Jörg Phil Friedrich hat in einer Verteidigungsschrift zu Hagels fragwürdiger Aussage über die „rehbraunen Augen“ einer Schülerin etwas gesagt, das mich etwas stutzen ließ:
„Dem so konstruierten Zeitgeist zufolge müssten Politiker moralisch und menschlich überlegene Personen sein, sie sollen Vorbilder sein und durch ihr Vorbild ihre Wähler in eine moralisch bessere Welt führen. Es mag sein, dass Wähler im linken Bereich des politischen Spektrums das sogar bevorzugen. Für das konservative Spektrum dürfte das aber nicht gelten. Sie wollen keine moralisch perfekten Vorbilder und keine Moralapostel, sondern Menschen, die wie sie sind.“
Das klingt mir nicht nur etwas spekulativ, sondern zumindest erklärungsbedürftig. Denn:
Seit wann steht „konservativ“ nicht für „moralisch(e) … Vorbilder“, dass man das ohne weitere Erklärung und logische Zwischenbrücken als allseits bekannt niederschreiben kann?
Die Gouvernante
Ist es nicht so, dass „konservativ“ – zumindest vor einigen Jahrzehnten noch – gerade die Heimat aller Moralapostel war? Die naserümpfende Gouvernante, die Honoratioren, die sich über lange Haare und „Gammler“ (60er Jahre Sprech für Hippie) echauffierten, die Propaganden für makellosen Lebenswandel eines Mädchens – waren nicht diese mal die Sinnbilder von „konservativ“? Seit wann ist „freier Lebenswandel“, wie man will, ohne Einschränkung der Gesellschaft, das, was man als „konservativ“ ausmacht?
Das sind alles Fragen, die mir durch den Kopf schossen, als ich das las. Ich verstand ja schon, was der Autor da sagen möchte, und diese Selbstverständlichkeit, es ohne weitere Erklärung so zu schreiben – die greift ja auf mindestens 10 Jahre Social Media-Empörungs-Routine unserer Gesellschaft und 15 Jahre fortgesetztes und hartnäckiges Grünenbashing zurück.
Die Grünen als Moralapostel.
Die „woke“ Gesellschaft gerne gleichgesetzt mit autoritärem Gestus.
Die Linken (wobei die hier gemeinte Menschengruppe durchaus etwas wechseln kann) als zugleich radikal (wie in „sich auf die Straße kleben“ oder „Hambi verteidigen“) UND zu vorsichtig (wie in „Masken tragen“ oder „impfen lassen“) kritisieren. Oder beides zugleich, weil sie ja radikal zu vorsichtig sind, was das Klima anbelangt.
Wahlkategorie CDU
Vielleicht heißt, in dieser Apologie des Manuel Hagel, „konservativ“ schlicht – „wählt CDU“ (in Baden-Württemberg). Diese Schlichtheit ist nicht einmal so falsch, denn wie genau will man das sonst entwirren, wenn im Bundesland Baden-Württemberg mit seiner Autoindustrie und den fleißigen Häuslebauern von 1953 bis 2011 die CDU regierte, in einigen Jahren sogar mit knapper absoluter Mehrheit – auf der anderen Seite gilt das Bundesland als Stammland der liberalen FDP. Und wiederum auf der ganz anderen Seite gilt die FDP schon seit sehr langer Zeit (und seit Helmut Schmidts Sturz durch den Koalitionspartner) als die verlässliche Stütze der CDU, so dass man sich rot-gelb einfach nicht mehr vorstellen kann, aber schwarz-gelb bis vor ein paar Jahren als to-go-Koalition galt. Die FDP ist kurz davor, Geschichte zu werden, und ihr letzter populistischer Griff nach Strohhalmen roch schon stark nach AfD.
Und wenn das alles so verwickelt und verwirrend ist, dann kommen wir doch besser auf die einfacheren Ankerpunkte zurück, die „konservativ“ bedeuten können. Eben als Wähler, diejenigen, die die Volkspartei wählen, die sich selbst als konservativ sieht – also CDU-Wähler.
Conservare
Und dazu kann man noch den etymologischen Rückgriff machen – „conservare“ – bewahrend. Nicht die Schöpfung, das wäre dann doch zu klimawandelhysterisch grün. Aber vielleicht doch die gesellschaftlichen Verhältnisse. Die technologischen Verhältnisse. Die demografischen Verhältnisse. Also Reiche unter sich, Arme unter sich. Autos mit Benzin und Schaltkupplung. Ausländer sollen im Ausland bleiben, Frauen bleiben Frauen, Männer bleiben Männer. „Wie es früher einmal war“ – auch wenn es nicht der Sommer ist, denn das ist dann doch ein bisschen zu klimawandelhysterisch grün. Und bitte nicht allzu froh herumhüpfen mit regenbogenfahnenschwenkenden Halbnackten – wer braucht das bitteschön. Bewahrend – auch wenn man selbst schon lange nicht mehr derselbe ist, wie vor 20 Jahren, und man damals vielleicht genau das wollte, was man jetzt nicht will, denn man hat sich ja geändert – also wie war das bitte nochmal mit dem „bewahrend“?
„Alternative“ als konservativ?
Ich verstehe persönlich ja nicht, was gut daran ist, etwas zu behalten, wenn es etwas Besseres gibt, zu dem man wechseln kann, aber ich würde mich auch nicht „konservativ“ einschätzen. Aber wenn der Wechsel zu einer NEUEN Partei, einer „ALTERNATIVE“ („alternativ“ hieß früher das, was man heute „woke“ nennen würde) konservativ sein soll, zumal dieses Label Individuen anzieht, die einen Umsturz herbeisehnen, den Umsturz der Demokratie sogar – dann hat wohl das Wort „konservativ“ einen rasanten Wandel hingelegt, und hat sich nun gerade nicht „bewahrt“. Die Demokratie schützen und wahren wollen – das gilt da für solche Individuen nicht mehr als „konservativ“ sondern als woker Unsinn?
Wer ist jetzt konservativ und wer nicht? Ich denke, dass dieses Wort seinen Wortsinn verloren hat. Es ist zur Marke geworden. Manchmal zum Schild, das den Blick in seinen tumultösen und instabilen Inhalt verwehrt. Eine Black Box vielleicht. Wir können auch keine Eigenschaften dem „konservativen Wähler“ mehr zuordnen. Ist er einer mit steckengebliebener Sexualmoral? Ist er religiös geblieben in einer säkularisierten Welt, aber ohne Blick auf die Wahrung der Schöpfung? Ist er ein „ich mache es wie immer“ oder einer für „Alternativen“? Ich fürchte – wir wissen es alles nicht mehr. Also tun wir nicht so, als wüssten wir es.
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Mighty Quinn
Konservativ?
Lesen Sie den Dekalog für die Gebote, die Moses von Gott auf dem Berg Sinai auf zwei Steintafeln (Gesetzestafeln) empfing und in der Tora in zwei weitgehend übereinstimmenden Fassungen überliefert; Ex 20, 2-17; Dtn 5, 6-21. Der Dekalog hat im Judentum und Christentum eine grundlegende Bedeutung.
Das ist alternativlos. 😉