Zwischen Sicheln und Sensen

Betrachtung von Milo Raus „Prozess gegen Deutschland“, hier nun Teil zwo

Ulf Kubanke hat sich drei Tage lang im Hamburger Thalia Theater einquartiert, um dort einem fiktiven Gerichtsprozess beizuwohnen. Steht in Teil 1 der kulturell-feuilletonistische Aspekt des Stückes im Vordergrund, geht es in dieser Hörmal-Kolumne (Teil 2) um einen darauf bauenden Perspektivwechsel.

Prozess gegen Deutschland
Bild vom Autor: Herta Däubler Gmelin/Ulf Kubanke/Zizino

Hier kann man Teil 1 finden
Fragmente dreier Wintertage – Milo Raus Prozess gegen Deutschland
Milo Rau
Bild vom Autor: Milo Rau mit Ulf Kubanke by Zizino
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„And between the books and the words/
There is something at war with nothing /
There is someone at war with no one /
And everything at war with you.“
David Tibet (Current 93)

Ich trage Schwarz,
jeden zu gemahnen,
sich bei Goth nicht mit dem Falschen anzulegen.

Bin ich doch dem Erscheinen nach offenkundig bereits vorbereitet für jemandes regentrübe Beerdigung.

Dummerweise ist es dann doch meist die eigene.

Was hat das denn nun mit Milo Rau zu tun?
Dem Thalia Theater, Prozess gegen Deutschland? AFD?

Ganz einfach.
Nachdem ich es tagelang schaffte, im Interesse des größeren Rahmens alle persönlichen Emotionen (bzgl. AFD im engeren sowie unseres sozialen Klimas im weiteren Sinne) weitgehend in den Hintergrund zu schieben, lasse ich diese jetzt ausnahmsweise einmal zu.

Soll heißen: Wenn schon alle rumheulen – davor, währenddessen, danach – müsst ihr jetzt ganz tapfer sein.

Nun kommt mein Gejaule.

Spürt ihr es?
Diese verbitterte Grundhaltung allüberall?

Alle so gereizt, angebittert wie knatschige Berliner beim Anblick von Tagestouristen.

Lechz wie rinks plus Loretta
Allesamt hypersensibel und in Empfindung einer diffusen Bringschuld des Lebens ihnen gegenüber.

Als hätte das Leben eine offene Rechnung.
Und man wüsste nur nicht, bei wem sie einzutreiben ist.

Das macht etliche von ihnen zu blind um sich schlagenden Egoshootern.

Nun bin ich der letzte, der mit diesen Augen anderen mangelnde Sicht vorwerfe, schon klar, schon klar.

Was ich meine: Man ist am Ende doch immer bei Eli Wiesel, oder?

„Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Kunst ist nicht Hässlichkeit, sondern Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Glaube ist nicht Ketzerei, sondern Gleichgültigkeit. Und das Gegenteil von Leben ist nicht Tod, sondern Gleichgültigkeit.“ – Eli Wiesel

Meine These: Extremistische Parteien – egal ob die hier in Rede stehende oder deren pseudolinkes Pendant, wo sich Tante Sahra als lebendes Kremling-Gleitmittel inszeniert – verstärken dies.

Hat das Auswirkungen auf mein Leben?
Ja.
Seit AFD etc den Rächer der Enterbten spielen hat sich für mich die Reisefreiheit in Teutonia nicht gerade erweitert.

Früher konnte ich mit meinem Style oder räuberzivil locker in den Osten reisen.

Erstmals mit 18, ca. 8 Tage nach dem Mauerfall.

Super Wochen, großartige Menschen.

90er? Kein Problem selbst erlebt.
Ums Millennium mit der Deutsch-Israelischen Juristenvereinigung in Weimar. 2 Zusammenstöße mit Neonazis, die nur deshalb glimpflich endeten, weil die vier Referendare aus Tel Aviv/Jerusalem noch vom Hardcore Wehrdienst trainiert waren. Aber dazu ein andermal.

Alles irgendwie noch im Rahmen dessen, was passieren kann, nicht wahr?

Doch heute ist es anders.
Ganz anders.

Ja, heute hat die AFD in ihrer verquengelten Cordhut-Demagogie anscheinend grossen Teilen der Gesellschaft selbigen aufgesetzt.

Die Folge: Mal lässig allein oder mit Zizino zb im Sommer nach Chemnitz gurken zu meinen Freunden von der Freien Presse – kannste knicken.

