Verblödung durch Drüberreden — Hämophektiken des Stereotypverfertigens (5)

Der letzte Teil des Essays von Essay von D. H. Rapoport zeigt Möglichkeiten der Intervention auf

Schule, Stammtisch, Famillie - wo lässt sich was gegen Stereotype tun? Bild: School bus von Kevin Dooley unter CC BY 2.0, zugeschnitten

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In den ersten vier Teilen wurde dargelegt, was zu sagen mir in der Sache angelegen war. Im Wesentlichen wollte ich eine Angelegenheit der Wahrnehmung zu einer Angelegenheit des Handelns umdeuten. Es ist nichteinmal wichtig, ob das vorgeschlagene Dreistufenmodell genau so stimmt. Recht eigentlich möchte ich die Wahrnehmungsgewohnheit des Stereotyps selbst, also die Art, wie Stereotypen wahrgenommen und untersucht werden, durchbrechen.

Vielstrapazierte Alltagspsychologie

Es ist zu einer Art Automatismus geworden, die Alltagspsychologie zu bemühen, sobald man aufgefordert wird, das Zustandekommen oder die Hartnäckigkeit von Stereotypen zu erklären. Oder, wenn es akademisch und elaborierter wird, die Psychoanalyse und die Wahrnehmungsphysiologie. Dieses Muster, sofort nach psychologischen und wahrnehmungsverzerrenden Gründen zu suchen und das gesellschaftliche “Wie” der Stereotypverfertigung gleichsam zu überspringen, dieses Muster scheint mir sehr hartnäckig – und fruchtlos. Tendenziell zielen die Wahrnehmungstheoretiker stets auf das „Warum“ der Stereotypen, während sich der Handlungstheoretiker eher für das „Wie“ interessiert. Der Maßgabe, Augenmerk auf das “Wie” zu lenken – wie auch immer es im Einzelnen tatsächlich funktioniert – dieser Maßgabe bin ich gefolgt.

Ich räume ein, dass Raum für Kritik entstanden ist. Insonderheit könnte man mir — nicht zu Unrecht — vorwerfen, die „warum“-Frage ganz ungenügend behandelt zu haben. Also warum Sozialisationshandlungen der Art, dass an ihrem Ende Stereotype entstehen, überhaupt vollzogen werden. Ich bleibe, wie schon einbekannt, sehr monokausal, indem ich „In-Group“-Dynamik sage. Aber hier liegt auch ein Mißverständnis vor. Ich möchte gar keine Gründe geben. Ich denke nur darüber nach, wie es funktionieren könnte.

Natürlich ist mir bewusst, dass es konkrete soziale und historische Verumständungen gibt, die das Verfertigen rassistischer Stereotype befördern können. Etwa, wenn die sogenannte Mittelschicht erodiert und sich Sorgen um ihre Zukunft macht, oder wenn eine Gesellschaft stark in unterschiedliche Gruppen sich aufspaltet; wenn überhaupt soziale Umgruppierungen und Strömungsbewegungen wirken, oder wenn Krieg oder Bürgerkrieg drohen usw. usf. Das alles will ich gar nicht in Abrede stellen oder nur in seiner Wichtigkeit schmälern. Es ist wichtig und verdient Beachtung.

Und nun? Was tun?

Ich habe es beachtet und dennoch mit Absicht nicht behandelt. Einmal der Länge wegen. Der Essay ist lang genug. Zweitens zielt die selbst erwählte Beschränkung, ausschliesslich der „Wie“-Frage Beachtung zu schenken, letztlich auf Möglichkeiten der Intervention ab. Das ist mein wichtigster Grund. Die ganze Anfertigung war von Vornherein als Übung in praktischer Philosophie konzipiert. Es war deshalb, dass ich mich veranlasst fand, überhaupt einen konstruktiven Gegenentwurf zu Theorien vereinheitlicht fehlgeleiteter Wahrnehmung zu bringen. Deren psychopathologische Mechanismen entgleiten nämlich, weil sie zumeist im Unbewussten sich abspielen sollen, der aktiven Intervention. Hier hingegen, im Reich des Handelns, da lässt sich etwas tun.

Was lässt sich tun? Wo kann man intervenieren? Ich meine, in allen drei Stadien der Stereotyp-Anfertigung. Zuerst, in der In-Group. Die Dynamik der typischen In-Group selbst lässt sich zwar nur schwer beeinflussen, aber man kann darauf achten, Mitglied mehrerer In-Gruppen zu sein. Oder die Eltern können darauf achten. Erstens minderte es den Sozialisationszwang ungemein, wenn man mehrere Anschlüsse anstatt nur eines einzigen findet. Zweitens ist nicht wahrscheinlich, dass in allen In-Gruppen das selbe Sozialisations-Schibboleth Verwendung findet. Sicher, die Gefahr besteht, durch diese Maßnahme zum Multi-Rassisten zu transmogrifizieren. Ich halte für glaubhafter, dass man gar nicht erst einer wird.

