Ich stamme aus einer Zeit, in der lange Haare bei Jungs zwar verpönt, aber vollkommen normal waren. Gleichzeitig galt es als unanständig und wurde mit negativen proletarischen Begriffen belegt. Aber das lange Haar gab Kraft und Identifikation. Musiker auf der Bühne trugen vollkommen selbstverständlich lang und das waren schließlich Helden. Selbst die kurzen Haare waren für heutige Verhältnisse keineswegs kurz. Es gab auch kaum Frisur-technische Experimente. Und wer gar keine oder nur sehr wenig Haare hatte, der bot lange und dicke Koteletten auf, oder zumindest einen Bart.
Erbliche Vorbelastung!
In meiner Familie gaben mir meine männlichen Verwandten keine guten Aussichten mit, was den ewigen Erhalt meiner Haare auf dem Kopf anging. Ein kahler Kopf in schon recht jungen Jahren war familiär üblich. Und es war auch ganz normal, einen Haarkranz als letzte Bastion des einstigen vollen Haarwuchses stehen zu lassen, der besonders mit einer entsprechenden Hornbrille korrespondierte. Deswegen galten in meinen Augen von Anfang an komplett rasierte Köpfe stets als unangenehm. Heute bilden sich für mich auch aus kahlen Köpfen durchaus interessante und sympathische Gesichter. Bei Frauen und Männern übrigens. Es hat sich also herumgesprochen, dass man nicht mit dem typischen „Olaf Scholz Antlitz“ umherwandeln muss, wenn man die Heimsuchung einer Glatze erfahren hat.
Die Chance also, dass ich nun in meinem 62zigsten Lebensjahr noch mit vollem Haar aufwarten kann, war also von vornherein sehr gering. Ich habe also Glück gehabt. Ich trage die Haare immer noch so, wie vor knapp fünfzig Jahren, nur sind es weniger geworden und auch nach längerem wachsen lassen, wird eine rekordverdächtige Haarlänge nicht mehr erreicht.
Die Illusion wird brüchig!
Es fängt damit an, dass gewisse Lücken entstehen und die Gefahr einer Bildung echter Geheimratsecken ist zu befürchten. Das „Hamilton-Norwood-Schema“ unterteilt den androgenetischen Haarausfall des Mannes in sieben Stufen. Demnach dürfte ich mich noch in Stufe 1 oder 2 befinden. Dort ist von geringem Rückweichen des Haaransatzes die Rede, bis hin zu dreieckigen Regionen ohne Behaarung an den Schläfen. Geheimratsecken eben. Das beruhigt etwas. Denn dieser Zustand zwischen 1 und 2 ist schon eine Weile vorhanden, ohne große Fortschritte erleiden zu müssen.
Im siebten und letzten Stadium wird dann nur noch ein schmales Band erwähnt, welches zwischen den Ohren übrigblieb und nun um den Hinterkopf herumzieht. Letztlich ein Zustand eines Totalverlustes einer einstigen Illusion. Aber diese Gefahr, dass dies eintritt, sehe ich nicht kommen. Obwohl die Illusion begonnen hat brüchig zu werden.
Ich kann mich nicht beschweren!
Da ich nicht die entsprechenden superben Voraussetzungen hatte, konnte ich nicht erwarten, ein dichtes Haupthaar bis in hohe Alter wie ein Mario Adorf zu behalten. Allerdings bin ich ziemlich gut bedacht worden. Die einfach nur langen Haare, die ich immer wieder wachsen und selten häuslich kürzen ließ, sind in einer veränderten Form – Farbe und Fülle betreffend – geblieben. Noch ist der Punkt nicht eingetreten, dass ich zwingend eine Frisur-Entscheidung treffen müsste. Dafür müsste ich dann ja auch mal einen Frisörladen von innen besuchen, was eine Premiere in meinem Leben wäre. Mein Interesse an so einer seltsamen Aktion ist allerdings nicht vorhanden.
Das Phänomen der säuberlich rasierten Seiten!
Aber ich beobachte Männer, was die so mit ihren Haaren anstellen lassen. Und dabei fällt der Drang auf, die Seiten des Kopfes zu rasieren und auf dem Kopf ein in Gel getauchtes „Boot“ als Insel stehen zu lassen. Influencer berichten live von ihren Besuchen bei Barbieren und reden davon, in einer dem Boulevard nahen Sprache, dass sie sich erst anschließend wieder wie ein Mensch fühlen. Eine ausgesprochen bemerkenswerte Methode, um sich in einen Zustand zu bringen, der eigentlich durch die Arbeit im Kopf zustande kommen sollte.
Diese Köpfe der Knaben und Herren erinnern an die breiten Scheinwerfer und Blinker moderner Automobile. Es entstehen Flächen, die an einen geschlitzten Blick erinnern, ganz so als würde man etwas im Schilde führen.
Genau diese Empfindungen beim Anblick dieser Frisuren (die nebenbei auch in älteren Menschen Erinnerungen an gruselige Zeiten wachrufen), sind es, die mich annehmen lassen, dass ich eigenwillig bin. Eigenwillig geblieben. Positiv gesagt, habe ich mir da einen eigenen Willen erhalten. Vielleicht eine Art der Überlebensmethode in einer Welt, in der man mit stetigem Wandel immer und auch immer schneller klarkommen muss.
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