Burkiniverbot – was kommt danach?

Koblenz erlässt ein Burkiniverbot. Mit fadenscheiniger Begründung findet Kolumnist Henning Hirsch


Das schöne Koblenz liegt malerisch an der Einmündung der Mosel in den Rhein – woher sich auch der Name herleitet: Confluentes = die Zusammenfließenden. In einer langgestreckten Flussbiegung als urbaner Mittelpunkt zwischen den Hügeln von Eifel, Hunsrück, Westerwald und Taunus gegründet, blickt es als eine der ältesten Städte Deutschlands auf eine zweitausendjährige, wechselvolle Historie zurück. 114.000 Menschen leben hier, der Ort beherbergt eine Universität, Bundesarchiv, Beschaffungsamt der Bundeswehr, Bundesamt für Gewässerkunde, Land- und Amtsgericht, Bezirksregierung, das von Kanzler Helmut Schmidt gerne frequentierte Bundeswehrkrankenhaus; jedes Jahr pilgern eine Million Touristen durch die Gassen der Altstadt. Gesprochen wird ein moselfränkisches Idiom, der Narrenruf im Karneval lautet „Kowelenz Olau!“, und ein süffiges Bier wird am Königsbach ebenfalls gebraut. Als kulinarische Spezialitäten gelten Debbekooche (ein Kartoffelauflauf mit Mettwürstchen und Zwiebeln) und Sauerbraten (den richtigen kauft man beim Pferdemetzger), und in den Grillbuden kann man sich Nierengulasch über die Pommes kippen lassen, was zugegebenermaßen nicht den Geschmacksnerv jedes Zeitgenossen trifft. Unmittelbar südlich betreten wir das von der UNESCO als Weltkulturerbe eingestufte Obere Mittelrheintal, links und rechts gesäumt von original mittelalterlichen und neogotischen (Fake-) Ritterburgen. Deutsche Rhein-, Wein- und Wohlfühlidylle.

In die Schlagzeilen der überregionalen Presse gelangt die Stadt nur selten. Ein größeres Medienecho wurde ihr zuletzt als Ausrichterin der Bundesgartenschau – seitdem verbindet eine Seilbahn das linke Rheinufer mit dem gegenüberliegenden Ehrenbreitstein – und nach dem Fund einer zentnerschweren Fliegerbombe, bei deren Entschärfung man die gesamte City evakuierte – beide Geschehnisse im Jahr 2011 – zuteil. Sonst geht es in Koblenz eher beschaulich zu.

Meine Großeltern väterlicherseits hatte es nach dem letzten Krieg hierhin verschlagen, und mein Großvater, der als Freund humanistischer Bildung viel vom Motto „mens sana in corpore sano“ hielt, brachte mir Ende der 60er Jahre im Freibad Oberwerth das Schwimmen bei, was ihn damals Geduld, Überredungskraft und ein halbes Dutzend Langneseeis kostete, bis ich Stunden später all meinen Mut zusammennahm und vom Einmeterbrett ins Erwachsenenbecken eintauchte. Womit wir nun endlich beim eigentlichen Thema der Kolumne ankommen.

Neue Bäderordnung sieht Burkiniverbot vor

Auf der Agenda des Koblenzer Stadtrats stand auf seiner jüngsten Sitzung am 14. Dezember u.a. der TOP „Bäderordnung“; hier speziell der gemeinsame Antrag von Freien Wählern und CDU, ab sofort einen Bann gegen das Kleidungsstück Burkini zu erlassen. Begründung: Man kann nicht erkennen, ob die Trägerin offene Wunden habe oder an einem ansteckenden Hautausschlag leide. Nach längerer Aussprache mit den Stimmen von Union, FW und AfD so beschlossen und verkündet.

Als Bonner reibt man sich verwundert die Augen und fragt: Was geht da in der friedlichen Adventszeit fünfzig Kilometer stromaufwärts ab? Weshalb dieser völlig unnötige, vorweihnachtliche Affront gegen die muslimische Weiblichkeit?

