Alerta Alerta Antifascista

65000 feiern in Chemnitz ein Fest gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Und weil u.a. auch der Ruf „„Alerta Alerta Antifascista“ erscholl, gibt es Kritik. Warum eigentlich? – Eine Kolumne von Uwe Fischer


Entweder bin ich zu einfach gestrickt oder die Welt ist wirklich unnötig kompliziert. Schon lange gibt es für mich nur 3 Kategorien, um Menschen einzuordnen: mag ich – mag ich nicht – ist mir egal. Und alle drei Gruppen sind nach allen anderen hin offen.

Eine ganz frühe Szene. Wir waren ungefähr 17 oder 18, politische unglaublich klug (dachten wir), die RAF tobte durchs Land. Mao Bibel, Palischal, Nicaragua, Vietnam, Spießertum waren wichtige Schlagworte, die Lehrer an unserer Schule zwischen Kumpeltyp mit Rotwein oder Joint hier und stramm rechts gescheitelten Relikten aus einer anderen, für immer vergessen geglaubten Welt da. In unserer damaligen Stammkneipe saßen wir immer mit einer bunten Mischung an Idealen zusammen, von RAF Sympathisanten über Jusos bis zu Mitgliedern der Jungen Union war alles vertreten, saß an einem Tisch, trank das gleiche Bier und atmete dieselbe rauchgeschwängerte Luft ein. Diskussionen gehörten dazu, aber auch für Freundschaften spielte die politische Vorliebe keine Rolle. Spät abends kam dann ganz hektisch der damalige Vorsitzende der JU und spätere Leiter eines Ministerbüros der CDU an unseren Tisch gestürmt. Am nächsten Tag fand ein Fußballturnier der JU statt, er würde es gerne gewinnen, um im Folgejahr der Ausrichter zu sein und politisch ein wenig glänzen zu können (seine Worte waren natürlich andere).

Kicken

Da wir zwar in vielen Dingen grundverschieden waren, alle aber zur Kategorie „Mag ich“ gehörten, sagten wir zu. Ich müsste ihn eigentlich mal fragen ob die Truppe, die am nächsten Morgen völlig verkatert die Veranstaltung enterte, teilweise die Haare bis zur Hüfte, unausgeschlafen aber äußerst gut gelaunt, seiner Karriere genutzt oder geschadet hat, unsere muntere Freakshow gewann jedenfalls das Turnier, wurde aber für das nächste Jahr nicht mehr eingeladen.

Corvolan

Wir mochten uns aber weiterhin. Ungefähr um diese Zeit fuhr ich mit einem Freund aus dieser Gruppe, einem christlich aktiven Mitglied der Jungen Union, nach Dortmund – und zwar zum Festival der Jugend. Viel weiter links wäre eigentlich nur im Untergrund möglich gewesen, DKP und MSB Spartacus als Ausrichter, Sponsorengelder aus der DDR, alle Liedermacher, die damals auf Demos und Blockaden unterwegs waren, eine ganz klare politische Ausrichtung. Das Links von heute ist dagegen das reinste Spießertum In der Halle 1 kam es nach der Veranstaltung der Liedermacher mit Wader, Degenhardt, Süverkrüp u.a.m. zum Highlight des Wochenendes. Das vorige Festival lief unter dem Motto „Freiheit für Luis Corvalán, der zu dieser Zeit als Generalsektretär der chilenischen KP in Chile im KZ saß und wohl nur mit Glück dem Schicksal des ermordeten Victor Jaras entging.

An diesem Tag war er in Dortmund – Luis Corvalan – und eine restlos überfüllte Westfalenhalle stand Kopf. Er wurde gefeiert, minutenlang schwappte ein „Hoch die internationale Solidarität“ durch das Rund, niemand blieb auf den Sitzen, kein Mund blieb still. Für mich weniger ein Problem, aber auch der konservative Freund wurde von der Stimmung mitgerissen, reckte die linke Faust zum Gruße und schrie mit. Das christliche JU Mitglied feiert inmitten von strammen Linken gemeinsam mit mir damaligem politischen Möchtegern einen Kommunisten, minutenlang, mit Irritation, aber ohne Scham – das war meine damalige Welt.

Massendynamik

Ein Nebengleis dieser kleinen Geschichte wären unsere Gedanken nach dem Festival, das Erstaunen über die Macht einer euphorisierten Masse und die Frage, wie es wohl den Menschen „damals“ erging, wenn sie gezwungenermaßen Aufmärschen und Großveranstaltungen beiwohnen mussten und Zigtausende in einen gemeinsamen Schlachtruf einfielen. Dieser Wirkung kann sich kaum jemand entziehen, zumindest nicht für diesen Moment. Und in Dortmund ging es in diesen Augenblicken um nichts anders als den Umstand, einen unter Pinochet verhafteten und von der Ermordung bedrohten Menschen gerettet zu haben. Die Gutmenschen der 70er Jahre halt.

Bei allen Vorurteilen, denen ich zwischenzeitlich auch erlegen bin, habe ich mir aber etwas aus dieser Zeit bewahrt, was mir wichtig ist und immer wichtiger wird: ich brauche nur diese drei Kategorien, um die Menschen in meinem Leben zu sortieren. Links oder rechts, schwul oder hetero, Christ oder Moslem, arm oder reich, gebildet oder ungebildet – das alles sind keine Raster, die ich für meine Beurteilung brauche, warum auch? Muss ich alle CSU Mitglieder verurteilen, weil mir Seehofer ein Graus ist? Die der SPD, weil es dort noch immer einen geistigen Brandstifter wie Sarrazin gibt? Alle Grünen, weil ich den Namen Palmer nicht mehr hören kann? Alle Linken wegen der Querfrontler in deren Reihen? Lindner – puh, aber auch er ist nicht alleine die FDP. Was ist mit Christen, warum sollten die eine homogene Gruppe meiner Ablehnung bilden, nur weil z.B. eine Hedwig Beverfoerde das Christentum für ihre Hetze missbraucht? Schwule verurteilen wegen eines radikalen David Berger? Amerikaner, Israeli, Türken, Russen, Deutsche …. das sind alles keine Gruppen, die für irgendeinen „-ismus“ herhalten können.

