In den Backoffice-Fluren der Justiz hört man heute mehr und mehr dasselbe Wort: Stau. In Aktenstapeln, in Kalendern, in Fristen. Wo früher ein Verfahren zügig verhandelt und entschieden wurde, türmt sich inzwischen ein Berg von Fällen. Das bedroht nicht nur Juristen, sondern auch die Idee des Rechtsstaats selbst. Die jüngsten Zahlen zeigen: Erstmals liegen in Deutschland mehr als eine Million offene Strafverfahren vor – ein Rekord, der nicht nur alarmierend ist, sondern tief blicken lässt auf den Zustand unserer Justiz.
Mehr als Statistik
Diese Zahl ist nicht bloß Statistik. Sie ist ein Indikator dafür, dass ein System, das auf Rechtssicherheit und zeitnahe Durchsetzung von Rechtsnormen gebaut ist, an seine Grenzen stößt. Im Jahr 2025 wurden rund 5,5 Millionen neue Strafverfahren eingeleitet. Zudem ist die Zahl der noch nicht bearbeiteten Fälle gegenüber 2020 um fast 50 % gestiegen. Gleichzeitig fehlen bundesweit etwa 2 000 Staatsanwälte und Strafrichter, um diese Last zu schultern.
Und weil die Justiz überlastet ist, kommt es zu Situationen, die vor wenigen Jahren noch undenkbar schienen. Tatverdächtige, darunter Menschen, die schwerer Verbrechen wie Mord oder Vergewaltigung verdächtigt werden, müssen aus der Untersuchungshaft entlassen werden, weil gesetzliche Fristen nicht eingehalten werden konnten. Das ist nicht nur ein operatives Problem, sondern ein symbolisches: Der Rechtsstaat verliert an Glaubwürdigkeit, wenn er seine elementaren Funktionen nicht mehr zuverlässig erfüllen kann.
Das Problem war benannt
Wer heute auf diese Zahlen schaut, sieht in ihnen eine dramatische Zuspitzung dessen, was ich schon in früheren Kolumnen thematisiert habe. In „Tuning für den Rechtsstaat – jetzt!“ habe ich bereits 2019 darauf hingewiesen. Ohne ein strukturelles „Justiztuning“ – personell wie organisatorisch – würde das System ins Stocken geraten. Schon damals fehlten tausende Richter und Staatsanwälte. Verfahren zogen sich in die Länge, und das System drohte zu verkrusten. Ich warnte davor, dieses Thema den Populisten zu überlassen, die reflexhaft schrille Urteile fordern, wenn sie rechtstaatliche Probleme wittern.
Drei Jahre später, in „Wenn der Rechtsstaat verhungert“, war der Gedanke nicht mehr abstrakt. Überlastete Gerichte, lange U-Haft-Zeiten und ein wachsender Verfahrensstau zeigen dabei, wie ein Rechtsstaat langsam an Ressourcen und Aufmerksamkeit zugrunde gehen kann. Nicht Hunger im metaphorischen Sinne, sondern ein Ermattungstod durch Überlast.
Bald ist Feierabend
Nun, 2026, sind wir an einem Punkt, an dem das „Verhungern“ nicht nur metaphorisch klingt, sondern konkrete Folgen hat. Untersuchungshaftfristen werden überschritten. Klagen gegen Asylbescheide verdoppeln sich vor den Verwaltungsgerichten. Zudem wächst der Berg an unerledigten Fällen unaufhörlich.
Die Ursachen hierfür sind vielschichtig: Zu wenig Personal, zu wenig Digitalisierung, zu viele neue Verfahren. Aber sie haben eine gemeinsame Wurzel: Ein Rechtsstaat, der seine eigenen Spielregeln nicht einhalten kann, verliert schleichend seine Autorität und seine Akzeptanz in der Bevölkerung. Und genau hier liegt die Gefahr: Nicht in der abstrakten Debatte um einen „Unrechtsstaat“, sondern im nüchternen Blick auf Zahlen und Prozesse. Diese treffen den Kern dessen, was unser Rechtssystem ausmacht.
Mehr, mehr, mehr
Es geht nicht um populistische Kritik oder schrille Forderungen. Es geht um ein faktisches Problem: Der Rechtsstaat braucht dringend mehr Ressourcen, mehr Struktur und mehr politische Priorität – sonst wird die Idee, die hinter ihm steht, nicht mehr viel wert sein, wenn sie einmal geprüft wird.
Denn ein Rechtsstaat, der seine Prozesse nicht mehr einhält, ist nicht mehr als ein Schatten seiner selbst – und dieser Schatten fällt am härtesten auf die, die auf Recht und Schutz angewiesen sind.
Letzter Weckruf
Die aktuellen Zahlen sind ein letzter Weckruf: Unser Rechtsstaat steckt nicht nur in Schwierigkeiten – er steht an einem Scheideweg. Meine Warnungen aus 2019 und 2022 waren keine Schwarzmalerei, sondern frühe Hinweise auf eine Realität, die sich heute in Millionen von Akten widerspiegelt.
Wenn wir weiterhin glauben, dass Recht ohne Durchsetzung kein Recht ist, dann müssen wir handeln – personell, organisatorisch und politisch. Denn ein Rechtsstaat, der seine Prozesse nicht mehr einhält, ist nicht mehr als ein Schatten seiner selbst. Und Schatten reichen nicht, wenn es um Gerechtigkeit geht.
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