Auf die Haut, unter die Haut

Tätowierungen und Tattoos sind nichts für dünnhäutige Menschen. Aber sie sind eine Kunst, eine Form des Erzählens, des Aufbewahrens und des Bewahrens. Sie sind auf der Haut und gehen unter die Haut.

Tattoo

Ich werde immer dünnhäutiger. Mich lähmt die gegenwärtige Apokalypse in vieler Herren Länder. Wenn ich nur ein Erzengel wäre und die Drachen besiegen könnte. Machbar sind allerdings für mich nur kleinste Schritte, ich leiste Hilfe im Rahmen meiner Möglichkeiten, ich erhalte den Alltag aufrecht. Ich versuche die Realität, die immer mehr bröckelt, zusammen zu halten, indem ich sie registriere, bewundere und beschreibe. Ist die Beschreibung nicht ein guter Klebstoff?

Ziemlich dünnhäutig bin ich, und das in jeder Hinsicht. Aus diesem Grund habe ich tätowierte Menschen immer mit einer Mischung aus Neugierde und Pietät angeschaut. Sie haben sich schließlich einer Tortur unterzogen, die ich nie hätte bestehen können. Außerdem scheren sie sich nicht darum, was andere dazu sagen, oder stellen sogar ihre Hautkunst aus.

Aus der Tätowierungskultur ist regelrecht eine Weltanschauung entstanden. Da, wo ich groß geworden bin, waren Tätowierungen etwas Verruchtes, oder auch Verbotenes – etwas für Häftlinge und teilweise Militärs. In dem Rest der Welt sah es anders aus.  So wurde ich auch irgendwann neugierig.

Thilo lässt sich seit fast 30 Jahren wieder und wieder tätowieren. Die Hieroglyphe, die er mit 18 als Zeichen seiner Unabhängigkeit stechen ließ, hat er später covern (überstechen) lassen. Nach einer längeren Pause ging er immerfort zu seinem „Stammtätowierer“, der ihm in der Zwischenzeit ein geschätzter und treuer Freund wurde, sein Studio zum Heimathafen. Die Motive wurden immer anspruchsvoller, bedeutsamer und großflächiger. Die damit verbundenen Schmerzen schrecken ihn nicht ab – im Gegenteil. Den inneren Schmerz über den begleiteten Tod seiner Mutter konnte er dadurch ein stückweit verarbeiten, Mir fällt das Wort Ver-Äußern ein, im Sinne von an die Hautoberfläche bringen, loslassen, gleichzeitig in sich ein Ehrenmal einkerben und es erst dann heilen lassen.

Tätowierung als eine Art Therapie – und Brandmarkung, eine ostentative Fassade – und ein Schutzwall, Zugehörigkeit zu einer Community – und Expansion in die weite Welt hinaus.  Wenn das Leben zu reglementierten Routinen abdriftet, braucht ein wacher Geist sein Ausbruch. Ist nicht jeder, der das wagt aus eigener Haut zu fahren, ein Künstler? Tatsächlich fand Thilo in die Kunstszene, eröffnete ein eigenes Studio, plante ein Kunststudium, Ausstellungen in einer Galerie, dachte an Leinwände mit Tattooentwürfen, an Mixen von unterschiedlichen Genres. Das Projekt scheiterte an aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, die die blanke Wirtschaft der Kunst bevorzugen, Dumping, ach, ihr wisst schon.

Ich frage Thilo – wann bist du eigentlich fertig? – Wenn ich „voll“ bin, antwortet er.

Ich schwanke zwischen (ungesunder?) Neugier und einem mulmigen Gefühl: mein Einfühlungsvermögen ist überproportioniert, meine Haut ist gefühlt durchlässig, schon beim Zuhören wird mir leicht übel, aber die Neugier siegt. Ich recherchiere und erkunde völlig Neues für mich: Horiyoshi III und Oskar Akermo, Chaim Machlev und Roxx, Peter Aurisch und viele andere, die das Tattoo von reiner Körperkunst zu einer eigenständigen Kunstform transformieren.

Es geht auch bodenständiger. Elena hat „nur“ 14 Tattoos, und möchte weitermachen, bis mehr als die Hälfte ihres Körpers Erinnerungen und Lebensanschauung festhält. Wie andere Menschen ihre Fotos in Alben haben, so möchte sie wichtigen Ereignissen, Erinnerungen einen Platz auf der Haut gewähren, um sie für immer bei sich zu haben. Ist es eine andere Art von Gravur? Eine Beschwörung? Hinterlässt die Welt ihre optimistische Chronik auf Elenas Haut?

Ich vermute, es geht wieder um den Klebstoff. Es geht darum, der Auflösung etwas entgegenzusetzen, sich selbst und die eigenen Welten zu speichern, sich in diesen zu verankern, um weiter machen zu können. Tätowierungen und Texte – zwei Künste, die den Körper brauchen. Das Schreiben ist schmerzärmer und kenn keine Grenzen, wie die Haut. Das Tätowieren ist dafür greifbarer, sichtbarer, statuierter.

Ach Mensch, lass uns uns bewahren. Auf der Haut, im Satz oder auf anderer Art und Weise. Hauptsache, das hält uns noch einen Moment zusammen.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Julia Grinberg über Aposiopese – die Kunst des gekonnten Auslassens.

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