Kaum fällt das Wort „Europa“, malt er sich urbane Dystopien aus, als habe er gerade den Trailer eines neuen Katastrophenfilms gesehen – nur ohne Kontext, Daten oder Relativierung. Was kümmern dieses stabile Genie schon Daten und Fakten?
In einem Interview mit einem BILD-Ableger erklärte der amerikanische Präsident:
Dem US-Präsidenten zufolge seien Teile Europas wegen der Migrationspolitik kaum wiederzuerkennen. „Wenn Sie sich Paris ansehen: Das ist ein völlig anderer Ort. Ich habe Paris geliebt. Es ist heute ein ganz anderer Ort als früher.“ Ähnlich sei es in Schweden.
Über die Bundesrepublik sagte Trump: „Schauen Sie nach Deutschland. Deutschland war faktisch kriminalitätsfrei, und Angela hat zwei große Fehler gemacht: Migration und Energie. Und das waren zwei echte Hämmer.
Paris, sagt Trump, sei „ein völlig anderer Ort“. Ein schockierender Befund – vor allem, wenn man bedenkt, dass Paris seit Jahrhunderten regelmäßig ein anderer Ort ist: mal romantisch, mal chaotisch, mal Verkehrsknotenpunkt, mal Metropole. Aber klar: Eine geänderte Straßencafé-Szene in Montmartre muss gleich der kulturelle Sündenfall sein.
Dann Schweden, dieses Land mit mehr Elchen als Einwohnern? – Nein, das ist ein Klischee. In Wahrheit ist Schweden ein modernes, sicheres Land mit sozialen Sicherungssystemen. Aber für die dramatische Trump-Erzählung eignet es sich perfekt als metaphorischer Beweis für „das Ende der zivilisierten Welt“.
Doch der absolute Höhepunkt bleibt:
„Deutschland war faktisch kriminalitätsfrei.“
Aha, Deutschland war mal kriminalitätsfrei, meint der Horrorclown. Man stelle sich das mal vor. Deutschland – bekannt für saubere Straßen, ordentliche Mülltrennung und leidenschaftliche Diskussionen über Umweltschutz und Wärmepumpen – soll früher ein Paradies ohne Kriminalität gewesen sein? Ein Ort, an dem niemand jemals eine Sache beschädigte, ein Diebstahl passierte, ein Mensch ermordet oder geschlagen wurde oder … nun ja, ich weiß nicht was der FIFA-Pisspreisträger sich da zusammenfantasiert. So ein Deutschland hat nie existiert und wird auch nie existieren. Und die eigenen Zahlen zeigen: Kriminalität gab es immer, völlig „kriminalitätsfrei“ war es nie – und aktuell gehen die Straftaten eher leicht zurück als explosionsartig nach oben. Aber wie sagte schon der große Philosoph Karlsson vom Dach: „Det stör inte enstor, stor hjärna“, also etwa „Das kümmert keinen großem Geist“ – und einen Kleingeist schon gar nicht.
Die Kriminalitäts-Explosion
Wenn man Vergleiche anstellen will, dann sollte man sie auch vollständig machen. Denn während Trump Europa als Hort der kriminellen Verzweiflung ausmalt, lohnt sich der wache Blick über den Atlantik. Denn in den USA liegen die Zahlen der Gewaltkriminalität deutlich über denen in Deutschland.
Trotz vieler Probleme in Europa rangieren die USA in Sachen Tötungsdelikte, bewaffnete Überfälle und Gewaltdelikte auf einem Niveau, das – je nach Analyse – mehrfach höher als in Deutschland ausfällt. Nach jüngeren Angaben lag im Jahr 2023 in den Vereinigten Staaten die Rate bei 5,76 Opfern pro 100.000 Einwohnern, in Deutschland bei 0,91.
Kurz, in den USA sind schwere Gewaltverbrechen statistisch so viel häufiger, dass man sie nicht einfach auslassen kann, ohne ein bemerkenswert einseitiges, weil total falsches Bild zu zeichnen.
Der kulturelle Blackout
Aber solche Nuancen passen natürlich nicht in eine Erzählung, in der Europa kurz vor dem kulturellen Blackout steht – während man das eigene Wohnzimmer nicht unter Kontrolle hat und in einem Anfall von Wahnsinn, die Nationalgarde auf die eigenen Bürger hetzt.
Man darf getrost annehmen, Trump habe eine starke Aversion gegen nüchterne Statistiken – oder vielleicht einfach nur eine besonders kreative Beziehung zur Realität.
Europa? Ein Kontinent mit Herausforderungen – ja. Ein Kontinent am Abgrund?
Nur in Trumps metaphorischem Atlas der Apokalypse und des galoppierenden Wahnsinns.
Währenddessen trinken die Pariser weiter ihren Café crème, die Schweden schieben entspannt ihr Fahrrad über den Radweg, und die Deutschen erklären zum x-ten Mal, dass „kriminalitätsfrei“ niemals ernst gemeint war. Erstaunlicherweise wird dieser Bullshit aber auch hier tausendfach geteilt und für gut befunden. Offenkundig ist pathologischer Trumpismus eine ernsthafte, ansteckende Krankheit, die das Hirn vernebelt.
Falls Europa wirklich gefährdet ist, dann eher durch dramatische Übertreibungen im Inneren wie von Außen als durch die tatsächlichen Verhältnisse. Wenn Trump allerdings weiter den Kampfelefanten im Porzellanladen gibt, kann sich das ändern.
Europa muss dringend enger zusammenstehen, um dem Duo Trump/Putin etwas entgegenzusetzen. Dann klappt’s auch mit dem Nachbarn.
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Mighty Quinn
… ach Hr. Schmitz, Sie scheinen zu wissen; es lohnt sich kein Kommentar mehr auf Seiten der Extrem-Kolumnisten. Darum wohl die nun wieder geöffnete Kommentarfunktion. Suhlen Sie sich in Ihrer sozialistischen Blase wie immer Sie es können. Mir fallen zum Schmock hier eh‘ keine Superlative mehr ein.