Es gibt Jobs, bei denen man sich fragt, warum überhaupt jemand kandidiert. Sieht man von den finanziellen Aspekten einmal ab, dürfte der Posten des UN-Generalsekretärs eindeutig dazu gehören. Man residiert in New York, pendelt zwischen Krisen, die man nicht lösen kann (oder darf), und hält Reden, die niemand hört – es sei denn, man sagt etwas Falsches. Dann hört jeder zu, um einen anschließend zu ignorieren. António Guterres, neunter Amtsinhaber und gelernter Leidensmann, verlässt den Glaspalast am East River Ende 2026 nach zwei Amtszeiten. Was bleibt, ist eine Welt, die aus den Fugen geraten ist, und die Frage: Wer will das haben?
Lateinamerika: Endlich dran – oder doch nicht?
Hierzulande wird häufig spekuliert, dass Annalena Baerbock – seit September 2025 Präsidentin der UN-Generalversammlung – inzwischen bei offenem Fenster schläft, um den Ruf, doch bitteschön Guterres nachzufolgen, auf keinen Fall zu überhören. Die Spekulationen dürften jedoch Spekulationen bleiben. Das hat weder etwas mit Baerbocks Qualifikationen zu tun noch mit der Frage, ob man die frühere Bundesaußenministerin für eine wackere Vorkämpferin des Feminismus hält oder für eine überambitionierte Karrieristin. Entscheidend sind das inoffizielle Rotationsprinzip zwischen den Kontinenten und Baerbocks aktuelle Rolle. In ihrer derzeitigen Funktion leitet die deutsche Grünen-Politikerin formal die Kandidatenhearings, ruft Mitgliedstaaten zur Nominierung auf und fungiert als Verfahrenshüterin des gesamten Auswahlprozesses. Eine Kandidatur würde einen Rollenkonflikt schaffen, den selbst die robuste UN-Bürokratie kaum aushalten dürfte.
Dabei hatte Baerbock im Januar öffentlich mehr Bewerber angemahnt und ihren Aufruf mit dem Hinweis versehen, man suche jemanden, der „mit beiden Füßen auf den Prinzipien der UN-Charta steht“. Man könnte hinzufügen: und auf allen anderen Prinzipien auch, damit China, Russland und die USA nicht das Veto zücken. Die Kunst, fünf Vetomächte gleichzeitig nicht zu verstimmen, ist das eigentliche Eignungsprofil für diesen Job.
Nach der informellen Logik des regionalen Rotationsprinzips – die man als „Konvention“ bezeichnen muss, weil sie keinerlei Verbindlichkeit besitzt – wäre Lateinamerika an der Reihe. Afrika hatte Kofi Annan, Asien Ban Ki-moon, Europa gleich zweimal António Guterres. Lateinamerika? Das war Javier Pérez de Cuéllar aus Peru, von 1982 bis 1991. Seitdem wartet die Region geduldig – eine diplomatische Tugend, die man meist aus der Not heraus erlernt.
Drei lateinamerikanische Kandidaturen haben sich in den Ring gewagt – mit unterschiedlichem Schicksal. Der Topfavorit ist Rafael Grossi aus Argentinien, Chef der Internationalen Atomenergiebehörde. Ein Atomaufseher als Weltgewissen – das hätte Symbolkraft, ob gewollt oder nicht. Gerade in Zeiten eines Konflikts mit dem Iran, der mehr oder weniger offen danach strebt, Atomwaffen zu besitzen.
Zwar ist Grossi Argentinier, und sein amtierendes Staatsoberhaupt Javier Milei ist alles andere als ein Liebling der Vetomächte Russland und China. Der liberale USA-Freund Milei hatte unmittelbar nach Amtsantritt den geplanten Beitritt Argentiniens zu den BRICS gestoppt, einem Bündnis, in dem Moskau und Peking den Ton angeben. Außerdem hatte Milei den Ukrainer Wolodymyr Selenskyj zu seiner Amtseinführung eingeladen. Allerdings ist Grossi kein „Milei-Mann“, sondern ein erfahrener Karrierediplomat. Sein Aufstieg begann in den 1980er Jahren unter dem peronistischen Präsidenten Carlos Menem und setzte sich auch unter dem linken Präsidentenpaar Néstor Kirchner und Cristina Fernández de Kirchner fort. Und die Kirchners hatten stets einen guten Draht nach Moskau.
