Von Blümchen & Martensteinen – Kinderhörspiele & Ideologie

Natürlich können Hörspiele reaktionäre Weltbilder transportieren, Herr Martenstein. Und es ist absolut ok, das herauszuarbeiten. Inwieweit das bei Kindern verfängt ist dann eine ganz andere Frage.

Törööööööööööööö! - von Michael - unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Manch einer soll ja körperliche Schmerzen lieben. Ob der dann Gallen- oder Nierensteine willkommen heißt, weiß ich nicht. Mich gelüstet es manchmal nach geistigen Schmerzen. In solchen Fällen suche ich Martensteine auf. Wie ein solcher sich grollend über Bagatellen aufregt, auch über solche noch, die sowieso seit Monaten und Jahren schon wieder der Vergessenheit anheimgefallen sind, ist doch eine Wonne. Zugegeben, eine Formel für die Tonne. Doch „was sich reimt ist gut“ (Pumuckl).

Reaktionäre Bibi Blocksberg?

Sie sehen: Heute geht es um Kinderkram. Kinderhörspiele, glaubt nämlich der Politologe Oliver Emde zeigen zu können, vermitteln oft reaktionäre Gesellschaftsbilder. In einigen Fällen überzeugen mich Emdes Ergebnisse dann auch nicht so ganz (Bibi Blocksberg ist eine der stärkeren Frauenrollen die mir, Freunden und Freundinnen, in der Kindheit vermittelt wurde), andere sind einfach nur wahr: „Bei TKKG werden „rassistische Vorurteile“ verbreitet. Beweis: „Verbrecher haben häufig einen slawischen Akzent oder Narben im Gesicht.““. Mag unser Martenstein das noch so vehement in seiner antianalytischen Weise mit mittelkomischen Witzeleien abwehren: „Narben im Gesicht? Das sind doch eindeutig ehemalige Mitglieder einer schlagenden Verbindung. Ist die Burschenschaft Germania wirklich eine eigene Rasse?“ – hätte er sich ernsthaft mit dem Stoff auseinandergesetzt, wäre auch ihm aufgefallen, dass es weniger das Erscheinungsbild der Verbrecher selbst ist als die Tatsache, dass Hörer anhand von Erscheinungsbild sowie nationaler und sozialer Herkunft in TKKG überdurchschnittlich oft schon nach dem ersten Viertel des Buches die Schuldigen erwarten können. Es wird dabei jungen Lesern eine stigmatisierende Logik des vom Äußeren aufs Innere schließen nahe gelegt, wobei sicher nicht zufällig Sachverhalte kaum je durch kluge Kombination und Untersuchung erschlossen werden, etwa wie im Falle des Konkurrenzproduktes Die Drei ???, das den Leser geschickt zum Mitspekulieren einlädt, sondern sich stattdessen unter Führung von Tim („Tarzan“) relativ rabiat zur Schlussfolgerung durchgeprügelt. Ähnlichkeiten mit Herrn Martensteins Vorgehen bei der Textexegese sind natürlich reiner Zufall.

Linksautoritärer Benjamin?

Eine andere, substantiellere Untersuchung zum Gesellschaftsbild von Kinderhörspielen hat in kritischem Anschluss an Martenstein zuletzt Shida Bazyar, die Autorin des unbedingt lesenswerten Romanes Nachts ist es leise in Teheran aus den Archiven gegraben. Hierin zeigt Gerd Strohmeyer für die Bundeszentrale für politische Bildung detailliert inwiefern sich das Selbstbild der Protestbewegungen der sechziger und siebziger Jahre in Benjamin Blümchen & Co eingegraben hat, und, fast erwartbare dialektische Volte, welche autoritären bis wutbürgerlichen Ergebnisse das zeitigt (Emde sieht das auch, bewertet es aber positiv). Ein böser geldgeiler Bürgermeister, ein korrupter Stadtrat, auf der anderen Seite die kommunitaristische ökologische Gegenbewegung um den super beliebten (!) Außenseiter (!) Benjamin Blümchen, der sich quasi als gewaltige Verkörperung des Guten schonmal wie ein Elefant im Porzellanladen aufspielen darf. Strohmeyers Darlegungen müssten eigentlich auch Martenstein gefallen (Bazyar glaubt ihn widerlegen zu können, ich zweifele). Ist Sozialwissenschaft nicht immer dann am schönsten, wenn sie unsere eigenen Vorurteile bestätigt?

