Trotz Krieg und Terror: Karneval feiern!

In einer Welt, die von Krieg, Terror und Krisen geprägt ist, stellt sich für viele Menschen die Frage, ob es moralisch vertretbar ist, ausgelassen Karneval zu feiern. Unser Kolumnist meint: ja, unbedingt. Eine Kolumne von Heinrich Schmitz.


Bild von Nicky ❤️🌿🐞🌿❤️ auf Pixabay

Angesichts von Leid und Zerstörung erscheint es beinahe unangemessen, fröhlich durch die Straßen zu ziehen, zu singen und zu tanzen. Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass gerade dieses Feiern ein wichtiger Bestandteil des Lebens ist und sogar einen tieferen Sinn in Zeiten der Unsicherheit hat.

Tradition, Gemeinschaft und Lebensfreude

Seit ich denken kann – manche behaupten, das könne ich bis heute nicht –, hatte ich mit Karneval zu tun. Im Kindergarten gab es eine Kostümpartie mit Tanzen und Singen. Vor allem den Tanzzwang fand ich etwas merkwürdig, zumal ich als 5-Jähriger keinen gesteigerten Wert darauf legte, von einem rotwangigen Rotkäppchen angebaggert zu werden. Aber das lag wahrscheinlich an meiner schmucken Prinzengardeuniform, die damals tatsächlich maßgeschneidert wurde. Ich will gar nicht wissen, was meine Eltern dafür hingeblättert haben. Immerhin brachte die mich dann im Rosenmontagszug auf den Prinzenwagen, wo ich mit beiden Händen Kamelle unters Volk schmeißen durfte. Das ist jetzt 62 Jahre her, aber ein bleibender Eindruck.

Karneval ist weit mehr als nur ein oberflächliches Vergnügen. Seit Jahrhunderten hat das Fest eine gesellschaftliche Funktion: Es dient als Ventil, um Sorgen und Belastungen des Alltags, wenn auch nur für eine kurze Zeit, aber immerhin, zu vergessen. Gerade in schweren Zeiten brauchen Menschen Momente der Leichtigkeit und des Zusammenhalts. Karneval bringt Menschen unterschiedlicher Herkunft und sozialer Schichten zusammen, er fördert das Gemeinschaftsgefühl und schafft eine Atmosphäre der Verbundenheit. Darüber hinaus trägt er zur kulturellen Identität einer Region bei und bewahrt Traditionen, die oft über Generationen weitergegeben wurden.

Karneval als Spiegel der Gesellschaft

Ein faszinierender Aspekt des Karnevals ist seine Funktion als Spiegel der Gesellschaft. Karnevalsumzüge, Satirewagen und Büttenreden nehmen aktuelle gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Themen auf und kommentieren diese oft auf humorvolle, aber kritische Weise. Damit bietet Karneval nicht nur Unterhaltung, sondern auch Reflexion und Diskussion. In Krisenzeiten kann er helfen, ernste Themen in einer zugänglichen Weise zu verarbeiten und somit zur gesellschaftlichen Bewältigung beizutragen.

Solidarität und Verantwortung trotz Feierlaune

Feiern bedeutet nicht, das Leid anderer Menschen zu ignorieren. Vielmehr kann Karneval ein Ausdruck von Widerstand gegen Angst und Verzweiflung sein. Wenn Sie am Donnerstag die vielen bunt verkleideten Jecken auf dem Alter Markt in Köln gesehen haben, wissen Sie, was ich meine. Es gab vor der Eröffnung des Straßenkarnevals am Weibertag eine Anschlagsdrohung der humorbefreiten Dreckschweine des IS.

Indem Menschen trotzdem gemeinsam lachen, tanzen und singen, setzen sie ein Zeichen der Hoffnung und des Lebenswillens. Wir lassen uns das Feiern nicht verbieten.

Zudem gibt es zahlreiche karitative Initiativen im Karneval: Spendenaktionen, Benefizveranstaltungen und soziale Projekte zeigen, dass Freude und Verantwortung Hand in Hand gehen können. Viele Karnevalsvereine engagieren sich in sozialen Projekten, sammeln Spenden für wohltätige Zwecke oder setzen sich für benachteiligte Menschen ein. Die Einnahmen aus Veranstaltungen kommen oft Hilfsprojekten zugute, sodass das Fest einen direkten positiven Einfluss auf bedürftige Gemeinschaften haben kann.

