Selten zeigte sich die Dummheit im Netz so selbstbewusst wie an diesem Montag, an dem die Zeitungen voll waren von Nachrufen auf Jürgen Habermas und von Analysen seiner Bedeutung für die öffentlichen Debatten der Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten. Auf die ausführlichen Würdigungen folgten bald tausenden von Postings von diesem und von jenem, die zum Besten gaben, dass sie ja niemals ein Wort von dem, was Habermas geschrieben hat, verstanden haben, und die sich sicher gaben, dass auch sonst niemand den Habermas, wie auch den Adorno und den Heidegger je verstanden habe, weil da ja auch gar nichts zu verstehen sei, weil das ja alles nur Gefasel, Geschwätz, verdrehtes Geschwurbel sei.
Was ich nicht verstehe, muss unverständlich sein
Es war wirklich erstaunlich, mit welcher Selbstgewissheit da Leute, die vorgaben, selbst Sozialwissenschaften, Politik oder ähnliches studiert zu haben, damit prahlten, dass sie nichts von dem, was sie da im Studium von diesen Leuten lesen mussten, je verstanden haben. Natürlich ist es nicht so selten, dass Studenten nicht wirklich verstehen, was sie als Prüfungsstoff doch pauken und dann im richtigen Moment herbeten und aufsagen können müssen. Auch Mathematik- und Physikstudenten kennen dieses Problem: sie pauken irgendwelche Sätze, lernen auswendig, wie sie die zusammenbringen sollen, trainieren einen Formalismus des Aufeinanderfolgens irgendwelcher Aufsätze und sind froh, wenn drei Wochen nach der Prüfung niemand mehr danach fragt. Aber keiner von ihnen wird später mit seinem Nichtwissen prahlen – allenfalls damit, trotzdem die Prüfung bestanden zu haben. Jedem ist klar, dass es nicht an Newton, Einstein, Bohr oder Heisenberg liegt, dass sie die Theorie nicht verstehen, sondern an ihnen selbst.
Von einem Geisteswissenschaftler aber verlangen die Studierenden, dass er ihnen die Theorie in leichter Sprache serviert. Und sie meinen, dass diese Light-Version dann tatsächlich das Gleiche ist wie das, was Denker wie Kant, Hegel, Heidegger oder Habermas in ihren Hauptwerken entwickelt haben. Bestärkt werden sie darin von Karl Popper, der sich zwar auch immer beklagt hat, dass die, die ihm widersprochen haben, ihn bloß nicht verstehen, der aber in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ in schön einfachen Sätzen den Faulenzern und Ignoranten die Ausreden geliefert hat: Alles müsse man eben auch einfach ausdrücken können. Eine Meinung, die der junge Wittgenstein bekanntlich auch vertreten hatte, und für die er genauso geliebt wird von denen, die zu faul sind, komplexe Zusammenhänge und Theorieentwicklungen nachzuvollziehen, und die natürlich gern ignorieren, dass Wittgenstein das später beharrlich revidiert hat.
Es ist anstrengend
Aber die Dinge sind nun mal nicht einfach, schon gar nicht so simpel, wie ein Karl Popper es sich gedacht hat, und sie sind vor allem nicht einfach zu formulieren in einer Sprache, die mit Vorurteilen und missverständlichen Begriffen durchsetzt ist. Physiker, Chemiker und Mathematiker haben ja bekanntlich den Vorteil, dass sie sich einfach eine neue Sprache erfinden können, mit klaren Bedeutungen und Definitionen – Geisteswissenschaftler müssen nun mal eine Sprache benutzen, die auf Anhieb so aussieht wie die Alltagssprache, sie müssen an die Bedeutungen der Wörter anschließen, die die in dieser Alltagssprache haben, müssen Sätze hinschreiben, die die unpräzise und intuitive Logik des Alltags in sich tragen und müssen mit denen die komplexe Logik ihrer Gegenstände entwickeln, beschreiben und zu fassen kriegen.
Das ist anstrengende Arbeit, und das Ergebnis kann man nur verstehen, wenn man sich selbst anstrengt, wenn man sich auf das einlässt, was der Denker da entwirft, wenn man seinen Denkweg mitgeht. Aber das ist offenbar zu viel verlangt von vielen, die meinen, dass man ihnen die Welt in verdaulichen, einfach handhabbaren Häppchen zu präsentieren habe. Das Schlimme ist, dass diese Leute inzwischen in den Lehranstalten selbst zu Lehrern geworden sind. Sie schreiben ihren Studenten die einfachen Merksätze hin – mehr noch, sie präsentieren der Öffentlichkeit gleiches in Sachbüchern, in Radio-Interviews, in Talkshows und Vorträgen. So entsteht der Eindruck, dass die Welt wirklich so einfach wäre, dass es keiner Anstrengung bedürfte, sie zu verstehen. Und wenn man sie doch nicht versteht, dann hat man ja die Experten, die einem alles „einordnen“ wie das neue Zauberwort der öffentlichen Debatte heißt, in denen die bescheidwissenden Experten dem schaudernden Publikum Bescheid geben, das verkünden, was sie wissen müssen, um das zu tun, was die Experten als das notwendige erkannt haben.
Und dazu gehört natürlich das abfällige Lästern über die großen Denker, die nun zum Glück alle tot sind, die es sich selbst nicht leicht gemacht haben und die es ihren Lesern und Zuhörern nicht leicht machen konnten. Ihnen unterstellt man nun, dass sie sich ja nur so kompliziert ausgedrückt haben, um klug dazustehen und die anderen dumm dastehen zu lassen. Es ist genau umgekehrt: Sie haben gezeigt, wie schwierig alles ist und dass man es nur halbwegs durchschauen kann, wenn man die Anstrengung nicht scheut. Heute stehen die dumm da, die meinen, alles sei einfach – uns sie merken es nicht.
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