

erweckt den Eindruck, es gebe nichts Greifbares. Was brauchen denn die Staatsanwaltschaften mehr Greifbares, als die von der Kirche selbst in Auftrag gegebene Studie, die den massenhaften Missbrauch bereits belegt?

Sicherstellen

Nun gilt es doch nur noch, sich die Akten zu verschaffen, bevor sie dem Schredder zum Opfer fallen oder versehentlich in der Altpapiersammlung der Messdiener verschwinden. Dass es bereits zu einer großzügigen Vernichtung von Material gekommen sein muss, hat die Studie ebenfalls ergeben. Warum lässt man also das Material in Täterhand oder jedenfalls in einem Umfeld, in dem die Strafvereitelung als barmherziges Werk zu gelten scheint?

Nach Angaben der Wissenschaftler gibt es keinen Anlass zu der Annahme,

dass es sich beim sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker der katholischen Kirche um eine in der Vergangenheit abgeschlossene und mittlerweile überwundene Thematik handelt.

Stellen Sie sich mal ein Hotel vor, in dem seit Jahren Kinder missbraucht wurden und wo anzunehmen ist, dass dies immer noch der Fall ist; würde die Polizei da nicht vom Dach bis in den Keller alles auf den Kopf stellen, um belastendes Material zu finden?

Ich bin kein Freund von Verschwörungstheorien, aber hier kann ich mir nicht vorstellen, dass die Tatsache, dass es noch immer keine Razzien gegeben hat, wirklich mit einem zu wenig greifbaren Anfangsverdacht zu tun haben kann. In Chile ist so etwas ja auch möglich.

Es scheinen hier unausgesprochene Tabus und Berührungsängste der Ermittlungsbehörden gegenüber einer seit 2000 Jahren weltweit aktiven Organisation zu bestehen, die einfach nicht nachvollziehbar sind. Es reicht mir nicht, wenn die deutschen Bischöfe sich gegenüber der Öffentlichkeit „tief erschüttert und betroffen“ zeigen und es reicht auch nicht, wenn der Kirche die Aufklärung selbst überlassen wird.

Im Rahmen der Studie wurden 38.000 Personal- und Handakten aus 27 deutschen Diözesen untersucht und ausgewertet. Angezeigt wurde nur ein verschwindend geringer Anteil der Täter. Selbst die, die sich nur einem kirchenrechtlichen Verfahren stellen mussten, erhielten eher lächerliche Sanktionen und wurden häufig einfach in andere Gemeinden versetzt, ohne dass diese auch nur etwas davon erfuhren, wer ihnen da in den Beichtstuhl gesetzt wurde.

Ich bin selbst Katholik, war Messdiener und Gruppenleiter  und könnte mich übergeben über das, was da in meiner Kirche abgelaufen ist und weiter läuft. Gerade eine Institution, die sich als „Una sancta“, also als die eine heilige Kirche bezeichnet, kann doch nicht ernsthaft solche Menschenrechtsverletzungen zulassen, vertuschen und damit die Straftäter vor einer gerechten Strafe schützen. Ich kann jeden verstehen, der wegen dieser unsäglichen Sauerei aus der Kirche ausgetreten ist. Und das waren nicht nur Menschen, die plötzlich nicht mehr an Gott glauben, ganz im Gegenteil. Lasst Euch nicht einreden, Ihr wäret nun von Gott verlassen, nur weil ihr dem versauten Bodenpersonal den Rücken gekehrt und ihm Eure Steuern entzogen habt. Ich kann Euch gut verstehen. Als gläubiger Mensch, der von Humanisten eh als Vollidiot angesehen wird, stelle ich mir vor, wie Jesus diesen Drecksladen mit heiligem Zorn zerlegt hätte. Hätte er den Bischöfen, die die Missbraucher gedeckt haben, nicht ihre bunten Klamotten vom Leib gerissen und die Scheinheiligen zum Teufel gejagt?

Hätte er nicht gesagt

Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus sein«; ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht.“?

Mag sein, dass er den Tätern gegenüber Barmherzigkeit gezeigt hätte, aber mit Sicherheit erst, nachdem sie ihrer gerechten staatlichen Strafe zugeführt worden wären und ihre Sünden aufrichtig bereut hätten. Nun gut, ich träume hier etwas. Jesus war noch nicht wieder da und wann er endlich kommt, steht in den Sternen.

