„Schwer bewaffnete Inseln mit Untiefen dazwischen“

Fantasyautor und Literaturwissenschaftler Oliver Plaschka spricht mit Sören Heim über Fantastik, Vorurteile des Feuilletons und den Literaturmarkt.


Oliver Plaschka, geboren 1975 in Speyer, studierte Anglistik und Ethnologie in Heidelberg und schloss sein Studium 2009 mit einer Promotion über pastorale Motive in der fantastischen Literatur ab. Fairwater gewann 2008 den Deutschen Phantastik Preis für das beste Debüt. Neben seiner Tätigkeit als Romanautor arbeitet Oliver Plaschka auch als Übersetzer und Lehrbeauftragter. 2015 war er Gast des Erlanger Poetik-Kollegs. Die Fantastische Reise hat er bisher als stiller Mitleser verfolgt. Jetzt spricht er mit Sören Heim über Literatur, den Buchmarkt und seine eigenen Arbeiten.

Gibt es Vorurteile gegen Fantastik?

Sören Heim: Man stößt in Blogs/Kommentaren manchmal auf die Beschwerde, die Fantastik werde von der literaturinteressierten Öffentlichkeit nicht ernst genommen. Gibt es aus deiner Sicht in Literaturkritik und/oder Literaturwissenschaft Vorbehalte gegen fantastische Literatur?

Oliver Plaschka: Ich finde, hier sollte man zwischen der Literaturwissenschaft an den Universitäten und der Literaturkritik des Feuilletons trennen. Je nach Institut und Vorlieben der Lehrkräfte findet fantastische Literatur in Seminaren durchaus statt; tatsächlich fand ich dort den Zugang beispielsweise zu H.P. Lovecraft oder William Gibson, und ich habe in der Handvoll Kurse, die ich halten durfte, versucht, diese Begeisterung an die Studierenden weiterzugeben.

Wenn wir nun vom Feuilleton oder den einschlägigen Literatursendungen in Radio und Fernsehen reden, muss man noch genauer differenzieren: „dezentere“ Spielarten der Fantastik wie magischer Realismus oder gegenwartsnahe Science Fiction finden hier durchaus Anklang. Auch Denis Scheck hat mehr als einmal eine Lanze für die Fantastik gebrochen. Aber wenn wir von klassischer Fantasy seit Tolkien reden, dann existieren im deutschsprachigen Raum zumindest größere Vorbehalte als im englischsprachigen. Unvergessen bleibt mir Elke Heidenreichs „entsetzlich“, mit dem sie die „Vampire, Trolle, Elfen, Morde“ der Bestsellerlisten aburteilte.

Mit ein Grund für diese Vorbehalte ist meines Erachtens auch die deutsche Geschichte. Während Autoren wie Tolkien und oder Mervyn Peake ganz selbstverständlich ihre Kriegserlebnisse in fantastischer Form aufarbeiteten, herrschte in Deutschland bis weit über die die sechziger Jahre hinaus die Forderung nach „ernsthafter“ Literatur vor. Das ist für mich das Grundproblem: Nicht, dass man einzelne Bücher aufgrund ihrer Schwächen kritisiert, sondern dass man das gesamte Genre aufgrund einer vermuteten Infantilität als bedeutungslosen Schund abtut. Der Verwendung von „Eskapismus“ als wertendem Kampfbegriff ist das, was mich wirklich wütend macht.

SH: Glaubst du die feuilletonistische Ablehnung der Fantasy ist eine einseitige Sache, oder sind da auch die Autoren selbst gefordert? Science Fiction brauchte ja auch einige Jahrzehnte und die Arbeit einer Vielzahl von Autoren, die man nicht mehr ignorieren konnte, um vom „Pulp“ zur relativ angesehenen Literaturform zu werden. Also zugespitzt: Müssten sich mehr Autoren an ambitionierte Projekte sozusagen im Bereich zwischen Swords&Sorcery und Magischem Realismus wagen? Oder macht der Markt das unsichtbar?

OP: Sicherlich sind auch die Autoren selbst gefragt. Einfach nur Aufmerksamkeit einzufordern, wäre etwas zu selbstverliebt. Ein Buch muss auch ein gewisses Etwas mitbringen, das die kritische Betrachtung lohnt.

