Klick und fertig

Wie wir unsere Daten aus Bequemlichkeit verschenken

Warum man sich auch selbst um Datenschutz kümmern muss und warum es bequemer ist, das nicht zu tun. Eine Kolumne von Heinrich Schmitz.

Bild von JoshuaWoroniec auf pixabay

Es gibt diesen einen Moment im Internet, den wir alle kennen: Man öffnet eine Website – und wird nicht etwa begrüßt, sondern belagert. Von einem Banner. Nein, von dem Banner. Dem Cookie-Banner. Es fragt nicht wirklich, es stellt Forderungen. „Akzeptieren Sie alle Cookies?“ Oder, versteckt hinter einem kaum sichtbaren Link: „Einstellungen verwalten“. Die Mehrheit macht es sich leicht und frisst gleich mal alle Cookies.

Das Banner, das keiner liest – aber alle bestätigen

Willkommen im Spannungsfeld zwischen Datenschutz und Bequemlichkeit – einem der wenigen Orte, an dem man mit einem Klick gleichzeitig seine Rechte wahrt und seine Geduld verliert.

Juristisch ist die Lage eigentlich erfreulich klar – jedenfalls auf dem Papier. Personenbezogene Daten dürfen nur verarbeitet werden, wenn es dafür eine Rechtsgrundlage gibt. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Datenschutz-Grundverordnung. Einwilligung ist eine davon. Und diese Einwilligung muss freiwillig, informiert und eindeutig sein. So weit, so gut. Man könnte also meinen: Der Bürger entscheidet souverän über seine Daten.

In der Praxis entscheidet er vor allem darüber, wie sehr ihn der nächste Klick nervt.

Freiwillige Einwilligung oder digitale Resignation?

Denn natürlich hat niemand Lust, sich durch 37 Unterpunkte zu klicken, um herauszufinden, dass „berechtigtes Interesse“ offenbar alles rechtfertigt, was nicht bei drei auf den Servern ist. Also klickt man: „Alle akzeptieren“. Nicht, weil man es will. Sondern weil man seine Ruhe will. Das ist kein Ausdruck digitaler Selbstbestimmung – das ist kapitulierte Autonomie. In Anwandlung eines berühmten Zitats von Narumol: Klick und fertig.

Und hier beginnt das eigentliche Problem: Eine Einwilligung, die nur deshalb erteilt wird, weil die Alternative zu mühsam ist, ist rechtlich… sagen wir mal,  interessant. Freiwilligkeit setzt eine echte Wahl voraus. Wenn aber die Ablehnung so kompliziert gestaltet ist, dass sie praktisch nicht genutzt wird, dann ist die Freiwilligkeit ungefähr so überzeugend wie Donald Trumps Kriegsstrategie.

Dark Patterns: Wenn Gestaltung zur Täuschung wird

Die Rechtsprechung hat das auch  durchaus schon  erkannt. Voreingestellte Häkchen sind unzulässig, Einwilligungen müssen aktiv erfolgen, und sogenannte Dark Patterns – also gezielte Designtricks zur Manipulation – stehen zunehmend unter kritischer Beobachtung. Aber der Erfindungsreichtum der Websitebetreiber ist bemerkenswert. Man könnte fast meinen, irgendwo gibt es einen Wettbewerb: „Wie verstecke ich die Ablehnen-Schaltfläche, ohne dass es auffällt?“

Gratis ist nie umsonst: Das Geschäftsmodell hinter unseren Daten

Gleichzeitig darf man die andere Seite nicht ganz ausblenden. Viele digitale Angebote finanzieren sich über Werbung. Personalisierte Werbung ist deutlich lukrativer als nicht personalisierte. Und personalisierte Werbung braucht halt Daten. Wer also kostenlosen Journalismus, Wetter-Apps oder Katzenvideos genießen möchte, zahlt oft nicht mit Geld, sondern mit Informationen über sein Verhalten. Das ist kein Skandal, sondern ein Geschäftsmodell. Nur sollte man es wenigstens ehrlich benennen.

Warum Datenschutz plötzlich anstrengend geworden ist

Die eigentliche Ironie liegt darin, dass der Datenschutz ursprünglich dazu gedacht war, den Bürger zu stärken. Heute zwingt er ihn zu Entscheidungen, die er häufig weder versteht noch treffen will – jedenfalls nicht jeden Tag aufs Neue. Der Schutz wird zur Last, die Transparenz zur Zumutung.

Vielleicht ist das die unbequeme Wahrheit: Datenschutz und Bequemlichkeit sind keine natürlichen Verbündeten. Wer Kontrolle will, muss sich kümmern. Wer es einfach haben will, gibt Kontrolle ab. Beides gleichzeitig ist ungefähr so realistisch wie ein stressfreier Behördengang am Freitagnachmittag.

Zwischen Selbstbestimmung und Klickmüdigkeit

Die Lösung? Vermutlich nicht noch ein Banner. Vielleicht eher weniger davon. Klarere Regeln, strengere Durchsetzung – und vor allem: weniger Heuchelei. Wenn Einwilligung zur bloßen Formsache verkommt, sollten wir aufhören, so zu tun, als wäre sie ein Ausdruck freier Entscheidung.

Bis dahin bleibt uns nur die tägliche Übung in digitaler Selbstverteidigung. Oder eben der Klick auf „Alle akzeptieren“.

Seien wir ehrlich: Die meisten von uns haben sich längst entschieden. Nicht für Datenschutz. Sondern für fünf Sekunden weniger Aufwand.

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