Emotion

Ich brauche etwas anders, etwas, was ich nicht wirklich erklären kann, weil es sich auf einer emotionalen und nicht auf einer rationalen Ebene abspielt. Vielleicht ist mir ein strammer Rechter näher als jemand, der sonst viele meiner Überzeugungen teilt. Vielleicht gehört dazu ein gewisser Sinn für Humor, die Fähigkeit, auch über die eigene Dummheit lachen zu können und nicht nur über die anderer Menschen, die Bereitschaft, nicht nur auszuteilen, sondern auch einzustecken, eine Gesprächsbereitschaft bei strittigen Themen und das klare Signal, zuzuhören (ohne die andere Überzeugung annehmen zu müssen).

Heime ohne Hass

Und damit bin ich bei gestern, bei dem Konzert in Chemnitz und einer Haltung, die ich schon lange nicht verstehe. Eine erste große Irritation in diesem Zusammenhang gab es im Rahmen der Initiative Heime ohne Hass. Dass Nazis damals mit Morddrohungen und sehr persönlichen Attacken unterwegs waren – leider geschenkt, so sind die Bürger aus der Mitte der Gesellschaft halt. Warum aber Menschen, die eigentlich das gemeinsame Interesse haben, Flüchtlinge und deren Unterkünfte vor rechtem Terror zu schützen, sich gegen diese Initiative wandten, kann ich mir nur mir einem überbordenden Egoismus und einer zerstörerischen Form von Streben nach Deutungshoheit erklären, anders bekomme ich keinen Sinn da hinein.

#wirsindmehr

Und nun gibt es Chemnitz, jeder anständige Mensch, der nicht gerade aus politischem Kalkül handelt – was dem Anstand dann auch schon widerspricht -, muss doch entsetzt sein angesichts des offenen Auftreten Rechtsradikaler, des einvernehmlichen Aufmarsches von AfD und Pegida incl. des abartigen Missbrauchs der Weißen Rose.

Es geht gar nicht mal um die Frage, wer nun zurecht besorgt und wer Besorgtbürger ist, es geht alleine um die klar erkennbaren Radikalen, welche die Stadt für sich beansprucht haben. Der Abscheu davor und der Wunsch nach einer lauten Stimme gegen diese Aufmärsche sollte Konsens sein.

Nee, ist nicht. Da fängt es schon damit an, dass ein Slogan wie #wirsindmehr auf höchst merkwürdige Weise hinterfragt, als Arroganz, Rechthaberei, Meinungsdiktatur u.ä abgewertet wird wird. Sind „wir“ nicht mehr, „wir“ Demokraten? Haben „wir“ nicht das Recht, lauter zu sein als „Das Volk“? Hey, das ist ein Signal, ein Mutmacher für die, die bisher geschwiegen haben, ein Zeichen, dass die demokratischen und friedlichen Stimmen lauter sind als die der Menschenverachtung.

Es ist ein ganz simpler Slogan, kein Argument und kein politisches Programm, schon gar nicht der Einstieg in eine Diktatur der Antifa.

Antifa

Ah, die Antifa! Was ist das überhaupt, gibt es da einen eingetragenen Verein? Menschen der Antifa sind zunächst mal Antifaschisten, und ich hoffe doch sehr, dass mein Umfeld bei allen gewollten Ausnahmen überwiegend aus Menschen besteht, die gegen Faschismus sind. Aus Antifaschisten also.

Und da bin ich wieder bei meinen Kategorien. Es gibt gute XXX, es gibt doofe XXX, es gibt gute Antifaschisten, es gibt doofe Antifaschisten. Wer Autos ansteckt oder Gehwegplatten von Hausdächern auf andere Menschen wirft ist doof, da gibt es nichts. Da sind auch meine Kategorien nicht mehr durchlässig. Wer friedlich Musik hört, gegen Gewalt ist, singt und tanzt ist gut. So wenig wie der gläubige Katholik, der friedlich im eigentlichen Sinne seines Glaubens lebt, für radikale Abtreibungsgegner steht, die Ärzte niederschießen, so wenig stehen die singenden und tanzenden Antifaschisten von Chemnitz für Randalierer, die am 1. Mai Autos anstecken und mit Stahlkugeln auf Polizisten schießen.

Gruppenhaft? Sollten wir anderen überlassen. Natürlich gibt es Gruppen, die sehr homogen sind und daher auch als Gruppe auf Ablehnung stoßen, das ist dann der Fall, wenn wie bei der AfD Hass und „Entsorgung“ ganzer anderer Gruppen die Zugehörigkeit zu ihr bedingen. Aber das trifft weder auf Religionen noch auf Nationalitäten noch auf Geschlechter zu. Und es trifft auch nicht auf Antifaschisten zu.

Danke.

Uwe Fischer

Uwe Fischer

Nach 18 Jahren als Kundenbetreuer im Außendienst, 15 Jahre davon bei einem mittelständischen Unternehmen aus der Lebensmittelbranche, hieß es „back to the roots“ mit einer späten Ausbildung zum Logopäden. Heute betreibt Fischer seit fast 10 Jahren gemeinsam mit seiner Partnerin eine PraxisDer für Logopädie in der Eifel.

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