Der Markt ist allerdings tatsächlich die dritte Größe im Verhältnis von Produktion und Rezeption eines Texts. Gleichzeitig unterhaltend und anspruchsvoll zu schreiben, ist schwer, und auch hier existieren meiner Meinung nach Vorbehalte (gegen übermäßig populäre wie gegen vermeintlich gewichtige Werke), die es zu überwinden gilt. Insgesamt bin ich kein Freund strikter Trennungen oder gar Abgrenzungsbestrebungen: Auch intelligente Texte dürfen Spaß machen, auch gut gemachte Unterhaltung muss etwas Verstand mitbringen. Vielleicht fühle ich mich deshalb in der Anglistik mehr zuhause: Die englische Einstellung beispielsweise zu Shakespeare ist so viel unverkrampfter als die deutsche zu Goethe.

Wer verlegt bloß so ein Buch?

SH: Dein Erstling Fairwater ist ja auch ein Text, der schwierig einzuordnen ist und Lesarten von „wilde Geschichte mit Außerirdischen“ bis „Wahnwelt eines psychich Kranken“ zulässt. Sieben beinah autonome Erzählungen, deren Zusammenhänge erst nach und nach klar werden. War es schwierig jemanden zu finden, der dieses Manuskript druckt? Und hast du es eigentlich auch mal bei eher typisch belletristischen deutschen Verlagen versucht?

OP: Ja und ja. Fairwater entstand noch völlig ohne Hintergedanken an einen potentiellen Markt, sondern zum reinen Selbstzweck. Es war mein großes, sehr großes Glück, dass Freunde von mir damals gerade den tolldreisten Plan fassten, eine Literaturagentur zu gründen. Ich war zu schüchtern und zu unerfahren, mich selbst auf dem Markt zu bewegen. Trotzdem hat es einige Jahre gedauert, bis der Roman (den ich damals wirklich mehr als eine Sammlung sah) erschien — sieben Jahre insgesamt von Arbeitsbeginn bis zum Erscheinen.

Ich weiß nicht, welchen Verlagen genau das Manuskript angeboten wurde — wahrscheinlich aber allen, an die man auf Buchmessen herankam. Die Einzigen, die sich darauf einließen, waren Feder&Schwert, die damals im positiven Sinne eine Außenseiterrolle auf dem Buchmarkt spielten. Ich brauchte einen solchen Verlag, der sich engagierte, Präsenz zeigte und seine Backlist nicht nach einem halben Jahr wieder verramschte.

Mein nächster Roman, Die Magier von Montparnasse, entstand als bewusster Versuch, auch literarischen Verlagen, die sich damals vermehrt für Fantasy zu interessieren begannen, eine Brücke zu bauen. Aber die Reaktionen waren ähnlich ernüchternd wie die großer Publikumsverlage auf Fairwater: zu viel Magie, zu wenig Vampire … Der Retter in der Not waren diesmal Klett-Cotta, die als unabhängiger Traditionsverlag ebenfalls eine Sonderstellung einnehmen.

Insgesamt hat mich die Erfahrung aber gelehrt, dass es extrem schwierig ist, allein mit der Qualität oder Vermarktbarkeit eines Manuskripts zu einem Entscheidungsträger durchzudringen. Der deutsche Buchmarkt besteht aus vielen kleinen teils schwer bewaffneten Inseln mit vielen Untiefen dazwischen. Manchmal ist es wichtiger, mit wem man sich versteht, oder einfach nur zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Einzelkämpfer haben es schwer.

SH: Apropos Einzelkämpfer… In einem älteren Artikel hatte ich den Grim-Dark Hype rund um Game of Thrones aber auch nicht-fantastische Stoffe wie in Breaking Bad teils als Antizipation, teils als Reaktion auf ein gesellschaftliches Klima gedeutet in dem Machiavellismus und der „Mensch als des Menschen Wolf“ zunehmend wieder als die „eigentliche“ Grundlage aller Politik verstanden werden. „Jeder kann Sterben/jeder kann zum Mörder werden“ – ist das deiner Meinung nach eher ein Trend, der sich aus Dynamiken innerhalb des Genres ergibt, oder ist da die Fantasy ganz nah am Zeitgeist?
Und ist das überhaupt in der Breite der Fantastik im Moment eine Tendenz, oder entsteht der Eindruck nur wegen der übermächtigen Game of Thrones-Franchise?

