Liebes deutsches konservatives Bürgertum, 

Charly M. Mayer mit einem Wutbrief über den albernen Streit um die Burg, ob die AFD nun bürgerlich sei oder nicht.


Liebes deutsches konservatives Bürgertum,

Plötzlich wird wieder über Euch gesprochen. Genauer: Ihr sprecht selbst über Euch.
Ihr streitet darüber wer bürgerlich sei und wer nicht, wer konservativ sei und wer nicht.

Anlass Eures Streits: Die Rechtsextremen in der AFD.
Mit Dackelkrawatte und im Tweed-Sakko träumen sie von „Machtergreifung“ und „Überholung des politischen Systems“. Sie träumen von der Abschaffung der freiheitlich demokratischen Grundordnung.
Mit zuckendem Gesicht fantasieren sie in „Hingabe“ von einer Führung des Volkes mit „fester Hand“ und „wohltemperierter Grausamkeit“.
Sie nehmen dabei für sich in Anspruch „bürgerlich“ zu sein und „konservativ“.

Über dieses Stöckchen springen einige der Anständigen von Euch und rufen den Rechtsextremen empört zu:
Ihr seid nicht bürgerlich! Und auch nicht konserativ!

Ihr streitet Euch als wüsstet Ihr nichts von Geschichte und scheint dabei nicht einmal zu wissen wer Ihr seid.

Eigentlich gibt es Euch gar nicht mehr. Ihr seid keine homogene Gruppe. Ein umfassendes Weltbild fehlt Euch.

Der größte Teil von Euch sind Kleinbürger, Angestellte, z.B. Buchhalter, wie der Vater von Adolf Eichmann.
Dann gibt es die erlesene Auswahl der Bildungsbürger, z.B. Oberstudiendirektoren an humanistischen Gymnasien, wie der Vater von Heinrich Himmler.
Nur ganz wenige von Euch gehören zum Großbürgertum aus Finanz und Industrie, wie Günther Quandt, der skrupellose Unternehmer, der keine Scheu hatte sich mit den Nationalsozialisten an „Arisierungen“ und durch Zwangsarbeiter zu bereichern.

„Der Bürger ist verloren“ schrieb Thomas Mann 1932 in seinem Essay „Goethe als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters“.
Verloren, weg, aus die Maus.
Verschwunden in einem egoistischen Pragmatismus, der jeden Wert zum Eigennutz ummünzt und der bestimmend ist für Euer Verhältnis zur Wahrheit. Dabei hilft Euch eine „Weite des Gewissens“ im Wettstreit mit „der Güte des Herzens“.

Liebes deutsches Bürgertum,
Ihr habt Euch aufgelöst in einem individualisierten?Mittelstand.?
Euer Glaubenssystem ist der harte Wettbewerb: Jeder gegen jeden and the winner takes it all.
In der Ökonomisierung von Schule und Universität sind mit Euch auch die Werte des großen deutschen Gelehrten Wilhelm von Humboldt verdampft. Pasta alla Bolognese, buon appetito.
Aufklärung, Mündigkeit, Menschwürde, Freiheit, Gleichheit, Weltbürgertum all dies scheint futsch und futischikato.

Einige von Euch wissen viel, kennen Goethe, Heine, Nietzsche und Benn, können über Otto von Bismarck referieren und launige Geschichten von Erdmann erzählen, dem Dackel von Kaiser Wilhelm II.

Aber der weise Nieztsche wusste genau, streberhaft angeeignetes Wissen allein bringt nicht notwendigerweise Gutes.

An den Sonnenstrahlen des Wissens klettern nur wenige aufwärts zum Himmel, viele aber abwärts zu Chaos und Barbarei.

Euer Streit geht um Identität. Um die deutsche, die konservative, die bürgerliche Identität.
Tatsächlich aber handelt es sich um eine Fortsetzung ihres Bankrotts.
Dachau, Auschwitz, Majdanek. Erst vor Kurzem wurden Abermillionen Menschen barbarisch entwürdigt, gefoltert, ausgebeutet und ermordet.
Von Verbrechern in bürgerlichem Gewandt, die ohne mit der Wimper zu zucken auch Millionen ihrer deutschen „Herrenrasse“ opferten für Ihre Fantasien der Macht.
Diese Monstrosität war kein „Vogelschiss“ und schon gar nicht aus dieser geringen zeitlichen Distanz.

