One Battle After Another – Die Revolution frisst ihre Kinder

Mit 6 Trophäen der große Abräumer bei den Academy Awards 2026

Noch vor wenigen Monaten galt One Battle After Another als typischer Paul-Thomas-Anderson-Film: sperrig, eigenwillig, genremäßig schwer einzuordnen. Doch bei der diesjährigen Preisverleihung der Academy of Motion Picture Arts and Sciences wurde das Werk zum unangefochtenen Sieger des Abends gekürt. Grund genug, noch einmal auf die unorthodoxe Geschichte über alte Revolutionäre, fanatische Migranten-Jäger und eine ungewöhnliche Vater-Tochter-Beziehung zu blicken.

Academy awards 2026
Bild: ChatGPT

Vom sperrigen Film zum Oscar-Triumph

Vor vier Monaten hatte ich One Battle After Another noch mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Unterhaltsam, gut besetzt, aber auch ein Film, der sich schwer entscheiden kann, was er eigentlich sein möchte. Gestern, nach der Oscar-Verleihung, wirkt diese Einschätzung fast wie ein Zwischenstand in einer deutlich längeren Geschichte. Denn Paul Thomas Andersons Werk hat bei den Academy Awards überraschend groß abgeräumt – und gehört damit endgültig zu den prägenden Produktionen des Kinojahres 2025.

Eine Revolution mit Nebenwirkungen

Die Handlung ist schnell erzählt: Pat Calhoun (Leonardo DiCaprio) ist Mitglied der revolutionären Gruppe „French 75“, die in den USA der Nullerjahre zahlreiche Aktionen (Befreiung von Mexikanern aus Abschiebehaft) und Anschläge (Lahmlegen der Stromversorgung, Bomben in Kreditinstituten hochgehen lassen u.ä.) verübt. Pat ist nicht nur der Sprengstoffexperte der militanten Aktivisten, sondern ebenfalls mit deren Anführerin, die auf den hübschen Namen Perfidia Beverly Hills (Teyana Taylor) hört, liiert. Perfidia unterhält zusätzlich zu Pat eine heimliche Beziehung mit Captain Lockjaw (Sean Penn), der eigentlich die Aufgabe innehat, ihr und ihrer Truppe das Handwerk zu legen, sie jedoch immer wieder entwischen lässt.

Als Perfidia schwanger wird, kommen Pat erste Bedenken, ob das Aktivistenleben auf Dauer was für ihn ist. Nach der Geburt von Tochter Willa (Chase Infiniti) trennen sich deshalb die Wege des Paars: Pat geht auf in der Rolle des Vaters, Perfidia nimmt ihre alte Beschäftigung als Revolutionärin wieder auf. Ein Banküberfall läuft aus dem Ruder, es gibt Tote. Nach einer wilden Verfolgungsjagd wird Perfidia geschnappt. Ihr droht lebenslange Haft. Lockjaw rät ihr dazu, die Gruppe zu verraten und im Gegenzug ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen zu werden. Perfidia (nomen est omen) willigt ein und verpfeift ihre Genossen:innen. Viele werden geschnappt oder getötet, einigen gelingt im letzten Moment die Flucht – so auch Pat mit Tochter Willa.

Nun springt die Handlung um 16 Jahre: Perfidia ist spurlos verschwunden (man vermutet sie auf Kuba oder in Libyen), Lockjaw inzwischen vom Captain zum Colonel aufgestiegen (jagt immer noch Mexikaner und Aktivisten), Pat und Willa leben unter anderem Namen in einer Kleinstadt im Norden von Kalifornien, wo die Tochter die High School besucht und der Vater den Tag mit Kiffen und Dosenbier vertrödelt. Nach anderthalb Jahrzehnten sollte eigentlich Gras über die Sache gewachsen sein, denken die damals auf den letzten Drücker Davongekommenen und fühlen sich halbwegs sicher. Doch das erweist sich als voreilig, denn der mittlerweile zum christlich-arischen (oder arisch-christlichen) Glauben bekehrte Lockjaw eröffnet die Hatz erneut. Sein Ziel = Willa. Mehr soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden.

