Zigeunerkopf mit Mohrensoße

Eine Kolumne über die Last Night of the Proms vom Teilzeitpatrioten Clemens Haas.


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Jaja, das müßte irgendwie anders heißen; es ist mir aber völlig egal, wie der rote Lebensmittelersatzstoff genannt wird, den sich besorgte Griller über das 99-Cent-Schnitzel kippen, oder wie das Zuckerzeug, das sich deren Kinder zwischen das von allem nahrhaften befreite Weißmehlbackerzeugnis quetschen. Es ist mir sogar noch egaler, daß diese besorgten Griller dann auch noch durch den Gestank verkohlter Billigleichenteile hindurch den Untergang der abendländischen Kultur zu wittern glauben, der durch eine Namensänderung unweigerlich eintreten müsse. Denn eine neue Studie (von mir beauftragt und durchgeführt) hat ergeben, daß die Sorge um abendländische Kultur proportional zum Mangel an derselben beim sich Sorgenden steigt.

Last Night of the Proms

Gar nicht egal aber ist mir die Last Night of the Proms. Die ist, falls Sie die nicht kennen, das Gala-Abschlußkonzert einer Konzertreihe klassischer Musik (der „promenade series“ oder eben kurz „proms“), die jedes Jahr von Juli bis September mit täglichen Konzerten in London stattfindet. Ich will gleich vorausschicken: Ich bin da hochgradig befangen, denn ich liebe dieses Abschlußkonzert heißer und fettiger als es ein besorgter Grill je sein könnte. Das ist für mich so was wie das WM-Finale für einen Fußballfan, das Stanleycup-Finale für einen Eishockeyfan und das Oktoberfest für einen Bierfan, sowie Weihnachten und Ostern, nur alles auf einmal.

Was diese „Last Night“ so besonders macht, ist die einzigartige Mischung aus klassischem Konzert und Volksfest, aus Ernsthaftigkeit, Albernheit, Hochkultur, Karneval, und ja, auch Patriotismus. So etwas findet man nirgends sonst. Seit einiger Zeit gibt es auch in Besorgtschland etwas entfernt über drei Ecken verschwippschwägertes mit dem Konzert der Berliner Philharmoniker in der Waldbühne, an dessen Ende dann lokalpatriotisch „Berliner Luft“ gespielt wird und der humorentfesselte Deutsche mitpfeifen darf. Das werde ich Ihnen aber nicht zeigen, denn bei allem Wohlwollen verhält sich das zur Last Night wie die Bambi- zur Oscar-Verleihung, „Olee olee olee“ zu „You´ll never walk alone“ und Mario Barth zu den Monty Pythons.

Das patriotische Ende

Das patriotische Ende aber teilen sich Last Night und Waldbühnenkonzert, und dieses patriotische Ende – die letzten Programmpunkte dort sind praktisch in jedem Jahr identisch – ist nun in Gefahr.

Wir gucken aber zuerst mal den Anfang einer Last Night. Das ist ein langer Link, gucken Sie wenigstens die ersten achteinhalb Minuten, oder wenn Sie´s ganz furchtbar eilig haben, gehen Sie bei 7:30 rein.

 

Das ist der Geist

Da wird dem Begründer der Proms, Sir Henry Wood, also genauer gesagt natürlich seiner Büste, traditionell der Lorbeerkranz umgehängt. Wissen Sie, was ich meine? Die meinen das mit der Ehre schon vollkommen ernst, und das wird auch mit allem Pomp zelebriert, aber eben auch selbstironisch und mit entwaffnender unverkrampfter Albernheit. Das ist der Geist.

Jetzt aber zum traditionellen Ende der Last Night. Beginnen wir mit der „Fantasia on British Sea-Songs“, ein Arrangement von Henry Wood.

Das ist natürlich schon grenzwertig. British Sea-Songs! Jedes Schulkind weiß doch, daß das Vereinigte Königreich mit seiner Flotte ganze Kontinente unterworfen hat. Das ist Verherrlichung von Kolonialismus, da hilft es auch nicht, wenn albern gewippt wird wie vom Ministry of Silly Walks befohlen.