Wer diese Wunde, diese Krise der Identität kleinreden möchte, der öffnet die Tür für die alten Verbrecher, aber sie kommen in neuer Gestalt.

Über Adjektive streiten ist albern.
Ihr streitet Euch über „bürgerlich“ und „konservativ“.
‘Humpty Dumpty’ wusste es besser: Mit Adjektiven kann man alles machen, mit Verben nicht.
Es gibt viele unschöne Verben: „verschweigen“ „lügen“ „hintergehen“ „anschwärzen“ „verfolgen“ „ergreifen“ „wegnehmen“ „hetzen“ „denunzieren“ „entsorgen“.
Diese Verben stinken mit ihren Subjekten aus der braunen Geschichte, sie verderben uns den schönen Tag.

Lieber Mittelstand,
Ein Teil von Euch hat Angst vor Deklassierung. Ein Teil von Euch empfindet Wut darüber, dass – trotz all der Normen denen Ihr Euch fügt, trotz all der Regeln die Ihr befolgt – Eure berechtigten Ansprüche keine Erfüllung finden. Die Wut ist verständlich, aber sie macht Euch blind.

Glaubt nicht denen, die Euch ein falsches „Wir“ anbieten, und damit nur selbst an die Macht wollen, als einziges Ziel.
Dieses „Wir“ heuchelt Euch eine Solidarität als Schein. Hinter dem Trugbild wartet die „feste Hand“ auf Euch, mit „Härte“, und einer Grausamkeit, die Ihr leidvoll spüren werdet, jedenfalls viele von Euch. Das war schon einmal so.

Lasst Euch nicht zum Dackel auf der Krawatte einer Elite machen, die „Wir“ sagt, und dabei nur ihren Machtzuwachs meint.
Lasst Euch nicht zu ihrem Mob machen. Lasst Euch nicht wie Hunde zur Hetzjagd losschicken, um der feinen Jagdgesellschaft
zu dienen. Erinnert Euch, am Ende war Eure hündische Loyalität nichts wert. Mit Schutt, Leid und Asche wurde sie Euch quittiert.

Streitet nicht über alberne Adjektive, streitet nicht albern darüber wer „bürgerlich“ sei und wer nicht.
Das nutzt nur den „feinen“ Herren im Tweed, die den Jargon von Gangstern pflegen.

Lernt besser das Mensch-Sein.
Lernt was die Würde des Menschen ausmacht, denn es ist Eure eigene.

Strebt besser zum Licht der römischen Göttin Minerva, Beschützerin des Wissens, der Handwerker, des Gewerbes, der Dichter und Lehrer.

Liebt Eure Dackel, aber werdet nicht selbst zu einem.

Eure Charly Maria Mayer

C.M. Mayer

C.M. Mayer

C. M. Mayer ist in Südafrika, in Kapstadt, geboren und hat an der Stellenbosch University Arts & Social Sciences studiert. Nach einer beträchtlichen Erbschaft und einer wilden Zeit in New York (im Umfeld der feministischen Punkautorin Kathy Acker) landete Charly M. Mayer, am Ende einer 2 jährigen Weltumrundung mit der familieneigenen Segelyacht, schließlich in Hamburg, der deutschen Heimat ihrer Eltern. Dort studierte sie in Clubs und Kneipen die unterschiedlichsten Frauen, Männer, und andere Wesen der Nacht. Als Ghostwriterin hat sie für etliche Prominente, Politiker und Journalisten gearbeitet und dabei unzählige Zigaretten geraucht. Weil das ungesund war, bevorzugt sie heute lieber dicke kubanische Zigarren. Sie liebt Wein, Whiskey und ihren alten, dunkelblauen Maserati Granturismo. Mit der Zeit ist sie der Menschen überdrüssig geworden. Daher hat sich C. M. Mayer mit ihrer Lebensgefährtin und dem gemeinsamen Afghanischen Windhund 'Hush' in einen kleinen Ort, im mittelhessischen Lahn-Dill-Kreis zurückgezogen. Dort fand sie die notwendige Muße, um sich autodidaktisch der Philosophie, der Fotografie und dem Studium der Natur zu widmen. Als Autorin bevorzugt sie es, ihr eigener Geist zu bleiben.

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