Zwischen Action, Farce und politischer Satire

Die Handlung oszilliert zwischen Liebesdrama, Action und Komödie. Gut besetzt: neben Leonardo DiCaprio und Sean Penn ist auch Benicio del Toro in einer Nebenrolle zu sehen. Mit zweieinhalb Stunden etwas lang geraten – hätte man auch kürzer erzählen können.

Das war zumindest mein Eindruck nach dem ersten Sehen. Und ein Teil davon stimmt weiterhin. One Battle After Another ist kein schlanker Film, sondern ein ausufernder, manchmal widersprüchlicher Koloss. Anderson wickelt seine Geschichte nicht geradlinig ab, sondern mit zahlreichen Tonwechseln: hier eine Szene voller Slapstick, dort plötzlich ein brutaler Actionmoment, dann wieder ein melancholischer Dialog zwischen Vater und Tochter.

Genau darin liegt allerdings auch die Eigenart des Films. Er wirkt manchmal wie drei Filme gleichzeitig – politischer Thriller, Familiensaga und Satire auf Amerikas ideologische Abgründe.

DiCaprio überdreht, Penn fanatisch

DiCaprio spielt Pat Calhoun, den ausgebrannten Alt-Revoluzzer. Früher Bombenbauer einer radikalen Gruppe, heute lethargischer Kiffer in der kalifornischen Provinz. Seine Darstellung hat eine leichte Tendenz zum Overacting, besonders im ersten Drittel der Handlung. Gleichzeitig passt dieses Überdrehen erstaunlich gut zur Figur: Pat ist jemand, der mit seiner eigenen Vergangenheit nicht mehr klarkommt. Die Revolution von einst ist von ihm längst zu einem alkoholgeschwängerten Brei aus Nostalgie, Schuldgefühl und Selbstironie vermischt worden.

Sean Penn wiederum gibt den Antagonisten Lockjaw mit sichtlicher Lust an der Übertreibung. Sein Charakter ist weniger realistischer Polizist als vielmehr eine groteske Verkörperung autoritärer Besessenheit – ein Mann, der die Jagd auf Aktivisten und Migranten nicht mehr von religiösem Fanatismus unterscheiden kann.

Das Herz des Films: Pat und Willa

Das eigentliche emotionale Zentrum des Films bildet jedoch die Beziehung zwischen Pat und Willa. Ich hab’s für mich in die Kategorie „Vater-Tochter-Stück“ einsortiert: Der Schock der Ereignisse schweißt die beiden, die bis dahin durch eine Art Hassliebe miteinander verbunden waren, erst richtig zusammen. Resultat: heile Revolutionärswelt 2.0.

Chase Infiniti füllt diese Rolle mit bemerkenswerter Präsenz. Ihre Willa ist keine klassische Teenagerfigur, sondern eine junge Frau, die langsam begreift, dass die Vergangenheit der Eltern nicht einfach verschwunden ist, nur weil 16 Jahre lang darüber eisern geschwiegen wurde. Während die Erwachsenen noch in alten Ritualen gefangen sind, wirkt sie wie eine Figur, die erst entscheiden muss, ob sie diesen Kampf überhaupt fortsetzen will.

Amerika als ideologisches Schlachtfeld

Interessant ist auch der politische Hintergrund der Geschichte. Anderson zeichnet ein Amerika, in dem Migranten als billige Arbeitskräfte geduldet, ansonsten aber verfolgt und eingesperrt werden. In meiner ursprünglichen Rezension schrieb ich: „erschreckend ist, dass die im Film plakativ gezeigte Unmenschlichkeit gegenüber Einwanderern von der MAGA-Realität mittlerweile überholt wurde.“ Dieser Satz wirkt heute, ein paar Monate später, leider kaum weniger aktuell.

Der späte Triumph des Paul Thomas Anderson

Vielleicht ist genau das der Grund, warum das Drama nun auch bei den Academy Awards so erfolgreich war. In der Nacht von Sonntag auf Montag (MEZ)  wurde One Battle After Another gleich mehrfach ausgezeichnet – unter anderem als bester Film des Jahres sowie beste Regie und bestes Drehbuch für Paul Thomas Anderson. Erstaunlicher Triumph eines Werks, das lange eher wie ein exzentrischer Außenseiter im Oscarrennen wirkte.