Nur gut, daß da nicht auch noch gesungen wird, darum ist dieses Stück auch noch nicht in Gefahr, verbannt zu werden, womöglich noch mit nationalistischen Texten wie diesem hier:

Rule, Britannia! Britannia, rule the waves! Britons never, never, never shall be slaves.“

 

Da kommt der peruanische Tenor Juan Diego Florez im Inka-Kostüm auf die Bühne, der Dirigent unterwirft sich ihm und das Publikum feiert. Ok, am Untergang der Inka waren jetzt eher die Spanier beteiligt, da kann der Brite gut lachen, gell? Das ist ja darum eher legitime Spanienkritik und kein offener Umgang mit dem eigenen Kolonialismus. Darum wird der Text jetzt erstmal sicherheitshalber weggelassen. Ich finde es zwar grandios und wunderschön, aber mich fragt ja niemand.

Noch übler ist natürlich folgender Text:

Land of Hope and Glory,
Mother of the Free,
How shall we extol thee,
Who are born of thee?
Wider still and wider
Shall thy bounds be set;
God, who made thee mighty,
Make thee mightier yet.

Weiter noch und weiter sollen deine Grenzen ausgedehnt werden; Gott, der dich mächtig gemacht hat, möge dich noch mächtiger machen? Das geht ja gar nicht! Eine Kriegserklärung an die restliche Welt! Wurde denn noch nicht genug Blut vergossen?

Ehrlich, wenn das eine offizielle Nationalhymne wäre, wäre es die schönste Nationalhymne des bekannten Universums, noch schöner als die israelische, und es wickelt mich wirklich JEDES Mal, wenn ich das höre. Wäre ich Schauspieler und bräuchte schnell Tränen für eine Szene, benötigte ich weder Zwiebel noch Ohrfeige: Ein Klick auf den Link und schwupps. Was für ein unfassbar unbegreiflich sensationell wunderschönstes Stück Musik. Was für eine Emotion. Was für ein Pathos. Welche Inbrunst. Und wie wunderbar die Gesangsstellen unterbrochen sind mit den Marschsequenzen und dem albernen Silly-Walks-Gewippe. Also vor nichts habe ich weniger Angst, als daß diese Wipper tatsächlich auf die Idee kommen könnten, ihre Grenzen auszudehnen und mein Schland einzunehmen, oder erneut Kontinente zu unterwerfen und Völker anderer Hautfarben zu versklaven. Gar keine. Null. Aber sicherheitshalber: Erstmal Text weg.

Komisch, daß es bei all dem Chauvi-Brutalo-Nationalismus überhaupt keinen der aggressiven Imperialisten zu stören scheint, wie da ständig Flaggen anderer Länder mitgeschwenkt werden. Vielleicht geht’s ja doch um was anderes? In einem sehr interessanten Artikel über die Geschichte der Last Night fand ich folgendes Zitat eines Besuchers:

It’s all about having fun, waving the flag, being proud of being British, without feeling a complete prat.

Ich kenn das ein bißchen von mir. Die letzten Minuten des WM-Finales 2014 (ich bin auch Fußballfan) verbrachte ich auf Knien mit einem Engelbräu Brotzeitbier (ich bin auch Bierfan) im Gebet um baldigen Abpfiff. Ich bin dann nämlich auch mal kurzzeitig Patriot. Das macht Spaß, ohne daß ich mir dabei wie ein Vollhonk vorkomme. Und es hat NICHTS damit zu tun, daß ich mit einer Schlandfahne in der Hand die Welt erobern möchte. Und ich möchte nicht, daß mir dieses harmlose Stück Patriotismus weggenommen wird, nur weil es tatsächliche Vollhonks gibt, die ihre fettige rechte Hand nicht in ihrer nach Billigfleisch stinkenden Hose lassen können.

Zum Abschluß „Jerusalem“

I will not cease from mental fight,
Nor shall my sword sleep in my hand
Till we have built Jerusalem
In England’s green and pleasant land.
und direkt danach „God save the Queen“.

Großartig. Zum Niederknien.

Ich will da hin. Unbedingt. Und wenn es nur der Hyde Park ist. Ich will da mitsingen, jeden Text, und mitfeiern und Fähnchen schwenken, die britische, die englische, die deutsche, die europäische, die Regenbogenfahne.

Und Händchenhalten.

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Clemens Haas

Clemens Haas, geb. 1968, hat Mathematik und Philosophie durchaus studiert mit eifrigem Bemühn, dann aber doch zurück gefunden zur ersten Liebe, Klavier und Tonmeisterei und dieses Studium dann auch abgeschlossen. Er arbeitet als freier Toningenieur und Komponist für ÖR und private Rundfunk- und Fernsehanstalten und für die Werbeindustrie.

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