Mit Haltung und obigem Outfit kann ich eines nämlich nicht ändern.

Die mütterlicherseits vorliegende ostpreussisch-hugenottische Pigmentierung.

Soll heißen: im Winter kein Problem, Alter.
Im Frühling/Sommer wird das eng.

Da seh ich aus wie Jimi Hendrix.

Vergesst es.
Willste an meiner Stelle nur noch mit Stretchlimo & Bodyguard unterwegs sein.
Je journalistischen Auftrag ungefähr ein Dutzend pöbelnde Hillbillies der anal für Teutschland-Fraktion am Start.

So gesehen, Pumpgun ginge auch klar. Bräuchte ich dann aber a la James Caan als „Mississippi“ in „Eldorado“.

Oder liegt es doch an mir?
Habe ich was falsch gemacht mit dem Osten und mir?

Nicht über diese Parolen allüberall bin ich dem Osten nähergekommen, sondern über Körper und Klang: über die Seefahrerromantik von Rummelsnuff oder die existenzielle Kühle von Die Art.
Auch im Nachhall dieser und anderer Töne begriff ich: Der Osten ist kein Befund – er ist eine Haltung.

Aber das isses dann jetzt?
Back to Neandertal dank AFD?
Oh, come on.

Selbstverständlich ist mir klar, dass es diesbzgl keinen Exklusivitätsanspruch gibt. Kann mir auch anderswo passieren.

Aber die Häufung darf mich anpissen.
Tut es.

Was kann ich tun?
Folgendes.
Da wo ich lebe – in Hamburg mal schauen, was überhaupt noch geht.

Bild vom Autor: Michael Abdollah/Ulf Kubanke/Zizino 

Szenenwechsel.

Hamburg, Wahlkampf im Winter 2025.

Wir laufen los mit David Lynch.

„Man mag sich in Dunkelheit und Verunsicherung befinden. Aber dahinter ist noch etwas anderes. Man sieht es erst, wenn man beides überwindet und dahinter ausbricht.“ David Lynch

Denn wer ein bisschen an Onkel Davids obiges Zitat denkt, kommt besser durch als mit dauernder German Angst als Weggefährte. Ich zumindest.
Sechs Stände auf sechs Quadratmetern. Demokratie im Kammerspiel.

Der AfD-Mann in Ekstase.
Neben ihm die eingefrorenen Augen von Auntie Alice im Papp-Starschnitt.
Empörungs-Heilige aus Pressspan.

Der kurdische Händler – sonst Löwe mit Lederjacke und Witz –
heute gedimmt.

„Die machen Leute zornig auf mich und meine Kinder.“
Kein Pathos.
Nur Müdigkeit.
Das ist schlimmer.

Zwei Meter daneben eine junge Polizistin.
Klarer Blick.
Kein Zorn.
Kein Lager.
Nur Präsenz.

Ich:
„Würden Sie ein Foto machen? Alice, ich, eine kleine unhöfliche Geste. Satire, Kunst, Eyeliner. Bisschen Quatsch? Das wird gut.“

Sie grinst.
Ganz kurz.
Ein geheimer Akkord.
Zwischen uns.

„Nicht im Dienst. Das wär politisch.“

Schade, aber Respekt.
Sie war super.

Also frage ich ihren Vorturner.

Er springt an.

„Exzentrische Leute wie Sie brauchen wir!“
Knipst.
Redet vom „wahren Deutschland“.
Fasst meine Schulter – als seien wir Komplizen
Die Polizistin sieht alles.
Lacht.
Nicht hämisch.
Menschlich.

Für einen Moment kippt das Setting. Kippt der gesamte Marktplatz.
Kein Zorn.
Nur Absurdität.
Für einen Moment
ist es nur noch
Theater.

Der Händler atmet wieder.
Ich auch.

From Hamburg with Love

UK

Bild vom Autor: Liane Bednarz/Frederic Schwilden/Ulf Kubanke by Zizino 

PS:

Darauf nen ordentlichen Schuss ironisierten Respektes mit Fehlfarben („Glücksmaschinen“ 2010).

„Respekt, Respekt, na dann viel Spass! Respekt, Respekt, wofür denn das? (…)
Dein Scheiß Respekt was ist denn das?
(…).
Ehre, Ehre wenn ich das schon höre. Ehre, Ehre wenn ich so einen Scheißdreck höre.
Jetzt hör mir mal zu, du Arsch!““

Link:

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Lesen Sie auch: Kubanke zu Miosga – Chrupalla

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