Auferstandener Phönix

Ostern ist in Deutschland vor allem vom Osterhasen und den bunt gefärbten Eiern geprägt, wie Weihnachten vom geschmückten Tannenbaum – die religiöse Bedeutung verschwindet hinter dieser konsum-anschlussfähigen Symbolik. Es geht um die „Auferstehung“, aber wie ist sie gemeint, fragt Chris Kaiser.

Grabstätte Jesu
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Ostern ist die Auferstehung Jesu, eine leise, im Geheimen stattfindende – nämlich in der Grabkammer des Josef von Arimathäa hinter einem schweren Steinverschluss. Wir sprechen nicht von der spektakulären Erneuerung eines Phönix etwa, des mythischen Vogels, der durch Selbstverbrennung sich selbst in einem Ei zeugt und daraus neu schlüpft. Das wäre mal flashy!

Nachdem Jesus von Nazareth mit seinen 32 Jahren erfolgreicher Influencer mit vielen Followern war, mit einer leisen, antiklimatischen Botschaft des Friedens, der Solidarität, der gelebten Armut, verblieben in der Erinnerung der Nachwelt vor allem Erlebnisse der Demut und Bescheidenheit. Er erlaubte sich lediglich an wenigen Punkten seines Lebens, laut zu werden, etwa bei der Bergpredigt – als ihm 5000 Menschen lauschen konnten. Oder als er einen der raren Wutanfälle hatte, als ihm zu viel Lärm und Basar in den Tempeln waren und dabei mit Peitschen und Tischestürzen die ganzen Krämer und Händler rausschmiss. Und am sogenannten Palmsonntag auch – als er wie ein König in Jerusalem einzog. Wenn wir den Geschichten Glauben schenken, oder einfach mal „dem Narrativ folgen“ – dann hat dieser Mensch Jesus Wissen über die Geschehnisse, die kommen werden und somit auch, dass er in einer Woche von Top zu Tod zu Wieder-da gehen wird. Gefeiert als König, um dann aber gefangen genommen, gefoltert, getötet zu werden. Und das Menschsein damit wieder ablegt und als ein übermenschliches Wesen wiederkehrt, das dem vorher von ihm Gesagten und Gepredigten noch mehr Bedeutung geben soll.

Kippbild Jesus

Ein guter Mensch, dieser Jesus, der seine Gedanken über Gott und die Welt in Worte fasste, aber auch durch Taten wirken ließ, ist selber ein göttliches Wesen. Und durchlebte das Menschsein in all seinen Abstufungen, bis hin zu größten Qualen, um seinen Geschöpfen eine Geschwisterlichkeit anzubieten. So ist die Erzählung. Für mich als nicht mehr in dem Glauben Involvierter ein Kippbild, wie ich das aufzufassen habe. Ist es ein sanftes göttliches Wesen, das wirklich empathisch sich auf die Ebene seiner Geschöpfe begibt, um sie zu verstehen? Oder ist es vielleicht doch eine grausame Spiegelfechterei, bei der wir als Menschen nur im Vergleich verlieren können, während dieses Wesen uns einen unerreichbaren Cheat im Voraus hat? Dann ist aber am Ostermorgen keine „Auferstehung“ geschehen. Da steht nicht jemand zu einem zweiten Leben auf, das er besser – oder auch möglicherweise schlechter – aber unter denselben Bedingungen wieder ansetzen kann. Es ist eine Umwandlung, eine Metamorphose. Aus der Perspektive der Leute, die ihn betrauert haben, zeigt es sich WIE eine Auferstehung. Er scheint erstmal so, wie er war. Sogar mit den Löchern in seinen Händen, die ihm bei der Folterung am Kreuz zugefügt wurden. Der inzwischen sprichwörtliche ungläubige Thomas brauchte dieses Merkmal, um ihn als die Person zu identifizieren, die er war.

Und dann war er auch nur kurz da, ein paar Male im direkten Treffen mit seinen früheren Gefährten, um dann sich endgültig ins Himmlische zu verabschieden.