Dass ausgerechnet ein derart sperriger Film zum großen Gewinner des Abends wurde, sagt vielleicht auch etwas über das gegenwärtige Kino aus. Anderson erzählt kein glattes Heldenepos, sondern bietet dem Zuschauer eine stellenweise holprige Story über alternde Revolutionäre, gescheiterte Ideale und eine Generation, die mit den politischen Ruinen ihrer Eltern aufwächst.

Unterhaltsam – aber nicht ganz überzeugend

Trotzdem wurde ich nicht komplett warm mit dem Werk. Wahrscheinlich, weil sich die Handlung nie dazu entscheidet, was sie eigentlich sein will: Liebesdrama (wo ist Perfidia abgeblieben?), Komödie (kiffender Ex-Aktivist muss plötzlich raus aus der Frührentner-Komfortzone) oder Gesellschaftssatire. Das alles garniert mit einer gehörigen Portion Action macht die Geschichte zwar unterhaltsam, aber dennoch überzeugt sie nicht vollends.

Weder DiCaprios noch Penns bester Streifen, aber durchaus ansehbar.

Oder anders gesagt: ein Film voller Widersprüche – genau deshalb aber auch einer, über den man endlos bei einer Dose Bier u/o einem Joint diskutieren kann.

Bewertung

Pros

1. Starkes Vater-Tochter-Motiv
Die Beziehung zwischen Pat und Willa bildet das emotionale Zentrum des Films und verleiht der ansonsten recht wilden Handlung eine nachvollziehbare menschliche Dimension.

2. Eigenwilliger Genre-Mix
Die Mischung aus Actionfilm, politischer Satire und Familiendrama macht den Film zumindest nie langweilig.

3. Markante Figuren
Besonders Sean Penns fanatischer Lockjaw bleibt im Gedächtnis – eine überzeichnete, aber wirkungsvolle Antagonistenfigur.

4. Politischer Hintergrund
Die Geschichte greift Themen wie Migration, staatliche Gewalt und religiöse Radikalisierung auf und verleiht dem Film damit eine aktuelle politische Ebene.

5. Atmosphärische Inszenierung
Paul Thomas Anderson schafft es erneut, eine sehr eigene Welt zu entwerfen – irgendwo zwischen amerikanischer Provinz, politischem Thriller und schwarzer Komödie.

Cons

1. Tonale Unentschlossenheit
Der Film schwankt ständig zwischen Komödie, Drama und Action – und findet dabei nie ganz zu einer klaren Linie.

2. Überlange Laufzeit
Mit über zweieinhalb Stunden wirkt die Geschichte stellenweise unnötig aufgebläht.

3. DiCaprios Overacting
Leonardo DiCaprio neigt in einigen Szenen zur Übertreibung, was nicht immer zur Figur passt.

4. Verschenktes Potenzial bei Nebenfiguren
Interessante Figuren (z.B. innerhalb der Aktivistengruppe) bleiben letztlich eher skizzenhaft.

5. Offene narrative Fäden
Einige zentrale Fragen – etwa rund um Perfidias Verschwinden – werden nur unzureichend beantwortet.

-> 6.5 Punkte

Steckbrief

Titel: One Battle After Another

Herstellungsjahr: 2025

Regie: Paul Thomas Anderson

Drehbuch: Paul Thomas Anderson

Produzenten: Paul Thomas Anderson, Sara Murphy, Adam Somner

Hauptdarsteller: Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Chase Infiniti, Teyana Taylor, Benicio del Toro

Länge: 162 Minuten

Produktionskosten: ca. 130–140 Mio. US-Dollar (Schätzungen reichen bis etwa 175 Mio. je nach Quelle)

Starttermin: 25. Sept. 2025 (Deutschland, in den USA einen Tag später)

Zuschauer: 20-25 Mio. weltweit (bis Jahresende 2025)

Einspielergebnis: ca. 200 Mio. USD (Schätzung Jahresende 2025)

Verleih: Warner Bros. Pictures
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