Offene Debatte erlernen

Sodann gibt es Interventionsmöglichkeiten bei der atypischen In-Group. Von den Schulen war bereits die Rede. Natürlich wäre wünschenswert, dass schon die Schule nationale oder gar völkische Mythen in Frage stellte, aber diese Idee ist wohl naiv. Schule reflektiert immer das Selbstverständnis der Nationalstaaten und es wäre töricht zu glauben, Staat und Schule würden von der Möglichkeit, wechselseitig ihr Fortbestehen zu sichern, nicht gründlichen Gebrauch machen. Überdies würde in einer Welt voller Patriotismus und Nationalismus der Versuch, ausgerechnet die eigenen Staatsbürger zur Demut zu erziehen, mit Sicherheit zum Bumerang. Anstatt Bescheidenheit würde man einen veritablen Minderwertigkeitskomplex erzeugen, der schnell in Aggression umschlüge. Was indes ganz sicher möglich ist: Die Geschichte anderer Nationen und Völker besser kennen zu lernen. Auch ist möglich, Mobbing zu verhindern. Ich bin für das wiederholte Durchführen von Schulstunden, in denen Mobbing-Verhalten analysiert und die Schüler für herzloses und ausgrenzendes Verhalten sensibilisiert werden. Fördern zivilcouragierten Verhaltens und Vielfalt der atypischen In-Gruppen sind weitere Maßnahmen, die bereits in der Schule kultiviert werden können. Und schliesslich soll in der atypischen In-Group das gute Debattieren erlernt werden. Nicht nur in der Schule, auch an den Universitäten; vielleicht sogar, auch wenn das wiederum hart ans Blödnaive grenzt, an den Arbeitsplätzen. Dabei muss es gar nicht um Politisches gehen; es reicht, wenn die Menschen überhaupt einmal den Modus der offenen Debatte erlernen und beherrschen. Wenn sie die Wirksamkeit kritischen Denkens bei der Verbesserung ihrer Arbeit, ihrer Arbeitsprodukte, ihrer Familiensituation usw. erfahren. Zugegebenermassen ist die Arbeitsstelle, real betrachtet, der letzte Ort, an dem offene Debatten erlernt werden können. Meist ist sie der Ort, an dem die Brutalität des Zivilen am ungebrochensten waltet. Die eigene Existenz ist fast nirgends so fühlbar daran geknüpft, Erwartungen anderer Menschen – meist der vorgesetzten Person – zu erfüllen. Hier ist kein Platz, diese Verhältnisse gründlicher anzusehen. Ich erwähne sie nur, weil sie neben vielen anderen Unanehmlichkeiten auch die mit sich bringen, eine Interventionsmöglichkeit gegen das Verbreiten von Stereotypen zu vereiteln.

Sich der Debatte verweigern?

Schliesslich gibt es, zumindest theoretisch, die Möglichkeit, während der eskalierenden Debatte zu intervenieren. Man merkt schon, je später man interveniert, desto schwieriger. Dem Ausbruch der Debatte geht, wie geschildert, das Aufstauen, Vereinheitlichen und Verbreiten des Ressentiments voraus. Es scheint fast unmöglich, noch ernsthaft steuern zu wollen, wenn sich das bahnbricht. Deswegen fürchte ich, dass es nur eine sinnvolle Interventionsmöglichkeit beim Ausbrechen der Debatte gibt: Sich ihr zu verweigern. Sie stoisch nicht zu führen. Jedes Widerwort führt ja genauso zur Eskalation wie jede Geste der Beschwichtigung. Zugegeben, der Rat ist ein bisschen wie Muttis „Nicht kratzen!“, wo ein rünstig Mückenviech sein Labsal hatte. Aber so ist es. Man kann der Hysterisierung — dem reinen Handeln sozusagen, dem Handeln ohne Verstand — nur durch Nicht-Handeln begegnen. Natürlich meint das nichts weniger als Untätigkeit; wo der Rassist übergriffig wird oder sonstwie geltendes Recht bricht, da soll ihn die Staatsgewalt zur Raison bringen. Wo er aber durch Anfachen von Hysterie und eskalierender Debatte eigentlich nur sich selbst erfühlen will, da soll man ihm die Bestätigung im Andern verweigern. Nichts widerlegt das Stereotyp wirkungsvoller, als seine Unfähigkeit zur Provokation. Ich schlage vor, was Karl Kraus unter dem Titel „Sittlichkeit und Kriminalität“ trennt, auch hier zu trennen. Wo der Rassist kriminell wird, soll man ihn belangen. Wo er unsittlich ist, darf er es bleiben. Es ist seine ganz private Idiotie. Und so wir vermeiden, die Hämophektik der eskalierenden Debatte anzuwerfen, bleibt sie es auch. Dem Stereotyp, weil im Großen unvereinheitlicht, wird letztlich die Vollendung verwehrt. Uneskaliert bleibt es ein kleines, muffiges Stereotyp; wirkungsarm, aber gefährlich.

So skizzenhaft und ergänzungsbedürfig diese Überlegungen zur Intervention mit Sicherheit sind, sind sie doch der Punkt, an dem ich an den Schluß kommen möchte. In wissenschaftlichen Publikationen gibt es die gute Sitte, an einer Stelle den gesamten Gang der Argumentation zusammen zu fassen. Ich schlage vor, wir nehmen diese Stelle.