Da nun auch Mileis Regierung Grossis Bewerbung unterstützt, dürfte der Rückhalt der USA sicher sein. Bleibt ein Makel: Grossi ist ein Mann. Und viele meinen, es sei Zeit für die erste UN-Generalsekretärin. Allerdings wünschen sich von den Vetomächten im Sicherheitsrat lediglich Frankreich und Großbritannien ausdrücklich die Wahl einer Frau. Russland und China ist die Geschlechterfrage weitgehend egal. Die US-Regierung könnte eher einen Mann bevorzugen. Zudem lichtet sich im weiblichen Bewerberfeld derzeit die Auswahl.
Für die bisherige Favoritin Michelle Bachelet aus Chile, zweifache Präsidentin und ehemalige UN-Menschenrechtskommissarin, sind die Chancen gesunken, nachdem der neue chilenische Präsident José Antonio Kast die Unterstützung Mitte März zurückzog. Die Kandidatur schrumpfte damit faktisch auf zwei Länder zusammen, was in der UN-Welt kein Todesurteil ist, aber auch kein gutes Omen. Und dann ist da noch Rebeca Grynspan aus Costa Rica, amtierende Chefin der UN-Handels- und Entwicklungskonferenz (UNCTAD) – fachlich ausgewiesen, diplomatisch erfahren, formal von ihrer Regierung unterstützt, auch wenn die entsprechende offizielle Nominierung zunächst verzögert war.
Kast gegen Bachelet: Ideologie, Washington – und ein alter Familienskandal
Warum also hat Kast die Kandidatur fallengelassen? Die offizielle Begründung klingt nach diplomatischer Buchhaltung: zu viele lateinamerikanische Kandidaten, zu wenig Konsens, Uneinigkeit mit „relevanten Akteuren“. Letzteres ist im UN-Jargon eine höfliche Umschreibung dafür, dass mindestens eines der fünf ständigen Sicherheitsratsmitglieder Vorbehalte hat – und in diesem Fall dürften diese aus Washington kommen. Kast hatte bereits im Wahlkampf auf amerikanische Bedenken gegenüber Bachelet hingewiesen, und seine Regierung pflegt eine klare Nähe zu konservativen US-Kreisen. Einen Konflikt mit den USA um eine sozialistische Ex-Präsidentin wollte man vermeiden. Für Kasts Lager spielt im Hintergrund wohl auch eine ältere Affäre eine Rolle: der sogenannte „Caso Caval“ aus dem Jahr 2015. Damals wurde bekannt, dass Bachelets Sohn Sebastián Dávalos und dessen Ehefrau einen Millionenkredit der Banco de Chile erhalten hatten – genehmigt kurz nach Bachelets Wahlsieg. Das Geld floss in ein Immobiliengeschäft mit erheblichem Wertsteigerungspotenzial. Vorwürfe des Einflussmissbrauchs standen im Raum. Zwar wurde Dávalos später freigesprochen, und Bachelet selbst war nie direkt verwickelt. Dennoch gilt der Fall im konservativen Chile bis heute als politisch belastend. Dass Kast diesen „biografischen Ballast“ nicht auf die internationale Bühne tragen möchte, dürfte bei seiner Entscheidung zumindest eine Rolle gespielt haben – auch wenn er dies öffentlich nicht betonte.
Was bleibt: Der schwerste Job der Welt
Wer auch immer am Ende gewählt wird, übernimmt eine Organisation, die finanziell unter Druck steht, geopolitisch blockiert ist und deren Legitimität in Teilen der Weltöffentlichkeit erodiert. Die interaktiven Dialoge mit den Kandidaten sind für die Woche ab dem 20. April 2026 geplant, die endgültige Empfehlung des Sicherheitsrats soll bis Ende Juli erfolgen. Lateinamerika wartet seit über drei Jahrzehnten. Ob die Region diesmal zum Zug kommt, entscheiden am Ende fünf Länder hinter verschlossenen Türen. Das nennt sich multilaterale Ordnung. Der künftige Generalsekretär wird sie – wie auch immer sie aussieht – verteidigen müssen.
Er oder sie hat keine andere Wahl.
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