Das Glück der anderen

Unsere neue Kolumnistin Tina Schlegel macht sich gemeinsam mit ihrer 7jährigen Tochter Gedanken über das Glück: verordnet wie in Bhutan, kindlich im Hier und Jetzt, vernunftbetont in der Zukunft liegend oder von allem etwas?

Foto (gemeinfrei): pixabay

Über das Glück wurde schon viel nachgedacht, es wurde darüber geforscht und danach gesucht. Ganze Bücher und Filme handeln davon. Es gibt Schulen, die sagen, man könne „Glück“ lernen. Skeptiker meinen, manchen Menschen sei es einfach nicht gegeben, glücklich zu sein, dass sie gar Furcht vor dem eigenen, möglichen Glück haben, immer eine Fliege in der Suppe suchen. Andere wieder behaupten, das Glück liege immer bereit, man müsse nur mit dem zufrieden sein, was sich einem bietet. Glück ist demnach ein schwer zu fassendes Gut, etwas, das man schon allein deshalb nicht suchen kann, weil man es ja auch nicht definieren kann.

Insel der Glückseligen

Vor ein paar Tagen habe ich mit meiner siebenjährigen Tochter die Dokumentation „Bhutan – Königreich der Glücklichen“ angesehen. Sie liebt Dokumentationen, eigentlich zwar eher Naturdokus, aber das Wort „Königreich“ ließ sie wohl an Pferde denken und damit war es interessant. Außerdem haben wir doch schon so oft über das Glück geredet in den vergangenen Jahren. Was es ist und ob nicht völlig klar sein sollte, dass dazu sowieso immer ein Pferd gehört. Nun also Bhutan. Ganz ohne Pferd. Ein Land, das nicht Wirtschaftswachstum und Fortschritt will, sondern einfach nur Glück, ohne Artikel. Abstraktes Glück also. Ein Land, das Glück für das Volk zum obersten Staatsziel erklärt und Tausende von Glücksforschern aussendet, um zu prüfen, ob auch wirklich alle glücklich sind. Glück ist dort nicht nur erklärtes Ziel, sondern dadurch auch so etwas wie der „erklärte Zustand“ des Volkes.

„Kann man das denn so einfach festlegen? Man hat da also die Pflicht, glücklich zu sein?“, fragt meine Tochter. Interessante Frage: Eine Pflicht? Werden wir automatisch glücklich, wenn man uns von klein auf sagt, dass wir glücklich sein sollen? Empfänden wir uns zwangsläufig als glücklich, wenn unsere Eltern uns immer wieder vermittelt hätten, was für ein unverschämtes Glück wir doch haben, in diesen friedlichen Zeiten groß zu werden?

Geburtstage

Ich erinnere mich an meine Tochter vor ein paar Jahren. Sie war drei. Jeden Tag feierte sie den Geburtstag eines ihrer Stofftiere, jeden Tag backte sie Kuchen in ihrer Kinderküche, deckte den kleinen Spieltisch, schenkte Kaffee aus für alle Gäste, sang ein Geburtstagslied. Jeden Tag war ich eingeladen, neben Zebra, Teddy, Maus und Co in dieser kleinen Runde zu sitzen und mitzufeiern. Jeder Geburtstag war der allerschönste. Meine Tochter war glücklich. Jedes Mal. Sie hatte natürlich wie die meisten Kinder diese Fähigkeit zum bedingungslosen Glück; dabei gilt: Ich gestalte mir diesen Moment so, dass er mir gefällt. Das hängt eben von keinen äußeren Bedingungen ab. Wenn kein Spieltisch, keine Spielküche und keine anderen Stoffgäste da waren, dann stellte sie Steinchen hin, trank aus imaginären Tassen. Nichts spielte eine Rolle: nicht die Tatsache, ob es regnete oder zu kalt war, ob das Spiel in wenigen Momenten schon vorbei sein würde, weil Mama keine Lust mehr hat oder einfach gern kochen wollte. Also in echt. All das verkleinerte nicht den Augenblick des großen und tief empfundenen Glücks. Das nenne ich Seelenheil. Kleines Glück ganz groß.