Zusammenfassung

  1. Im vorliegenden Aufsatz stelle ich eine Hypothese auf, wie rassistische Stereotype verfertigt und verbreitet werden. Nach vorherrschender Meinung sind Stereotype in erster Linie Wahrnehmungsfiguren. Diese Auffassung kann jedoch nicht erklären, wieso eine gemischte Gruppe von Menschen ganz einheitlich durch eine gemischte Gruppe von Menschen wahrgenommen wird.
  2. Vereinheitlichung muss durch Kommunikation geschehen; sie ist der einzige in Frage kommende Mechanismus. Nur durch Kommunikation können private Erfahrungen abgeglichen werden. Kommunikation, in diesem Zusammenhang, meint die Gleichzeitigkeit von Zurichtung des Andern und Selbstzurichtung am Andern. Deshalb mache ich den Vorschlag, Stereotype als Sozialisationshandlung zu verstehen. Ausgehend von der Theorie, dass jede sprachliche Äusserung über ihren eigentlichen Informationsgehalt hinaus immer auch Sozialisationshandlung ist, behaupte ich, dass Stereotype in Wahrheit nicht die rassistisch inkriminierte Gruppe meinen, sondern Symbol für die wechselseitige Bestätigung des Zugehörens zu einer Gruppe (In-Group) sind.

Es wird ein dreistufiges Modell der Stereotyp-Verfertigung entwickelt: (1) Verfertigen des Stereotyps in der typischen In-Group; (2) Verbreitung des Stereotyps in der atypischen In-Group; und schliesslich (3) Ausbruch und endgültige Reifung des Stereotyps in der Debatte zwischen Verteidigern und Entlarvern des Stereotyps. Insbesondere wird die Rolle der eskalierenden Debatte beim galoppierenden Aneinanderverblöden herausgearbeitet. Die gesellschaftliche Debatte, die unter Aufklärern gern als probates Mittel des Klügerwerdens gehandelt wird, stellt sich bei näherem Beschau als ebenso zur Selbstzurichtung und Vereinfältigung geeignet heraus.

  1. Diese Theorie ist der empirischen Überprüfung vergleichsweise leicht zugänglich. Im Gegensatz zu psychopathologischen Mechanismen, die im Unbewussten sich zutragen, sind die Handlungen der Sozialisation öffentlich. Ich würde sehr begrüssen, wenn sich Forscher fänden, die nach empirischen Belegen für die gebrachte Hypothese suchten.
  2. So empirische Daten erst gesammelt und ausgewertet sind, werden sich konkrete Punkte der Intervention ergeben. Selbst, wenn sie nicht mit meinen — eingestandenermaßen sehr rudimentären — Vorschlägen überein stimmen, bin ich optimistisch, dass die Suche entlang des Stereotyp-Verständnisses als Sozialisationshandlung effiziente, wenn auch vielleicht unoriginelle Interventionsmöglichkeiten erbringen wird.

Endlich liegt in der angegebenen Theorie des Verfertigens rassistischer Stereotype auch eine allgemeine Theorie der Dummheit versteckt. Darüber in Ausführlichkeit nachzudenken halte ich für unbedingt ratsam. Es gibt wenig Gegenstände, die so fahrlässig mißverstanden sind, wie Dummheit. Ganze Generationen sind entmutigt und enttäuscht worden, weil sie mit ansehen mussten, wie, was ihnen als Dummheit vorkam, obsiegte. Ich verspreche mir nicht wenig Einsicht und Trost von einer noch zu führenden Untersuchung, welche die Dummheit als Handlungsfigur anstatt als Denkschwachheit analysiert. Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andernmal erzählt werden.

Die vorlegiegende ist erstmal auserzählt. Sie werden jetzt vielleicht ein bisschen enttäuscht sein. Kann sein, dass Ihnen dieser Aufsatz nicht so richtig originell vorkommen will. Um Vergebung, aber es wird die Anfertigung von Stereotypen vermutlich nicht der richtige Ort sein, um nach Originellem zu suchen. So ist es einmal mit der Wahrheit. Im Grunde wusste man sie meist schon vorher. Seltsamerweise wird von der Wahrheit trotzdem gern verlangt, sie möge sich in immer wieder ganz neuem Gewande zeigen. Gewiss, es ist albern, denn das ist ja gerade der Witz der Wahrheit, dass sie länger gilt, als die Mode. Wem das nicht witzig genug ist, dem kann ich auch nicht helfen. Dem kann ich nur versichern, wie leid es mir tut. Blöd, dass wir drüber geredet haben.

Lübeck, im Februar, 2016

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Daniel Rapoport

Daniel Rapoport

Daniel H. Rapoport, geb. 1971, studierte Chemie an der TU Berlin und arbeitet seitdem als Wissenschaftler an Technologien zur Analyse und Vermehrung menschlicher und tierischer Zellen. Neben wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht D.H. Rapoport Essays und Glossen zu Politik, Philosophie und Kunst.

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