Die ersten Kritiker scharren schon mit den Hufen, bevor sie auch nur eine Zeile des neuen Buches von Liane Bednarz gelesen haben können. Klaus Kelle, der zu recht erwartet, dass auch er in dem Buch vorkommen wird, bemüht erneut die Vokabel von der Geisterjägerin, die sich in Anti-Bednarz-Kreisen seit einiger Zeit großer Beliebtheit erfreut. Damit soll wohl ausgedrückt werden, dass die Autorin einem Phantom hinterher jagt. Wäre ja schön, wenn das so wäre, aber leider ist die Realität eine andere.
Reihenschluss
„Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern“ ist der wohl vom Verlag gewählte Untertitel des Buches, der dessen Inhalt nicht ganz gerecht wird. Es geht in dem rund 250 Seiten starken Werk weniger um eine Unterwanderung von Gesellschaft und Kirche, als um das langsam aber stetig voranschreitende Ineinanderfließen von bestimmten traditionalistisch-christlichen Gruppen und nationalistischen Bewegungen wie AfD und Pegida. Die Autorin beschreibt anhand unzähliger Beispiele, wie diese Gruppierungen, die vom Denkansatz eigentlich nichts miteinander zu tun haben dürften, weil sie diametral unterschiedliche Voraussetzungen und Werte haben, dennoch beginnen, die Reihen fest zu schließen und damit eine zunehmende Gefahr für eine freiheitliche Demokratie zu werden drohen.
Der Autorin ist dabei eine bemerkenswert breite Sammlung von Belegen und Zitaten gelungen, die schon für sich genommen beeindruckend ist. Angesichts der Fülle der Zitate und Textnachweise werden Kritiker sich schwer tun, die Annäherung dieser beiden Kreise länger zu leugnen.
Futter für Verbalscharmützel
Nun ist es nicht einfach, das Buch einer befreundeten Autorin halbwegs objektiv zu würdigen, insbesondere, wenn dieses Buch dem Rezensenten seitenweise Futter für künftige Verbaltscharmützel mit Facebookern wie z.B. Maximilian Krah liefert. Der Dresdner Anwalt Dr. Krah ist sozusagen die Inkarnation des Zusammenwachsens von rechten Christen und Islamhassenden AfD-Leuten. Der stellvertretende Landesvorsitzende der sächsischen AfD geriert sich als bekennender Christ. Er liebt die Piusbrüder – für die er auch schon anwaltlich tätig war -, hat für den amtierenden Papst nurmehr Verachtung übrig und wurde von einer Dresdner Zeitung als Hetzer bezeichnet. Dagegen klagte er und verlor.
Doch nicht nur Dr. Krah, auch andere gute Bekannte aus den blaubraunen Hetzbereichen der sozialen Medien kommen in dem Buch vor. Der katholische Abenteurer Matthias Matussek, vormals gefeierter SPIEGEL-Autor und Kulturchef, der heute auf zwei ungleich hohen Bierkisten in Hamburg das aus rund 180 Menschen bestehende „Volk“ zu Widerstand aufruft und über die „Lügenpresse“ herzieht, Michael Hesemann, ein Düsseldorfer Autor und Benedikt-Fan, der früher einmal Bücher über Ufos fabrizierte und heute gegen den Islam wettert und Assad als Schutzheiligen der Christen ebenso wie Putin bewundert, CDU-Mitglied Klaus Kelle, der ein Online-Portal namens The GermanZ in den Sand setzte, dessen Ehefrau „Genderwahn“ Birgit und viele andere kommen vor. Und zwar nicht im Rahmen eines bloßen namedroppings, nein, fein säuberlich mit Zitaten und eigenen Texten, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Da wird auch sehr diffenziert und nicht gleich alles in einen Topf geworfen.
Eine Handreichung
Wer „mit Rechten reden“ will, bekommt durch dieses Buch eine perfekte Handreichung. Wie Argumente aus der Bibel verbogen werden, um deren Universalität in den Mumpitz von „Eigenen“ im Gegensatz zum „Fremden“ zu verbiegen, ist präzise analysiert und beschrieben. Es ist übrigens – wie ich aus eigenem Erleben feststellen musste – nicht so einfach mit „Rechten“ zu reden, weil diese die Angewohnheit haben, mich gleich zu löschen und zu blockieren , wenn sie merken, dass ich ihnen die Preise verderbe. Aber das nur am Rande.
