Es war einmal ein kleiner Junge namens Nicki, der liebte sein gelbes Fahrrad über alles. Jeden Tag flitzte er damit den Weg entlang, und der Wind pustete ihm lustig durch die Haare. Er fühlte sich stark und schnell wie ein Rennfahrer.
Doch an einem sonnigen Nachmittag passierte es. Nicki hatte schon gebremst und sein Rad stand beinahe, aber plötzlich kippte das Fahrrad zur Seite, und Rumpeldipumpel lag Nicki auf der Straße. Es tat zwar nicht richtig weh, aber der Schreck war riesengroß.
Oma, die mit Nicki unterwegs war, kam schnell herbeigeeilt. Sie half ihm auf, klopfte den Staub von seiner Hose und sagte tröstend: „Da hast du wohl dein Gleichgewicht verloren, mein Schatz.“
Nicki horchte auf. Sein Gleichgewicht verloren? Er schaute suchend auf den Boden. Ins Gras. Unter die Reifen. Er sah dort aber nichts liegen. Er dachte, das Gleichgewicht sei ein unsichtbarer, kostbarer Schatz, den man aus der Tasche verlieren kann – so wie seine Murmeln neulich.

Nicki ist traurig

Von diesem Tag an war Nicki traurig. Wenn er sein gelbes Fahrrad im Flur stehen sah, machte sein Bauch ein ganz komisches Gefühl. Er traute sich einfach nicht mehr, aufzusteigen. Ohne sein Gleichgewicht, so glaubte er, würde er sofort wieder umfallen. Er ging nur noch zu Fuß und hielt sich dabei ganz fest an Papas oder Mamas Hand.
Am Wochenende bemerkte Mama, wie traurig Nicki auf die anderen Kinder blickte, die fröhlich mit ihren Rollern und Rädern vorbeisausten. Sie setzte sich zu ihm auf den Teppich, wo er gerade mit Bauklötzen spielte.Nicki versuchte, einen ganz hohen Turm zu bauen. Doch als er den letzten Stein ganz oben aufsetzte, wackelte der Turm und fiel um. Nicki seufzte tief. „Siehst du, Mama Ich habe mein Gleichgewicht immer noch nicht wiedergefunden.“

Da verstand Mama plötzlich, was in Nickis Kopf vorgegangen war. Sie schmunzelte und nahm ihn fest in den Arm.
„Ach, Nicki“, sagte sie sanft. „Das Gleichgewicht ist kein Gegenstand, den man im Gras verlieren kann. Es wohnt tief in dir drin. In deinen Beinen, in deinen Ohren und in deinem Bauch. Manchmal macht es einfach nur kurz ein Nickerchen. Aber du kannst es jederzeit wieder aufwecken!“
„Wirklich?“, fragte Nicki und wischte sich eine kleine Träne von der Wange. „Wie weckt man es denn auf?“
„Mit ganz kleinen Schritten“, antwortete Mama geheimnisvoll.

Aufgewacht

Sie gingen zusammen in den Garten. Zuerst balancierte Nicki auf einem dicken Holzstamm, der im Gras lag. Mama hielt ihn an beiden Händen. Beim ersten Mal wackelte er noch, doch beim zweiten Mal klappte es schon viel besser. Dann hüpfte er auf einem Bein bis zum Apfelbaum. Bei jedem Sprung spürte Nicki, wie die Kraft in seine Beine zurückkehrte. Es kribbelte wieder im Bauch – und das fühlte sich gut an.
„Spürst du es?“, fragte Mama. „Dein Gleichgewicht ist wieder aufgewacht.“
Nicki lächelte. Er lief zum Balkon und holte sein Fahrrad. Seine Hände zitterten noch ein ganz kleines bisschen, als er den Lenker anfasste. Aber Mama war ja da. Sie hielt das Fahrrad hinten am Sattel fest.
„Ich bin ganz nah bei dir und passe auf“, versprach sie.
Nicki stieg auf. Er trat in die Pedale. Mama lief neben ihm her und hielt den Sattel. Das Fahrrad rollte vorwärts. Links, rechts, links, rechts.
„Du machst das ganz prima, Nicki!“, rief Mama.
Nicki merkte, wie das Rad immer stabiler wurde. Es fühlte sich an, als würde eine unsichtbare Kraft ihn von ganz alleine gerade halten. Er wagte einen Blick nach hinten und staunte: Mama hielt den Sattel gar nicht mehr fest! Sie stand schon ein paar Meter weiter hinten und klatschte begeistert in die Hände.
Nicki fuhr wieder ganz alleine. Er lenkte eine große, sichere Kurve auf der Straße. Der Wind pustete wieder durch seine Haare, und ein riesiges, stolzes Juchzen kam aus seinem Mund. Er hatte sein Gleichgewicht nicht auf der Wiese verloren – es war die ganze Zeit in ihm drin gewesen. Und jetzt flog er wieder wie ein Radrennfahrer dahin.

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