Historische Perspektiven auf das Feiern in Krisenzeiten

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Menschen in schwierigen Zeiten immer wieder Zuflucht im Feiern gesucht haben. Während des Zweiten Weltkriegs etwa wurden vielerorts – wenn auch in bescheidenerem Rahmen – Feste organisiert, um den Menschen ein Stück Normalität und Trost zu bieten.

Auch nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 wurde in den USA viel darüber diskutiert, ob öffentliche Feiern angemessen seien. Die allgemeine Erkenntnis war jedoch, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt durch solche Veranstaltungen gestärkt wird und sie zur psychologischen Erholung beitragen können.

Die psychologische Wirkung von Festen auf den Menschen

Psychologische Studien belegen, dass Feiern positive Auswirkungen auf das menschliche Wohlbefinden haben. Lachen und Musik setzen Endorphine frei, reduzieren Stress und fördern die soziale Bindung.

In dem Karnevalslied der Höhner, „Kumm loss mer fiere“ heißt es:

Kumm, loss mer fiere, nit lamentiere
Jet Spass un Freud, dat hät noch keinem Minsch jeschad
Denn die Trone, die do laachs, musste nit kriesche
Loss mer fiere op kölsche Aat

Ja, die Tränen, die wir lachen, müssen wir nicht mehr weinen.

Als mein Opa Hein starb, stand kurz danach der Rosenmontagszug in meiner Heimatstadt an. Ich hatte Zweifel, ob es richtig wäre, am Zug teilzunehmen. Aber meine Mutter sagte, Jung, geh da mit, der Opa hätte das gewollt. Und so ging ich mit gemischten Gefühlen im Zug mit. Und mit jedem Meter wurde es leichter und am Ende fühlte es sich richtig an. Und ich hörte im Geiste meinen Opa rufen: Öskerche Alaaf.

Gerade in Krisenzeiten kann das gemeinsame Feiern eine Form der Traumabewältigung sein und Menschen helfen, mit Angst und Unsicherheit umzugehen. Karneval bietet eine Möglichkeit, für einen Moment aus der Realität zu entfliehen und neue Energie zu schöpfen, um den Herausforderungen des Alltags besser begegnen zu können.

Kulturelle Bedeutung und internationale Parallelen

Nicht nur im deutschsprachigen Raum hat Karneval eine große Bedeutung. Ähnliche Feste finden sich weltweit – von Rio de Janeiro bis Venedig, von New Orleans bis Trinidad. In vielen Kulturen hat der Karneval seinen Ursprung in religiösen oder jahreszeitlichen Ritualen und ist tief in der Tradition der jeweiligen Gesellschaft verwurzelt. Diese weltweite Verankerung zeigt, dass das Bedürfnis nach Festen universell ist und unabhängig von aktuellen Krisen oder Konflikten existiert.

Feiern ist nicht respektlos

Das bewusste Feiern von Karneval trotz Krieg und Terror ist keine Ignoranz gegenüber dem Leid anderer, sondern eine Form der Selbstbehauptung und des Zusammenhalts. Es ist wichtig, das Leben nicht von Angst oder denjenigen bestimmen zu lassen, die uns Angst einjagen wollen, sondern bewusst die Momente des Glücks zu zelebrieren. Karneval ist eine Erinnerung daran, dass das Leben weitergeht – und das darf es auch.

Ein reflektiertes Feiern bedeutet nicht, weltpolitische Geschehnisse auszublenden, sondern sich der eigenen Verantwortung bewusst zu sein. Es ist möglich, Freude zu empfinden, ohne Mitgefühl für die Leidtragenden dieser Welt zu verlieren. Gerade in schwierigen Zeiten kann Karneval dazu beitragen, Hoffnung zu spenden, soziale Projekte zu unterstützen und den Menschen Kraft für die Zukunft zu geben. Ein Fest, das Menschen zusammenbringt, Kultur bewahrt und Trost spendet, ist nicht nur vertretbar – es ist notwendig.

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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