Leider und das ist ein echter Wermutstropfen bei diesem Buch, stammen fast alle starken Formulierungen, die sich in dem Text finden, aus den genannten Zitaten. Die Autorin selbst schreibt eher zurückhaltend, dafür aber präzise und sehr differenziert. Das ist ihre Art und das ist auch gar nichts Schlimmes und macht sie auch weniger angreifbar. Trotzdem hätte ich ab und an auch mal gerne gelacht oder wenigstens gegrinst, wie ich das selbst beim übelsten Matussek-Text immer noch tue. Ich hab mir dann einfach an den entsprechenden Stellen, wo ich mir wenigstens eine Prise Sarkasmus oder Zynismus gewünscht hätte, dieselbe hinzugedacht. Ab und an auch mal aus der verbalen Deckung zu gehen, hätte nichts geschadet. Okay an zwei Stellen habe ich geschmunzelt, aber das war da, wo die Autorin mich zitierte.
Das Themenfeld des Buches ist weit gestreut. Die Fixierung von Figuren der Lebenschützerszene wie von Beverfoerde oder von Storch auf die Sexualität, die Ablehnung von Genderforschung, die Verfallsrhetorik, die EURO-Ablehnung, die Zeitgeistverachtung, die Rolle von rechten und christlichen Medien, die gemeinsame Ablehnung der Kunstfreiheit inklusive des Rufes nach einer Zensur, das christliche Abendland und seine höchst unchristlichen Verteidiger von Pegida, der Antiklerikalismus und der Hass auf den barmherzigen Papst Franziskus, die allgemeine Schelte auf die „Mainstreammedien“, die GEZ-Medien, das Beschreien des ungesunden „Menschenverstandes“ und alle die Themen, bei denen konservative Christen schnell Gefahr laufen, mit rechtsradikalen oder rechtsextremistischen Abendlandrettern ins selbe Bett zu steigen und womöglich ein ganz hässliches Kind zu zeugen. Keine Sorge. Solche Formulierungen werden Sie in dem Buch nicht finden, die sind jetzt einfach so von mir. Mag aber sein, dass Ihnen nach der Lektüre des Buches ganz ähnliche Formulierungen einfallen werden.
Keine Geisterjagd
Dass Liane Bednarz eine Geisterjägerin sein soll, kann ich nach diesem Buch nicht bestätigen. Da liegt Klaus Kelle richtig falsch. Gerade für einen Christen wie ihn, der noch nicht im Höllenschlund der ganz extremen Demokratieverächter angekommen ist, wäre „Die Angstprediger“ aber eine lohnende Lektüre. Vielleicht öffnet ihm das dann doch noch rechtzeitig die Augen, was für Figuren er da mittlerweile schon routinemäßig in Schutz nimmt und wem er damit ganz normale Konservative in die Arme treibt.
Aber schauen Sie einfach mal selbst, wie klein der Grat zwischen Konservativismus und rassistischem Nationalismus mittlerweile geworden ist. Alleine dafür ist das Buch ein Gewinn.
Klappenbroschur, Droemer HC
03.04.2018, 256 S.
ISBN: 978-3-426-27762-1
Diese Ausgabe ist lieferbar
€ 16,99 E-Book (€14,99)
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11 comments
Edgar Bach
Recht üppig, Genderforschung als „morbiden Wahn“ und als gesellschaftliche Fehlentwicklung zu verorten. Als Fehlentwicklung würde ich eher das Ausschliessen von Minderheiten bezeichnen wie Beispielsweise das zu Tode foltern Obdachloser durch unsere ach so arme Jugend. Die Frage tut sich auf, was eher zu fürchten ist, Menschen, die ihres Geschlechts nicht sicher sind oder welche, die ihre Argumente gern mit gewalt durchsetzen wollen.
Seidwalk
„Leider … stammen fast alle starken Formulierungen, die sich in dem Text finden, aus den genannten Zitaten.“ und: „Der Autorin ist dabei eine bemerkenswert breite Sammlung von Belegen und Zitaten gelungen …“
Dieses Argument versetzt jedem Buch den Todesstoß – sind Sie sich dessen bewußt? Warum sollte ich eine Autorin lesen, die „sich zurückhält“, die letztlich das Denken und Sagen anderen überläßt, die aber nicht davor zurückschreckt, andere zu bewerten?
Das Buch ist also „gut“, weil es Ihre Meinung vertritt?
