Für wen ich schreibe

Ein publizistisches Bekenntnis mit drei Anfängen

„Du schreibst für diese Zeitung?“ ist eine oft gehörte kritische Frage. Die Antwort lautet: „Nein. Da erscheinen Beiträge von mir.“

Exemplare der WELT und des Freitag, in denen Beiträge des Autors zu finden sind.

Seitdem ich publizistisch arbeite, muss ich mir von irgendjemandem Vorwürfe machen lassen, dass ich meine Texte in diesem oder jenem Medium veröffentliche. Nun habe ich schon in vielen Zeitungen und auf ganz verschiedenen Plattformen publiziert, ein paar Beiträge standen in der FAZ, einer auf Spiegel Online, einer im Tagesspiegel. Ein paar Beiträge liefen auf Deutschlandfunk Kultur, einige erschienen bei Telepolis, ein paar auf den Nachdenkseiten. Beim Freitag schrieb und schreibe ich gern, auch bei Cicero, in der leider nicht mehr erscheinenden Philosophiezeitschrift Hohe Luft gab es Beiträge. Nicht zu vergessen die WELT. Aus diesem Anlass gab es zum ersten Mal so richtig Unverständnis dafür, dass ich „für Springer schreiben“ würde. Noch nie aber war die Empörung so groß wie in den letzten Tagen, als in der gerade neu erschienenen Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung gleich am vergangenen Montag der Leitartikel von mir kam – was eigentlich ein ziemlicher Zufall und für mich auch eine Freude war. Dieser Widerspruch hat mich nachdenklich gemacht.

Wer jetzt hofft, dass das Nachdenken dazu geführt hat, dass ich nun nicht mehr dort publiziere, den will ich gleich enttäuschen: das Gegenteil ist der Fall. Das will ich erläutern.

Anderer Anfang: Das Für-Wort

Seitdem ich publizistisch arbeite, wundere ich mich über die Formulierung, ich würde für dieses Medium schreiben, nur, weil ein Beitrag von mir dort erscheint. Ich schreibe nie für eine Zeitung oder eine Plattform. Ich schreibe für die Leute, von denen ich denke, dass sie dort lesen. Und ich schreibe für mich. Das Medium ist für mich genau das, was das Wort Medium sagt: Ein Vermittler, der meine Botschaft, mein Anliegen, meine Argumentationen zu den Empfängern bringt. Und natürlich schreibe ich meine Nachrichten nicht für den Vermittler, sondern für die Leute, die das Medium wiederum nutzen, um die Botschaften von Leuten wie mir aufzunehmen.

Ich will nicht behaupten, dass ich mir die Medien frei danach aussuchen könnte, ob sie wohl die Vermittlung zu genau den Leuten herstellen, von denen ich gern gehört oder gelesen werden möchte. Fast könnte man sagen, mir sei jedes Medium recht, denn es ist verdammt schwer in der Mediengesellschaft, überhaupt ein Medium zu finden, dass Texte wie meine aufnimmt und verbreitet. Genauer: Es gibt so viele Leute wie mich, die da gern Verbreitung finden wollen, dass die Medien sich aussuchen können, wem sie sich als Medium zur Verfügung stellen. Wenn aber ein Medium eine recht große Zahl von Empfängern versorgt, dann ist die Chance auch groß, dass ein paar Leute dabei sind, die ich gern als Empfänger haben möchte – jedenfalls deutlich mehr als ich erreichen kann, wenn ich meine Texte einfach so, ohne mediale Vermittlung (ja, das ist ein Pleonasmus, ich weiß), irgendwo hinschreibe.

Aber ein bisschen Auswahl habe ich schon, und wenn ich wähle, dann suche ich mir am liebsten ein Medium, wo ich Rezipienten erwarte, die nicht ohnehin schon so denken wie ich, aber vielleicht bereit sind, über meine etwas abweichenden, aber immer noch anschlussfähigen Gedanken – nachzudenken. Sich irritieren zu lassen. Das ist jedenfalls meistens so. Manchmal, etwa in den Zeiten der Corona-Maßnahmen, will ich auch bestätigen und bestärken, will denen, die so fühlen wie ich denke, Argumente liefern, mit denen sie ihre Meinungen, die ich teile, fundieren können.

Das alles führt dazu, dass ich eher in Medien auftauche, die an den Rändern des Meinungsspektrums zu finden sind: Sie sind einerseits daran interessiert, meine Beträge zu transportieren, und sie erreichen andererseits vor allem diejenigen, die auch ich erreichen will.

