„Rain Dogs“ ist ein Begriff, den ich für jene armen Teufel schrieb, die ohne Heim in den Hauseingängen schlafen. Hunde im Regen verlieren ihren Orientierungssinn, weil das Wasser all ihre Markierungen und Geruchsspuren erbarmungslos hinfort spült. Du siehst diese Gestrandeten nach dem großen Regen überall auf den Straßen, wie sie den Kopf nach dir drehen, und ihre flehenden Augen bitten dich, ihnen den Weg nach Hause zu zeigen. Es ist aussichtslos. Genau wie sie sind all die besungenen Leute auf diesem Album miteinander verbunden. Zusammen genäht von einem Faden aus Schmerz und Unannehmlichkeiten.“ (Tom Waits)
So erklärt Tom Waits den Titel. Ruhig. Fast sanft.
Und doch klingt Rain Dogs nach allem, nur nicht nach Sanftmut.
Ein Jahrzehnt aus Plastikglanz, Synthesizern, großen Gesten. Waits entscheidet sich für Holz, Blech, Staub. Für Stimmen, die nach Mitternacht klingen. Die Platte war ein Fremdkörper. Sie ist es geblieben.
Würde man mich nachts wecken und fragen: Beste Scheibe der 80er?
Diese.
Formal steht „Rain Dogs“ in der Mitte der Trilogie mit „Swordfishtrombones“ und „Frank’s Wild Years“. In Wahrheit steht es für sich. Eine Welt aus Hafenbars, billigen Zimmern, schiefen Träumen. Die Songs wirken skizziert, nahezu hingeworfen, kaputt, erschöpft.
Und halten doch.
Kerouac Sehnsucht, Steinbecks Aussichtslosigkeit, treffen in der hardboiled Chandler Street auf Jack Londons Abenteuer.
Musikalisch klingt es bisweilen, als hätten Kurt Weill und Howlin’ Wolf beschlossen, sich in einer Seitengasse von New Orleans zu treffen. Heraus kommt: Der Hellboy des Blues, Tom Waits.
Er erzählt.
Beobachtet.
Er bleibt nicht draußen.
Nicht Lou geReedet.
Augenhöhe?
Mehr als das.
Er steigt voll ein.
Toms Stimme illustriert Ruß, Spott, Müdigkeit, Galgenhumor.
Den Kampf der Verlierer.
Noch etwas anderes?
Nähe, eine tief empfundene Zärtlichkeit für die Gestrandeten.
Natürlich ist der Käpt’n in „Singapore“ ein einarmiger Zwerg. Natürlich: Einmal tief in die Hölle, um überhaupt zurückzukehren. „So heave away boys, heave away!“
Seemannsgarn?
Grosschengangster?
Schlussendlich kennt ein jeder die Situation, wenn selbst der letzte Strohhalm abknickt: „2$ Pistol, but the gun won’t shoot!“ („Jockey Full Of Bourbon“).
Das Leben?
Sogar das süße Lächeln der sexy Mädchen bleibt im Licht schummriger Straßenlaternen eine unter Zentimeter dickem Make-Up verborgene Lüge. „And the girl behind the counter has a tattooed tear / One for every year he’s away, she said.“
Waits’ Figuren taumeln konstant.
Fallen mitunter.
Die es überleben stehen auf.
Manchmal.
„I’ve seen it all … I’ve seen it all through the yellow windows of the evening train.“
Auch musikalisch keine Kompromisse. Posaune. Akkordeon. Marimba. Dinge, die im MTV-Zeitalter keiner hören wollte. Wenn das Schlagzeug nicht taugt, greift man zu altem Mobiliar.
„Als die Drums uns mit dem rechten Sound im Stich ließen, wuchteten wir einfach eine massive alte Kommode ins Badezimmer und schlugen darauf ein.“
Marc Ribot spielt Gitarre wie andere mit einem rostigen Messer schneiden. Hart, trocken, präzise. Das Titelstück lebt von diesem Anschlag.
Keith Richards bringt Wärme. Instinkt. Waits sagt über ihn: „Keith ist sehr spontan …“ – man glaubt es.
Kein Chart-Album. Dafür fehlte jeglicher Wille zur Gefälligkeit. „Rain Dogs“ lief keinen Sprint. Es lief Strecke.
Andere machten Hits daraus. Rod Stewart. Bob Seger. Waits blieb der Mann im Schatten.
Ebenso seine Lieder.
Diese Songs drängen sich nicht auf. Sie nisten sich ein
„I hide on the stairway. I hang in the curtain. I sleep in your head.“
Und dann „Downtown Train“. Ein Junge von der falschen Seite der Stadt. Mondlicht. Warten.
Monochrome Vergeblichkeit all in.
Keinerlei Effekte.
Und plötzlich als Fremdkörper in MTVs Farbexplosion: Der Song wird Welthit. Seine Visitenkarte. Noch heute glänzt er. „shining like a new dime!“
Am Ende bleibt eine Frage. Immer wieder dieselbe:
„Will I see you tonight on the downtown train?“
Ja.
Heute.
Ihr?
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