Da sollte man es besser mit Oscar Wilde halten: „There is no such thing as a moral or an immoral book. Books are well written, or badly written. That is all.“
Rainer Reusch
Da, wo das reine Sentiment waltet und sich als Zeitmode offeriert, kann freies unabhängiges Denken nicht gewinnen, zumal dies Sentiment von Sloterdijk im jüngsten NZZ-Interview als
spätstalinistischer Affekt dekuvriert wird. Dies Buch scheint mancher verwundeter Seele gut
zu tun und andere Wunden auf zu reißen. Es ist schon interessant, zu beobachten, wie sehr der
marktkapitale Globalismus mit dem linken Altruismus kongruent ist, m.a. W. wie sehr der Multi-Kulti-Wahn mit dem Mensch als Ware Globalismus kompatibel ist. Liebe Papisten, dieser Franziskus ist qua Amtes, der oberste Herr der globalen Finanzmafia. Benedikt, der Religionsintellektuelle wusste schon, warum er den Job geschmissen hat. Die Vatikan-Bank ist zu sehr in internationale Spekulationen verstrickt, die Pleite der ältesten Sieneser Bank ist ein deutlicher Hinweis darauf. Das versteht die (Heile-heile-Gänschen) Linke nicht, weil sie nichts von den Urtrieben der Finanzmärkte weiß. Der Kapitalismus entstand (lt. Sloterdijk) mit dem Ablasshandel durch den Vatikan. Das wissen die (böse,böse, würg, kotz, scheiss) Rechten, die überall Unrat wittern (was von außen kommt). Fehlt nur noch, dass der Vatikan den Genderismus heilig spricht. Da sind rechte Christen (im Gegensatz zu unrechten Christen) vor. Ein Hoch auf diese religionslegasthenische Gesellschaft, welche die Islamkritik als phobischen Hass diskriminiert. Ich kritisiere als aufgewachsener, erzogener, alter gelernter Macho (meine Generation wuchs halt so auf) Frauen, die versuchen kritisch zu schreiben. Die alten griechischen Philosophen warnten schon davor. Leide ich nun an Weiberphobie, zumal ich (fast) alles durchhabe und keinem Rock mehr nachsteige? Ist das nicht etwas viel Aufhebens über ein Weiber-Buch? (Auch die Kelle-Bücher tue ich mir nicht an.) Tschö Schmitz
Holm Kowa
Kann.nach dem Artikel in der SZ ein Buch dieser Dame überhaupt noch ernst nehmen, lesen und/oder gar besprechen? Nur der Herr Schmitz kann das, autsch!
http://www.sueddeutsche.de/kultur/interessenskonflikt-angst-ist-gold-1.3221176
Klausi
Bednarz, die Advokatin, die mit Nazijäger Giesa ein Buch über „Gefährliche Bürger“ geschrieben und sich dabei mit ihm zerstritten hat, weil sie auf Anweisung ihrer Kanzlei ganze Passagen über Mandanten wieder rausgelöscht haben wollte. Von daher verständlich auch diesmal ihre „Zurüchhaltung“. Ein Buch, das in keiner gut sortierten Sammlung fehlen sollte, verfasst von einer integren Streiterin wider das Wiedererstarken des Dritten Reiches. Zugleich ein Beleg über die Obsoleszenz des NetzDG, das den Bürgern nicht nur den Zugang zu gefährlichen Inhalten verbieten, sondern sie zugleich verpflichten sollte, förderliche Inhalte zu rezipieren.
Markus Thomas
Ich habe die Lektüre des Buches soeben beendet und habe einen weniger positiven Eindruck.
Sicherlich ist manche Berufung auf das „Abendland“ (z.B. bei Pegida) oder mancher christlicher Bezug der Neuen Rechten fragwürdig.
Frau Bednarz begibt sich aber bei vielen ihrer Bewertungen auf sehr dünnes Eis, z.B. wenn sie Papst Franziskus als Gegenbild der von ihr kritisierten „rechten“ Christen darstellt. Tatsächlich sind die Positionen von Franziskus zur Gender-Debatte in vieler Hinsicht noch deutlich radikaler als die der von ihr kritisierten Personen. Es entsteht der Eindruck, dass sie diese Positionen gar nicht kennt, sondern nur über ein sehr vages Bild des Denkens von Franziskus verfügt.
Das gilt auch für ihre Abhandlung der Unterscheidung zwischen „Eigenem“ und „Fremden“ als mutmaßlichem Merkmal rechten Denkens in Abgrenzung zum christlichen Denken. Der katholische Philosoph Robert Spaemann, der nun wirklich kein Leichtgewicht in der innerchristlichen Debatte darstellt, hat diese Unterscheidung aus katholischer Sicht ausführlich befürwortet und theologisch begründet. Da sie ihn nicht einmal erwähnt und auch nicht auf die maßgeblichen theologischen Argumente diesbezüglich eingeht, entsteht auch hier der Eindruck, dass diese ihr gar nicht bekannt sind.
Man kann aber kein fundiertes Buch zu einem Thema schreiben, mit dessen Grundlagen man sich scheinbar nicht näher auseinandergesetzt hat.





















Wolf-Dieter Busch
Interessant … einige gesellschaftliche Fehlentwicklungen, etwa Ablehnung des völlig morbiden „Genderwahn“ politisch rechts zu verorten. (Dass dieser auch von rechten Bewegungen abgelehnt wird, charakterisiert die Rechten nicht als solche; dazu gibt es andere Kriterien.)
Ich werde das Buch in Ruhe lesen, dann sehen wir weiter.