Es ist nicht so, dass mir völlig egal ist, was von diesen Medien sonst noch so verbreitet wird, schon gar nicht, wie viel Deformation meiner Botschaft vom Medium gefordert wird, damit sie verbreitet wird. Dann kommt es zum Zerwürfnis, ich bin ein Türen-Zuschlager und ein Brücken-Abbrenner, was ich manchmal nach einiger Zeit bereue, wie bei der WELT, oft aber dauerhaft als befreiend empfinde. Manchmal schließen sich Türen auch leise, wenn ich in einem Medium zu viel von dem lese, was ich für Unsinn halte. Und es kommt auch vor, dass ich einem Medium keine Vorschläge mehr mache, weil ich den Eindruck habe, dass es nur die ungefährlichen Stücke von mir will und ablehnt, wenn es kontrovers wird.

Aber das ist eigentlich gar nicht wichtig, der letzte Absatz war vielleicht nur aus Eitelkeit geschrieben, Abarbeitung von Kränkungen oder Ärger über meine eigene arrogante Sturheit.

Zum Schluss noch ein dritter Anfang:

Wer meint, ein Autor ließe sich vom Herausgeber eines Mediums „vor den Karren spannen“, wenn er da publiziert, der hat ein merkwürdig undialektisches Verständnis davon was so ein Medium eigentlich ist oder macht. Natürlich hat der Herausgeber einen Plan, ein Ziel, eine Vorstellung davon, wie oder wo sein Medium wirken soll. Und er wird dafür Sorge tragen, dass das Medium auch möglichst auf die Weise wirkt, wie er das wünscht. Und natürlich verändert das Medium auch die Botschaft. Der Kontext, das Umfeld, auch die Vorurteile wirken modulierend und deformierend auf die Botschaft. Wobei am intensivsten wohl die Vorurteile wirken, weshalb im Konkurrenzkampf auf dem Medienmarkt vor allem mit Vorurteilen gefochten wird. Sehr schön konnte man das bei den ersten Berichten und Kommentaren zur Ostdeutschen Allgemeinen berichten, die die politische Einordnung des Ganzen schon aus den ersten paar Beiträgen und aus ihren Vorurteilen zum Herausgeber abschließend vorgenommen haben.

Der Vorwurf, für ein Medium zu schreiben, behauptet, mit dem Beitrag auch alle anderen Beiträge zu unterstützen, die da erscheinen. Das ist nichtmal ganz falsch, denn jeder Beitrag, der viel gelesen wird, vergrößert natürlich auch die Reichweite das anderen, die das gleiche Medium nutzen. Allerdings eben nicht auf deren, sondern auf seine Weise.

Das, was am Ende wirklich entsteht, ist eben auch Ergebnis der Arbeit der Publizisten, die da schreiben. Jeder Beitrag verändert auch das Medium, wirkt darauf zurück. Und das auf vielfältige Weise: Einmal natürlich durch seine Botschaft, die die Leser wiederum dem Medium zurechnen. Dadurch wird das Bild des Mediums konturiert, es verändert aber auch das Selbstverständnis. Zweitens durch den Erfolg, den der Beitrag beim Publikum hat: ist er bemerkenswert, dann ist das Medium, das sich ja am Markt behaupten will, bereit sich in die Richtung des Beitrags zu bewegen. Drittens dadurch, dass die Leser sich durch den Beitrag verändern und dass sie zukünftig, wenn der Beitrag für sie ein positiver Impuls war, vom Medium weitere Beiträge dieser Art erwarten. Und wer meint, die Veränderungen, die ein Beitrag im Medium und bei den Lesern vornimmt, sei aber sehr klein, dem kann man entgegenhalten: vermutlich aber größer als der vorgebliche Schaden, den ich anrichte, indem ich dieses Medium nutze und es damit „unterstütze“. Wobei ich deutlich sagen muss, dass ich bei keinem Medium, welches ich bisher für meine Publikationen genutzt habe, ein schlechtes Gewissen habe, Weilchen ich es damit womöglich „unterstützt“ habe.

Deshalb ist es so anregend, gerade bei einem neuen Medium dabei zu sein, bei dem alles im Fluss ist und Bewegung noch möglich ist. Und deshalb schreibe ich zwar nicht für die Ostdeutsche Allgemeine, aber gern in ihr für ihre Leser. Aber weiter auch gern bei den Kolumnisten, beim Freitag, beim Cicero und einigen anderen (wer weiß, wer demnächst fragt). Es gibt so vieles, was geschrieben werden muss, und es gibt so viele, für die ich schreiben mag.

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