Geplante Zukunft

Spätestens als Erwachsene haben wir diese Fähigkeit verloren irgendwo zwischen der Organisierung unseres Lebens und der vermeintlichen Planbarkeit einer allgemeinen Zufriedenheit. Unser Glück liegt daher leider immer seltener in der Gegenwart, in diesem „Hier und Jetzt“, das doch eigentlich das Leben ausmacht, sondern eher in einer möglichst naheliegenden und hoffentlich eben auch eintretenden, klug geplanten Zukunft – im „Bald“. Unser Glück, diese sorgsam gehegte Vorstellung wie alles einmal besser sein könnte, dieses ganz große Glück ist eingesperrt zwischen „wenn-dann“-Formulierungen und der damit verbundenen Hoffnung, dass „wenn morgen die Sonne scheint …“ oder „wenn morgen dies oder jenes eintritt“, sich in der Folge das Glück von selbst dazugesellt. Allerdings besteht durchaus die Gefahr, dass niemand glücklicher wird, als er es jetzt gerade sein könnte. Und selbst mit dieser Gefahr lernen wir zu leben, angetrieben von der Hoffnung, dass es eben doch wieder einen Fortschritt geben könnte.

Ampelfrei, Glück dabei

Wann genau fängt diese Verschiebung des Glücksgefühls in die Zukunft an? In der Erziehung? Begegnet Bhutan im Grunde dem Verlust des kindlichen Glücksgefühls? Bhutan, das einzige Land ohne Ampeln. Wo Glück ein „Zustand“ ist, kann offensichtlich auch an Kreuzungen nichts passieren. Ist der Mensch dort glücklich, weil er es gesagt bekommt, oder hat er sich frei dazu entschlossen? Und wie passen eigentlich Hingabe und Liebe zu einem solchen „Zustandsglück“? Müssen sie nicht vielmehr ein Überschwappen an Gefühlen sein, die dann den Zustand von Liebe, Hingabe und Glück ausmachen? Ein hoher Anspruch: einer, der langfristig uns immer zu Suchenden macht und doch andererseits natürlich die stärkste Triebfeder ist.

Immer weiter

Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“, sagen die Bremer Stadtmusikanten und wagen das absolut Utopische – sie verlassen Haus und Hof, brechen auf in die Fremde. Ihr Leben war in Gefahr. Es konnte nur besser werden.

„Aber wie können sie so sicher sein?“, fragt meine Tochter und die Frage bleibt in der Luft hängen.

Glück. Eine Freundin erzählte von ihrer Indien-Reise. Sie habe einen jungen Mann kennengelernt, Anfang 20. Frisch verheiratet mit einer 16-jährigen. Die beiden lebten in einer Hütte mit nur einem Zimmer, ihre Hochzeit wurde arrangiert und: sie wirkten angeblich glücklich. Hingabe, Liebe und Glück seien „Aufgabe“ des Menschen nach dem Motto: „Hier bin ich, ich lebe durch Gott oder irgendeine andere Instanz, die das so haben wollte, also habe ich die verdammte Pflicht damit zufrieden zu sein.“ Der Bhutan-Gedanke.

„Wann weiß ich, dass ich mich bewegen muss?“ Meine Tochter wieder …
Die Frage lautet also: wie bedrängend muss ein Zustand sein, damit man davon ausgehen kann, jeder Schritt wäre ein Schritt in Richtung Glück.
„Du sagst doch immer, wie viel Glück wie wir hier haben mit unserer Wohnung, und dass wir in diesem Land leben, dass es uns so gut geht, und dass das alles nicht selbstverständlich ist“, sagt da gerade meine Tochter.  Stimmt, das versuche ich ihr immer beizubringen.