Ich bin aber nicht nur Katholik, sondern als Anwalt auch ein sogenanntes Organ der Rechtspflege. Und als solches erlebe ich tagtäglich, mit welch gewaltiger Macht unser Justizapparat auftreten kann, wenn er denn will. Da wird mal eben eine Hausdurchsuchung bei einer mehrköpfigen Familie durchgeführt und sämtliche Telekommunikationsgeräte von Vater, Mutter und Kindern werden beschlagnahmt, weil angeblich von einem dieser Geräte ein halbes Jahr zuvor ein beleidigender Facebookpost abgesetzt worden sein soll. Da werden Betriebe durchsucht, weil der Verdacht besteht, dass jemand nicht den vollen Mindestlohn erhält, weil die Putzfrau tatsächlich 4 und nicht nur 3 Stunden gearbeitet hat. Alles rechtlich in Ordnung. Aber dann sieht man eben auch Nazis durch die Straßen marschieren, die Hitlergrüße zeigen und „Juden ins Gas“ brüllen, ohne dass sie dabei von der umher stehenden Staatsgewalt belästigt werden. Und man sieht harmlose Demonstrantinnen, die im Hambacher Forst wie ein Rollbraten zusammengeschnürt werden, um einem Großkonzern die Rodung eines uralten Waldes zu ermöglichen.

Rollkommando

Was man nie sieht, ist wie eine Rollkommando eine Kirchenverwaltung in den frühen Morgenstunden umstellt und kistenweise Akten herausschleppt und Sexualverbecher in Handschellen abführt. Im ein oder anderen Pfarrhaus dürfte man auch auf Kinderpornos stoßen, jede Wette.

Ich will mir in der heiligen Messe nicht vorstellen müssen, dass der Priester mir den Leib Christi gibt, während er an den Leib des Ministranten denkt, den er vor der Messe in der Sakristei noch mit seinen Wichsgriffeln befingert hat. Ich will mir auch nicht vorstellen, dass Kommunionkinder in die Finger von pädosexuellen Straftätern geraten oder zu Priestern in den Beichtstuhl steigen müssen, die sie intensiv nach ihrer Fleischeslust befragen. Würde ein beliebiger anderer Bürger so etwas machen, wären Sie doch auch umgehend bei der Polizei, oder?

Mein Großvater, ein frommer Mann, sagte einmal über die Jesuiten, deren Ordenskürzel SJ ist, diese Buchstaben stünden für „schläächte Jonge“, also schlechte Jungen. Da mag er bei einigen Recht gehabt haben.

Ich verlange, als Katholik, als Anwalt, als Vater und als ganz gewöhnlicher Bürger, dass die Ermittlungsbehörden sich nicht davor drücken, bei der Kirche ihre Arbeit zu machen. Dass sie jetzt offensiv an die Ermittlungsarbeit gehen. Dass sie Hausdurchsuchungen auch in Kirchen durchführen, Material beschlagnahmen und die Täter anklagen.

Von der Kirche erwarte ich mehr als fromme Sprüche und scheinheilige Entschuldigungen. Sie muss umfänglich mit den Ermittlungsbehörden kooperieren, für restlose Aufklärung sorgen, den Opfern anständige  finanzielle Entschädigungen bezahlen und darüber nachdenken, wieviel diese Häufung von übelsten Sexualdelikten mit der Sexualmoral der Kirche zu tun hat. Ich verlange, dass die Kirche sich ehrlich macht und bekennt, dass der Zölibat nicht jedermanns Sache ist und die, die mit der unterdrückten Sexualität ihre Probleme haben, gleichwohl ihr Priesteramt nicht verlieren müssen oder halt andere Positionen in der Kirche erhalten und nicht wie z.B. Pfarrer Hartmann aus Bamberg wie ein toller Hund vom Hof gejagt werden.

Wenn sie das nicht ziemlich zügig hinbekommt, wird sie den bereits zu Recht verlorenen Anspruch, als moralische Instanz zu gelten und Einfluss auf das Leben der Gläubigen zu haben, nicht mehr zurückbekommen. Eine anständige moralische Insolvenz wäre Voraussetzung für eine neue Glaubwürdigkeit. Sonst wird sie nach 2000 Jahren als Institution erledigt sein. Meinetwegen können sie auch zusätzlich dafür beten. Und das wäre dann auch gut so.

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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