Phönix vs Jesus

Folgerichtig sieht der christliche Glauben darin auch nicht das, was man etwa beim oben genannten Phönix sieht – das Symbol der Erneuerung. Es ist auch nicht nötig, da die frühe Kirche sich als letzte Zuflucht und kurzes Aufblühen der Gesellschaft sieht, bevor Gott die Apokalypse recht bald kommen lässt. Und man sollte auch nicht vergessen – es ist keine „Wiedergeburt“, bei der ein erneuter Zyklus in Gang gesetzt wurde. Der Auferstandene (Jesus) ist eine ähnliche Version dessen, bevor er starb, mit den göttlichen Attributen der Unsterblichkeit, der Überzeit- und Überräumlichkeit. Der Phönix hingegen, der fängt von Neuem an. Immer wieder. Für diesen gibt es (auch) den Cheat des neuen Lebens, aber nicht den Aufstieg auf eine höhere Ebene. Ein Phönix hat etliche göttliche Attribute, wie sollte er sonst 500 Jahre alt werden können. Und dass er Feuer nicht nur übersteht, sondern diese ihm zur Selbsterneuerung dient, das ist sein mythologisches Kennzeichen.

Geschichte der Erneuerungen

Sieht sich der Mensch auch manchmal in dieser Erneuerung durch Zerstörung im Vergleich zum Phönix? Dass Erneuerung das Reduzieren oder gar Vernichten des Alten braucht, das hat die Geschichte die Menschen durchaus schon gelehrt – aus dem Sturz des Königs gibt es einen Neu-Anfang, aus der Revolution wird die Republik, auf den Trümmern der religiösen Kriege des 17. Jahrhunderts gründet sich die Moderne und das, womit wir Europa verbinden. Und es hat ja auch eine gewisse innere Logik, dass man nichts an der Stelle bauen kann, wo schon etwas steht, es sei denn, man macht es vorher platt.

Dass sich das Christentum immer wieder anschlussfähige pagane Mythen sucht, ist kein Geheimnis (Osterhasen als Fruchtbarkeitssymbol UND der Erneuerung/Auferstehung im Frühjahr, z.B.), so ist auch die Parallele zwischen der Auferstehung Jesu und der Wiederentstehung des Phönix naheliegend. Mythen funktionieren auf der Ebene der kollektiven Vorstellung, in abstrakter und bildlicher Form, weniger auf konzeptioneller, rationaler Ebene. Und bestimmte Wörter treten in selben Kontexten auf. Was nimmt es also wunder, dass gerade ein Land in Trümmern, noch rauchend nach den Feuerstürmen der Gegner, sich selber wiederfinden will, neu aufbauen will – sich selbst als Phönix aus der Asche – wörtlich – sieht?

Stunde Null 1949

Die Stunde Null der neuen Republik(en) auf deutschem Boden nach vier Jahren der Selbstfindung unter kontrollierten Bedingungen der vier Besatzungsmächte, also im Jahre 1949, als sowohl die Bundesrepublik West als auch die „Ostzone“ DDR das Grau der Ruinen hinter sich lassen wollen, der eigenen Bevölkerung eine Perspektive und einen Aufbruch bieten möchten. Aber ein Phönix – eine majestätische Figur, mit göttlichem Einschlag – der  passt dann doch nicht zu der gerade aus dem paganen Mystizismus der Nazis entsagten Nation. Wieviel besser das christliche Symbol des vorher gedemütigten Menschen Jesus in seiner Auferstehung. Dass ausgerechnet der Teil Deutschlands, der zwangs-materialistisch wurde, real existierend sozialistisch unter sowjetischer Herrschaft dem Atheismus den Vorrang durch Kommunismus gab – dann in seiner – neu konzipierten – Hymne der christlichen Symbolik das erste Wort gab: „Auferstanden aus Ruinen“  . Nicht „neues Leben“ – das kommt später im Text, nicht „Phönix“, nicht „Vorwärts“, nicht „Republik“ usw – sondern ausgerechnet „auferstanden“. Vielleicht ist es aber auch umgekehrt eine Methode, Wörter im religiösen Sprachgebrauch zu einer säkularen Bedeutung zu bringen. Die Referenz auf Jesus wird gekappt, es bleibt das, was man daraus macht, nämlich als Gemeinschaft der Nation „aufzuerstehen“. Und wenn es „aus Ruinen“ ist, zieht man das Wort noch mehr weg ins rein Metaphorische, denn Jesus war nicht aus Ruinen auferstanden, sondern aus seinem eigenen früheren Sterben. So wie Ostern in meinem atheistischen Leben sich mehr und mehr von der Symbolik des Christentums freimacht und in einen symbolisch-mythischen Gestus wandelt. Frühlingsanfang, Häschen, bunte Eier, Verstecken derselben und die Suche danach, eine Auferstehung von paganen Riten, aus den Ruinen meines eigenen christlichen Glaubens.

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