„Und, weißt du, genauso fühle ich das auch“, bestätigt sie.
Das ist gut, denke ich, gleichzeitig aber beschleicht mich die Ahnung, dass dieses Gefühl einer ganzen Reihe von Prüfungen ausgesetzt sein wird.
„So schwer ist das doch gar nicht“, setzt sie nach. „Das mit dem Glück. Können das nicht alle so machen?“

Später am Abend wurde mir klar, was unser Problem ist, unser Luxusproblem eigentlich: Wir lernen nicht, dass Glück ein Zustand ist, den man im Jetzt ergreifen muss. Stattdessen lernen wir von klein auf, in der Schule und der Ausbildung, dass das Glück vor allem darin bestehen könnte, glücklicher als andere zu sein, als wären wir unfähig, unser Glück als etwas Absolutes zu sehen, als bräuchten wir den ständigen Vergleich, als wäre das eigene Glück schon dadurch in Gefahr, dass andere auch glücklich sind. Das Glück der anderen verunsichert uns, denn ihr Glück könnte ja besser sein. Wir sind weit von der existentiellen Not der „Bremer Stadtmusikanten“ entfernt und dennoch treibt uns dieser eine Gedanke scheinbar immer an: „Etwas besser als das eigene Glück gerade finden wir überall …“

Was wir bräuchten, ist eine Mischung aus der autoritären Festlegung eines Zustandsglücks und einer grundsätzlichen Neugier auf das Leben und gleichzeitig eine Abkehr von dieser anerzogenen Sucht nach Glück durch ständigen Fortschritt und Veränderung.

Tina Schlegel

Tina Schlegel

Die Kolumnistin

Tina Schlegel ist Kulturjournalistin und Autorin. Für die Zeitung schreibt sie über die schönen Dinge im Leben – Kunst, Musik, Theater und Literatur. In ihren Romanen dagegen lotet sie die düstersten Abgründe der Menschen aus und erschrickt oft selbst beim Schreiben. Doch genau so muss es sein: Texte, die fesseln und nachhaltig im Gedächtnis bleiben oder wenigstens eine hübsche Idee wecken, können bleiben, alles andere kann weg, findet sie. Für die Augsburger Allgemeine schrieb sie eine wöchentliche Kolumne über das LiebesLeben einer Alleinerziehenden mit Kind, denn wer über sich selbst lachen kann, hat es grundsätzlich viel leichter im Leben. Nach rund 20 Umzügen quer durch Deutschland lebt sie heute mit ihrer Tochter und einer diäterprobten, aber dennoch übergewichtigen Katze im Unterallgäu und liebt das Leben schon sehr.

Die Kolumne: Liebesgeflüster im Haifischbecken

Seit sie von ihrer Zeitung für ihre Kolumne als „Alleinerziehende, die gerne denkt“ angekündigt wurde, überlegt Tina Schlegel ob das stimmt. Ihrer Chancen auf sozialen Anschluss hatten sich mit diesem Teaser in der Kleinstadt ohnehin erledigt, steht hinter dieser Beschreibung (gewissermaßen auf ihrer Stirn) doch eindeutig das Prädikat „kompliziert“, blieb also viel Zeit zum Nachdenken. Irgendwann aber lehnte sie sich zurück und gestand sich ein, ja, sie denkt ausgesprochen gern und ausführlich nach. Überraschend oft hat es mit Liebe zu tun, aber als Tochter eines Berufssoldaten und einer Friedensbewegungsaktivistin ist sie im politischen Diskurs groß geworden. Unpolitisch kann sie daher nicht einmal über Kitsch nachdenken … Oder doch?

Tina Schlegel im Netz

Tina Schlegel ist mit ihrer Autorenseite auf Facebook vertreten und kann selbstverständlich auch abonniert werden.
Zwei Romane sind bislang von ihr erschienen: „Schreie im Nebel“ (Emons Verlag, Oktober 2015, ISBN 978-3-95451-723-7) und „Die dunkle Seite des Sees“ (Emons Verlag, April 2017, ISBN 978-3-7408-0078-9), zwei weitere Bücher sind für 2018 geplant.

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