Versiffte Sprache

Textfunde im Netz über die Begriffe „Links-grün-versifft“ oder „rot-grün-versifft“, sind schnell gefunden. Der Sinn solcher Zuordnungen wird hinreichend erklärt, die Emotion dazu wird zumindest mir allerdings schwer vermittelt.

Foto und Grafik: Matthias von Schramm

Dies wird ein kurzer Text zum Thema, eher so etwas wie ein leicht ausgebauter Teaser. Ich hatte bereits einen Text geschrieben, den ich aber aus verschiedenen Gründen verwerfen musste, bzw. dann auch wollte. Technik des Alltags, im Leben des immer nach sich selbst suchenden „Schrammismus!“

Die scheinbare „Schönheit“, die im Versifft-Sein steckt!

Jörg Phil Friedrich schrieb unlängst über die Moral von Menschen, die sich aus verschiedenen Perspektiven bildet. Er suchte in den Perspektiven politischer links-rechts Verortung. Ich hingegen, versuche die Sprache zu verstehen. Ich habe mich immer wohlgefühlt, allein meinem Habitus entsprechend, einer bestimmten Gruppe zugeordnet zu werden. Im Trotz lag die Perspektive des Umgangs. Der Begriff „links-grün-versifft“ soll eine Beleidigung sein, da er der Zielperson ein verschmutztes, ekeliges und ungepflegtes Image verpasst. Aber er ist auch ein zweifelhaftes Kompliment. Da steht jemand da und steht auch noch dazu, wie er dasteht. „Links-grün-versifft“, im Sinne bestimmter Überzeugungen, die allgemein bekannt, aber auch beliebig auswechselbar sind.

Vom Körnerfresser zum St. Pauli Fan!

In den 1980er Jahren war der Begriff „Körnerfresser“ sehr beliebt. Er wurde für Menschen, mit einer bestimmten optischen Außenwirkung angewendet. Und dies zu Zeiten, als es noch keine große vegane Bewegung gab, und Fleischersatzprodukte, die nichts vom Pferd erzählen, noch nicht in den Supermarktregalen zu erwerben waren. Ich fiel unter diesen Typus Mensch, obwohl ich keine einschlägigen Erfahrungen mit einem Bircher Müsli hatte und meine Leibspeise damals Mutters Schweinebraten mit Klößen war. So wie bei vielen jungen Menschen im Wachstum.

Der St. Pauli Fan hört eigentlich das ihm zugeordnete „Scheiß St. Pauli“ ganz gerne, ist aber irgendwann genervt davon, weil die sprachlich fehlende Kreativität vieler gegnerischer Fangruppen, keine besondere Ermunterung darstellt. St. Paulianer bauen eher die Beleidigungen für ihre Gegner in lyrische Textzeilen ein wie „We hate the Volksparkbastards“. Oder gemeinsam mit Freunden von Werder Bremen, reimt man gerne „Schwarz, weiß und blau, mag keine Sau“. Das Wiederholen der einem zugerufenen Beleidigungen, ist lediglich eine kurze spaßige Replik, die aber keine wirklich inhaltliche Diskussion anklingen lässt.

Im Amateurfußball ist das dann schon manchmal anders. Bei einem Spiel unserer 1. Frauen FCSP, versammelten sich viele hart am Fusel stehende Fans in Trainingsanzügen, des gegnerischen Vereins, in der Schleswig-Holsteinischen Provinz. Über das ganze Spiel, gröhlten sie ohne Pause „Scheiß St. Pauli“.

Nach dem unser Team einen Auswärtssieg davon trug, tanzten die Spielerinnen im Kreis und wiederholten, in gekonnt vorgetragener Sopran- bis Altlage, besagte Ausrufe. Dann war augenblicklich Ruhe am Provinzacker.

Ich überlege, fühle mich aber nicht überlegen!

Für mich macht der Begriff „links-grün-versifft“ keinen Sinn. Soll er wohlmöglich dazu dienen, dass man sich unabhängig des eigenen Pflegezustandes, als überlegen oder arrogant fühlt? Weil man bereit ist, Verzicht von einer bestimmten Form des Luxus für sich einzuordnen? Weil man, wie ich, es für unsinnig befindet, in einer Millionenstadt ein Auto zu halten und dieses im geräumigen Carport, mit Heu und Möhren zu füttern?

Klar, es gibt viele Gründe sich mit der Zuordnung „links-grün-versifft“ eher reflektiert wohlzufühlen, als deswegen beleidigt zu sein. Gilt im Übrigen auch für den immer engmaschiger angewendeten Ideologievorwurf. Aber dieses wäre ein eigenes Thema, welches sich sehr zum ordentlich Ausschmücken eignet.

Sich „links-grün-versifft“ zu fühlen, was auch immer damit gemeint ist, ist freilich noch kein lösungsorientierter Beitrag und auch nicht Grundlage für eine inhaltliche Auseinandersetzung – für einen guten ergebnisoffenen Diskurs. Aber es ist eine Reaktion auf viel nachgeplapperten Unsinn. Entgegen dieser etwas kargen Begrifflichkeit, finde ich z.B. ein auf bunten Plakaten und T-Shirts gedrucktes FCK NZS, sehr hübsch anzuschauen.

Dennoch habe ich mich immer wieder dabei selbst ertappt, in Foren-Diskussionen, mich ganz persönlich mit diesem „lgv“ Begriff zu belegen, den ich nicht für zutreffend halte. Gesprächseröffnend kann er aber trotzdem sein.

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