Fantastik und Gesellschaft

OP: Es gibt auf jeden Fall Wellen innerhalb des Genres und der großen Franchises, und eine Zeitlang musste von Batman bis Battlestar Galactica alles möglichst düster und brutal sein. Zur selben Zeit lernten die Vampire aber das Glitzern und Popoklopfen wurde das neue Kuscheln. Ich weiß nicht, ob da wirklich ein Zeitgeist am Werk ist; ich würde fast so weit gehen, zu sagen, dass die einflussreichen Traumschmieden und Medienhäuser, also Hollywood und die großen Verlage, trotz teils auch dummer, patriotischer und gewaltverherrlichender Inhalte immer noch ein wichtiges Gegengewicht zu manipulativen und diktatorischen Strömungen darstellen. Der Vorwurf der Lügenpresse ist ja fast zu einer Art Gütesiegel geworden.

Konkret fand und findet innerhalb der internationalen Science Fiction seit Jahren ein Kampf zwischen der Alt-Right und dem eher linksliberalen Fandom statt, in dem es letztlich um dieselben Themen ging, die auch den Wahlkampf in den USA und Europa bestimmten: Diversität auf der einen Seite, Mono- oder Leitkultur auf der anderen. Die Leute, die ihr Kreuz bei rechten Populisten setzen, sind oft dieselben, die ein Problem mit einer weiblichen, nicht weißen oder homosexuellen Heldin haben. Und auch bei Game of Thrones liegen die Sympathien der Autoren ganz klar auf Seiten der Minderheiten, der Underdogs. Dass die Serie trotzdem ein massives Problem mit der Verharmlosung oder Ästhetisierung sexueller Gewalt hat, sehe ich als künstlerischen Makel, nicht als politische Agenda.

Von daher: Ja, wahrscheinlich gibt es gerade eine Tendenz, die Grenzen dessen, was früher als unterhaltend und darstellbar galt, mal wieder möglichst weit auszudehnen. Und an Game of Thrones kommt auf dem Fantasymarkt aktuell wirklich niemand vorbei. Aber ich glaube, dass dies nach wie vor mit der Absicht geschieht, auf reißerische Weise zu schockieren, und nicht, einer solchen Verrohung Vorschub zu leisten.

Insgesamt hat natürlich eher die Science-Fiction den Anspruch, als Kommentar zum Zeitgeschehen zu gelten, aber auch Fantasy kann durchaus politisch und gesellschaftlich relevant sein. Beide Genres bieten zwar auch konservativen Leserschichten eine Heimat, aber meiner Meinung nach passen imaginative Literatur und reaktionäre oder gar anti-intellektuelle Bestrebungen letztlich nicht zusammen. Zumindest kenne ich kein Beispiel, das vom künstlerischen Standpunkt nicht großer Mist gewesen wäre.

SH: Mich würde jetzt auf jeden Fall noch deine „Schreibpraxis“ interessieren. Du sprichst von sieben Jahren bei Fairwater, auch Das Licht hinter den Wolken war ja wohl ein Manuskript, an dem du Jahre getüftelt hast. Ich hatte in der Rezension eine bewusste oder unbewusste Nähe zu musikalischer Komposition unterstellt… entwirfst du deine Ver- und Entschlingungen am Reisbrett, oder arbeitest du eher erstmal drauf los? Stellst du deine Texte häufig um, arrangierst sozusagen Episoden neu bis das Ganze passt oder muss erst der Plan stehen?

OP: Ich denke beim Entwerfen von Geschichten in Strukturen, und da bediene ich ich mich gerne auch solcher aus Film, Theater oder Musik. Romane bieten meiner Meinung nach ein Maximum an Freiheit: Struktur ist nötig, aber fast jede kann funktionieren: Heldenreise, Mehrakter, Symphonie, Pyramide … Wie konkret das beim Licht hinter den Wolken aussah, habe ich in meinem damaligen Blog zum Roman skizziert. Man sieht: Ich mag es, mir halbwegs geometrische Skizzen an die Wand zu hängen. Im Idealfall steht zuerst der Plan und wird dann auch nicht mehr groß verändert. Häufig führt es sogar zu Problemen, falls es doch noch nötig wird, ein Kapitel zu splitten oder umzustellen.

SH: Dein neuester Roman (ich habe ihn noch nicht gelesen) kommt ja dem Vernehmen nach ohne fantastische Elemente aus. Ein historischer Roman um das Leben Marco Polos – wie kamst du zu dem Stoff?