Dass das Argument mit den verdeckten Wunden ein vorgeschobenes ist – darüber brauchen wir nicht lange zu reden. Zumindest ich habe auf solch einen Unsinn keine Lust. Wenn man dieser kruden Logik folgt, dürfen wir demnächst alle nur noch nackt und mit blank rasiertem Schädel ins Wasser gehen. Bluten kann man ebenfalls unter der Badehose, einen Ausschlag verstecken im Badeanzug.

Die Mär von der mitteleuropäischen Hygiene

Sollte hinter dem Antrag gar das Ressentiment mangelhafter Hygiene in anderen Kulturkreisen stehen, wandelt sich die Angelegenheit ins Absurde. Muslime bauten öffentliche Bäder und praktizierten häufige Körperreinigung bereits im Mittelalter, als unsere Vorfahren ihre Notdurft von Donnerbalken in Erdlöcher verrichteten und sich die Hintern im Anschluss mit bloßen Fingern und Grasbüscheln abputzten. Tägliches Duschen und Wechseln der Unterwäsche waren in Deutschland bis in die 70er Jahre hinein keineswegs flächendeckender Standard. Ob’s in heimischen Badehosen und Bikinis frischer riecht als in Burkinis, wage ich deshalb zu bezweifeln. Aber darum geht es den Verbotsbefürwortern überhaupt nicht. Andernfalls hätten sie zeitgleich auch einen Bann gegen UV-Kleidung, extralange Badehosen, Neoprenanzüge und ähnliche Teil- bis hin zu Ganzkörperverhüllungen ausgesprochen. Haben sie aber nicht.

Ernstzunehmender wäre die Begründung, dass konservative Muslima mit diesem Kleidungsstück Druck auf ihre Bikini tragenden Glaubensschwestern ausüben könnten, es ihnen gleichzutun. Komischerweise kein Wort dazu in Koblenz. So lange dieser unentrinnbare Gruppenzwang jedoch nicht erwiesen ist, gilt für den Burkini dasselbe wie für Tätowierungen und Brustwarzen-Piercings: ich muss das alles nicht schön finden, es allerdings dulden. Nicht jede/r möchte sein Fleisch in der Öffentlichkeit zur Schau stellen; aber im Sommer trotzdem ein Schwimmbad besuchen. Diesen Wunsch gilt es zu respektieren. Mir persönlich ist ein Burkini eh lieber als weiße Bierbäuche, die über Badehosen quellen und Arschgeweihe, die aus Bikini-Unterteilen hervorlugen. Aber das ist natürlich individuelle Geschmackssache.

Man muss oft Sachen dulden, die einem nicht gefallen

Bleibt zu hoffen, dass die Mitglieder des Koblenzer Stadtrats über die Weihnachtstage in sich gehen und ihren Irrtum erkennen. Denn ein Burkini-Bann grenzt all diejenigen Frauen von der Teilhabe in öffentlichen Bädern aus, die – aus was für Beweggründen auch immer – keine westliche Schwimmkleidung tragen möchten. Was unsere Urgroßmütter bis zum Ende von WK1 übrigens auch nicht getan haben. Sollte das Verbot hingegen im neuen Jahr in Kraft treten, wäre es als derber Rückschlag für unsere Integrationsbemühungen zu werten.

Oder, wie eine Facebookfreundin es ausdrückt:

und zb hier in FFM ist es so klasse.
da sind viele Frauen in Burkinis-mit ihren Kindern-jeden Tag des Sommers da gewesen-so wie ich auch.
Kamen so ins Gespräch mit den anderen Menschen um sie herum.

Früher gingen sie einfach nicht baden- nun schon-der Burkini ist Freiheit.
Auch wenn es in die Köpfe der Motzwutis nicht reingeht.

Aber die interessiert ja auch eigentlich nicht die Freiheit oder Unfreiheit der Frau darunter-was sie wollen in Einheitskartoffelbrei.

Was kommt nach Halal-Schlachten, Knabenbeschneidung, Burka, Kopftuch und nun Burkini als nächstes: Abriss der Moscheen und Germanisierung der Vornamen? Die Islamparanoia treibt bei einigen immer tollere Blüten. Respekt gegenüber den Sitten und Gebräuchen anderer Religionen scheint für viele mittlerweile ein Ding der Unmöglichkeit geworden zu sein.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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