Raucht doch!

Raucher werden ausgegrenzt. So können sie sich zum Rebellen gegen die Vernünftigkeit des Funktionierens stilisieren. „Rauchen gefährdet die Gesundheit“ wird unversehens zum Werbeslogan für die Zigarette.


Dass ich vorige Woche beim Philosophicum Lech im Ausland war, habe ich eigentlich nur an einer Tatsache bemerkt: An der Hotelbar, die für fünf Tage zur Philosophen-Bar erklärt worden war, durfte geraucht werden. Den Moment, als der erste am Tresen ganz selbstverständlich seine Zigarettenschachtel aus der Tasche holte, sie öffnete, eine Zigarette entnahm und entzündete und sich dabei ganz selbstverständlich weiter unterhielt, werde ich nicht vergessen: Es schien mir so unglaublich, als wenn er mit der gleichen Selbstverständlichkeit sein Hemd aufgeknöpft, ausgezogen und über die Stuhllehne gelegt hätte und nun mit nacktem Oberkörper neben mir sitzen würde. Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich begriff, dass das Rauchen in öffentlichen Räumen in Österreich offenbar nicht in gleichem Maße verboten ist, wie in Deutschland. Wobei ich gar nicht weiß, ob es hierzulande verboten ist, sich an der Bar seines Hemdes zu entledigen, jedenfalls verbietet es sich.

Verboten und verfolgt

Das Rauchen befindet sich also in Deutschland, wohl auch überhaupt in Europa wie auch in Nordamerika auf dem Rückzug. Es ist verboten, es wird verfolgt, es wird staatlich mit einer Konsequenz bekämpft, die man sich bei anderen Themen wünschen würde. Es scheint kaum etwas Schlimmeres zu geben, als das Rauchen.

Mir ist es angenehm, dass nicht geraucht wird, denn ich bin Nichtraucher. Ich gebe allerdings zu, dass ich mich mit der Tatsache arrangiert hatte, dass manche Orte ohne Zigarettenqualm und Tabakdunst kaum vorstellbar waren, Kneipen etwa, oder eben Bars, an denen man saß und philosophierte. Und es sei auch gestanden, dass ich mich dort in Lech sehr schnell wieder an die buchstäblich besondere Atmosphäre gewöhnt hatte, die durch die Mischung aus verbrauchter Luft, verbranntem Tabak und tiefsinnigem Stimmengewirr entstand.

Derweil werden die Raucher hierzulande ausgegrenzt, und das gibt Anlass zum Nach- und Weiterdenken. „Drinnen spielt die Kapelle, draußen die Musik“ – so ungefähr lautete vor einiger Zeit ein Werbesologan einer Zigarettenmarke. Sie spielte subversiv mit der Tatsache, dass Raucher „vor die Tür geschickt“ werden – und da draußen, in Sturm und Kälte, den Gefahren von Wind und Wetter ausgesetzt, das wirkliche Leben bestehen und genießen, während die anderen drinnen ein geschütztes, aber langweiliges Leben leben.

Das scheint nicht ganz neu, denn schon immer versuchte die Zigarettenwerbung den Raucher zum Abenteurer zu stilisieren. Die Zigarette sollte schon früher als Symbol für die Freiheit, die Weite, das Abenteuer herhalten. Aber eine gewisse, nicht unwichtige Verschiebung findet nun statt: Die brennende Zigarette wird zum Widerstandssymbol, zum Zeichen derer, die die Regeln brechen, die sich dem Mainstream verweigern und ihre eigenen Wege gehen – und damit ein eigenständiges, individuelles, freies Leben wählen.

Wer will schon ganz gesund sein?

Vor einiger Zeit gab es eine Plakat-Kampagne, die ganz ohne die Darstellung des Produkts, die brennende Zigarette, auskam, und sich ganz auf die Slogans der Verabschiedung vom grauen Mainstream setzte. Dieser Weg wird in der gegenwärtigen Zigarettenwerbung aufgegriffen: „Mach dein Ding“, „Was ist dein nächster Schritt“ – diese Werbung spielt mit der Herausforderung, die Ausgrenzung anzunehmen, sich als Verweigerer der Masse zu begreifen, anders sein zu wollen als die anderen.

Dass das Rauchen ungesund ist, weiß inzwischen jeder – aber warum soll man denn die volle Gesundheit überhaupt anstreben? Warum lange leben, wenn ein langes Leben langweilig ist, ohne Leidenschaft, ohne Laster, ohne Lust? Wozu gesund sein? Um zu funktionieren, als Rädchen im Getriebe, um effizient die Gesundheitssysteme zu entlasten, um eine möglichst optimale Leistungsfähigkeit sicherzustellen? Der Verweigerung des rationalen Funktionierens redet die Zigarettenwerbung das Wort – und der Hinweis „Rauchen gefährdet die Gesundheit“ wirkt da schon längst nicht mehr abschreckend oder aufklärend – er ist ein zusätzlicher Werbesologan ganz im Sinne der Zigarettenindustrie und ihrer Kunden, die sich gern irrational, aufsässig und spielerisch verweigern wollen.

Selbst ein vollständiges Verbot der Zigarettenwerbung würde daran nichts mehr ändern, es würde die brennende Zigarette nur noch mehr zu einem Symbol des Widerstandes, der Auflehnung gegen die technokratisch funktionierende und auf Effizienz getrimmte zweckrationale Welt machen.

Aber, könnte man einwenden: Das Rauchen ist doch am Ende eine Sucht, von Freiheit ist doch da nichts übrig. Könnte man nicht wenigstens mit Aufklärung über diesen Zusammenhang etwas erreichen? Im Gegenteil: in der Ablehnung der Herrschaft der Zweckrationalität ist die Sucht nach der Droge nämlich am Ende der radikalste Weg. Lieber süchtig als vernünftig.

Was also tun, wenn man das Rauchen immer noch weiter bekämpfen will – gesetzt, man meint, etwas tun zu müssen? Die Antwort liegt auf der Hand, auch wenn sie paradox klingt: Nichts. Nichts tun ist das beste Mittel gegen die Auflehnung gegen die Herrschaft des zweckrationalen Vernünftig-Seins. Das weiß eigentlich jeder, der sich mit der Unvernunft der Auflehnung schon mal herumplagen musste.

Raucht doch! Ist uns egal.

Das wäre die effektivste Methode, den rauchenden Rebellen den Spaß an der Sache zu verderben. Wenn Rauchen keine Rebellion mehr symbolisieren kann, dann fallen eine Menge Gründe weg, sich eine Zigarette anzuzünden. Solange aber die Herrschaft der Vernünftigkeit immer neue Anti-Raucher-Kampagnen und -Gesetze ausdenkt, wird der Tabak-Qualm nicht verschwinden.

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Jörg Phil Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Phil Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie.

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