OP: Das war zunächst tatsächlich das Kalkül, mal etwas anderes zu probieren — der Markt für historische Stoffe war damals auch vielversprechender als für Fantastik. Dann sah ich eines Abends auf 3Sat etwas über Marco Polo und stellte fest, dass ich relativ wenig über ihn wusste, aber Lust hätte, mich da näher einzuarbeiten. Man heiratet so ein Projekt ja auch für die nächsten ein bis drei Jahre. Und kurz darauf traf es sich, dass mir meine Agentin zutrug, bei Droemer überlege man in eine ähnliche Richtung … und da hab ich ganz laut „hier!“ geschrien.

Manchmal erstaunt es mich selbst, was für Zufälle dazu führen, dass sich manche Projekte verwirklichen und andere nicht. Ich glaube aber, es war für mich der richtige Zeitpunkt für dieses Buch. Stilistisch dürfte es der geradlinigste Roman sein, den ich bislang geschrieben habe; das ergab sich allein durch den Umfang, der mir auch selbst ein wenig Angst machte. Aber thematisch knüpft Marco Polo an ein paar Themen an, die mir schon im Licht hinter den Wolken wichtig waren: Die Macht des Erzählens oder die Konstruktion von Identität zum Beispiel.

Von Disziplin und Profilneurosen

SH: Außerdem schreibst du auch von Zeit zu Zeit Romane im Perry Rhodan Universum. Was reizt dich als Autor an so einer Reihe mitzuarbeiten, was machst du genauso wie in den Eigenproduktionen, was anders?

OP: Die Romane für Perry Rhodan sind Auftragsarbeiten; aber wahrscheinlich muss man auch bis zu einem gewissen Grad Fan sein, um für eine Serie zu schreiben. Ich habe als Kind die silbernen Sammelbände verschlungen, dann kam mir irgendwann Stephen King, dann der Herr der Ringe dazwischen. Vor ein paar Jahren kam ich dann wieder in Kontakt mit der Szene und war ganz überrascht, was da inzwischen alles los ist, und wie progressiv die Serie verglichen mit den Sechzigern und Siebzigern geworden ist. Ich schreibe streng genommen allerdings für die kleine Schwester, Perry Rhodan NEO.

Natürlich muss man Kompromisse eingehen — der offensichtlichste: Man schreibt, was andere sich ausdenken. Man muss auch bestimmte Erwartungen der Fans erfüllen; zwar habe ich auch schon Gedichte und ein paar formale Spielereien untergebracht, aber die erste Arbeitsanweisung lautet, eine fesselnde Geschichte zu erzählen.

Trotzdem habe ich eine Menge durch die Arbeit gelernt: zum Beispiel präzise Szenen mit wenig Worten zu schreiben, oder eine effektive Kapitelstruktur zu nutzen. Vor allem aber auch Arbeitsdisziplin: So ein Taschenheft von 160 Seiten muss in 4-6 Wochen stehen, und damit bin ich noch einer der langsamsten Kollegen. Vor allem aber schätze ich die gute Zusammenarbeit — im Vergleich zu den Profilneurosen, die anderswo auf dem Buchmarkt blühen, ist der Umgang im Team fast familiär.

SH: Um den Bogen zum Anfang zurück zu schlagen: Was müsste denn aus deiner Sicht geschehen oder was ist vielleicht auch schon in Bewegung, um die anfangs besprochene Kluft zwischen fantastischer und sonstiger Literatur zu überbrücken?

OP: Theodore Sturgeon hat mal gesagt: Neunzig Prozent von allem sind Mist. Es wäre schon viel gewonnen, wenn man anerkennen würde, dass allein die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Gerne nicht über die Qualität eines Textes entscheidet. Und man könnte auch aufhören, sich künstlich voneinander abzuschotten, gerade, wenn man eigentlich nicht in Konkurrenz steht, sondern dasselbe will: dass Menschen ihren Geist und ihre Fantasie benutzen.