Kümmert das Kinder?

Eigentlich ist es kein Wunder. Kulturprodukte für Kinder transportieren oft durchaus autoritäre Weltbilder. Sei es nun im Sinne eines klassischen Konservativismus, sei es auch links-moralisierend im Sinne des antiautoritären Autoritarismus des „sei du selbst, aber unbedingt das starke, zielstrebige, nonkonforme Revoluzzer-Selbst, das wir so knorke fanden“, das etwa auch bei Michael Ende allgegenwärtig ist (Lektüretipp antiautoritärer Autoritarismus: Nick Hornby, About a Boy). Was allerdings Bazyars Blümchen-Lektüre wunderschön zeigt und was vielleicht für die Erziehungspraxis das Entscheidende sein könnte, das man aus der Hörspiel-Gesellschaftskritik mitnimmt: Kinder kümmert all das anscheinend wenig. Sie nehmen sich von den für sie so sorgsam zugeschnittenen Produkten Stücke raus, von denen die Produzenten vielleicht kaum wussten, dass sie da waren.

Und wenn ja, wie viel?

Auch ich habe mich zum Beispiel ganz ohne Migrationshintergrund selbstverständlich mit Benjamin Blümchen identifiziert. Wie man sich überhaupt mit den Menschen identifizieren kann, ist mir schleierhaft. Die tun ja nix! TKKG und Drei ??? hat mein gesamter Freundeskreis ohne Probleme im Wechsel gelesen, bis die TKKG-Plots einfach zu durchsichtig wurden. Nach einem Dachbodenfund lasen wir übrigens auch Karl May und trotz dessen absurdem Bild vom amerikanischen Westen sind die damals lesenden Freunde und Bekannte heute tendenziell die geschichtlich und kulturell interessierteren und sensibleren geblieben. Auf der Lego Pirateninsel und auf Burg Drachenstein spielten ein enger Freund und ich Liebesdramen, die eines Shakespeares würdig gewesen wären (gut … einer Rosamunde Pilcher) und auch Asterix hat uns nicht zu völkischen Nationalisten gemacht (vielmehr vielleicht auch: gelehrt völkischen Unsinn in seiner Unsinnigkeit zu verlachen?).

Sinn und Unsinn literarischer Ideologiekritik

Es scheint, dass Ideologiekritiker wie Kritiker der Ideologiekritik die direkte Wirksamkeit von Kulturprodukten ganz gern überschätzen und vor allem ungern empirisch am Rezipienten prüfen, welche der behaupteten Wirkmechanismen überhaupt verfangen. Ob also zum Beispiel das Dschungelbuch tatsächlich rassistische Stereotype verfestigt oder nicht vielmehr einfach als Abenteuergeschichte gelesen wird, mit dem vielleicht durchaus positiven Nebeneffekt, dass Kinder sich ganz selbstverständlich mit einem nicht weißen Hauptcharakter identifizieren.

Das soll nicht heißen, dass politische Textkritik sinnlos sei oder unterlassen werden solle, sie kann uns durchaus einiges über gesellschaftlich un- oder halb bewusstes, wie es sich in Fiktion oft artikuliert, sagen. Nur ist die marktschreierische Übertreibung möglicher Effekte in Kritik wie Abwehr oft eben das – marktschreierisch. Nahe liegend durchaus, denn Texter haben sich unter verschärften Bedingungen zu verkaufen. Aber prinzipiell sollte es möglich sein zu prüfen, zu gewichten, zu durchdenken, nicht? Auch wenn einem mal ein Martenstein schmerzhaft aufs Großhirn drückt.

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Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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