Es ist aber auch schon viel in Bewegung: Wenn Denis Scheck zum Beispiel in der ARD die von mir gleichsam verehrte James Tiptree, Jr. bespricht. Die Phantastische Akademie vergibt seit ein paar Jahren regelmäßig einen dotierten Jurypreis für Phantastik auf der Leipziger Buchmesse. Ich persönlich finde, der deutsche Buchmarkt sollte sich möglichst international begreifen und auch mehr dafür tun, dass deutsche Autoren übersetzt werden. Der Bestsellermarkt wird hierzulande klar von Übersetzungen dominiert; und wenn der Grund hierfür qualitativer Natur wäre, sollte man vielleicht mehr in Nachwuchsförderung und Schreibschulen investieren. Als Leser gleich welcher Präferenz sollte man sich öfter auch mal fordern und Bücher außerhalb seines normalen Beuteschemas ansehen. Im Endeffekt will ich sagen: Jede Form von Verinselung, Abschottung und Vorurteil ist schädlich. Also Augen auf, denn klappt das auch mit dem Lesen besser.

Ich würde jetzt gern noch eine Frage an dich zurückgeben: Was waren denn deine ersten Berührungspunkte zu fantastischer Literatur? Hat dich die Reaktion auf deinen Beitrag im European damals überrascht, und hat sich an deinem Blick auf das Genre seitdem etwas geändert?

SH: Ich kannte denke ich schon den „erweiterten Mainstream“ und habe als Jugendlicher dann noch relativ viel Hohlbein gelesen, einfach weil es den in unsrer Bücherei gab. Außerdem habe ich DSA und ein paar andere Titel exzessiv am PC gespielt. Entsprechend habe ich mich dann im/nach dem Studium auch immer freudig drauf gestürzt, wenn mir Bekannte literarisch anspruchsvolle Fantasy empfahlen, aber das beschränkte sich dann meist auf den Aspekt „kritisiert Fantasystereotype“, (was ja lobenswert ist aber noch kein ästhetischer Mehrwert & auch schnell mal eher predigend wirken kann). Eine sehr überzeugende Ausnahme war LeGuin. Mittlerweile habe ich zum Beispiel mir auf Empfehlung auch die Anthologie „The Weird“ besorgt, worin Autoren die ich schon länger lese wie Ben Okri oder Julio Cortazar ja ganz selbstverständlich neben stärker in der modernen Fantasy verwurzelten Schriftstellern stehen. Und zwei drei wirklich starke Titel fanden sich ja auch während der „Reise“.

Von den Reaktionen auf meinen Artikel war ich positiv überrascht. Bei anderen Themen war meine Erfahrung mit online-„Debatten“ eigentlich immer, dass aggressiv und entlang der eigenen Gefühlslage statt am Gegenstand diskutiert wurde. Die Fantasydebatte ist bis jetzt das einzige Mal, dass Kommentare ohne Unterstellungen auskamen, Hinweise lieferten, Richtiges beim Gegenüber eingestanden und die Diskutanten dann auch später am Ball geblieben sind. Das war zwar genau was ich mir erhofft hatte, erwartet hab ich es absolut nicht.

Hast du zum Abschluss noch ein paar Leseempfehlungen für alle, die die Reise von Anfang bis Ende verfolgt haben?

OP: Du hast in der „Fantastischen Reise“ einen sehr interessanten Querschnitt von Romanen besprochen. Aus dieser Auswahl von Autoren haben mich persönlich Gene Wolf und Neil Gaiman am meisten beeindruckt, obgleich ich bei Neil Gaiman der Ansicht bin, dass sein Meisterwerk immer noch The Sandman ist — und wie mein Doktorvater einst sagte, wenn wir uns als Literaturwissenschaftler nicht um Graphic Novels kümmern, dann schnappt es uns bloß jemand anderes weg.

Ansonsten bin ich der Ansicht, dass man die frühen Romane von Peter S. Beagle kennen sollte — auch, aber nicht nur The Last Unicorn. Auch Matt Ruff sollte nicht unerwähnt bleiben. Die größten Stilisten der Fantasy aber sind für mich nach wie vor Lord Dunsany, James Branch Cabell und Mervyn Peake. Gerade Letzterer ist auch ein gutes Beispiel, dass Virtuosität vielleicht nicht unbedingt reich machen muss, aber wenigstens zu Anerkennung über Genregrenzen hinaus führen kann. Wir hatten in Deutschland zwar keinen Mervyn Peake; aber hier hätte man ihm in den Fünfzigern auch nicht einen der wichtigsten Literaturpreise verliehen. Ich bin hoffnungsvoll, dass es dabei nicht ewig bleiben wird.

SH: Danke, Oliver, für dieses ausführliche Gespräch. Und danke auch an alle Regelmäßigen Leser, besonder an Alessandra Reß, ohne deren zahlreiche Lesetipps es diese Reihe nicht gegeben hätte.

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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